Sonntag, 10. Juni 2018

Vorstellungen, Teil 5 - Die Not-Notaufnahme

Die erwarteten Attacken bleiben aus. Ganz im Gegenteil, bei mir baut sich ein Stimmungshoch auf. Wo kommen die Endorphine her? Ich verstehe es nicht.

Ich beginne zum Thema Lungenentzündung zu recherchieren. Man will ja zumindest grob informiert sein. Die gefundenen Information wäge ich ab, vergleiche sie miteinander. Ich gehöre nicht zu denen, die sich via Internet ihre eigene Diagnose zusammenbasteln und dann panikartig verbreiten, daß sie aufgrund ihres eingerissenen Daumennagels nunmehr einem langsamen und qualvollen Tod entgegen sehen. Aber ich will wenigstens grob wissen, was da auf mich zukommen kann, welche Abgrenzungen der Lungenentzündung es gibt, wie eine mögliche Behandlung aussehen könnte und wie lange der Spaß voraussichtlich dauern wird, ohne eine allzu großen Anspruch an eine hundertprozentige Umsetzung des theoretischen Erkenntnisgewinns zu haben. Was nicht in der Wikipedia steht, das gibt es nicht. Andererseits findet das Leben immer einen Weg, sich gegen in Stein Gemeißeltes zu behaupten.

Die Einweisung kann ich erst am nächsten Morgen abholen. Den Weg zur Praxis schaffe ich unter den gegebenen Umständen nicht zu Fuß. Es sind nur 700 Meter über eine Hügelkuppe auf halbem Weg, also im Normalfall keine Herausforderung. Aber in meinem jetzigen Zustand und unter den aktuellen Wetterbedingungen für mich schlichtweg unmöglich zu laufen. Auf einen Tag sollte es ohnehin nicht ankommen.

Am Dienstag beschrifte ich die beiden Umschläge für die AU-Meldungen. Das Ergebnis auf den Umschlägen wirkt ungelenk und fahrig, sollte aber lesbar sein. Ich hole die Einweisung  direkt zur Praxisöffnung ab, bringe auf dem Weg noch die beiden Umschläge zur nahegelegen Postfiliale, fahre wieder nach Hause. Anschließend warte ich darauf, daß die zweitbeste Ehefrau von allen ihren persönlichen Betriebszustand von Zuckt noch über Und sie bewegt sich doch auf Maschinen auf halber Kraft hin zu Ist kommunikationsbereit als vorläufiges Endstadium wechselt. Das Ist kommunikationsbereit-Stadium beinhaltet dabei schon die Möglichkeit des Ausführens weiterführender Aktionen innerhalb übersichtlicher und akzeptierbarer Parameter. Schließlich packe ich auf Weisung der zweitbesten Ehefrau von allen noch eine Tasche mit Ausrüstung für drei Übernachtungen im Krankenhaus.

Mein latentes Hochgefühl hält an. Die zweitbeste Ehefrau von allen hat schon am Vortag darauf hingewiesen, die Möglichkeit der Buchung eines Einzelzimmers unter Zahlung des Zuschlages als Differenz zu Privatpatienten im Krankenhaus zu ermitteln und die Nutzung entsprechend in Betracht zu ziehen, aber ich lehne weiterhin ab. Keine Panikattacken in Sicht. Ich biete meinerseits sogar an, zunächst alleine ins Krankenhaus zu fahren. Im Fall des Falles würde ich ja nicht direkt einkassiert werden, sondern könnte Balduin ja immer noch zurückführen und mich dann von ihr wieder in Krankenhaus fahren lassen. Es muß ja nicht sein, daß sie bei dem Wetter die ganze Zeit sinnlos da herumhängt. Das aber wiederum wird von ihr abgelehnt.

Meine Befindlichkeiten sind ihr unheimlich. Mir auch. Ich erkläre es mir in meiner Vorstellung so, daß ich dieses Mal ja Zeit zur Vorbereitung hatte und ich auch mit der Diagnose etwas anfangen konnte. Außerdem sind mir die Abläufe vor Ort nunmehr weitgehend bekannt, was allerdings nicht die grundsätzliche Problematik der Übernachtung zusammen mit Fremden in einem Zimmer aushebelt. Meinen letzten Krankenhausaufenthalt habe ich letztendlich auch psychisch als wohltuend empfunden. Ich wurde gezwungenermaßen aus allem herausgeholt, musste mich mal um nichts kümmern.  Außerdem steht ja immer noch die Aussage meines Arztes im Raum, nach der er nicht mit einem Aufenthalt im Krankenhaus rechnen würde. Die Möglichkeit einer stationären Aufnahme habe ich also schon auf dem Schirm, allerdings mit einer Wahrscheinlichkeit dagegen. Meine laienhaft naive Vorstellung liegt eher darin, daß man den Erreger eingrenzt, das passende Antibiotikum ermittelt und den Rest ambulant erledigen lässt.

Vor dem Verlassen der Wohnung sehe ich mich nochmal um. Ich erkenne deutlich, daß die vielen kleinen Handgriffe, die ansonsten wie selbstverständlich ausgeübt werden, in den letzten Tagen unterblieben sind. Mal eben auf dem Weg was hierhin oder dorthin packen, eben etwas wegwischen. Kleinkram halt, den man als dem Prinzip Ordnung nahestehender Mensch ohne nachzudenken nebenbei erledigt. All das hatte in den letzten Tagen bei mir nicht funktioniert. Es ist erschreckend.

Wir erreichen die Klinik. Die Notaufnahme ist erkennbar von Baumaßnahmen betroffen; wir werden zur Not-Notaufnahme ins Untergeschoss geleitet. Im dortigen Wartebereich sitzt der Umgebung entsprechend wartender Weise eine ältere Dame mit Begleitperson und ebensolchem Begleitkoffer. Die zweitbeste Ehefrau von allen nimmt mir meine kleine Tasche mit den Utensilien für den Tag ab und setzt sich ebenfalls. Die große Tasche verbleibt noch im Auto.  Ich warte an dem Schild, welches mich dazu auffordert, an diesem Schild zu warten, bis der Anmeldebereich der Not-Notaufnahme frei wäre. Dies ist er gerade nicht. Ich bemerke einige Rettungssanitäter, die sich dort geschäftig tummeln. Eine Trage wird hinausgefahren, eine Dame verlässt den Bereich.  Der Typ hinter mir erkundigt sich bei mir, ob ich denn immer noch warten würde. Ja, Mann, natürlich. Da drinnen geht offensichtlich die Post ab, wenn man nicht davon ausgeht, daß die Meute Rettungssanitäter da eine Party feiern. Herr, lass Hirn regnen. Oder Steine. Aber ziel gut.

Diese Gelegenheit wird von einem Muttchen – mir fällt kein anderer Begriff ein – genutzt, um mit ihrer Plastiktüte zur Anmeldung zu huschen. Sie wolle die Tüte ihrem Angehörigen bringen. Die Damen an der Anmeldung warfen baten sie direkt wieder hinaus. Ich bemerke immer noch geschäftiges Treiben von Rettungssanitätern und warte weiter. Inzwischen bilden wir zu dritt die fast kleinstmögliche ernst zu nehmende Warteschlange, welche eine solche Bezeichnung verdienen könnte. Den Tresen der Anmeldung habe ich fest im Blick. Zwei Damen wirken sehr beschäftigt. Man bemerkt mich, sagt aber nichts. Also wird der Zugang wohl weiterhin nicht freigegeben sein.

Nach weiterer Wartezeit, in der ich von drinnen nichts mehr hörte, aber auch keine Aufforderung zum Eintritt bekomme, klopfe ich an den Türrahmen und frage nach, ob der Bereich weiterhin als besetzt gelten würde. Die beiden miteinander beschäftigten Damen, welche von meiner Anwesenheit wissen, ignorieren mich weiterhin. Eine der beiden ist wohl zur Einarbeitung vor Ort und bekommt einige Erklärungen. Abseits meines bisherigen Sichtfeldes sitzt eine weitere Dame, welche mir erklärte, daß alles frei sei und ich eintreten dürfe. Hier wähne ich ein leichtes organisatorisches Problem im Ablauf, welches aber nunmehr nicht mehr das Meine ist. Ich stelle mein Anliegen dar, so daß  man mich aufnehmen kann.

Eine junge Dame in Blau geleitet mich in den hinteren Bereich der Not-Notaufnahme und weist mir eine Liege zu. Die Bereiche sind nur durch Vorhänge voneinander getrennt. Alles wirkt sehr provisorisch, aber funktionell. Emergency Room ist anders. Ich bin lieber hier. Es liegt eine sehr gute Atmosphäre in der Luft, welche aber eher psychologischer denn klimatischer Natur ist. Doch besser so als anders herum. Scherzworte fallen, man bewegt sich zügig aber ohne Hektik.

Die Dame in Blau beginnt mit der Untersuchung, misst meinen Blutdruck am rechten Arm. Dabei bemerkt Sie meine Tätowierung.  






„Hey, ein Einhorn. Damit sind Sie ja total up to date.“

Ich denke  darüber nach, daß diese Tätowierung vermutlich älter ist als die Person, welche ihrer gerade ansichtig geworden war, antwortete aber nur:

„Das Einhorn feiert auch schon seinen 25. Geburtstag.“

„Ja, daran sieht man, daß alles wiederkommt.“

Nein, Kind, eine Einhorn-Modewelle so wie in letzter Zeit hatten wir damals auch nicht.







Ich denke über eine zweite Tätowierung nach. Schon seit Jahren und auch aktuell auf der Liege sitzend. Im Moment ist mir die Sache etwas zu teuer. Es soll wieder ein plastisch gearbeitetes Bild sein und einen realistischen Bären darstellen. Einen Grizzley, Braunbären, Schwarzbären oder so ähnlich. Außen auf dem linken Unterarm. Der Platz ist fest reserviert für Papa Bär.

Die Dame in Blau misst den Sauerstoffgehalt meines Blutes, meldet jedoch massive Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Gerätes an. Die Werte sind dermaßen niedrig, daß es eigentlich nicht sein kann. Neuer Versuch an einem Finger der anderen Hand. Das Ergebnis ist vergleichbar. Es könnte einen Grund zur Beunruhigung darstellen. Später unternimmt sie einen neuen Versuch mit einem Ersatzgerät. Das Ergebnis sorgt bei ihr weiterhin nicht für Ausbrüche von Begeisterungsbekundungen.

Sie legt mir nach einiger Zeit einen Permanent-Zugang für Infusionen und schließt mich direkt an. Es gibt eine Kochsalzlösung. Meine Haut erscheint ihr etwas ausgetrocknet zu sein, ich hätte wohl in letzter Zeit zu wenig getrunken. Ausgerechnet ich. Sehr bedenklich. Nach der Entfernung des Tropfs meint sie zu mir, daß ich den Zugang als Geschenk des Hauses auHHhAUSES behalten könne, wenn ich die Notaufnahme verlasse. Ich mag keine Geschenke, nehme aber dennoch an. Es gibt sowohl Angebote als auch Geschenke, die man einfach nicht ablehnen kann.

Nach einiger Wartezeit erscheint ein junger Mann. Er stellt sich als Medizinstudent im letzten Jahr vor, führte die Untersuchung fort und möchte mir Blut aus der Arterie abnehmen. Zu diesem Zweck schnappt er sich mein linkes Handgelenk und beginnt mit seiner Tat.

„Es wird etwas länger als üblich piksen. Die Arterie ist weiter unten.“

Er sucht, pikt, sucht weiter, machte eine Bemerkung über sein Tun und einen eventuellen Schmerz meinerseits, welcher aber tatsächlich übersichtlich war.

„Junger Mann, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Sie ein guter Stecher sind, hört sich das vermutlich ziemlich scheiße an.“

Ich bemerke wie er sich beherrschte. Er zapft, dann lachte er los und sichert währenddessen den Einstichkanal.

„Ja, würde sich scheiße anhören. Der war gut. Mir fiel noch nicht mal was ein, was ich antworten könnte.“

Dann kann er ja schon mal anfangen, darüber nachzudenken. Den Spruch wird er vermutlich in dieser oder abgewandelter Form zukünftig noch häufiger hören.

Jens von der Pflege erscheint. Er schnappte sich mein rechtes Handgelenk und suchte die Arterie, um dort noch mehr Blut abzuzapfen. Es funktioniert schneller als beim Studenten.  Anschließend führt die junge Dame, welche die Eingangsuntersuchung gemacht hatte, die zweitbeste Ehefrau von allen zu mir. Sie gibt mir meine Tagestasche. Diese enthält Bücher, Taschentücher und vor allen Dingen Wasser. Wasser! Gute Maßnahme. Es ist warm dort unten und bin schon dabei, zu verschwitzen. Anschließend werde ich auf der Liege von einem mindestens kurz vor der Rente stehenden, schlecht gelaunten älteren Hutzelmännchen entführt und nach oben transportiert. Der Patientenaufzug wird von einer Dame bedient, welche den ganzen Tag nichts anderes macht als diesen Aufzug durch die Gegend zu fahren. So macht sie Kilometer um Kilometer. Wir werden uns noch häufiger begegnen. Ich erfahren aus dem kurzen Gespräch zwischen ihr und dem Hutzelmännchen, daß heute scheinbar überall im Haus Personal ein seltenes Gut ist.

Man parkt mich auf einem Flur in deutlich angenehmerer Luft. Andere Patienten warten ebenfalls, überwiegend in liegender Weise. Wir befinden uns im Röntgenbereich. Meine Mitstreiter nörgeln herum, beschimpfen die Dame, welche das Gerät bedient, fragen über den Flur rufend, ob man sie vergessen habe, obwohl sie nahezu zeitgleich mit mir dort aufgeschlagen sind. Und es ist tatsächlich noch nicht viel Zeit vergangen. Ich entspanne mich, genieße die angenehmere Luft und bemühe mich, meine Umgebung auszublenden. Wenige Minuten später ist meine Lunge von Röntgenstrahlen durchdrungen und ich werde wieder nach kurzem Zwischenparken nach unten gebracht.

Nochmal werde ich gepikst. Neue Fragen werden gestellt. Eine Ärztin huscht mal hierhin und mal dorthin, erklärt den Patienten, daß sie nun hier blieben müssen oder daß sie zur Weiterbehandlung zum Hausarzt zu gehen haben. Ich harre der Dinge. Ausharren kann ich gut.

Irgendwo im Hintergrund höre ich meinen Namen fallen. Station 1.3 wird als Zielort angesagt. Also bleibe ich wohl doch hier. Informationen habe ich nicht bekommen. Das Hutzelmännchen erscheint in jetzt deutlich besserer Laune und bringt mich auf der Liege liegend auf den Weg. Wir kommen an dem Wartebereich vorbei. Ich erwähne, daß es eventuell besser sein könnte, meine Frau mit nach oben zu nehmen. Das Hutzelmännchen bestätigt und fragt nach, welche es denn sei. Ich entscheide mich für die Dame ganz hinten sitzend, welche uns gerade bemerkt hat. Ich winke ihr zu, sie möge mitkommen. Die zweitbeste Ehefrau von allen kommt und sieht mich irritiert-irre an. Ich weiß, daß sie beim dem Arztgespräch gerne dabei gewesen wäre, weswegen ich auch darum gebeten hätte, sie zu dem Gespräch reinzuholen, bevor ich ihr später wieder tausend sehr spezifische Fragen beantworten soll, was ich ohnehin nicht kann. Ich bin Mann und reduziere auf das Wesentliche. Aber ein Gespräch hat ja nicht stattgefunden. Ich weiß nur aus dem aufgeschnappten Wortfetzen, daß es auf die Station geht. Dies versuche ich, ihr mehrfach zu verdeutlichen. Scheint irgendwann geklappt zu haben.

Auf der Station werde ich in einem Dreibettzimmer untergebracht. Die Schwester ist erleichtert, daß ich vollkommen mobil bin und selber gehen kann. Man hatte mich wohl auf der ältesten vorhandenen Liege untergebracht, welche sich nicht mehr übertrieben gut und leichtgängig bewegen ließe. Ja, das in Verbindung mit meinem Gewicht dürfte zu Begeisterungsstürmen geführt haben. Im Nachhinein bin ich leicht beeindruckt, wie souverän das Hutzelmännchen mit durch die Gegend bugsiert hat. Aber er ist da Profi und macht den ganzen Tag nichts anderes.

Wir betreten das Zimmer. Zwei Männer liegen in ihren Betten. Ich sage die Tageszeit und bekomme freundlich Antwort. Ich bin auf Station. Alles ist gut. Keine Panikattacke im Anzug. Nicht mal ein Hauch davon.




2 Kommentare:

  1. entschuldige mein GRINSEN bei deinem leutseligen Bericht, aber du beschreibst die AUFNAHME so was von köstlich, dass ich es mir einfach nicht verkneifen kann.
    Hm, die Zweitbeste Ehefrau von allen kann nun doch nicht - an deiner seite - siehe 3-Bettzimmer bevölkert von anderen MITHERRPATIENTEN beliben um die weiteren Aktivitäten die mit dir beabsichtigt sind - mitzuverfolgen, au weia, dann steht dir bevor: danach alles wiederkäunen und hoffen dass dein Gesundheitszustand, nun etwas lädiert gut verstanden wird.
    Bitte um Benachrichtigungen durch deinen avantar in der Leseliste meiner seite, damit mir nichts entgeht!
    in freudiger Erwartung..und Gespanntheit.
    Angelface

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    1. Selbstverständlich habe ich ihr immer einen Tagesrapport erstellt, wie sich das gehört. Und da sie sich in medizinischen Dingen etwas auskennt, wird sie wohl erfasst haben, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Hoffe ich.

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