Die Nacht verlief erstaunlich gut. Morgens sehne mich erneut
nach einer Dusche und frischer Kleidung. Ich muß warten, bis mich die
Morgenschwester aus dem
Gurtzeug
befreit. Meine Zimmergenossen kommen auch langsam zur Besinnung und erzählen von der Nacht. Dabei stellen sie fest, daß wohl nur der Herr Paterfelis von alledem nichts mitbekommen hätte und in aller Ruhe geschlafen habe. Triumphierend halte ich meine Ohrenstöpsel nach oben. Spiel, Satz und Sieg Paterfelis.
Es ist Feiertag. Die Goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern steht an.
Die zweitbeste Ehefrau von allen war gestern mit ihren Mädels beim Inder essen.
Zum Tanzen hatte man keine große Lust. Heute werde sie endlich mal wieder
richtig ausschlafen, kurz bei mir vorbeischauen und dann abends beim Chinamann
aufschlagen.
Ich bin bereits geduscht und warte auf das Frühstück, als
das Smartphone klingelt. Die zweitbeste Ehefrau von allen wird als Anrufer
angezeigt. Viel zu früh für ihre Verhältnisse. Dies gilt umso mehr, als daß sie ja
ausschlafen wollte. Es besteht also
Grund zur Besorgnis. Sie teilt mir mit,
daß ihre Mutter unter starken Schmerzen leide. Sie ist gesundheitlich dauerhaft
sehr angeschlagen. Ihr Vater habe sich bei ihr gemeldet, meine Angetraute soll
ihre Mutter wieder zur Besinnung bringen. Sie habe stärkere Schmerzen als sonst
und habe ihn gebeten jemanden aus dem Bekanntenkreis, welcher noch stärkere
Schmerzmittel nimmt als sie es bereits permanent macht, danach zu fragen, ob er
welche erübrigen kann. Ärztliche Versorgung wünsche sie nicht. Meine Angetraute
habe danach bei ihrer Mutter angerufen, diese konnte sich aber kaum noch
verständlich artikulieren. Anschließend habe sie ihren Vater dazu verdonnert,
gefälligst jetzt sofort und auf der Stelle den Notarzt zu verständigen, egal
was ihre Mutter davon halten würde. Jetzt fahre sie zu ihren Eltern und werde sich irgendwann melden. Ich teile ihr mit, daß sie meine Eltern ruhig
zu einem Besuch bei mir vorbeibringen soll, dann sind sie wenigstens aus dem
Weg und beschäftigt.
Später erfahre ich, daß meine Schwiegermutter in ein Krankenhaus
gebracht wurde, jedoch nicht in dieses, in dem ich mich gerade aufhalte. Es wäre
ja auch zu einfach gewesen. Meine Eltern werden mittags wieder abreisen, die
Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit sind abgesagt – sowohl für heute im
engsten Kreis als auch für das Wochenende, an dem es mit Verwandten, Freunden, Bekannten und was da sonst noch alles kreucht und fleucht in die Hauptrunde gehen sollte. Es wird ein langer Tag für die
zweitbeste Ehefrau von allen, denn ein solcher Krankenhausaufenthalt meiner
Schwiegermutter ist organisatorisch, physisch und psychisch auch für die nur am
Rande Beteiligten eine deutlich größere Herausforderung als es dies im
Zusammenhang mit mir jemals war. Erläutern möchte ich dies hier und jetzt nicht
weiter. Es darf sich jeder seine eigenen Vorstellungen machen und noch eine
Schippe drauflegen.
Herr Reinmann wird aus dem Krankenhaus entlassen und sieht
einer ungewissen Zukunft entgegen. Das Nachbarbett wird für den Rest der Woche
leer bleiben. Herr Fleische tut das, was die meisten Lungenpatienten auf der
Station machen: Er verschwindet mit seinem mobilen Sauerstoffgerät nach draußen
und raucht. Wie ich zu anderer Gelegenheit feststelle, bleibt das Gerät während
der Zeit des Rauchens in der Rückentasche seines für längere Strecken zu
nutzenden Rollstuhls. Er aktiviert es erst, nachdem alle Zigaretten verschwunden
sind. Immerhin.
Vor der zum Haus gehörenden Kapelle findet der
Feiertagsgottesdienst statt. Mir wird bewusst, daß ich beim letzten Mal auch zu
Fronleichnam den Service dieses Krankenhauses nutzen konnte. Zwei Mal ist
Zufall, beim dritten Mal werde ich anfangen, bestimmte Vorstellungen zu
entwickeln und eine Verschwörungstheorie erarbeiten.
Mittags gibt es Linseneintopf mit Kichererbsen und
Hühnerfleisch. Sehr gut abgeschmeckt; ich bin zufrieden.
Der Hausdrache hat Dienst. Sie macht ihrem Namen alle Ehre
und faltet Herrn Fleische, der in vielen Dingen seines Lebens im allgemeinen und seines
Daseins im Krankenhaus im besonderen eher uneinsichtig ist, nach Strich und Faden zusammen.
Mir gegenüber ist sie höflich aber sehr bestimmt. Kein Fehler soweit. Ich würde
sie gerne mal im Clinch gegen unseren Herrn Geschäftsführer erleben. Meine
Wette würde auf den Hausdrachen laufen.
Ein Arzt erscheint und erklärt mir, daß ich an Schlafapnoe
leide. Während 42 % der Schlafphase setzte meine Atmung aus oder war zu flach. Die Sauerstoffsättigung um Blut zeigt unterirdische Werte. Man werde mir in der kommenden Nacht eine Schlafmaske verabreichen und
den Schlaf erneut überwachen. Das Gerät wird bereits auf meinen Nachtschrank
gestellt und mir erläutert. Der Verbindungsschlauch hat eine beeindruckende
Länge. Wir machen einen Testlauf von etwa 15 Minuten Dauer. Ich komme zurecht.
Die eigentliche Atemmaske besteht aus einem Teil, welches meine Nasenöffnungen
vollständig umfasst und mit einem Band an meinem Kopf befestigt wird. Über die
Maske wird Luft zugeführt. Ich muß gegen den Luftstrom anatmen. Dadurch bleiben die Atemwege der Nase offen und bewirkt, daß das nächtliche Atmen ausschließlich über diesen
Weg erfolgt. Der Mund öffnet sich gar nicht erst, Schnarchen ist
ausgeschlossen. Das Gefühl ist seltsam, aber man kann sich daran gewöhnen. Den
Versuch, mit irgendjemandem zu reden, während man die Maske trägt, sollte man
tunlichst unterlassen. Es wäre zwecklos. Alleine schon das Öffnen des Mundes würde zu einem Effekt führen welcher an einen Schlag gegen die Nase erinnert. Nicht schön.
Gegen 18 Uhr erscheint die zweitbeste Ehefrau von allen
sichtlich angeschlagen vom Tag. Wir verbringen die Zeit draußen. Sie besorgt
sich ihr Frühstück aus dem Krankenhaus-Cafe. Der Tag war für sie die Hölle. Ich
werde über die Lage ihrer Mutter informiert, soweit überhaupt schon
Erkenntnisse vorliegen. Viele sind es nicht. Mir fröstelt ein wenig, so daß wir
wieder ins Haus gehen. Der Hausdrache erscheint und gibt mir eine Infusion.
Später werden die zweitbeste Ehefrau und ich uns wieder nach draußen setzen.
Nachtschwester Betty taucht bei Schichtübernahme auf. Sie
erläutert mir, daß sie mir gleich nochmal das Kontrollgerät anlegen wird. Ich
bin tatsächlich begeistert, denn endlich weiß ich etwas schon vorher. Der Informationsfluss
hat mich eingeholt.
Später bemüht sie sich, mir wieder dieses Geschirr und ein vom
gestrigen etwas abweichendes Gerät anzulegen, welches zwischen den
Maskenschlauch angebracht werden soll. Sie ist etwas überfordert, das habe sie
seit zwei Jahren nicht mehr gemacht. Nun zückt sie ihr Telefon und ruft nach
dem Hasen. Der Hase soll kommen und ihr beistehen. Selbiger Hase entpuppt sich
als Pfleger Michael, seines Zeichens ihr Ehemann und der technisch beauftragte
Pfleger aus der Nacht zuvor. Gemeinsam schaffen sie es, mich anzuschließen.
Der Hase meint noch „Guck mal, Schatz ein gelbes T-Shirt. Du
hasst doch Gelb.“
„Ja, aber ich werde darüber hinwegsehen.“
Ich mache Schwester Betty das Angebot, mein T-Shirt zu
wechseln. Im Schrank befänden sich noch ein Graues und ein Rotes. Dazu müssen
sie mich nur wieder von dem ganzen Zeug befreien.
Sie wiederholt ihre Ablehnung.
Das Atmen mit der Maske erzeugt eine Art Rauschgeräusch in meinem Kopf. Ein Effekt, welcher durch das Tragen der Ohrenstöpsel sicherlich verstärkt wird. Er erweist sich nicht als besonders störend. Ich kann mit der Maske ganz ordentlich schlafen und mich mit
der Vorstellung anfreunden, dies auch zu Hause so zu tun, soweit es
erforderlich wird. Gut.
Klingt alles irgendwie gruselig.
AntwortenLöschenEinen gewissen Gruselfaktor kann ich nicht verleugnen.
LöschenNa, das klingt ja so, als hätten Sie noch spannende Tage vor sich! Das Rüsselgerät, wie es mal vor einiger Zeit ein Bekannter von mir nannte, stell ich mir persönlich nicht so bequem vor. Ich wünsch mal: Alles Gute!
AntwortenLöschenIch versenke an sich immer einen Teil meines Gesichtes im Kopfkissen und bin ansonsten auch ein Kissenzerwühler. Das ist mit dem Gerät eher unpraktisch und wird wohl dazu führen, daß ich da an meinen Gewohnheiten arbeiten muß.
LöschenDa hat der Taxifahrer wohl einen Transportschein (aka Taxischein) mit einem Taxigutschein (Bahn hats vermasselt und hat keine Ersatzmöglichkeit...) verwechselt oder so. Transportscheine sind dazu gedacht um immobile Patienten zu ihrer ärztlichen Versorgung zu bringen. Oder Patienten mit bestimmten Behandlungen (Dialyse und so). Oder auch so Sondersachen wie bei dir... aus KH entlassen, als Notfalls ins Krankenhaus eingewiesen und nicht fahrtauglich.
AntwortenLöschenAber einen Transportschein bis nach Hamburg? Ist ja nun von den Bundesländern, in denen HappyKadaver frei ist, nun nicht gerade der Katzensprung. Wenn das nicht gerade zu einer Superspezialambulanz ist, die es nur dort gibt oder wo die Behandlung deutschlandweit nur da durchgeführt wird... das bezahlt doch keine Krankenkasse. O_o
Würde mich jedenfalls überraschen, wenn das eine bezahlt. Auf jeden Fall habe ich keine Lust, so etwas auszudiskutieren. Und schon gar nicht mit dem Taxifahrer. Da war ich schon etwas genervt.
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