Sonntag, 23. September 2012

Von Eulen und Lerchen

Angeregt vom beständigen Klagen einer Kollegin über ihr ständiges Zu-früh-Wachwerden habe ich mir – man hat ja sonst nichts Besseres zu tun – so meine Gedanken über das Thema gemacht, soweit es mich betrifft. Gerade im Haushalt der Familie Paterfelis gibt es da ja gewaltige Diskrepanzen. Obschon ich aus dem Tierreich eher den Eulen zugeneigt bin, darf ich mich zum Schlaftypus „Lerche“ zählen, wohingegen es die zweitbeste Ehefrau von allen eindeutig in Richtung „Eule“ verschlägt. Immer wieder erfahre ich, wie sehr man mich bedauert, dem Typus „Lerche“ anzugehören. Aber ist es wirklich etwas Bedauernswertes?

Nun gut, mit dem Umstand, daß meine Angetraute und ich wirklich sehr unterschiedliche Schlaftypen sind, können wir uns in unserem Alltag arrangieren. Die letzten 14 Jahre hat es geklappt, und ich gehe davon aus, daß wir das auch noch verlängern können.

Natürlich gibt es im gemeinsamen Alltag zwischen Eulen und Lerchen schon mal sich auswirkende Unterschiede. Diese treten bei solchen Aktionen wie dem „Projekt Mädchenzimmer“, dem Umbau eines unserer Zimmer zu einem speziellen Zimmer nur für die zweitbeste Ehefrau von allen, zu Tage. Möchte ich am liebsten schon um 8 Uhr morgens an dem Projekt weiterarbeiten - noch früher möchte ich der Nachbarschaft auch nicht zumuten - tendiert die ortsansässige Eule dazu, schon mal bis 10 oder 11 Uhr zu schlafen, eine gute Stunde damit zu verbringen wach zu werden, danach noch zu frühstücken und anschließend das Ende der Mittagsruhe abzuwarten, bis man wieder Radau machen kann. Aber solche Projekte gibt es ja nicht übertrieben oft;  sie dauern dann eben nur etwas länger.

Im streng medizinischen Sinn gehöre ich zu den Kurzschläfern. Als Kurzschläfer wird – jetzt mal ganz einfach gesagt – derjenige bezeichnet, der auch ohne Wecker regelmäßig mit weniger als sechs Stunden Schlaf auskommt. Den Langschläfer zeichnet aus, ebenso regelmäßig neun Stunden Schlaf und mehr zu benötigen. Das ist im Menschen verankert, man kann nichts dagegen machen. Versucht man es dennoch, ist das eine sehr kraftraubende Prozedur. Und selten von einem durchdringenden Erfolg gekrönt, wie ich vermute.

Doch geht es mir nicht um die Schlafdauer, sondern um das frühe Wachwerden. Oft werde ich bedauert, wenn ich erzähle, daß ich regelmäßig schon gegen drei Uhr irgendwas wach bin.  Fast reflexartig kommt die Frage, ob ich denn schon um 18 Uhr ins Bett gehe. Nein, gehe ich nicht. Doch empfinde ich es nicht als schlimm, so früh wach zu sein. Natürlich wäre das etwas anderes, wenn ich durch das frühe Wachwerden nicht auf mein nötiges Schlafpensum komme, aber dem ist nicht so. Ich bin um diese Uhrzeit fit, auch wenn ich noch nicht den mindesten Wert auf Konversation lege. Ein früheres Schlafengehen als üblich hat dann eben zur Folge, daß ich noch früher wach werde.  Auch kein Drama.

Ich kann es genießen, wach im Bett zu liegen und dabei Radio zu hören. Wenn ich schlafe, merke ich nichts davon, wie gemütlich die Koje ist. Die Musik im Nachtprogramm ist ohnehin besser und wird weniger von Moderatorengequatsche unterbrochen. Herrschen allgemein keine winterlichen  Temperaturen vor, finde ich es toll, frühmorgens auf der Terrasse zu sitzen, gegebenenfalls eine Decke und eine Tasse heißen Kakao dabei (nur den echten, kein Kaba-Nesquick-Etcetera-Zeug). Die Luft ist klar und sauerstoffreich, es herrscht himmlische Ruhe. Regen bis zu einem gewissen Grad schadet auch nicht – der Vorteil einer überdachten Terrasse.

Wacht die Umgebung – außer meiner Angetrauten, da bekanntermaßen Typus Eule – auf, kann ich zu Hause in aller Ruhe vor mich hinwerkeln, Küche aufräumen und anderes tun, was der Haushalt sonst noch so zu bieten hat und keinen übermäßigen Lärm verursacht. Und zwar ohne daß mir jemand dabei vor die Füße läuft. Na ja, zumindest niemand mit weniger als vier Beinen. Alltags genieße ich die Ruhe im weitgehend leeren Bus auf der Fahrt zum Büro und die ebenfalls dort noch vorherrschende Stille. Ist am Wochenende mal nichts zu tun, ist es auch möglich, einen männertypischen Kulturfilm mit Kanonendonner und Säbelrasseln zu gucken, ohne daß man dabei gestört wird.

Kommt es hingegen mal vor, daß ich tatsächlich länger schlafe oder auch nur im Bett liege (länger schlafen = über 7 Uhr, länger im Bett liegen = über 8 Uhr), ist der Tag für mich eigentlich schon durch. Der Rhythmus ist kaputt und ehe man sich versieht, ist es schon wieder Abend – Eulenzeit.

Als bedauernswert empfinde ich es lediglich, daß der Lebensrhythmus in unserer Kultur sich eher in Richtung der Normalen und der Eulen hin entwickelt. Der Eulentypus ist cool, der macht die Nächte durch und bekommt auch entsprechendes geboten. Der Normale schafft das auch in einer gewissen Regelmäßigkeit.  Für uns Lerchen ist das natürlich eine echte Herausforderung. So wie für die Normalen und die Eulen ein zu kurzer Schlaf und das frühe Aufstehen eine Herausforderung ist, an deren Nachwehen sie noch den Rest des Tages arbeiten müssen.

Wir Lerchen müssen hingegen morgens auch noch warten, bis die Geschäfte, das Sportstudio und auch das Büro endlich öffnen. Wegen meiner könnte das öffentliche Leben um 5 Uhr morgens starten. Aber auch mit den heute vorherrschenden ekelhaft späten Öffnungszeiten kann man sich arrangieren; wir Minderheiten gewöhnen uns an so etwas.

Nö, liebe Leute, ich bin gerne eine kurzschlafende Lerche. Deswegen muß mich niemand bedauern.


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