Dienstag, 18. Dezember 2012

Die Schulhefte des Herrn Fröhlich (3)

„Sehr geehrter Herr Vorsitzer,

ich bitte nochmal um Entschuldigung, da ich nicht das Recht habe, Sie zu belästigen. Nur nach langem Zögern konnte ich mich dazu entschließen.

Anfangs wiegte ich mich in der Hoffnung, in Zukunft eine Beihilfe beziehen zu können, aber allem Anschein nach wird diese meine Hoffnung doch scheitern.

Als zehnjähriger Knabe und Doppelwaise habe ich mir vorgenommen, die deutsche Sprache unbedingt zu erlernen. Ich begehrte in deutschen Büchern Trost zu finden. Dank meiner Beharrlichkeit ist es mir gelungen, die nicht leichte Aufgabe schrittweise zu bewältigen. Somit habe ich mir auf lebenslang wahre Freude erworben.

Meine Schulbildung erreichte kaum das Niveau einer Mittelschule. Ich musste das Studium aufgeben, um mich irgendeinem Beruf zu widmen. Als Werkzeug- und Stanzenmacher war ich 52 Jahre tätig. Diesem Beruf ergab ich mich mit Leib und Seele und wurde mit der Zeit zu einem anerkannten Fachmann. Ich widmete mich meiner Arbeit aus allen Kräften und war stets übermüdet. Als Ergebnis konnte ich mich niemals sattlesen, nie meinen Wissendurst stillen. Das bereitete mir Kummer, erweckte Unzufriedenheit.

Gegenwärtig bemühe ich mich, soweit wie möglich einiges Versäumtes nachzuholen. Für Goethe habe ich eine besondere Vorliebe. In seinen unsterblichen Werken finden wir Humanität und Wahrheitsliebe. Ohne Goethe ist unsere Welt undenkbar. Goethes Sprüche sind bezaubernd und immer aktuell. Allein die Mahnung  „Tu nur das Recht in deinen Sachen“ ist imstande, eine x-beliebige Religion zu ersetzen.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Extrakt aus dem IV. Band der Jubiläums-Ausgabe (Goethes sämtliche Werke in 40 Bänden) niederzuschreiben. Die mit der Hand geschriebenen Hefte , 40 an der Zahl, habe ich meinen Freunden verteilt. Nicht ohne innere Aufregung wagte ich mich, selbst an Herrn Bundeskanzler Helmut Kohl ein Heft zu adressieren. Sogleich machte ich mir Vorwürfe, unüberlegt, ja inkorrekt gehandelt zu haben.

Umsonst aber hegte ich Besorgnisse. Ich befürchtete eine Zurechtweisung und erhielt hingegen Lobpreisung. Das gab mir Mut, und bei passender Gelegenheit übermittelte ich dem deutschen Botschafter in Israel (ein überaus feiner Mensch) ein gleichartiges Heft. Eigentlich möchte ich nur hindeuten, daß nicht nur intellektuelle, sondern auch einfache Leute, ohne Hochschulausbildung, Goethe unendlich verehren und seine Werke hochschätzen. (Ich nütze die Gelegenheit aus und lege diesem Schreiben zwei Hefte bei.)“


(wird fortgesetzt)



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