Sonntag, 19. Mai 2019

Exklusivität ohne Aufpreis

Blondi, die Lokführerin, hatte wieder Dienst.

„Guten Tag meine sehr geehrten Reisenden, ich begrüße Sie an Bord der S-Drölfundsiebzig nach Kurbad Grönau mit Zwischenstopp an den gewohnten Haltepunkten.

Exklusiv für unsere heutigen Fahrgäste bieten wir das Ruheabteil in der Mitte des Zuges. Grund hierfür ist ein ausgefallener Motor.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise.“

Autsch. Trotz pünktlicher Abfahrt hatte sich bis zum Haltepunkt Neustädter Ländchen bereits aufgrund der merklich schwächeren Beschleunigungsleistung bei einer regulär nur elfminütigen Fahrt eine deutliche Verspätung ergeben. Und weiter in Richtung Kurbad Grönau geht es nur noch bergauf. Bei einem 15-Minuten-Takt auf der Strecke dürfte die Sache noch interessant werden.

Die Ruhe in dem Mittelteil des Triebzuges war übrigens tatsächlich bemerkenswert.

Allerdings kam in mir doch eine gewisse Dankbarkeit auf, an dem weiteren Geschehen nicht weiter partizipieren zu müssen.




Samstag, 11. Mai 2019

Schockierend

Über den Vorgang, der sich auf meinem Tisch ausgebreitet hatte, würde ich mit Sven reden müssen. Ein paar kleine Korrekturen, völlig harmlos. Aber da die Sache etwas eiliger war, müsste dies jetzt mal von Hand zu Hand erfolgen. Also schnappte ich mir die Akte und suchte Sven in seinem Büro auf.

An dem ihm gegenüberliegenden Tisch fand ich nicht die dort üblicherweise sitzende Person vor, sondern seinen Junior, den er an diesem Tag mit ins Büro gebracht hatte. Die familiäre Herkunft war unleugbar.

Und was tat dieser kleine Wicht?

Er las ein Buch. Ein richtiges Buch! So aus Papier, versehen mit Druckerschwärze.

Geschätzt immerhin 500 Seiten dick.

Kein Smartphone in der Hand, mit dem er daddeln könnte.


Ich bin erschüttert.



Dienstag, 7. Mai 2019

Gedanken am Morgen

Wenn man schon mit schlechter Laune aufwacht...

Ok, vergessen wir den anstehenden Tag einfach. Das wird nichts mehr.



Samstag, 4. Mai 2019

Im Wachstum

Sven und ich besprachen irgendwelche höchst wichtigen, also nicht dienstlichen Dinge, als Frl. Hasenclever den Türrahmen ausfüllte. Also nicht zur Gänze jetzt. Dazu reicht es nicht. Eher weniger, aber doch etwas. Irgendwie so jedenfalls. Und es genügte, um den erforderlichen Luftaustausch zwischen den geöffneten Fenstern auf unserer Seite und jenen gegenüber nachhaltig einzuschränken. Da musste etwas unternommen werden.

„Na, geht es hier wieder um Sauereien?“ ließ sich Frl. Hasenclever vernehmen.

„Niemand sprach von Fleisch.“

„Das meinte ich auch nicht.“

„Also echt, wenn es um solche Schweinereien geht, dann sind Sie ja die Richtige.“

„Was?“

„Ja, so wie letztens, als sie vor Beginn der Dienstbesprechung von irgendwelchem Grünzeug geredet haben und von Ihrer Freundin.“

„Verstehe ich nicht.“

„Sie haben gesagt, die hätte so viel Talent, daß ihr Busch unten bald wieder so aussieht wie der Busch oben.“

„…“

„Ich wusste gar nicht, daß das jetzt wieder modern wird.“

„…“

„Ja, die Kollegen habe sich alle sehr beherrschen müssen.“

Wusch - und schon war der Luftaustausch wieder gewährleistet.



Samstag, 27. April 2019

Kann man machen...

Auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit habe ich drei Möglichkeiten, mein Ziel zu erreichen. Da wäre zunächst das Familienauto Balduin. Dieses zu nutzen stellt einen echten Ausnahmefall dar, von dem ich im Moment aus Gründen auch den Papp ziemlich aufhabe. Als nächstes folgt die Variante Bus. Der fährt aufgrund einiger in der örtlichen Tagespresse seinerzeit gefeierten Fahrplanverbesserungen zu den mir genehmen Uhrzeiten nur noch im Stundentakt. Außerdem fährt er nicht mehr durch bis Neustadt, sondern ich muß inzwischen auf dem Weg mit einiger Wartezeit umsteigen. Mache ich hin und wieder auch, allerdings ist es mir aktuell im Anschlussbus zu voll geworden. Also bleibt Plan C: die Fahrt mit der S-Bahn-Linie Drölfundsiebzig, welche ich für meinen Rückweg ohnehin immer nehme.

Ein kleiner Fußmarsch am Morgen durch unser Hochgebirge schadet nicht, und nach Ankunft am Neustädter Hauptbahnhof zwingt mich die dortige Infrastruktur zu weiteren sportlichen Höchstleistungen, nämlich dem Treppensteigen. Auf meinem Weg vom Bahnsteig zur doch recht nah gelegenen LASA-Außenstelle sind mehrere Höhenwechsel vorzunehmen, zu deren Bewältigung ganz dem Service-Gedanken folgend Aufzüge und Rolltreppen installiert sind. Doch diese sind in schönster Regelmäßigkeit außer Betrieb. Gerade bei den Rolltreppen, derer ich ja noch einiger mehr als ich benötige ansichtig werde, habe ich das Gefühl, daß da ein bestimmtes, nicht mehr beschaffbares Teil kaputt ist, welche dann von der Wartungscrew des Bahnhofs jeden Tag durch ein aus einer anderen Rolltreppe ausgebauten Teils ersetzt wird. Immer schön der Reihe nach, damit jeder mal drankommt.
Ich war also mal wieder mit dem Zug unterwegs. Die Nutzerfrequenz hat sich seit Inbetriebnahme des mir nächstgelegenen und unlängst neu gebauten Haltepunktes Neustädter Ländchen Süd schon deutlich erhöht. Ich darf sagen, dass ich nach Neubau des hiesigen Haltepunktes der erste reguläre Fahrgast war, welcher ihn genutzt hat. An dem Morgen, an dem der Regelbetrieb aufgenommen wurde, stand ich allein auf dem Bahnsteig und war somit der erste und einzige Fahrgast, welcher eingestiegen ist. Da auch niemand ausstieg, was zu dieser Uhrzeit auch höchst verwunderlich gewesen wäre, denn wer will schon morgens gegen 5.30 Uhr etwas auf einem mitten in einem Acker gelegenen Bahnhaltepunkt, außer da wegzukommen, könnte man sagen, daß man extra für mich angehalten hat. Was ich sehr freundlich vom Lokführer fand. Inzwischen warten wir an guten Tagen um diese Uhrzeit zu zehnt auf dem Bahnsteig. Wenig genug, um im Zug auf jeden Fall noch einen angenehmen Sitzplatz zu ergattern.
Meist herrscht eine angenehme Ruhe. Fast jeder Passagier ist mit seinem Smartphone beschäftigt, aber Ohrhörern sei Dank funktioniert das inzwischen geräuschlos. Nur gelegentlich unterhält man sich mit jemanden, das auch noch von Angesicht zu Angesicht. Erschreckender Gedanke, so eine persönliche Kommunikation, nicht wahr? Sehe ich auch so. Es ist aber auch ziemlich verstörend, was für einen verbalen Dünnpfiff manch ein Zeitgenosse von sich gibt. Und dann auch noch in einer Lautstärke wie im heimischen Wohnzimmer, bei der man das Gelaber aus dem Fernseher noch übertönen muß. Eine leise  Unterhaltung mitzubekommen ist zu dieser Uhrzeit schon schlimm genug, und das offensichtlich nicht nur für mich. Aber da muß man dann halt durch, und meistens herrscht ja auch Ruhe. Abgesehen von den automatischen Ansagen der nächsten Station, dem entsetzlichen Gepiepe der sich öffnenden und schließenden Türen sowie der unendlichen finalen Ansage vor Einfahrt im Neustädter Hauptbahnhof, denn der ist Endpunkt der Bahnlinie und man möchte doch irgendwie sicher sein, daß dies auch wirklich jeder mitbekommt und niemand mit aufs Abstellgleis befördert wird.
An jenem fraglich Tag, um den es hier geht, herrschte mit Ausnahme der geschilderten unvermeidbaren elektronischen Geräuschkulisse Ruhe. Ein geschätzt Endzwanziger setzte sich in meinem Blickfeld auf einen leeren Doppelplatz, stellte seinen mobilen Kaffee auf das dort zu diesem Zweck bereitgehaltene Klapptischchen und begann, etwas aus seiner Tasche auszugraben. Ich beobachtete die Sache nicht weiter und ging weiter meinen Gedanken nach.
Klick!
Klick!
Ein markantes Geräusch, dessen Entstehungsort…
Klick!
…von mir sofort ausfindig gemacht wurde. Es war der Endzwanziger.
Klick!
Er hatte sich einen Nagelclip aus seiner Tasche geholt und war dabei, seine Fingernägel zu bearbeiten. Die so amputierten nutzlosen Reste…
Klick!
…seines Körpers fielen auf dem Boden.
Klick!
Und da blieben sie auch nach dem Aussteigen in Neustadt. Eben so wie er es nicht geschafft hatte, seinen nunmehr leeren Kaffeebecher in den noch ebenso leeren, unmittelbar neben ihm befindlichen Müllbehälter zu befördern.
Pottsau!
Ich habe schon einiges beobachtet, was Leute morgens im Zug machen, sogar bis hin zum Auftragen eines kompletten Gesichts-Make-ups unter Zuhilfenahme des Smartphones als Spiegel. Aber das….
Kann man machen. Muß man aber nicht.
(Wobei mir dämmert, daß es so etwas schon mal gab und ich es auch verbloggt haben könnte, aber ich finde den Eintrag gerade nicht.)
Als moderner Mensch meldete ich meine Beobachtung in Textform selbstverständlich via Smartphone der Welt, also der zweitbesten Ehefrau von allen. Diese quittierte nach Kenntnisnahme des Textes einige Stunden später, daß es ja wohl fast der Gipfel des Ekelhaften wäre. Die Betonung liegt auf fast, denn natürlich besteht auch hier die Möglichkeit, sich zu steigern.
Schließlich verfügt der Mensch auch noch über Fußnägel.