Sonntag, 10. Februar 2013

Regen - Reifen - Karneval


Vor Jahren lebten die zweitbeste Ehefrau und ich noch in einem Landstrich, dessen Einwohner  karnevalistisch – ich bleibe jetzt bei diesem Wort und schreibe die regionalen Alternativen nicht mehr aus - ziemlich aktiv waren. Am Tulpensonntag fand der örtliche Karnevalszug statt. Für Spaßbremsen aus verkleidungsfreien Zonen: Tulpensonntag ist der Sonntag vor Rosenmontag, und Rosenmontag ist der Tag, an dem im ERSTEN fast den ganzen Tag über nichts anderes zu sehen ist als seltsam angezogene Menschen, die zu seltsamer Musik schunkelnd in der Gegend herumstehen und versuchen, billige Bonbons und hochwertigere Wurfmaterialien zu fangen, welche zuvor von anderen seltsam angezogenen Menschen, die sich auf ebenso seltsamen  bunten Wagen oder in einem Pulk ähnlich gekleideter Menschen befinden, in Richtung des jubelnden Volkes geworfen wurden. Die so erbeuteten Bonbons werden dann von den etwas hochwertigeren Wurfmaterialien durch unmittelbares an Ort und Stelle Fallenlassen getrennt und entsorgt.

Diese etwas hochwertigeren Wurfmaterialien, z. B. kleine Pralinenschachteln, Schokoriegel oder Blumensträußchen, sind natürlich etwas seltener zu finden. Die Chancen, mit so einem Kleinod beworfen zu werden, erhöhen sich drastisch, wenn man sich in der Gegend der Ehrentribüne oder im Blickwinkel einer Fernsehkamera positioniert, denn hier steigt die Wurffrequenz nahezu dramatisch an, nur um wenige Meter weiter wieder auf absolute Mindestwerte zurückzufallen.

Wir wissen das, weil wir Spaßbremsen aus nicht verkleidungsfreien Zonen sind.

Jedenfalls konnten wir den Umzug vom Balkon unserer Wohnung aus ansatzweise beobachten.  Als Spaßbremsen zog es uns nicht zum Umzug. Zusätzlich habe ich ohnehin eine tiefgründige Abneigung gegen sich zusammenrottende Menschenmassen im Allgemeinen, sofern diese aus mehr als drei Personen bestehen,  jeglicher Art von dicht gedrängten Menschenmassen, die aus noch mehr Personen bestehen im Speziellen und enthemmten Menschenmassen von unabhängiger Personenzahl im Besonderen. So versuchten wir stets, das Ganze möglichst unbeschadet zu überstehen. Aber auf den Tulpensonntag haben wir uns immer gefreut. Besonders bei Regen. Es genügte uns, wenn dieser über Nacht gefallen war. Unser Bestreben lag schließlich nicht darin, den enthemmten Menschenmassen den Umzug zu versauen. Schließlich waren die weit genug weg.

Wir wohnten am Rand eines Neubaugebietes. Direkt nebenan begann unbebautes und zivilisatorisch noch nicht erschlossenes Terrain. Dieses wurde von den Besuchern des Karnevalszuges gerne als Parkplatz genutzt. Kaum begann es zu regnen, begann die Show. Der Boden weichte auf und die Räder der Autos drehten durch, was zu durchaus erheiternden Situationen führte, soweit es uns betraf. Schadenfreude ist schließlichdie schönste Freude. Ich bekenne mich dazu.

Unvergessen blieb der Familienvater mit Frau und zwei Teeangern, der mit seinem Wagen im Matsch liegengeblieben war. Die Türen des Wagens wurden geöffnet und man begann, an den Holmen zu schieben. Dies aber nur mit begrenztem Erfolg, die Antriebsräder gruben sich immer mehr ein. Dann kam der ultimative Geistesblitz: Man positioniert die Familie hinter dem Wagen. Wahrscheinlich war der Grundgedanke, die Schubkräfte zu bündeln.

Die so positionierten Familienangehörigen durften schieben, währen der Irre Vollgas gegeben hat. Immer und immer wieder. Langanhaltend. Ich muß das Ergebnis der Aktion, soweit es die schiebende Familie betraf, wohl nicht näher beschreiben. War aber nicht so schlimm, die Klamotten waren vom vorherigen Versuch dank Frontantrieb ohnehin schon eingesaut.

Nächster Versuch: Im Wagen befand sich eine Plastiktüte mit irgendeinem Inhalt. Letzteren entleerte man in den Kofferraum und machte das mit der Tüte, wozu sich die Fußmatten wohl besser geeignet hätten: Man legte sie unter eines der Heckräder und gab Vollgas. Auch hier blieb der erhoffte Erfolg – nun sagen wir mal – den Umständen geschuldet aus.

Neuer Versuch: dieses Mal mit Fußmatten unter den Antriebsrädern, dazu Rückwärtsgang und von vorne schiebende Familie. Luft anhalten, abwarten, Gas geben, Fußmatten unter den Rädern durchziehen, eine der Fußmatten in Folge dessen mit ordentlichem Schwung gegen die Ehefrau klatschen lassen und schon kam der Wagen frei.

Man denkt ja immer, solche Dinge passieren nur in Filmkomödien, aber das hier war harte Realität. Oder die von uns zeitweise vermutete versteckte Kamera war zu gut versteckt. Jedenfalls kam hinterher niemand aus irgendeinem Busch gesprungen, um die Situation aufzulösen. Wir haben die Zeit gestoppt, und so können wir sagen, daß der Wagen nach einer Vielzahl von Versuchen und 20 Minuten später wieder festen Grund erreicht hat.

Für uns vollkommen unbegreiflicherweise verließ man sofort den schönen Parkplatz und trat vermutlich den Heimweg wieder an.

Wie blöd können Menschen eigentlich sein? Nein, vergesst die Frage, die war rhetorisch gemeint. Ich kenne die Antwort leider nur zu gut.


1 Kommentar:

Es ist erlaubt und gewünscht, meine Beiträge zu kommentieren. Die Kommentare werden von mir moderiert. Kein Kommentar wird freigeschaltet, ohne daß ich ihn zuvor gelesen habe. Solltest du also vorhaben, hier herumzupöbeln, zu trollen oder dich sonst wie unangemessen zu äußern, so empfehle ich dir, die Arbeit zu sparen.

Haltet euch bitte an die Grundsätze eines anständigen Miteinanders, damit wir hier eine schöne Zeit zusammen verbringen können.

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.