Samstag, 9. Juni 2018

Vorstellungen, Teil 4 - Erste Diagnosen

Herr Müller betritt nach Aufruf das Sprechzimmer, benötigt nicht viel Zeit, danach bin ich an der Reihe. Nicht ganz unerwartet wird der geäußerte Verdacht hinsichtlich des Pfeifferschen Drüsenfiebers entkräftet. Man diagnostiziert vielmehr einen Virusinfekt, wie er für diese Jahreszeit üblich sei, und schreibt mich für den Rest der Woche arbeitsunfähig. Aus der Apotheke soll ich mir ein paar Hustenlöser und Zinktabletten besorgen. Ach ja, und etwas Blut möchte ich auch noch vor Ort lassen. Man will es mal untersuchen, nur um nichts zu übersehen.

Ich gehe wieder an den Empfang. Die Mitarbeiterin am Empfang gehört auch schon zum Inventar der Praxis. Sie ist in den letzten Jahren ziemlich alt geworden, wie mir scheint. Alle werden äußerlich älter, nur ich nicht. Das würde ich ja merken. Innerlich sowieso nicht. Auch mit Fünfzig habe ich noch die gleichen Flausen im Kopf wie mit Dreißig. Vielleicht nicht wie mit Zwanzig, das räume ich hier ein. Ich werde direkt weiter zum Blutabnahmezimmer geleitet.

„Winken Sie da einmal rein und nehmen Blickkontakt mit der Kollegin auf, damit sie weiß, daß wir noch etwas für sie haben.“

Das mache ich gerne. Die Aufnahme des Blickkontaktes gestaltet sich problemlos. Blickkontakt kann ich. Auch diese Mitarbeiterin ist schon länger dabei, als ich hier Patient bin. Sehr sympathisch. Etwa mein Alter, vielleicht etwas mehr. Sie fällt unter anderen Umständen in mein Beuteschema. Ich lasse mich von ihr anstechen, schleppe mich in die Apotheke und erstatte zu Hause Bericht, bevor die zweitbeste Ehefrau von allen zu einem eigenen Termin bei einem Orthopäden fährt. Sie hat schon länger Probleme mit einem Fuß. Massive Probleme. Der Anruf bei der Praxis führte seinerzeit zu einer Terminvergabe für einen Zeitpunkt mehr als elf Wochen in der Zukunft.

„Aber es ist ein akuter Fall mit Schmerzen. Ich bin beruflich zwingend darauf angewiesen, den Fuß nutzen zu können.“

„ Ja, das habe ich ja verstanden. Deswegen bekommen Sie ja auch so schnell einen Termin.“

 „…“

Wir gelten hier übrigens als medizinisch überversorgt. Aber das nur mal so am Rande.

Schließlich melde ich mich nochmal bei Frl. Hasenclever und sorge dafür, daß sie noch etwas mehr rotiert. Da meine verbale Kommunikationsfähigkeit zunehmend eingeschränkt ist kündige ich an, weitere Hinweise zum Umgang mit den auf meinem Tisch befindlichen Vorgängen per WhatsApp zu schicken. Ich habe da schon was vorbereitet. Nach einer Stunde bekomme ich die Vollzugsmitteilung. Läuft. So stelle ich mir das vor.

Weniger läuft es bei der zweitbesten Ehefrau von allen. Ungezählte Stunden später ist sie wieder da, knapp bevor sie zu ihrem ersten Kurstermin aufbrechen muss. In der orthopädischen Praxis war Chaostag. Das Röntgengerät ist ausgefallen, der Arzt kam erst nach Stornierung seines Heimfluges in der Nacht nur Stunden vor Beginn der Sprechzeit aus seinem Urlaub zurück, die Patienten sind überwiegend laut und unbeherrscht. Das dortige Praxisteam musste heute einiges aushalten. Die zweitbeste Ehefrau von allen verteilte hingegen positive Schwingungen, welche man dort dankbar aufnahm. Es änderte jedoch nichts daran, daß sie nochmals dort vorstellig werden müsse. Man vermutet einen Ermüdungsbruch im Fuß. Für den Rest des Halbjahres werden die Kurse auf Sparflamme betrieben, nach Möglichkeit in den Ferien zusammengelegt oder vertreten. Das führt natürlich auch zu einem Einnahmeausfall, aber es geht eben nicht anders. Das Los der Selbständigkeit.

Das Telefon klingelt. Mein Arzt ruft an und bittet über den vorgeschalteten Anrufbeantworter dringlich um Rückruf. Die Laborwerte hätten noch was ergeben. Nachdem ich das Telefon erreicht hatte, komme ich der dringlichen Bitte nach. Die Laborwerte ergaben einen zu hohen Entzündungswert im Blut. Der Verdacht läuft nun in Richtung Lungenentzündung. Man würde mir eine Einweisung ins Krankenhaus vorbereiten, die ich nur noch am Empfang der Praxis abholen müsse. Einige erforderliche Untersuchungen seien nur im Krankenhaus möglich. Die Einweisung bedeute jetzt nicht, daß ich da blieben solle, die würde nur für die Abrechnung des Krankenhauses benötigt. Kann man glauben, muß man aber nicht.

Krankenhaus. Mit wildfremden Menschen auf einem Zimmer. Auch in der Nacht. Eingeschränkte Aktionsmöglichkeiten auch in der persönlichen Körperhygiene. Und das bei dem Höllenwetter. Genau wie beim letzten Mal!

Ich warte auf das Einsetzen der Panikattacken.




Kommentare:

  1. Ein Krimi! Ich hoffe, unterdessen kann man zur geglückten Genesung gratulieren.
    Mein Hypochonder Herz fühlt mit.

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    1. Sagen wir es mal so: Der Auslöser von all dem ist nicht mehr im Zentrum meines Augenmerks.

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  2. halten sie durch, und gute besserung!

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    1. Zum Durchhalten gab es keine Alternative. Wenn die Ärzteschaft einen mal in den Klauen hat...

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