Ich muß inhalieren, Sauerstoff atmen, immer wieder eine
Infusion über mich ergehen lassen. Passt schon, so bin ich beschäftigt, wenn
ich gerade nicht lesen möchte. Mit meinen Zimmergenossen verstehe ich mich
soweit gut. Herr Fleische redet zwar oft und schwer verständlich, wenn er gerade
stört, ist aber nicht zu aufdringlich. Auch Herr Reinmann ist dahingehend gut
erträglich.
Herr Reinmann flaxt kurz mit der Krankenschwester über den
im Zimmer aufgestellten Fernseher. Der dürfte wohl seine fünfzig Jahre auf dem Buckel haben. Die Schwester
entgegnet mit todernstem Blick, daß in diesem Haus, welches wohl auch fünfzig
Jahre alt sei, schlichtweg alles fünfzig Jahre alt sein müsse, da es wohl noch
nie renoviert worden sei. Ich bin geneigt, ihrer Vermutung zuzustimmen und
freue mich darüber, daß ich im gleichen Alter befindlich durchaus einige
Renovierungen hinter mir habe.
Den Aufbau meines Laptops kann ich vergessen. Es war beim
letzten Krankenhausaufenthalt ganz angenehm, ihn dabei zu haben, insbesondere
natürlich für die Berichterstattung im Blog, aber hier fehlt es massiv an
Steckdosen. Zu viele Extrageräte verlangen nach Stromzufuhr. Alle Steckdosen
sind belegt. Ich habe mein Smartphone, das genügt. Damit gehe ich aber eher
selten ins Internet. Es ist mir einfach zu unkomfortabel und zu klein. Die
Augen lassen schließlich auch irgendwann mal nach. Aber die Kommunikation zur Außenwelt steht.
Fernseher und Telefon werden für mich nicht angemeldet, die Dinger benötige ich
nicht. Ich melde mich bei meinen Eltern und teile mit, daß ich wohl kaum an den
Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit der Schwiegereltern teilnehmen werde. Meine
Eltern äußern die Vorstellung, daß sie betreffend nun alles abgesagt wird, denn
meine Familie ist nicht sehr feier- und besuchsfreudig. Und dies erst recht
nicht, wenn es mit einer Übernachtung außerhalb der eigenen vier Wände
verbunden ist. Zumindest da weiß ich,
woher ich es habe.
Ich hoffe, daß niemand auf den Gedanken kommt, mich hier zu
besuchen. Immerhin werden meine Eltern ab morgen für den Rest der Woche in der
Nähe sein, denn der bloße Krankenausaufenthalt des Schwiegersohnes ist mit
Sicherheit für meine Schwiegereltern kein Grund, irgendwelche Feiern abzusagen.
Finde ich auch ganz in Ordnung so. Ich mag keine Krankenhausbesuche. Der
Besucher hat ohnehin keinen Bock da drauf, und für mich ist es auch keine
Ablenkung. Man kann sich nicht vernünftig unterhalten und wartet dem Grunde
nach nur darauf, daß die Zeit herum ist und man sich wieder verabschieden kann.
Schon als Kind konnte ich mich gut alleine beschäftigen und kann es heute auch
noch.
Die zweitbeste Ehefrau von allen zeigt sich eher
verzweifelt, muß sie doch am Donnerstag alleine mit Eltern und Schwiegereltern
zum Chinamann. Das Fünkchen Hoffnung besteht in Yvonne, Schwiegermutters
Freundin, welcher wir bekanntlich im Vorfeld von der erbetenen Anwesenheit auf
der Hauptfeier befreien und auf den Donnerstag umlegen konnten.
Die ärztliche Visite findet statt. Die Oberärztin, der junge
Stationsarzt und ein weiterer Medizinmann halten sie ab. Alle sind sehr
freundlich. Die Oberärztin erklärt mir dies und das. Schließlich fragt sie
mich, ob ich rauche. Ich verneine. Ob ich denn früher mal geraucht habe.
Wiederum verneine ich.
„Och nö, Herr Paterfelis, dann haben wir mit Ihnen ja nicht
viel zu tun. Sie sind die rühmliche Ausnahme hier auf der Station.“
Ich war schon immer etwas anders.
Mittags gab es Reis mit einem Curry. Das Essen ist besser
gewürzt als früher. Ein Eindruck, der sich halten wird.
Nachmittags erklärt mir die Krankenschwester, daß ich, wie
ich ja schon wisse… Nein, weiß ich nicht. Da hat wohl jemand vergessen, mir
etwas in detaillierterer Form mitzuteilen. Dies wird sich für den Rest des
Tages noch wiederholen. Der nächste, der ein Gespräch, an dem ich beteiligt
bin, mit den Worten „Wie Sie ja schon wissen…“ beginnt, bekommt auf die Glocke.
Abweichungen aber inhaltsgleiche Aussagen zählen genauso.
Also gut, wie ich weiß,
werde ich aufgrund des Verdachts der Schlafapnoe in der Nacht an ein Gerät
angeschlossen, welches meinen Schlaf aufzeichnet. Die Nachtschwester wird
dieses Gerät gegen 22.00 Uhr anschließen. Es soll mindestens acht Stunden
laufen. Mein üblicher Schlafrhythmus ist etwas
abweichend. Ich bin gespannt. Herr Reinmann erzählt, daß er das Gerät mit der
Schlafmaske am Vorabend tragen musste, aber nach etwa fünf Minuten unter der
Maske Panik bekommen hatte. Ich sehe der Sache mit positivem Interesse
entgegen. Aber das ist die Geschichte von morgen, heute wird erst mal nur
gemessen.
Ich selbst unternehme kleinere Spaziergänge ohne die mobile
Sauerstoffversorgung. Es gibt Patienten, die brauchen den Sauerstoff, und es
gibt Patienten, die brauchen den
Sauerstoff. Es mangelt an genügend Geräten für alle. Und ich bin niemals lange
unterwegs, denn schließlich wird mein Typ in unregelmäßigen Abständen verlangt.
Sei es für eine neue Infusion oder mal wieder für eine Blutabnahme vom heißen Öhrchen.
Zur Vorbereitung einer solchen Blutabnahme wird das
Ohrläppchen mit einer durchblutungsfördernden Flüssigkeit oder einem
entsprechenden Gel versehen. Fällt der schützende „Verband“ ab, sollte er dort
wo er ist liegen bleiben, bis die Schwester ihn entfernt. Natürlich fällt auch
mir dieser Verband ab. Ich lasse ihn unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung
liege, bis – ja, bis ich ihn dann doch reflexhaft aufnehme. Ich bin mir der
Nebenwirkungen meiner Tat durchaus bewusst. Dennoch gerate ich ebenso
reflexhaft an mein juckendes Auge. Ich bin mir die ganze Zeit über bewusst, daß
ich mit den beiden fraglichen Fingern gerade nicht ans Auge geraten sollte und
mache es trotzdem. Damit bin ich dann für die nächste Zeit beschäftigt.
Auswaschen ist schlecht, denn ich hänge am Tropf. Lassen wir den Tränen ihren
freien Lauf und sie das tun, wozu sie da sind. Die brennende Haut rund ums Auge
darf vor sich hin brennen. Immerhin habe ich nicht reingefasst, sondern nur den
Rand berührt. Nach etwa 15 Minuten hat sich wieder alles weitgehend beruhigt.
Ich kann noch sehen.
Eine Schwester erklärt Herr Fleische ruhig aber sehr
bestimmt, daß er bestimmte Dinge gefälligst regelmäßig zu tun habe, wenn er jemals
wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden will. Dazu gehört auch das
regelmäßige Tragen der Atemmaske. Herr Fleische mault vor sich hin und brabbelt
etwas in Richtung „Sie sind aber hart.“ – „Ja, Herr Fleische, was Sie gerade
mit dem Finger gemacht haben, das mache ich mit der Stimme. Und jetzt los!“
Widerspruch ist zwecklos.
Eine Physiotherapeutin erscheint mit einer Lernenden. Sie
tastet mich ab, massiert mich im Lungenbereich und gibt mir ein Gerät zum
Lungentraining. Es ist ausgelegt auf ein Atemvolumen von 2,5 Litern. Wir sind
uns sofort einig, daß dies viel zu wenig für mich sei. Früher habe man über
größere Geräte verfügt, aber seit man Lungenfachklinik geworden sei, gebe es
nur noch diese kleinen.
Auch die Nachtschwester beginnt mir irgendetwas mit den
Worten „Wie Sie ja schon wissen…“ zu erläutern. Ich beherrsche mich und gebe
ihr nicht auf die Glocke. Nein, weiß ich weiterhin nicht. Ich erkläre ihr, daß
der Kommunikationsfluss im Haus wohl eher ein kleines Rinnsal sei. Sie schaut
mich gequält an und meint, daß ich heute einen Arzt gesehen habe sei doch schon
ein echter Erfolg. Es gäbe hier im Moment Tage, an denen man noch nicht mal das
hinbekommt. Es fehlt allen Ortes an Personal. Ich vermerke für mich positiv,
daß Sie sich das im Umgang mit den Patienten zumindest nicht anmerken lassen
und Sicherheit vermitteln. Immerhin.
Ich erhalte später noch eine Infusion. Pfleger Abdul legt
sie mir an und verspricht eine zeitnahe Entfernung. Dann muß er verschwinden.
Auf dem Gang sehe ich Pflegepersonal entlangflitzen. Später erscheint Abdul
nochmal, kümmert sich um die Atemmaske von Herrn Fleische, macht mir ein heißes
Öhrchen und verspricht die Entfernung des Infusionsschlauches bei nächster
Gelegenheit. Ich bemerke die sich ausbreitende Hektik draußen und bleibe
entspannt. Irgendwo brüllt einer herum, daß ein Notfall vorliege. Nach geraumer
Zeit nimmt mir Abdul am Ohrläppchen Blut ab, verspricht erneut, sich gleich um
den Infusionsschlauch zu kümmern und ist weg.
So langsam wird es unangenehm, denn ich müsste mal auf den
Thron und möchte vermeiden, dies mit angelegter Infusion zu tun, auch wenn es
wohl möglich wäre. Die Zeit des Schichtwechsels nähert sich. Ich betätige den
Schwesternrufknopf in der Hoffnung, daß sich die Nachtschwester hier zeitnah
blicken lässt. Eine entsprechende Erwartungshaltung sollte jedoch nicht
aufgebaut werden, denn schon häufiger ist es geschehen, daß ein Schwesternruf
aus unserem Zimmer für mindestens 30 Minuten ohne Reaktion verblieben ist, was
durchaus zu erheblicher Unruhe bei Herrn Fleische führt. Zumindest, wenn er
seine Beruhigungsmittel nicht genommen hatte. In Notfällen hat es sich bewährt,
auf dem Flur einen solchen Notfall durch lautes Rufen zu verdeutlichen,
möglichst unter Hinweis auf fließendes Blut. So wie im Nachbarzimmer geschehen.
Als echten Notfall betrachte ich mich jedoch nicht.
Die Nachtschwester taucht tatsächlich unmittelbar nach
Schichtübernahme auf und befreit mich. Sie
wolle mir gleich noch das Überwachungsgerät anlegen. Ich sage zur Schwester,
daß ich jetzt dringlich auf die Örtlichkeit verschwände und mir für die Zeit
danach nichts weiter vorgenommen hätte. Sie ist zufrieden.
Gemeinsam mit Michael, dem technisch beauftragten Pfleger,
der ausnahmslos alle Geräte zu kennen hat, werde ich in Gurtzeug geschnallt,
auf der Brust einen Kasten tragend, welcher auch dort zu bleiben hat. Auf dem
Bauch zu schlafen scheint mir ausgeschlossen zu sein, aber eine ordentliche
Seitenlage ist problemlos machbar. Mehr erwarte ich nicht.
Ich schlafe tatsächlich für meine Begriffe tief und fest.
Das Chaos, welches in der Nacht im Zusammenhang mit der laut gewordenen
Maschine eintritt, an die Herr Fleische angeschlossen ist, verpasse ich ebenso
wie die Atemschwierigkeiten Herrn Reinmanns, bei dem ein kleiner Noteinsatz der
Nachtschwester erforderlich wurde.
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