Ich benötige nun dringend Ersatzkleidung. Wenn ich nicht
heute entlassen werde, habe ich nichts mehr zur Verfügung. Die zweitbeste Ehefrau
von allen fährt bis Sonntagabend nach Hannover, so daß ich keinen Lieferservice
aus der Außenwelt habe. Was jetzt kommt, muß im Zweifel bis Montag reichen.
Geplant ist, daß die zweitbeste Ehefrau von allen hier kurz aufschlägt, mir
meine Sachen bringt, dann zu ihrer Mutter weiterfährt und von dort schließlich
in Begleitung einer ihrer Schülerinnen und Freundin nach Hannover aufbricht.
Ich lauere wieder auf den besten Zeitpunkt für die Dusche.
Da ich nicht genau weiß, wann was mit mir gemacht werden soll, muß dies
aufgrund von Erfahrungswerten bestimmt sein. Nicht zu früh, um die umliegenden
Zimmerbewohner nicht zu stören und die Nachtschwester nicht aus der Ruhe zu
bringen, aber auch nicht zu spät, um spätere Abläufe nicht durcheinander
geraten zu lassen. Also warte ich ab, bis das Flurlicht eingeschaltet wird.
Nachtschwester Betty bereitet mir noch ein heißes Öhrchen, dann bin ich was sie
betrifft erst mal durch. Ich nutze die Gelegenheit und den Umstand, daß während
der Schichtübergabe wohl niemand etwas von mir will und dusche heiß und
anhaltend, bis das heiße Wasser zur Neige geht.
Ich ziehe mir das rote T-Shirt an und schleiche zur
Trinkwasserversorgung. Von hinten höre ich eine Stimme.
„Hübsches T-Shirt, Herr Paterfelis. So schön rot.“
Nachtschwester Betty war dabei, ihren zweiten Nachtdienst in
Folge zu beenden. Ich drehe mich zu ihr um.
„Extra für Sie,
Schwester Betty. Sie sollen mich doch in guter Erinnerung behalten.“
„In allerbester, Herr Paterfelis. Nur in allerbester.“
Gruß an den Hasen, und dann ab ins Bett. Ich in meines und
sie vermutlich in ihres.
Kaum wieder in der Koje befindlich, erhalte ich von der
Frühschicht die nächste Infusion. Nach dem Frühstück ruft die zweitbeste
Ehefrau von allen an. Sie mache sich jetzt auf den Weg, ob ich die Tasche unten
auf dem Parkplatz im Empfang nehmen könne, weil ihr der Fuß gerade wieder
ziemliche Schmerzen bereitet. Nö, kann ich nicht. Die Visite ist unterwegs, da
sollte man tunlichst auf dem Zimmer sein. Als die zweitbeste Ehefrau von allen ihre
Ankunft vermeldet, findet die Visite bereits im Nachbarzimmer statt. Sie muß
mir die Tasche selbst raufbringen. Die Tasche wird abgeliefert; ich parke sie
erst mal gegenüber des Bettes. Mal sehen, ob ich sie eher ein- als auspacken
muß.
Der junge Stationsarzt hält die Visite dieses Mal alleine
ab. Er trägt seinen Visite-Kittel, der mir etwas zu groß geraten scheint. Bei
der großen Visite vor zwei Tagen standen er, die Oberärztin und ein weiterer
Stationsarzt im gefälligen Blau vor mir. Sonst sieht man ihn anschließend auch nur
im blauen Arbeits-Oberteil. Zunächst geht es an Herrn Fleische. Er wird heute
entlassen, seine Werte haben sich verbessert. Gegen Mittag wird der
Pflegedienst ihn abholen und in sein Heim zurückbringen. Erst im Dezember muß
er wieder hier vorstellig werden. Darauf eine Zigarette. Oder auch zwei oder
drei.
Auch bei mir scheint eine Entlassung möglich, man muß die
Ergebnisse des heutigen Tages noch abwarten. Bereits gestern wurde angekündigt,
daß für mich heute nochmal Großkampftag sein wird. Noch während der Visite
erscheint ein weiterer Arzt in modischem Blau. Er sei als Schlaf-Therapeut im Haus zuständig für die
Schlafapnoe-Patienten. Die Auswertung hat ergeben, daß mein Schlaf mit der Schlafmaske
deutlich besser sei. Mir wird das Gerät per Verordnung mitgegeben. In den
nächsten Tagen wird sich jemand bei mir melden, welcher das Gerät vorbeibringt
und entsprechend einstellt. Mal sehen was Frl. Hasenclever sagt, wenn ich
erkläre, daß ich in den letzten Monaten und Jahren stets nur unausgeschlafen
gearbeitet habe und die Post jetzt erst mal so richtig abgehen wird. Ok, nicht übertreiben und schon mal vorsorglich keine Erwartungshaltungen wecken. Sicher ist sicher.
Nach der Visite schaut der Stationsarzt nochmal rein, dieses
Mal ohne Kittel, was ihm durchaus besser steht, und nimmt mir Blut aus der Arterie ab. Auf der
linken Seite hat er die Vene getroffen, also neuer Versuch am rechten
Handgelenk. Immer schön auf der Innenseite. Der Schmerz ist stärker als bei
einer normalen Blutabnahme, aber durchaus erträglich. Kaum ist die Sache
erledigt, werde ich im Rollstuhl zu einem Lungenfunktionstest gebracht. Ein zartes weibliches Persönchen schiebt mich
durch die Gegend, obwohl ich voll mobil bin. Mir ist das mehr als unangenehm. Was
tut man nicht alles, um nicht zu einem Versicherungsschaden zu führen.
Der Lungenfunktionstest ist eine interessante Sache. Vorher
gibt es noch ein heißes Öhrchen. Meine Werte sind gut, mein Lungenvolumen liegt
mit bei 117 % dessen, was angeblich für mein Alter und bei meiner Körpergröße
als normal angesehen wird. Im Entlassungsbericht wird aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen mit 108 % ein anderer Wert angegeben, aber immer noch mehr als zu erwarten ist. Sportlertyp eben, ich sage es ja immer. Man möge mir
diese Vorstellung gönnen. Tatsächlich weiß ich aber schon seit dem 16.
Lebensjahr, daß ich ein großes Lungenvolumen habe. Im Biologieunterricht hatten
wir mal mit der ganzen Klasse einen entsprechenden Test gemacht. Mit damals
etwas über sieben Litern lag ich mit Abstand vor allen anderen
Klassenkameraden. Auch deutlich vor dem einzigen körperlich noch größeren.
Die Laune der Belegschaft ist weiterhin hervorragend, soweit
ich das mitbekomme. Meine eigene gute Laune hat sich die ganze Zeit über auch gehalten.
Wieder auf der Station, bekomme ich ein heißes Öhrchen auf
der anderen Seite. Ich sitze auf meinem Bett im Schneidersitz, lese und warte.
Herr Fleische testet so lange draußen die Luft und aromatisiert diese ganz nach
Bedarf durch die Darbietung von Rauchopfern.
Eine Schwester erscheint und fragt, ob mir schon Blut
abgenommen wurde. In meiner Vorstellung macht sich ein inneres Grinsen breit. Da
sitze ich, habe die bekannten Blutabnahmetamponagen an beiden Ohrläppchen sowie
an beiden Handgelenken, schaue sie entgeistert und frage, welche Stelle sie
denn wohl meine. Sie hätte gerne venöses Blut aus der Armbeuge. Gut, das hatten
wir seit meiner Aufnahmeuntersuchung nicht mehr. Ich gestatte ihr, sich
reichlich zu bedienen. Sie macht von dem Angebot Gebrauch, ein fünfter Verband
bzw. mit Pflastern befestigter Tampon ziert mich nun.
Das Mittagessen hält, was der Speiseplan versprochen hat.
Gedünsteter Lachs und Gemüsenudeln. Die Menge an Fisch ist wirklich ordentlich,
und auch an den Nudeln gibt es nichts zu meckern. Nicht al dente, aber auch
nicht verkocht oder gar vermatscht. Ich finde im Fisch noch nicht mal eine Gräte.
Mehr Ansprüche habe ich nicht an eine Großküche.
Der Stationsarzt erscheint nochmal. Man warte noch auf ein
Ergebnis. Meine Werte sind zwar noch im Grenzbereich, aber auf der richtigen
Seite der Grenze. Die Sauerstoffsättigung des Blutes könnte nach wie vor besser
sein, ist aber akzeptabel. In der Nacht geht mehr als üblich verloren, ich bin
jetzt bei 95 %. Wenn der letzte Laborwert wie erwartet auch ordentlich ist,
darf ich gehen. Ob ich wisse, wie ich nach Hause komme. Ich muß mal sehen, bis
Montag steht mir niemand von draußen helfend zur Verfügung. Kein Problem, ich
erhalte einen Taxischein. Alles Weitere läuft dann über den Hausarzt.
Eine halbe Stunde später bringt mir eine Krankenschwester die
Kündigung die Entlassungspapiere. Ich lese den provisorischen Arztbrief und
erfahre, daß es doch eine Lungenentzündung war, die mich lahmgelegt hatte. Die
zweitbeste Ehefrau von allen und Frl. Hasenclever werden per WhatsApp über die
Lage informiert. Ich packe meine Tasche und gehe zum „Stützpunkt“, früher als
Schwesternzimmer bezeichnet. Dort melde ich mich ab, frage nach der Kaffeekasse,
hinterlasse einen nicht allzu kleinen Schein und bekunde daß ich mich in der
dortigen Obhut sehr wohl gefühlt habe. Später rechne ich mal nach: In der
Frühschicht zwei Personen, Spätschicht eine und in der Nacht ebenfalls eine,
das alles hochgerechnet auf die Zeit meiner tatsächlichen Anwesenheit auf der
Station ergibt theoretisch etwas mehr als einen Euro pro Pflegekraft und Einsatzschicht.
Stationshilfen und Co sind da noch nicht mal mit berücksichtigt. Wenig genug
für das, was dort mit bemerkenswerter Stimmung geleistet wird.
Das Personal hier ist so jung. Den Hausdrachen und eine
weitere Schwester würde ich auf Mitte Vierzig schätzen, die Oberärztin der
Station auf Ende Dreißig, die Oberärztin in der Notaufnahme wohl wieder eher auf
Mitte vierzig. Alle anderen, sowohl Pflegekräfte als auch Ärzte, werden die Dreißig wohl in ihren Vorstellungen
noch als zukünftige Perspektive ihrer Lebensgestaltung betrachten.
Unten am Empfang lasse ich mir ein Taxi holen. Es ist das
zweite Mal in meinem Leben, daß ich in Deutschland mit einem Taxi fahre. Zuletzt
war das in den frühen Neunzigern im Rahmen der Teilnahme an einer Tagung der
Fall. Es regnet. Das Taxi fährt vor. In meiner Vorstellung nimmt mir der Fahrer
meine Taschen ab, aber ich irre. So werfe meine Sachen auf die Rückbank und
lasse mich in den Ledersitz neben den Fahrer gleiten. Wir fahren in einem Mercedes.
Interessante Erfahrung. Alleine die Innenausstattung ist vermutlich teurer als
der Zeitwert des guten alten Balduin. Egal, ich brauche das alles nicht. Im
Mercedes fühle ich mich nicht wohl. Ein Auto ist ein Gebrauchsgegenstand,
basta. Mir genügt unser alter Koreaner. Und der nächste wird auch nicht besser
werden, selbst wenn ich das Geld für ein höherwertiges Auto hätte.
Zur weiteren Orientierung gebe ich dem Taxifahrer die Zieladresse vor: Neustädter Ländchen, Kirschgartenweg 17b. Eine nicht allzuweite Strecke. Der Fahrer zeigt sich irritiert. "Dafür bekommen Sie einen Taxischein? Ich denke, die bekommt man für weite Strecken, nach Hamburg oder so."
Ich weiß jetzt nicht, wieso er ausgerechnet auf Hamburg kommt, hunderte von Kilometern weg von hier. Ich muß nach Hause und habe keine andere zweckdienliche Transportmöglichkeit. Gut, ich könnte mit dem Bus fahren, einmal umsteigen und den Rest bergauf laufen. Aber ich bin nicht sicher, daß das gerade Sinn der Sache ist. Schließlich bin ich nicht auskuriert und durchaus noch etwas schlapp. Und wenn mir ein Taxi zusteht, dann nehme ich es. Ganz einfach. Wieso mache ich mir eigentlich Gedanken darüber?
Ich erkläre es dem Taxifahrer.
"Bekommt man immer einen Taxischein, wenn man im Krankenhaus war? Wenn ich im Krankenhaus war, habe ich nie einen bekommen. Oder muß man da stationär gewesen sein?"
Ich teile ihm mit, daß ich diese Details nicht wisse und bin genervt. Schon überlege ich, ob der Typ sich gerade um sein Trinkgeld geredet hat.
"Wollen Sie nicht lieber selbst bezahlen? Sie müssen doch bestimmt zuzahlen, da lohnt sich das doch gar nicht."
Nein, ich will nicht selbst bezahlen. Die weitere Fahrt verläuft aber in guter Atmosphäre. Außerdem bin ich ein wenig von Sascha Brors beeinflusst, wie ich zugeben muß.
Zur weiteren Orientierung gebe ich dem Taxifahrer die Zieladresse vor: Neustädter Ländchen, Kirschgartenweg 17b. Eine nicht allzuweite Strecke. Der Fahrer zeigt sich irritiert. "Dafür bekommen Sie einen Taxischein? Ich denke, die bekommt man für weite Strecken, nach Hamburg oder so."
Ich weiß jetzt nicht, wieso er ausgerechnet auf Hamburg kommt, hunderte von Kilometern weg von hier. Ich muß nach Hause und habe keine andere zweckdienliche Transportmöglichkeit. Gut, ich könnte mit dem Bus fahren, einmal umsteigen und den Rest bergauf laufen. Aber ich bin nicht sicher, daß das gerade Sinn der Sache ist. Schließlich bin ich nicht auskuriert und durchaus noch etwas schlapp. Und wenn mir ein Taxi zusteht, dann nehme ich es. Ganz einfach. Wieso mache ich mir eigentlich Gedanken darüber?
Ich erkläre es dem Taxifahrer.
"Bekommt man immer einen Taxischein, wenn man im Krankenhaus war? Wenn ich im Krankenhaus war, habe ich nie einen bekommen. Oder muß man da stationär gewesen sein?"
Ich teile ihm mit, daß ich diese Details nicht wisse und bin genervt. Schon überlege ich, ob der Typ sich gerade um sein Trinkgeld geredet hat.
"Wollen Sie nicht lieber selbst bezahlen? Sie müssen doch bestimmt zuzahlen, da lohnt sich das doch gar nicht."
Nein, ich will nicht selbst bezahlen. Die weitere Fahrt verläuft aber in guter Atmosphäre. Außerdem bin ich ein wenig von Sascha Brors beeinflusst, wie ich zugeben muß.
Der Taxifahrer hält vor der Haustür. Ein Blick auf das Taxameter zeigt mir an, daß dies eine 15 Euro-Tour war. Mit einem Einzelfahrschein per Bus - den ich nicht hätte zahlen müssen, da ich ja ohnehin ein Dauerticket habe - hätte der Spaß vier Euro gekostet, schon im Idealfall eine halbe Stunde länger gebraucht und einen gewissen Fußweg in Anspruch genommen. Im strömenden Regen. Nur mal so rein akademisch und somit rein wertfrei betrachtet.Ich fülle den
Taxischein aus, gebe fünf Euro Trinkgeld und denke nochmal darüber nach, daß
dieses Trinkgeld eigentlich in keinem Verhältnis zu dem steht, was ich oben auf dem Berg
in der Klinik gelassen habe. Dort war es ein Zwanziger, verteilt auf viele
Köpfe.
Zu Hause werde ich von Marty und Lilly begrüßt. Ich
entledige mich meiner tropfnassen Jacke, begrüße die noch ausstehende Smilla. Es
sieht wild zu Hause aus. Die ordnende Hand hat gefehlt, und durch den
Einweisung ihrer Mutter ins Krankenhaus hat die zweitbeste Ehefrau von allen
noch weniger Zeit gehabt, hier etwas Ordnung reinzubringen. Die Katzen wurden
für die Zeit bis Montag versorgt, die Katzenklos sind entsprechend frisch
gereinigt. Alles kein Problem, das halten die Kleinen locker aus.
Aufgrund der Witterung war die Wohnung in den letzten Tag
vermutlich licht- und luftdicht verrammelt. Ich ziehe überall die Rollos hoch und
sorge für Frischluft. Die Küche ist soweit sauber, es steht kein dreckiges
Geschirr herum. Gut. Meine Tasche schleppe ich direkt zum Waschmaschinenraum
und werfe die erste Wäsche an. Wieder oben angekommen räume ich ein paar Sachen
zusammen, nehme mir etwas zu trinken, reaktiviere die Eiswürfelmaschine und
setzte mich zum ersten Mal seit dem Aussteigen aus dem Taxi hin.
Ich bin wieder zu Hause. Ohne eine einzige Panikattacke.
Samstag hätte es im Krankenhaus Maultaschen in einer
Kräutersauce gegeben, Sonntag Rindergulasch. Darüber werde ich wegkommen.
Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Es ist erlaubt und gewünscht, meine Beiträge zu kommentieren. Die Kommentare werden von mir moderiert. Kein Kommentar wird freigeschaltet, ohne daß ich ihn zuvor gelesen habe. Solltest du also vorhaben, hier herumzupöbeln, zu trollen oder dich sonst wie unangemessen zu äußern, so empfehle ich dir, die Arbeit zu sparen.
Haltet euch bitte an die Grundsätze eines anständigen Miteinanders, damit wir hier eine schöne Zeit zusammen verbringen können.
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.