Dienstag, 6. November 2012

Backstage-Erzählungen (6)

Es geht los. Das Licht verdunkelt sich und Alexandra betritt die Bühne, um ihre Begrüßung zu sprechen. Sie ist fertig, verlässt die Bühne, die Traumwelt beginnt. Es folgt, was ich in meinem Hinterkopf immer als den Einmarsch der Gladiatoren bezeichnet habe: Alle Tänzerinnen sowie der einzelne männliche Tänzer von Kimba betreten mit Lichtern in der Hand den Saal über die Seitengänge. Ich hoffe, es war so beeindruckend wie ich es mir vorstellte, denn gesehen habe ich es nicht.

Die Tänzerinnen räumen die Bühne, huschen an mir vorbei. Ich trete auf und mache meine erste Moderation als großer Orientreisender Yussuf Ben Achmed Ibn Ali. Von der Eröffnung hängt genug ab, ich muss das Publikum einfangen. Wenn es nicht auf mein Moderationskonzept anspringt, wird das eine unangenehme Sache. Im Saal erkenne ich niemanden. Der Spot macht jede Sicht in die zentralen Sitzreihen unmöglich, die äußeren Reihen sind erwartungsgemäß weitgehend leer. Ich bringe meinen Text, fühle mich sicher. Nach wenigen Sätzen der erste Lacher. Ja, ich habe sie! So kann es laufen.

Ich bin mit der ersten Moderation fertig, verlasse die Bühne am Rand des noch zugezogenen Vorhangs. Moment, irgendetwas ist verkehrt. Verdammte Hacke, der Plan war anders. Ich sollte am Rand der Bühne stehen bleiben, gefällig auf das Ensemble blicken und mich dann durch Alexandra, der energischen Hauptfrau meines Harems, mit einem im Rahmen des Tanzes gezielt angebrachten Schlag des Stocks vor meine Füße von der Bühne jagen lassen. Immer wieder habe ich es als Anmerkungen in den Texten gelesen, mehrfach haben wir es geübt. Egal, vorbei, zurück geht nicht mehr. Aber der Fehler ist nicht dramatisch, das Publikum kann ihn nicht erkennen.

Nächste Moderation. Ich erzähle dem Publikum was über die zuvor aufgetretene Schülerinnengruppe. Geplant war, noch eine Geschichte zu bringen, wie ich als orientreisender Abenteurer auf den berühmten Berg aus 1001 Nacht gestoßen bin, in dem die Gruppe gefangen war. Natürlich konnte ich sie durch die bekannte Anrufung retten. Danach sollte ich den Ansatz machen, noch weiter zu erzählen, würde aber von meiner Haremsdame mit dem Nudelholz darauf aufmerksam gemacht werden, daß man es bevorzuge, wenn ich die nächsten Tänzer auf die Bühne rufe. Mein Problem war, daß zwar alles am Vortag abgesprochen und geprobt war, ich aufgrund der Lichtverhältnisse  aber nicht erkennen konnte, ob sie an der Seite bereit stand. Ich hatte sie am Tag der Show auch noch nicht gesehen, es herrschte einfach ein zu großes Durcheinander.

Grellstes Licht von vorne, welches unweigerlich in die Augen fällt, passt nicht zur Dunkelkammer nebenan. Einige Gestalten vermochte ich wahrzunehmen, aber das konnten auch schon die nächsten Tänzerinnen sein. Und da mir in diesem Moment nichts eingefallen wäre, was ich tun könnte, um im Fall des Falles die Situation zu retten, spare ich mir die Geschichte und den Gag. Ärgerlich, aber sicher ist sicher.

Neue Moderation, alles ist gut gelaufen. Konzentration, ich muss die Bühne dieses Mal rechts verlassen, um meiner Angetrauten bei ihrem nächsten Auftritt zu helfen. Sie übergibt mir ihre Isis-Wings, geht auf die Bühne. Der Auftritt beginnt, die Musik wird abgebrochen. Ich bekomme nicht mit, was passiert ist, aber es gibt einen Neustart. Dieses Mal läuft die Musik durch. Meine Angetraute verlässt nach dem ersten Teil des Auftritts planmäßig die Bühne, ich halte ihr die Isis-Wings bereit, sie zieht sie im Vorbeigehen an und betritt die Bühne wieder von der Rückseite. Hat geklappt.

Der weitere Teil läuft gut und wie geplant ab, soweit es mich betrifft. Ehe ich mich versehe, kommt die Pausenansage. Ich muss einige Dinge über den weiteren Ablauf loswerden, vergesse aber den Hinweis, daß wir das Publikum zum Schlag von Glocken und Zimbeln wieder in Aula bitten werden. Egal, das werden sie schon begreifen. Konzentration auf den Text, es nähert sich eine Stolperfalle. Ich bereite das Publikum auf die erste Nummer nach der Pause vor, indem ich was von einer erforderlichen Bühnenreinigung erzähle.

Diejenigen, welche schon beim ersten Orientalischen Abend dabei waren, können schon ahnen, was kommen wird: Sulli und Leika, unser chaotisches Fachpersonal für Bühnenreinigung, werden wieder versuchen, die Bühne für sich zu erobern. In der Ansage will ich den Text „ich habe keine Mühen aber viele Kosten gescheut, um…“ bringen. Und der muss flüssig kommen, damit er wirkt und der Gag nicht kaputt geht. Ist gar nicht so leicht, wenn man den gewohnten Satzablauf mit „keinen Kosten und Mühen“ eben NICHT aussprechen darf. Wunderbar, ich bringe es raus.

Raus mit euch. Pause. Die Zeit verging rasend schnell.

Wird fortgesetzt…



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Es ist erlaubt und gewünscht, meine Beiträge zu kommentieren. Die Kommentare werden von mir moderiert. Kein Kommentar wird freigeschaltet, ohne daß ich ihn zuvor gelesen habe. Solltest du also vorhaben, hier herumzupöbeln, zu trollen oder dich sonst wie unangemessen zu äußern, so empfehle ich dir, die Arbeit zu sparen.

Haltet euch bitte an die Grundsätze eines anständigen Miteinanders, damit wir hier eine schöne Zeit zusammen verbringen können.

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.