Mittwoch, 7. November 2012

Backstage-Erzählungen (8)

Weiter geht es. Ich beginne die Moderation und werde planmäßig von den "verspätet erschienenen" Reinigungskräften gestört. Sulli und Leika erobern die Bühne und rocken den Saal. Es folgt der Einsatz der Schülerinnen, welche die beiden Königinnen des Wischmops von der Bühne jagen.

Wieder eine Ansage, ich merke, daß sich neben mir was bewegt. Ups, ich stehe genau in der Bahn des Vorhangs, welcher geschlossen werden sollte. Gut, ein irritierter Blick zur Seite und dann ein Schritt nach vorne. Vielleicht denkt das Publikum ja, daß das dazugehörte. Nach dem, was meine Damen bis zu diesem Zeitpunkt schon alles mit mir veranstaltet haben, wäre die Hoffnung nicht gänzlich abwegig.

Ich erzähle dem Publikum was von eifersüchtigen Ehemännern, die mich in den Dschungel gejagt hätten. Tagelang irrte ich durch das Gehölz, bis ich in der Ferne Stimmen und eine Melodie vernahm, die ich nie wieder vergessen würde… Nichts passiert. An dieser Stelle hätte ein Einspieler kommen sollen: Balous weltbekanntes Lied „Probiers mal mit Gemütlichkeit“. Als Reaktion hätte ich eine kleine Beschimpfung in die Technik gegeben und dann weitergemacht. Nein, es kommt wirklich nichts. Also weitermachen. Der Ansagetext lässt das zu. Ich bin fertig, begebe mich an den Bühnenrand, da kommt der Einspieler. Stehen bleiben, dummes Gesicht machen, eine improvisierte Drohung in die Technik, da die ursprüngliche Wortwahl nicht mehr passt. Schade, hätte besser laufen können, aber so was passiert.

Mein nächster längerer Einsatz steht an. Bei dieser Ansage erzähle ich, wie ich meine spätere Lieblingsfrau kennengelernt habe. Ich werde gestört, meine Verlobte rennt schimpfend durch den Saal, rast vor Eifersucht, stürmt die Bühne, schnappt sich mein Mikrofon, beschimpft mich singender Weise, ist verzweifelt, resigniert. Lifegesang! Mein Part ist es, unbeeindruckt bis teilnahmslos zu gucken, alles geschehen zu lassen, unbeteiligt zu wirken und nicht weiter zu reagieren. Wenn ich etwas gut kann, dann unbeeindruckt bis teilnahmslos gucken, nicht reagieren, unbeteiligt wirken und alles geschehen lassen. Das kann ich wirklich richtig richtig gut. Nach Dienstbesprechungen gibt es den einen oder anderen Kollegen, der mir das bestätigt. Wie ich in der Generalprobe festgestellt habe, muss ich aufpassen, daß ich zwar meine Arme ruhig vor Bauch oder Brust ansatzweise verschränken darf, jedoch ist es wichtig, daß ich den rechten Arm schnell lösen kann -  denn mit dem habe ich das Mikrofon zackig wieder entgegen zu nehmen. Also besser die Arme über- bzw. nebeneinander legen und nicht verschränken, rechter Arm nach vorne bzw. oben. Auf was man so alles achten muss…

Alles klappt. Weiter mit der Moderation. Im nächsten Block wird Jorge seinen Auftritt haben. Es sind Fans extra für ihn angereist. Doch unmittelbar nach der Ansage haben noch die Schülerinnen einen Auftritt. Die sollen nicht in der Ansage untergehen, die insgesamt sehr auf Jorge zugeschnitten ist. Wenn ich ihn jetzt zu stark hervorhebe, drohen meine letzten Worte (nein, nicht die berühmten letzten Worte, sondern nur diese der aktuellen Moderation) eventuell in dem möglichen Fangekreische unterzugehen. Also zügig nach der Nennung seines Namens weiterreden, ihn nicht mit meinem Tonfall hochpuschen und die Schülerinnen ankündigen. Da, das Gekreische geht los, wird aber schnell wieder ruhig, ich kann meinen Text rüberbringen. Geschafft. Bühne verlassen, Mikrofon abgeben und warten.

Auf der Bühne läuft der erste Teil der Nummer, Jorge schwingt die Hüften, Auftritt vorbei, Jorge kommt, schickt seine Assistentin in die Garderobe. Ein wesentlicher  Bestandteil seiner Kleidung ist während des Auftritts kaputt gegangen, sie muss Ersatz holen. Das dauert, denn die Garderobe befindet sich in einiger Entfernung. Die Show ist gestoppt, der Saal bleibt dunkel. Ich überlege, ob ich auf die Bühne gehe und eine Moderation improvisiere. Doch ich habe keine Idee, was ich bringen könnte. Für die Ali Baba-Geschichte, die ich im ersten Teil ausgelassen habe, ist es jetzt zu spät. Außerdem befinde ich mich auf der rechten Bühnenseite, einer unserer beiden Bühnenmeister hat Funkkontakt mit der Technik, aber da komme ich jetzt nicht hin, so daß auch unser Beleuchter keinen Hinweis auf meinen möglichen Auftritt bekäme. Darüber hinaus möchte ich Jorge nicht das Mikrofon wegnehmen. Und wenn die Technik vermutet, daß Jorge jetzt auf die Bühne kommt und die Musik startet, während ich bloß eine Moderation abliefern möchte, wäre das auch nicht wirklich das Wahre. Also warten wir einfach ab. Erste Gespräche im Publikum. Nein, als planmäßige Unterbrechung zur Steigerung der Dramatik kann man das nicht mehr verkaufen. Das Ersatz-Kleidungsstück wird geliefert, schnelles Umziehen, die Show geht weiter.

Jorges Auftritt ist vorbei, meine letzte Moderation steht an. Ich verändere etwas meine Tonlage, stimme das Publikum auf das Ende der Show ein. Vor dem großen Finale gibt es noch einen wundervollen Auftritt von Alexandra mit ihren Isis-Wings zu verträumter Musik. Das noch von Jorge aufgepeitschte Publikum muss in die passende Stimmung versetzt werden, etwas Melancholie ist jetzt nicht verkehrt. Ich bringe meinen Text wie vorgesehen und hoffe, daß ich die richtige Stimmlage und Körperhaltung getroffen habe. Text sitzt. Abtritt. Fertig. Geschafft.




Das Finale ist vorbei, das Publikum hat leider nicht wie gewünscht mitgemacht, was aber kein Problem darstellt. Der Aufenthalt in der Traumwelt ist vorbei.

Alexandra betritt die Bühne, spricht die Verabschiedung. Diese wurde nicht geprobt, noch nicht mal großartig abgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich nochmal auf die Bühne geholt werde. Zur Sicherheit stehe ich bereit, aber der Ruf kommt nicht. Es war zwar seitens Alexandras so vorgesehen, aber sie hat es glatt in der Aufregung vergessen. Gut, verstehe ich, mir ging es ja während der Show auch so. Sie hat sich später entschuldigt, aber ich war ja noch nicht mal sauer. Und eine böse Absicht kann man Alexandra mit Sicherheit nicht unterstellen. Schade finde ich es schon, aber insgesamt lege ich nicht so einen hohen Wert darauf wie eventuell andere, die dann auch entsprechend pikiert reagieren würden. Ich betrachte mich da eher als ein Teil der vielen Helfer, und die wurden insgesamt erwähnt. Das genügt mir.

Wird fortgesetzt…



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Es ist erlaubt und gewünscht, meine Beiträge zu kommentieren. Die Kommentare werden von mir moderiert. Kein Kommentar wird freigeschaltet, ohne daß ich ihn zuvor gelesen habe. Solltest du also vorhaben, hier herumzupöbeln, zu trollen oder dich sonst wie unangemessen zu äußern, so empfehle ich dir, die Arbeit zu sparen.

Haltet euch bitte an die Grundsätze eines anständigen Miteinanders, damit wir hier eine schöne Zeit zusammen verbringen können.

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.