Der öffentliche Dienst ist ja nicht mehr allen Ortes das, was er mal war. Auch wir – zumindest meine Behörde – ist schon im Zeitalter des Benchmarking angekommen. Lernen vom Besten. Auch wenn beim Besten ganz andere Strukturen bestehen, das Aufgabenspektrum andere Schwerpunkte hat und zur Erledigung derselben regional bedingt ganz andere Umstände vorliegen, müssen die statistischen Zahlen angeglichen werden. Natürlich in Richtung derjenigen des Besten. Egal, wie hanebüchen dies ist. Ausreißer darf es nicht geben, und seien sie noch so begründet. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Funktionieren wird angeordnet.
Man will arbeiten wie ein Wirtschaftsunternehmen. Und nimmt zu diesem Zwecke alles an, auch was die private Wirtschaft schon vor Jahren als erfolglos wieder verworfen hat. Wenn es zu Lasten der Mitarbeiter geht, kann man es ja dennoch mal austesten. Regelungen zu Gunsten des Mitarbeiters können hingegen selten bis gar nicht übernommen werden, weil die Rechtslage dies nicht vorsieht. Ein simples, aber aus meiner Erfahrung bei zahlreichen mir möglichen Blicken hinter die Kulissen zutreffendes System.
Als ich vor etwa dreißig Jahren angefangen habe bei meiner Behörde zu arbeiten, waren dort landesweit mehr als 6.000 Personen beschäftigt. Heute sind es keine 2.800 mehr, die Tendenz ist fallend. Die Zahlen sind nicht realistisch, sondern dienen nur der Verdeutlichung. Die Verhältniswerte stimmen aber. Natürlich hat hier auch die EDV das ihrige dazu beigetragen. Aber nicht nur. Leistungsverdichtung und Erledigungsdruck bei steigenden Qualitätsanforderungen heißen die Zauberworte.
Das Aufgabenspektrum der Behörde als solche wie auch des einzelnen Mitarbeiters wächst ständig, das Althergebrachte ist stetigen Veränderungen unterlegen. Lebenslanges Lernen ist bei uns unabdinglich, alle paar Wochen wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Darüber hinaus will man weg vom Spezialistentum. Jeder soll künftig tendentiell alles können. Und das bei minimalem Einarbeitungsaufwand. Bei der höchst komplexen Materie wie der unseren, welche in ihrer Gesamtheit durchaus dem Steuerrecht vergleichbar ist, ein Ding der Unmöglichkeit, soweit es über Grundkenntnisse hinausgeht.
Man muß es sich vereinfacht so vorstellen: Eine klassische Bäckerei/Konditorei hat ihr Ladenlokal in einer Einkaufsstraße. Man fertigt seine Waren noch auf traditionelle Weise selbst in der Backstube im hinteren Teil des Gebäudes an. Nun kommt der Inhaber auf den Gedanken, daß man doch auch belegte Brötchen und Partybuffets mit Selbstgemachtem anbieten könnte. Dazu gehören natürlich auch Fleisch- und Wurstwaren. Kurzerhand übernimmt man das zum Verkauf stehende Ladenlokal des örtlichen Metzgers, der sich zur Ruhe setzen will. So kann man quasi im eigenen Haus produzieren und spart den möglichen Gewinn, welcher sonst der Metzger eingestrichen hätte. Das Personal behält man, denn es weiß ja, was es zu tun hat.
Nun stellt man fest, daß man ja eigentlich ganz schön viel Personal hat. Personal kostet Geld. Geld hat man nicht. Und es gibt Tage, an denen in der Bäckerei Personal fehlt, in der Fleischerei jedoch Überhang besteht. Zum Beispiel, weil mal wieder Karfreitag vor der Tür steht und alle nur Fischbrötchen haben wollen. Da könnte man doch einfach jemanden aus der Metzgerei holen und in die Backstube stellen. Kann ja nicht so schwierig sein, denn dieser Mensch hat ja auch schon mal ein Butterbrot gegessen und weiß daher, um was es geht. Also erklärt man ihm kurz, wie man ein Brot backt. Nachdem er dieses weiß, muß er ab sofort Wurstwaren herstellen und Brote backen. Und dies ständig, damit er flexibel einsetzbar bleibt.
Sollte zwischendurch mal der Auftrag für eine Hochzeitstorte reinkommen, dann kann dieser Mensch die ja auch noch nebenbei anfertigen. Schließlich hat man ihm ja gezeigt, wie man Brot backt. Ist ja so ähnlich, das hat ja auch in irgendeiner Weise was mit dem Ofen zu tun. Genau so wie Brote backen und Würste räuchern. Und wenn er mal an einer Stelle nicht weiterkommt, kann er ja jemanden fragen gehen, der sich damit auskennt. Wenn er jemanden findet. Nebenbei sollte es auch kein Problem sein, die Kollegen der Verkaufstresen von Bäckerei und Fleischerei gleichermaßen zu unterstützen und dort auch alle Fragen der Kundschaft zu den Inhalten und Herstellungsmethoden sämtlicher angebotener Produkte locker beantworten zu können. Der Kunde vor Ort ist König und bedarf jederzeit der vollen Aufmerksamkeit, auch wenn es aus dem Ofen in der Backstube schon mächtig qualmt und niemand da ist, der ihn abschalten könnte. Wehe aber, die Zahl der von unserem Mitarbeiter produzierten Brote und Würste nimmt ab. Oder die Qualität der Torte ist nicht so wie gefordert. So etwas kann nicht toleriert werden.
Ach, was erzähle ich hier wieder für Märchengeschichten. Niemand käme doch auf die Idee, so einen Blödsinn zu verzapfen.
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