Herr Müller betritt nach Aufruf das Sprechzimmer, benötigt
nicht viel Zeit, danach bin ich an der Reihe. Nicht ganz unerwartet wird der
geäußerte Verdacht hinsichtlich des Pfeifferschen Drüsenfiebers entkräftet. Man
diagnostiziert vielmehr einen Virusinfekt, wie er für diese Jahreszeit üblich
sei, und schreibt mich für den Rest der Woche arbeitsunfähig. Aus der Apotheke
soll ich mir ein paar Hustenlöser und Zinktabletten besorgen. Ach ja, und etwas
Blut möchte ich auch noch vor Ort lassen. Man will es mal untersuchen, nur um
nichts zu übersehen.
Ich gehe wieder an den Empfang. Die Mitarbeiterin am Empfang
gehört auch schon zum Inventar der Praxis. Sie ist in den letzten Jahren ziemlich
alt geworden, wie mir scheint. Alle werden äußerlich älter, nur ich nicht. Das
würde ich ja merken. Innerlich sowieso nicht. Auch mit Fünfzig habe ich noch
die gleichen Flausen im Kopf wie mit Dreißig. Vielleicht nicht wie mit Zwanzig,
das räume ich hier ein. Ich werde direkt weiter zum Blutabnahmezimmer geleitet.
„Winken Sie da einmal rein und nehmen Blickkontakt mit der
Kollegin auf, damit sie weiß, daß wir noch etwas für sie haben.“
Das mache ich gerne. Die Aufnahme des Blickkontaktes
gestaltet sich problemlos. Blickkontakt kann ich. Auch diese Mitarbeiterin ist
schon länger dabei, als ich hier Patient bin. Sehr sympathisch. Etwa mein
Alter, vielleicht etwas mehr. Sie fällt unter anderen Umständen in mein
Beuteschema. Ich lasse mich von ihr anstechen, schleppe mich in die Apotheke
und erstatte zu Hause Bericht, bevor die zweitbeste Ehefrau von allen zu einem
eigenen Termin bei einem Orthopäden fährt. Sie hat schon länger Probleme mit
einem Fuß. Massive Probleme. Der Anruf bei der Praxis führte seinerzeit zu
einer Terminvergabe für einen Zeitpunkt mehr als elf Wochen in der Zukunft.
„Aber es ist ein
akuter Fall mit Schmerzen. Ich bin beruflich zwingend darauf angewiesen, den
Fuß nutzen zu können.“
„ Ja, das habe ich ja verstanden. Deswegen bekommen Sie ja
auch so schnell einen Termin.“
„…“
Wir gelten hier übrigens als medizinisch überversorgt. Aber
das nur mal so am Rande.
Schließlich melde ich mich nochmal bei Frl. Hasenclever und
sorge dafür, daß sie noch etwas mehr rotiert. Da meine verbale
Kommunikationsfähigkeit zunehmend eingeschränkt ist kündige ich an, weitere Hinweise
zum Umgang mit den auf meinem Tisch befindlichen Vorgängen per WhatsApp zu
schicken. Ich habe da schon was vorbereitet. Nach einer Stunde bekomme ich die
Vollzugsmitteilung. Läuft. So stelle ich mir das vor.
Weniger läuft es bei der zweitbesten Ehefrau von allen. Ungezählte
Stunden später ist sie wieder da, knapp bevor sie zu ihrem ersten Kurstermin
aufbrechen muss. In der orthopädischen Praxis war Chaostag. Das Röntgengerät
ist ausgefallen, der Arzt kam erst nach Stornierung seines Heimfluges in der
Nacht nur Stunden vor Beginn der Sprechzeit aus seinem Urlaub zurück, die
Patienten sind überwiegend laut und unbeherrscht. Das dortige Praxisteam musste
heute einiges aushalten. Die zweitbeste Ehefrau von allen verteilte hingegen
positive Schwingungen, welche man dort dankbar aufnahm. Es änderte jedoch
nichts daran, daß sie nochmals dort vorstellig werden müsse. Man vermutet einen
Ermüdungsbruch im Fuß. Für den Rest des Halbjahres werden die Kurse auf
Sparflamme betrieben, nach Möglichkeit in den Ferien zusammengelegt oder
vertreten. Das führt natürlich auch zu einem Einnahmeausfall, aber es geht eben
nicht anders. Das Los der Selbständigkeit.
Das Telefon klingelt. Mein Arzt ruft an und bittet über den
vorgeschalteten Anrufbeantworter dringlich um Rückruf. Die Laborwerte hätten
noch was ergeben. Nachdem ich das Telefon erreicht hatte, komme ich der
dringlichen Bitte nach. Die Laborwerte ergaben einen zu hohen Entzündungswert
im Blut. Der Verdacht läuft nun in Richtung Lungenentzündung. Man würde mir
eine Einweisung ins Krankenhaus vorbereiten, die ich nur noch am Empfang der
Praxis abholen müsse. Einige erforderliche Untersuchungen seien nur im
Krankenhaus möglich. Die Einweisung bedeute jetzt nicht, daß ich da blieben
solle, die würde nur für die Abrechnung des Krankenhauses benötigt. Kann man
glauben, muß man aber nicht.
Krankenhaus. Mit wildfremden Menschen auf einem Zimmer. Auch
in der Nacht. Eingeschränkte Aktionsmöglichkeiten auch in der persönlichen Körperhygiene.
Und das bei dem Höllenwetter. Genau wie beim letzten Mal!
Ich warte auf das Einsetzen der Panikattacken.
Ieh.
AntwortenLöschenTja.
LöschenEin Krimi! Ich hoffe, unterdessen kann man zur geglückten Genesung gratulieren.
AntwortenLöschenMein Hypochonder Herz fühlt mit.
Sagen wir es mal so: Der Auslöser von all dem ist nicht mehr im Zentrum meines Augenmerks.
Löschenhalten sie durch, und gute besserung!
AntwortenLöschenZum Durchhalten gab es keine Alternative. Wenn die Ärzteschaft einen mal in den Klauen hat...
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