Dienstag, 18. Dezember 2012

Die Schulhefte des Herrn Fröhlich (4)

Der Brief war noch nicht beendet und wurde wie folgt fortgeführt:

„Sehr geehrter Herr Vorsitzer!

Mein Vormund (gemeint war der Anwalt, Anmerkung von mir) hält mich seit langem nicht auf dem Laufenden. Höchstwahrscheinlich hat er nichts Erfreuliches mitzuteilen. Jahraus, jahrein wiederholt er ein- und dasselbe: „Diese Sache ist nicht so einfach, wir müssen geduldig warten und nicht voreilig sein.“ Eben diese Unklarheit bewegte mich, Ihnen zu schreiben. Andererseits finde ich meinen Vormund unaufrichtig. Ich bin 73 Jahre alt und jeder Tag, den ich aufwache, ist für mich ein Geschenk. Die Möglichkeit ins Jenseits abgerufen zu werden, reift unaufhaltsam heran. Das Schicksal hat es zeitlebens gut mit mir gemeint. In Kriegszeiten schwebte ich etliche Male zwischen Tod und Leben, blieb jedoch verschont, heil und unversehrt.

1962 beteiligte ich mich durch Zufall an einem gemeinsamen Besuch des KZ Buchenwald und war Augenzeuge der dortigen „Sehenswürdigkeiten“. Seitdem werde ich den Gedanken nicht los: „Sind wir doch alle einst potentielle Opfer gewesen.“ Wir erhielten eine sehr bittere Lehre, welche ungeheuerliche Bezahlung forderte. Aber wer weiß, ob wir ohne dem was geschah, heute ein Heim hätten. Hier kann man ein großes Fragezeichen machen.

Mein Schreiben hat sich widerwillig in die Länge gezogen. Ich bitte abermals um Entschuldigung und wünsche Ihnen innigst alles Gute!

Mit vorzüglicher Hochachtung
Karl-Heinz Fröhlich“

(wird fortgesetzt)


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