Es gab eine Zeit, zu der Gyros in Deutschland noch keine Verbreitung gefunden hatte. Das ist in etwa so wie mit Internet, Smartphones und Taschenrechnern. Eine Zeit, in der M&Ms noch Treets hießen und Twix noch nicht mal Raider, weil es das auch noch nicht gegeben hat. Zumindest nicht in Deutschland. Und nein, werte mitlesende Jugendliche, das ist keine hundert Jahre her. Es gibt noch lebende Menschen, die das mitmachen mussten. Ich bin einer davon. Ein lebendes Fossil sozusagen.
An meine ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen zu diesem Hochgenuss kann ich mich noch leidlich gut erinnern.
Damals, in den bunten Siebzigern, gab es in unserer Wohngegend eine Imbissbude. Diese versprühte noch den Charme der Sechziger: weiß gekachelte Wände, einen Stehtresen und eine gewisse Enge. Sie führte ein aus heutiger Sicht übersichtliches Angebot, bestehend aus Pommes (noch der dicke Schnitt, nicht diese fiesen dünnen Stäbchen, die heute Usus sind), Brat-, Curry- und Bockwürste, Kottelets, Hähnchen, Frikadellen, Schaschlik und Kartoffelsalat. Dazu natürlich die üblichen Getränke, aber das war es dann auch schon. Diese Imbissbude unterschied sich insoweit nicht von vielen anderen, die es in der Region gab. Die normale Portion Pommes kostete 80 Pfennig, die große eine Mark, die Mayonnaise 20 Pfennig. Man vermisste nichts, weil man es nicht besser kannte.
Gegen Ende der Siebziger eröffnete auf der rückwärtigen Seite des Gebäudekomplexes eine neue, zeitgemäße Imbissbude, in der es sogar im Untergeschoss einige Tische und Stühle gab. Die Auswahl war vergleichsweise riesig, man führte an sich alles, was man heute in so einem Betrieb als Mindeststandard ansieht. Und Grillteller. Die haben damals 7 DM gekostet, ein Jägerschnitzel mit Pommes und Salat zum Vergleich 6,70 DM. Grillteller kannten wir seinerzeit nur von einem Besuch in einem Restaurant, aber nicht aus einer Imbissbude. Es muß nicht weiter erwähnt werden, daß die alte Imbissbude dieser Konkurrenz nicht gewachsen war und relativ zügig schließen musste.
Der Grillteller war beladen mit Pommes, einem kleinen Salat und natürlich Fleisch: kleines Schnitzel, kleine Frikadelle oder etwas ähnliches aus Hack, eine dritte Fleischsorte, an die ich mich heute nicht mehr erinnern kann und aus ausgesprochen leckeren Fleischfetzen. Die waren immer das Beste, aber weder meine Eltern noch ich wussten, was das war. Mein Vater, der ohnehin dazu neigt, alles und jedes mit Spitznamen zu versehen, nannte das damals einfach Geschroddel, und für ihn ist es bis heute bei dieser Bezeichnung geblieben.
Irgendwann nahm ich die große Herausforderung an. Auf der Speisekarte der neuen Imbissbude standen drei Gerichte, mit denen ich nichts anfangen konnte. Gyros, Loempia und Zaziki. Ich vermeinte im Rahmen eines Einkaufes mal mitbekommen zu haben, wie ein Kunde neben anderen, mir bekannten Dingen Loempia bestellte und unter anderem auch das Geschroddel bekommen hat. Fragen wie das Zeug denn jetzt hieß wollte ich nicht, das war mir peinlich. Also bestelle ich Loempia für mich und die diversen Dinge, die meine Eltern haben wollten. Was soll ich sagen? Loempia ist kein Gyros. Und ich mochte es damals überhaupt nicht. Mist! Heute weiß ich es besser und habe auch Loempia zu schätzen gelernt. Mein nächster Versuch, das Geschroddel zu kaufen, verlief dann auch erfolgreicher. Kein Wunder, bei einer 50 : 50-Chance. Und dann wurde auch sehr schnell klar, was Zaziki ist. Mein Leben hatte wieder einen Sinn.
Heute besuchen die zweitbeste Ehefrau von allen und ich nur noch sehr selten eine Imbissbude. Während meine Angetraute sich aber eine gewisse Bandbreite an potentiell denkbaren Bestellungen bewahrt hat, weiß ich trotz unserer sehr übersichtlichen Zahl an Besuchen doch immer, was ich haben möchte: Gyros komplett, anstelle von Krautsalat lieber einen gemischten mit Tomaten, Gurken und Schafskäse.
Das beste Gyros aber gab es früher im Goldgrill, einem Imbiss in der Nähe der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Dieser wurde von den Kollegen und mir seinerzeit doch mit einer gewissen, wenn auch nicht übertriebenen Regelmäßigkeit heimgesucht. Hier hat man das frisch geschnittene Gyros immer noch mit echtem Zitronensaft aus einer frisch gepressten Zitrone beträufelt. Natürlich ging dafür nicht der Saft einer kompletten Zitrone drauf. Der wurde in einer Schale aufgefangen, dann ging man kurz mit den Fingern da durch und verteilte eben die besagten paar Spritzer mit einer schüttelnden Handbewegung über das noch in der Auffangschale befindliche Fleisch. Einmal vermischen, auf den Teller packen und – lecker! Immer schon wollte ich das bei fremdgekauftem Gyros auch mal machen, doch ich vergesse es andauernd. Aber irgendwann werde ich daran denken.
So, das sollte eigentlich ein Gruß aus der Küche werden, aber jetzt habe ich mich so in meinen Erinnerungen ausgelassen, daß ich das vorgesehene Rezept gesondert nachreichen werde.
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