Samstag, 22. September 2012

Von Kronen

Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Die Deutschen haben Angst um ihr Kapital und flüchten in die Sachwerte. Der Goldpreis ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Das ist der richtige Moment für mich, um mal wieder Einen raushängen zu lassen. Aber so richtig. Weg mit der Kohle. Was kann also besseres geschehen, als sich von der Zahnärztin seines Vertrauens sagen zu lassen, daß man eine neue Krone benötige? Also nicht sie, sondern ich. So richtig schön glänzend, massiv und aus Gold. Linke Seite, oben, der vorletzte Zahn von hinten.

Als nahezu leidenschaftlicher Zahnarztgänger habe ich in meinen zwischenzeitlich zwei Rabattbüchern mehr Treuestempel als ich eigentlich benötige, so daß mir meine Krankenkasse locker aus der Hüfte den Maximalrabatt gewährt. Doch da wollte ich jetzt eigentlich gar nicht drauf raus.

Jedenfalls war es heute soweit, daß der zu krönende Zahn abgeschliffen werden sollte. Eine Prozedur, die ich schon wiederholt erlebt habe und die mir deutlich weniger ausmacht als alles, was die Dame und ihre verschiedenen Vorgänger bislang mit mir angestellt haben. Sobald wir uns darauf geeinigt hatten, daß es aus langjährig immer wiederkehrender Erfahrung im Interesse aller Beteiligten sinnvoller ist, mir direkt eine höhere Dosis Betäubungsmittel zu verabreichen als einem normalsterblichen Allerweltspatienten und selbiges auch umgesetzt wurde, konnte es losgehen.

Man machte mich darauf aufmerksam, daß es der Fall sein könne, die Prozedur gleich mal kurz unterbrechen zu müssen, weil sich da wohl noch ein Notfall, Ärztin in eigener Sache, angekündigt habe. Kein Problem, Frau Doktor, stört mich nicht. Ernsthaft. So lange die Spitze bei mir wirkt, ist alles ok und ich bin selbst auf dem Zahnarztstuhl einer der friedlichsten Menschen. Ungefähr so, wie unsere Katzen beim Tierarzt. Zumindest diejenigen aus der Katzenbande, mit denen wir das bislang ausprobiert haben.

Während der Zahn so bearbeitet wurde und sich sein Volumen reduzierte, kam sie an eine Stelle, an der die Betäubung nicht so ganz wirkte. Es ist einfach irre, wenn die so richtig in ihre Arbeit vertieft ist, die Assistentin ebenfalls, keiner mit was Bösem rechnet, weil der Patient ja schon die doppelte Dosis Betäubungsmittel erhalten hat, und selbiger dann zusammenzuckt, weil es doch noch geschmerzt hat. Hey, die Mädels haben sich richtig erschreckt; das müsst ihr auch mal versuchen. Die waren echt verdattert. Und es gab noch eine fette dritte Dosis von dem Zeug.

Zwischendurch hörte ich dann von draußen jemanden reinkommen und die Frage meiner Zahnärztin „Ist sie schon da?“ Man verneinte. Etwas später: „Und jetzt?“ Nein, immer noch nicht. Von der anderen Seite kam die breit grinsende Frage, ob man den Termin wegen Verspätung verschieben solle, aber noch bzw. wieder voller guter Laune und in ihrem (oder besser: meinem) Element verneinte Frau Doktor dieses Ansinnen.

Genau in dem Moment, als es soweit war, daß mir wieder Abdrücke genommen werden mussten, was ihre Anwesenheit vorübergehend entbehrlich machte, kam der Hinweis: „Sie ist jetzt da.“ Frau Doktor entschuldigte sich, erklärte, daß sie eben nach nebenan gehe, um schon mal die Betäubung zu setzen. Etwas später kam sie spürbar verstört wieder rein.

„Die war schon vorbetäubt.“

„Wie jetzt?“

„Die hat sich selbst zu Hause schon eine Spitze gesetzt. Ich habe nur noch etwas nachgearbeitet.“

„…“

Gut, ich war zu der Zeit nicht in der Lage, mich in irgendeiner Form an dem Gespräch zu beteiligen, jedoch bereitete mir die Vorstellung, wie eine (vermutlich) an Zahnschmerzen leidende Zahnärztin sich zu Hause vor dem Spiegel irgendwie selbst eine Betäubungsspritze setzt, schon gewisse Irritationen. 



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