Samstag, 20. Oktober 2012

Juri

Da ich ja ein braver Ehemann bin, überlasse ich unser Kleinfamilienauto, den legendären Balduin, zum Zwecke des täglichen Gebrauchs der zweitbesten Ehefrau von allen. So lange NÖP und DB ihren Fahrplan im Griff haben, stört mich das auch nicht weiter. Im Laufe der Jahre bekommt man ja raus, welche Verbindungen anständig funktionieren und zu welchen Uhrzeiten die rollenden Transportboxen nicht übertrieben voll sind.

Als regelmäßiger Nutzer der einzigen hier vertretenen Buslinie kennt man natürlich auch die Masse der Busfahrer nach einiger Zeit. Einer von ihnen ist Juri.

Ich weiß natürlich nicht, ob er wirklich Juri heißt. Aber sein Dialekt kommt unverkennbar aus dem ehemaligen Zarenreich. Und da nicht alle ehemaligen Bewohner des ehemaligen Zarenreiches Iwan oder Wladimir heißen können, habe ich mich entschieden, ihn in meinem Hinterkopf Juri zu nennen.

Juri erweckt den Anschein, Busfahrer aus Leidenschaft zu sein. Ständig kommentiert er das Geschehen auf der Straße in seinem breiten Dialekt und beendet es stets mit einem klischeehaften, langgezogenen russischen Lachen.

Kürzlich wartete ich wieder morgens auf den Bus. Auf dem Weg zur Haltestelle muß dieser eine Verkehrsinsel passieren. Die vielen Jungs und wenigen Mädels hinter dem Steuer erledigen das im Regelfall sehr zügig, doch wenn der Bus sich da in Schrittgeschwindigkeit vorbeiquält, danach die letzten Meter bis zur Haltestelle aber wieder gut aufdreht, besteht eine dramatisch erhöhte Grundwahrscheinlichkeit, eine Wette zu gewinnen, die darauf setzt, daß der Fahrer nur Juri sein kann. Und so war es.

In Hinterheidenheim, genau auf der Straße, auf der die ewige lange Baustelle gerade abgebaut war, wurde schon wieder eine neue eingerichtet. Etwas kleiner und gediegener, und vor allen Dingen mit Baustellenampel. Unsere Richtung hatte Grün, so daß Juri beherzt Gas gegeben hat, bis er denn merkte, daß Gegenverkehr drohte. Also bremste er ebenso beherzt wie er zuvor Gas gegeben hat – und stand auf der Hupe. Morgens um 5.40 Uhr in einem Wohngebiet. Als der einzelne PKW auf unserer Höhe war, gab es nochmal die Hupe zum Abschied. Juri ist da schmerzbefreit und quittierte das Geschehene nur mit einem fetten, langgezogenen „Wääänn ich nicht hätte gebräämst, daan wir wäääären zusammengekracht. Haa haaa haaaaa.“

An der nächsten Haltestelle, kurz hinter der Baustelle, stieg ein neuer Fahrgast ein und meinte zu unserem Juri, daß der PKW-Fahrer die Baustellenampel wohl nicht sehen konnte, da er aus der – nicht verampelten – Nebenstraße kam, aus der man sich nur reintasten kann. „Ich weisss, habä gäsähen. Haa haa haaaa.“

Unsere Tour ging weiter. Auf einem breiten aber doch innerstädtischen Straßenstück drehte Juri wieder richtig auf. Die Tachonadel, die sehr gut in meinem Blickfeld lag, überschritt so langsam die 70 km/h-Grenze – „Haaaa haaaa haaaa – wollän sähen, ob Ampel noch erwischen“. Gut, das haben wir dann auch bei Dunkelgelb noch geschafft, nur um dann an der nächsten Ampel, die bereits ein mehr als dezentes Rot von sich gab, doch wieder zum Halten zu kommen.

Schließlich, auf dem Weg durch die Unterführung Richtung Hauptbahnhof, gab es noch einen – aufgrund seiner Phonetik von mir so interpretierten – russischen Fluch unter Anrufung von Allah. Hmmm, das war neu. Und es ergab sich ein schwerwiegendes Problem. Dürfen ehemalige Bewohner des ehemaligen Zarenreiches, also die aus den ehemaligen Bestandteilen des ehemaligen Zarenreiches stammen, in denen man tendentiell weniger russisch-orthodox, sondern bevorzugt moslemisch orientiert ist, Juri heißen? Die eher katholisch orientierten Bayern haben schließlich auch so seltsame Namen wie Vroni oder Sepp, die man im zivilisierten Deutschland ja so auch eher nicht verwendet. Egal, es bleibt zunächst bei Juri, aber die Problematik muß ich bei Gelegenheit nochmal reflektieren.

Nächster Halt war der Busbahnhof. Juri steuerte unsere Haltestelle an, machte den Motor aus, erhob sich von seinem Platz und fragte mich „Du bleiben Bus?“. Ja, wie immer passe ich auf den Bus auf, wenn Juri selbigen verlässt, um sich seinen Morgenkaffee und die dazugehörigen Brötchen zu kaufen. Die sich hieraus ergebende Verspätung wird anschließend wieder durch die bekannt beherzte Fahrweise reingeholt.

Mal sehen, wann Giovanni wieder fährt…



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