Dienstag, 6. November 2012

Backstage-Erzählungen (5)

Während ich wieder während einer Leerlaufzeit die Vorbereitungen beobachtete, sprach Alexandra mich nochmals wegen ihrer Eröffnungsworte an. Wir klärten einige Dinge und Übergänge, dann fragte sie mich, ob ich in dem von ihr gebastelten und im hinteren Teil der Bühne aufgehängten Show-Symbol auch ein lachendes Gesicht ohne Augen erkennen würde, so wie es viele andere bislang behauptet hätten. Nun, so spontan wäre ich jetzt nicht darauf gekommen, obwohl sich der Gedanke bei näherer Betrachtung auch nicht als absurd definieren ließ. Allerdings verschwieg ich ihr vorsorglich, daß ich da eher eine etwas abstrakt gestaltete Dau, einem im Orient in Gebrauch befindlichen Schiffstyp, mit vollem Segel erkannt habe…

Nach den verschiedentlichen Katastrophen aus der Phase der Vorbereitung kam zwischenzeitlich noch die hoffnungsvolle Botschaft, daß Damen der Tribal-Gruppe Kimba überraschender- und vor allen Dingen dankenswerter Weise nun doch in größerer Zahl erscheinen würden. Sie hatten in letzter Zeit mehrere Freiluft-Auftritte und waren bis zur Generalprobe noch entsprechend gesundheitlich angeschlagen, was sich aber zum Glück bis zur Show wieder beruhigt hatte.

Da ich schon seit Jahren keine Uhr mehr trage und auch im Saal keine Uhr für mich erkennbar war, begab ich mich in die Garderobe, um mich in Anwesenheit einiger Frauen nahezu schamlos zu entblößen, um mein Kostüm anzuziehen. Wieder streifte mich Connys lustvoller Blick, und ehe ich mich versah, saß ich wehrlos auf einem Stuhl, von den Frauen umzingelt, ohne eine Chance zu fliehen. Bevor ich geeignete Gegenmaßnahmen einleiten konnte, geschah das Unfassbare: Sie fing an, meine Haarpracht mit Gel zu stylen. Ein solches Tun hatte sie schon seit Monaten vor und nun heimtückisch die Gelegenheit genutzt. Was blieb mir übrig, außer es mit Würde zu tragen? Und zwar der Würde, die mir als Pascha vom Dienst gebührt.

Die zweitbeste Ehefrau von allen signalisierte mir, daß ihre Eltern und die sie begleitenden Gäste irgendwo da draußen seien und weitere Einweisung benötigen. Den Weg über die Treppen konnte ihre Mutter nicht gehen, so daß wir den Weg über den Nebeneingang, also den Notausgang der Aula, öffnen mussten. Die Karten hatten sie im Vorverkauf bei uns erstanden. Äh, ja, es ist ja nicht so, daß ich zu dieser unbestimmten Uhrzeit nicht noch was Besseres zu tun gehabt hätte. Außerdem finde ich es nicht wirklich passend, sich mit dem Kostüm durch die schon wartenden Zuschauer zu bewegen. Aber was soll’s, einer muss es ja machen.

„Irgendwo da draußen“ ist ein dehnbarer Begriff. Das kann bedeuten „Vorraum“, „Vorplatz“, „irgendwo in der Straße“ oder „irgendwo in der Gegend“. Also raus, einmal um das Gebäude rum, Augen offen halten und dann hatte ich sie auch schon gefunden. Kurze Begrüßung, den Weg zum Nebeneingang gezeigt, welcher natürlich über die vom gestrigen Regen noch eingeweichte Wiese führte, Schwiegermutter innen platzieren, wieder raus, den Rest der Truppe an der Kasse vorbeischleusen, denn bei der hatte meine Angetraute vergessen, die vorbestellten Karten zu hinterlegen. Zum Glück (er-)kannte man mich und hielt mich für vertrauenswürdig, so daß die Aktion reibungslos klappte. Dann setzte ich mich zügig wieder ab, denn für eine Vollbetreuung von Gästen, egal ob Familie oder nicht, hatte ich echt keine Zeit.

Ich sagte der zweitbesten Ehefrau von allen kurz, daß alles soweit funktioniert hat und begab mich anschließend zu meinem Hauptquartier an dem Klavier neben der Bühne. Hier studierte ich nochmal in Ruhe meine Texte, bis ich irgendwann wieder vernahm, daß mein Typ in der Garderobe benötigt wurde. Auf dem Weg nahm ich zur Kenntnis, daß bereits Zuschauer die Aula betraten – für mein Gefühl zu früh. Unten wurde ich unterrichtet, daß unser Kameramann Rajiv eingetroffen sei und ich ihn bitte suchen solle, um ihm unsere Kamera zu geben und ihn kurz einzuweisen. Super. Nochmal im Kostüm durch die Zuschauer, was mir durchaus so gar nicht passte.

Ich fand Rajiv dann in Höhe unserer Technik-Crew, gab ihm die Ausrüstung und erklärte kurz das Notwendigste. Da ich keine Ahnung hatte, wie lange es noch bis zum Start dauerte, kann man sicherlich verstehen, daß ich etwas kurz angebunden war. Als Rajiv dann noch mit mir klären wollte, wo er sich am besten positionieren könne und welchen Bildausschnitt wir wünschten, habe ich ihm dann –  hoffentlich trotz der etwas unglücklichen Wortwahl wirklich noch  so freundlich, wie es gemeint war und ich es in Erinnerung habe – erklärt, daß er besser mit sich selbst reden solle, ich hätte jetzt nicht den Nerv für so etwas. *shame* Da Rajiv selbst schon häufiger an Shows beteiligt war, gehe ich davon aus, daß er mit der Situation vertraut ist und es mir nicht allzu übel nahm, falls es doch anders rüberkam. Ansonsten dickes Sorry an dieser Stelle. 

Ich gab noch kurz in der Garderobe Bescheid, daß der Vorhang nun geschlossen sei, denn das Ensemble musste noch die Stöcke für den Stocktanz auf die Bühne legen, bevor es losgeht. Dann verschwand ich wieder in mein Hauptquartier.

Noch eine kurze Klärung zum Ablauf mit unseren beiden Bühnenmeistern, eine letzte Absprache sowie ein Feintuning mit Alexandra wegen ihrer geplanten Begrüßungsworte, dann konnte es wegen meiner losgehen. Lampenfieber im Sinne von Aufregung, Hektik oder gar Panik stellte sich immer noch nicht ein, nur mein Mund wurde, ganz wie erwartet, etwas trocken. Nicht weiter schlimm, wenn man weiß, daß das kommt. Da kann man sich gegen wappnen. Die Hauptsache ist, daß die Gedanken klar sind. Und natürlich wurde die Neugier unerträglich, wie viele Zuschauer wir haben würden, denn die Aula ist groß. Niemand rechnete mit einem auch nur annähernd ausverkauften Haus, aber es wäre schon sehr erfreulich, wenn genug zahlende Gäste kämen, um die Unkosten wieder reinzubringen. Schließlich sollte der Erlös gespendet werden, aber die Kosten und Gebühren für eine solche Veranstaltung (GEMA, Versicherungen und all die vielen Kleinigkeiten) sind auch nicht unbeachtlich, selbst wenn man keine Gage zahlt. Und außerdem hätte es sehr peinlich gewirkt, wenn sich da nur ein paar Zuschauer in den Sitzreihen verloren hätten.

Doch was immer auch sein mag, jetzt ist alles zu spät. Alea iacta est – der Würfel ist geworfen. So wie es jetzt ist, muss es laufen.

Bühne frei.

Wird fortgesetzt…


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