Dienstag, 12. Juni 2018

Vorstellungen, Teil 7 - Erkenntnisse

Ich wache auf. Tatsächlich habe ich dank meiner Ohrenstöpsel schlafen können. Mein eigener Geruch ist mir selbst unerträglich. Zu viel Stoff bedeckt mich. Zu Hause schlafe ich ganzjährig mit einer Bekleidung, in der ich noch nicht mal mit einer Idealfigur die Tür öffnen würde. Hin und wieder gibt es ein Bettlaken oben drauf, im Winter auch mal zusätzlich eine Wolldecke und fertig. Im Krankenhaus lässt sich das kaum umsetzen, sollte man doch ein Mindestmaß an Anstand wahren wollen. Ich warte ab, bis mir die Schwester den nächsten Tropf wieder entfernt hat und schmeiße mich unter die Dusche. Ein wesentlicher Schritt zur Menschwerdung ist in meiner Vorstellung damit vollbracht.

Ich muß inhalieren, Sauerstoff atmen, immer wieder eine Infusion über mich ergehen lassen. Passt schon, so bin ich beschäftigt, wenn ich gerade nicht lesen möchte. Mit meinen Zimmergenossen verstehe ich mich soweit gut. Herr Fleische redet zwar oft und schwer verständlich, wenn er gerade stört, ist aber nicht zu aufdringlich. Auch Herr Reinmann ist dahingehend gut erträglich.

Herr Reinmann flaxt kurz mit der Krankenschwester über den im Zimmer aufgestellten Fernseher. Der dürfte wohl seine fünfzig  Jahre auf dem Buckel haben. Die Schwester entgegnet mit todernstem Blick, daß in diesem Haus, welches wohl auch fünfzig Jahre alt sei, schlichtweg alles fünfzig Jahre alt sein müsse, da es wohl noch nie renoviert worden sei. Ich bin geneigt, ihrer Vermutung zuzustimmen und freue mich darüber, daß ich im gleichen Alter befindlich durchaus einige Renovierungen hinter mir habe.

Den Aufbau meines Laptops kann ich vergessen. Es war beim letzten Krankenhausaufenthalt ganz angenehm, ihn dabei zu haben, insbesondere natürlich für die Berichterstattung im Blog, aber hier fehlt es massiv an Steckdosen. Zu viele Extrageräte verlangen nach Stromzufuhr. Alle Steckdosen sind belegt. Ich habe mein Smartphone, das genügt. Damit gehe ich aber eher selten ins Internet. Es ist mir einfach zu unkomfortabel und zu klein. Die Augen lassen schließlich auch irgendwann mal nach.  Aber die Kommunikation zur Außenwelt steht. Fernseher und Telefon werden für mich nicht angemeldet, die Dinger benötige ich nicht. Ich melde mich bei meinen Eltern und teile mit, daß ich wohl kaum an den Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit der Schwiegereltern teilnehmen werde. Meine Eltern äußern die Vorstellung, daß sie betreffend nun alles abgesagt wird, denn meine Familie ist nicht sehr feier- und besuchsfreudig. Und dies erst recht nicht, wenn es mit einer Übernachtung außerhalb der eigenen vier Wände verbunden ist.  Zumindest da weiß ich, woher ich es habe.

Ich hoffe, daß niemand auf den Gedanken kommt, mich hier zu besuchen. Immerhin werden meine Eltern ab morgen für den Rest der Woche in der Nähe sein, denn der bloße Krankenausaufenthalt des Schwiegersohnes ist mit Sicherheit für meine Schwiegereltern kein Grund, irgendwelche Feiern abzusagen. Finde ich auch ganz in Ordnung so. Ich mag keine Krankenhausbesuche. Der Besucher hat ohnehin keinen Bock da drauf, und für mich ist es auch keine Ablenkung. Man kann sich nicht vernünftig unterhalten und wartet dem Grunde nach nur darauf, daß die Zeit herum ist und man sich wieder verabschieden kann. Schon als Kind konnte ich mich gut alleine beschäftigen und kann es heute auch noch.

Die zweitbeste Ehefrau von allen zeigt sich eher verzweifelt, muß sie doch am Donnerstag alleine mit Eltern und Schwiegereltern zum Chinamann. Das Fünkchen Hoffnung besteht in Yvonne, Schwiegermutters Freundin, welcher wir bekanntlich im Vorfeld von der erbetenen Anwesenheit auf der Hauptfeier befreien und auf den Donnerstag umlegen konnten.

Die ärztliche Visite findet statt. Die Oberärztin, der junge Stationsarzt und ein weiterer Medizinmann halten sie ab. Alle sind sehr freundlich. Die Oberärztin erklärt mir dies und das. Schließlich fragt sie mich, ob ich rauche. Ich verneine. Ob ich denn früher mal geraucht habe. Wiederum verneine ich.

„Och nö, Herr Paterfelis, dann haben wir mit Ihnen ja nicht viel zu tun. Sie sind die rühmliche Ausnahme hier auf der Station.“

Ich war schon immer etwas anders.

Mittags gab es Reis mit einem Curry. Das Essen ist besser gewürzt als früher. Ein Eindruck, der sich halten wird.

Nachmittags erklärt mir die Krankenschwester, daß ich, wie ich ja schon wisse… Nein, weiß ich nicht. Da hat wohl jemand vergessen, mir etwas in detaillierterer Form mitzuteilen. Dies wird sich für den Rest des Tages noch wiederholen. Der nächste, der ein Gespräch, an dem ich beteiligt bin, mit den Worten „Wie Sie ja schon wissen…“ beginnt, bekommt auf die Glocke. Abweichungen aber inhaltsgleiche Aussagen zählen genauso.

Also gut, wie ich weiß, werde ich aufgrund des Verdachts der Schlafapnoe in der Nacht an ein Gerät angeschlossen, welches meinen Schlaf aufzeichnet. Die Nachtschwester wird dieses Gerät gegen 22.00 Uhr anschließen. Es soll mindestens acht Stunden laufen. Mein üblicher Schlafrhythmus ist etwas abweichend. Ich bin gespannt. Herr Reinmann erzählt, daß er das Gerät mit der Schlafmaske am Vorabend tragen musste, aber nach etwa fünf Minuten unter der Maske Panik bekommen hatte. Ich sehe der Sache mit positivem Interesse entgegen. Aber das ist die Geschichte von morgen, heute wird erst mal nur gemessen.

Ich selbst unternehme kleinere Spaziergänge ohne die mobile Sauerstoffversorgung. Es gibt Patienten, die brauchen den Sauerstoff, und es gibt Patienten, die brauchen den Sauerstoff. Es mangelt an genügend Geräten für alle. Und ich bin niemals lange unterwegs, denn schließlich wird mein Typ in unregelmäßigen Abständen verlangt. Sei es für eine neue Infusion oder mal wieder für eine Blutabnahme vom heißen Öhrchen.

Zur Vorbereitung einer solchen Blutabnahme wird das Ohrläppchen mit einer durchblutungsfördernden Flüssigkeit oder einem entsprechenden Gel versehen. Fällt der schützende „Verband“ ab, sollte er dort wo er ist liegen bleiben, bis die Schwester ihn entfernt. Natürlich fällt auch mir dieser Verband ab. Ich lasse ihn unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung liege, bis – ja, bis ich ihn dann doch reflexhaft aufnehme. Ich bin mir der Nebenwirkungen meiner Tat durchaus bewusst. Dennoch gerate ich ebenso reflexhaft an mein juckendes Auge. Ich bin mir die ganze Zeit über bewusst, daß ich mit den beiden fraglichen Fingern gerade nicht ans Auge geraten sollte und mache es trotzdem. Damit bin ich dann für die nächste Zeit beschäftigt. Auswaschen ist schlecht, denn ich hänge am Tropf. Lassen wir den Tränen ihren freien Lauf und sie das tun, wozu sie da sind. Die brennende Haut rund ums Auge darf vor sich hin brennen. Immerhin habe ich nicht reingefasst, sondern nur den Rand berührt. Nach etwa 15 Minuten hat sich wieder alles weitgehend beruhigt. Ich kann noch sehen.

Eine Schwester erklärt Herr Fleische ruhig aber sehr bestimmt, daß er bestimmte Dinge gefälligst regelmäßig zu tun habe, wenn er jemals wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden will. Dazu gehört auch das regelmäßige Tragen der Atemmaske. Herr Fleische mault vor sich hin und brabbelt etwas in Richtung „Sie sind aber hart.“ – „Ja, Herr Fleische, was Sie gerade mit dem Finger gemacht haben, das mache ich mit der Stimme. Und jetzt los!“ Widerspruch ist zwecklos.

Eine Physiotherapeutin erscheint mit einer Lernenden. Sie tastet mich ab, massiert mich im Lungenbereich und gibt mir ein Gerät zum Lungentraining. Es ist ausgelegt auf ein Atemvolumen von 2,5 Litern. Wir sind uns sofort einig, daß dies viel zu wenig für mich sei. Früher habe man über größere Geräte verfügt, aber seit man Lungenfachklinik geworden sei, gebe es nur noch diese kleinen.

Auch die Nachtschwester beginnt mir irgendetwas mit den Worten „Wie Sie ja schon wissen…“ zu erläutern. Ich beherrsche mich und gebe ihr nicht auf die Glocke. Nein, weiß ich weiterhin nicht. Ich erkläre ihr, daß der Kommunikationsfluss im Haus wohl eher ein kleines Rinnsal sei. Sie schaut mich gequält an und meint, daß ich heute einen Arzt gesehen habe sei doch schon ein echter Erfolg. Es gäbe hier im Moment Tage, an denen man noch nicht mal das hinbekommt. Es fehlt allen Ortes an Personal. Ich vermerke für mich positiv, daß Sie sich das im Umgang mit den Patienten zumindest nicht anmerken lassen und Sicherheit vermitteln. Immerhin.

Ich erhalte später noch eine Infusion. Pfleger Abdul legt sie mir an und verspricht eine zeitnahe Entfernung. Dann muß er verschwinden. Auf dem Gang sehe ich Pflegepersonal entlangflitzen. Später erscheint Abdul nochmal, kümmert sich um die Atemmaske von Herrn Fleische, macht mir ein heißes Öhrchen und verspricht die Entfernung des Infusionsschlauches bei nächster Gelegenheit. Ich bemerke die sich ausbreitende Hektik draußen und bleibe entspannt. Irgendwo brüllt einer herum, daß ein Notfall vorliege. Nach geraumer Zeit nimmt mir Abdul am Ohrläppchen Blut ab, verspricht erneut, sich gleich um den Infusionsschlauch zu kümmern und ist weg.

So langsam wird es unangenehm, denn ich müsste mal auf den Thron und möchte vermeiden, dies mit angelegter Infusion zu tun, auch wenn es wohl möglich wäre. Die Zeit des Schichtwechsels nähert sich. Ich betätige den Schwesternrufknopf in der Hoffnung, daß sich die Nachtschwester hier zeitnah blicken lässt. Eine entsprechende Erwartungshaltung sollte jedoch nicht aufgebaut werden, denn schon häufiger ist es geschehen, daß ein Schwesternruf aus unserem Zimmer für mindestens 30 Minuten ohne Reaktion verblieben ist, was durchaus zu erheblicher Unruhe bei Herrn Fleische führt. Zumindest, wenn er seine Beruhigungsmittel nicht genommen hatte. In Notfällen hat es sich bewährt, auf dem Flur einen solchen Notfall durch lautes Rufen zu verdeutlichen, möglichst unter Hinweis auf fließendes Blut. So wie im Nachbarzimmer geschehen. Als echten Notfall betrachte ich mich jedoch nicht.

Die Nachtschwester taucht tatsächlich unmittelbar nach Schichtübernahme auf und befreit mich. Sie wolle mir gleich noch das Überwachungsgerät anlegen. Ich sage zur Schwester, daß ich jetzt dringlich auf die Örtlichkeit verschwände und mir für die Zeit danach nichts weiter vorgenommen hätte. Sie ist zufrieden.

Gemeinsam mit Michael, dem technisch beauftragten Pfleger, der ausnahmslos alle Geräte zu kennen hat, werde ich in Gurtzeug geschnallt, auf der Brust einen Kasten tragend, welcher auch dort zu bleiben hat. Auf dem Bauch zu schlafen scheint mir ausgeschlossen zu sein, aber eine ordentliche Seitenlage ist problemlos machbar. Mehr erwarte ich nicht.

Ich schlafe tatsächlich für meine Begriffe tief und fest. Das Chaos, welches in der Nacht im Zusammenhang mit der laut gewordenen Maschine eintritt, an die Herr Fleische angeschlossen ist, verpasse ich ebenso wie die Atemschwierigkeiten Herrn Reinmanns, bei dem ein kleiner Noteinsatz der Nachtschwester erforderlich wurde.





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