Montag, 17. Dezember 2012

Die Schulhefte des Herrn Fröhlich (2)

Natürlich lautet der Name von Herrn Fröhlich nicht wirklich so. Ich habe den Namen geändert, ebenso wie einige Begleitumstände der Geschichte. Aber er hatte einen ähnlich schönen und vor allen Dingen beziehungsreichen Namen. Ja sogar einen noch passenderen. Aber den werde ich wohl für mich behalten müssen.

Nun ist es durchaus als schwierig anzusehen, nach 40 bis 50 Jahren noch zu prüfen, ob jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt seinen geistigen Lebensmittelpunkt in einer bestimmten Kultur hatte. Und trotzdem war es unsere Aufgabe, diese Prüfung vorzunehmen. Dazu gab es eine Vielzahl von Detailinformationen, welche wir zusammentragen mussten, um diese zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen.

Zunächst beschafften wir uns aus Archivunterlagen Informationen über die Region, in welcher unsere Versicherten zur fraglichen Zeit lebten und arbeiteten. In den frühen dreißiger Jahren fanden Volkszählungen statt, und viele der sich daraus ergebenden Unterlagen sind erhalten geblieben. So können wir auch heute noch feststellen, wie viel Prozent der seinerzeitigen Bevölkerung der jeweiligen Ortschaft sich als Deutsche, als Ungarn, Juden, Magiaren, Kroaten, Sinti und was es noch alles an verschiedenen Volksgruppen gibt, angesehen haben. Wir wissen von deutschen Schulen, deutscher Vereinskultur und kennen sogar die Farben des örtlichen Fußballvereins irgendeines Nestes in der ungarischen oder rumänischen Provinz.

Im nächsten Schritt mußten die Antragsteller eine Sprachprüfung beim israelischen Finanzministerium ablegen und einen umfangreichen Fragenkatalog zur ihrer Familie sowie ihren seinerzeitigen Lebensumständen beantworten. Die Sprachprüfung beinhaltet ein deutschsprachiges Diktat, das Erstellen eines deutschsprachigen Aufsatzes und ein Gespräch mit dem Sprachprüfer. Dieser wertete die Prüfung aus und sandte uns die Unterlagen mit einer Einschätzung zu. Dieser Einschätzung konnten wir folgen – oder auch nicht. Wir mussten uns ein eigenes Bild der Dinge machen.

Es ist immer wieder interessant festzustellen, wie gebildet man in den dreißiger Jahren auch in einem einfachen Arbeiterhaushalt war. Nur sehr wenige Antragsteller gaben an, deutschsprachige Groschenromane und Illustrierte gelesen zu haben, die deutliche Mehrheit schien eine Bibliothek mit den Werken großer deutscher Dichter und Denker im Wohnzimmer untergebracht zu haben; Goethe und Schiller hatten sie jedenfalls alle regelmäßig gelesen. Nun ja. Das kann man glauben. Muß man aber nicht. Ich habe den Groschenromanleser stets für glaubwürdiger gehalten, was aber nur meine persönliche Meinung ist und keine Vorgabe der Ausführungsrichtlinien war. Herr Fröhlich hingegen war anders.

Ein Verfahren zur Klärung dieser Beschäftigungszeiten und zur Prüfung der Zugehörigkeit zum deutschen Sprach- und Kulturkreis konnte sich durchaus über mehrere Jahre hinziehen. Ständig änderte sich die Rechtsprechung, immer wieder wurden neue Personenkreise als Berechtigte anerkannt, neue Gesetzte und Verordnungen wurden erlassen. Und alles in dem Verfahren wurde dann rückwirkend auf die ursprünglichen Anträge aus den siebziger Jahren abgestellt. Außerdem arbeiteten mit mir nur drei weitere Sachbearbeiter an den Israel-Fällen; wir waren aber bundesweit für alle (israelischen) Antragsteller der Personengruppe zuständig, um die es hier geht. Dabei handelt es sich durchaus heute noch um eine fünfstellige Zahl von Betroffenen.  Unsere Aktenschränke platzten phasenweise aus allen Nähten, über 1.200 noch offene oder wieder aufgenommene Anträge pro Sachbearbeiter gleichzeitig waren keine Seltenheit. Manche Akten wanderten für 15 Jahre nicht ins Archiv. Kaum war man fertig, gab es ein Urteil in einer anderen Sache, das wieder alles änderte.

Da die beteiligten Anwälte und Institutionen ihren Mandanten gegenüber auch nicht besonders auskunftswillig oder –fähig waren, wandte sich Herr Fröhlich in einem Brief direkt an uns. Dem Brief waren zwei mit schöner Handschrift beschriebene Schulhefte beigefügt.



(wird fortgesetzt)



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