Mittwoch, 13. Juni 2018

Vorstellungen, Teil 8 - Die Goldene Hochzeit

Die Nacht verlief erstaunlich gut. Morgens sehne mich erneut nach einer Dusche und frischer Kleidung. Ich muß warten, bis mich die Morgenschwester aus dem  Gurtzeug befreit. Meine Zimmergenossen kommen auch langsam zur Besinnung und erzählen von der Nacht. Dabei stellen sie fest, daß wohl nur der Herr Paterfelis von alledem nichts mitbekommen hätte und in aller Ruhe geschlafen habe. Triumphierend halte ich meine Ohrenstöpsel nach oben. Spiel, Satz und Sieg Paterfelis.

Es ist Feiertag. Die Goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern steht an. Die zweitbeste Ehefrau von allen war gestern mit ihren Mädels beim Inder essen. Zum Tanzen hatte man keine große Lust. Heute werde sie endlich mal wieder richtig ausschlafen, kurz bei mir vorbeischauen und dann abends beim Chinamann aufschlagen.

Ich bin bereits geduscht und warte auf das Frühstück, als das Smartphone klingelt. Die zweitbeste Ehefrau von allen wird als Anrufer angezeigt. Viel zu früh für ihre Verhältnisse. Dies gilt umso mehr, als daß sie ja ausschlafen wollte.  Es besteht also Grund zur Besorgnis.  Sie teilt mir mit, daß ihre Mutter unter starken Schmerzen leide. Sie ist gesundheitlich dauerhaft sehr angeschlagen. Ihr Vater habe sich bei ihr gemeldet, meine Angetraute soll ihre Mutter wieder zur Besinnung bringen. Sie habe stärkere Schmerzen als sonst und habe ihn gebeten jemanden aus dem Bekanntenkreis, welcher noch stärkere Schmerzmittel nimmt als sie es bereits permanent macht, danach zu fragen, ob er welche erübrigen kann. Ärztliche Versorgung wünsche sie nicht. Meine Angetraute habe danach bei ihrer Mutter angerufen, diese konnte sich aber kaum noch verständlich artikulieren. Anschließend habe sie ihren Vater dazu verdonnert, gefälligst jetzt sofort und auf der Stelle den Notarzt zu verständigen, egal was ihre Mutter davon halten würde. Jetzt fahre sie zu ihren Eltern und werde sich irgendwann melden.  Ich teile ihr mit, daß sie meine Eltern ruhig zu einem Besuch bei mir vorbeibringen soll, dann sind sie wenigstens aus dem Weg und beschäftigt.

Später erfahre ich, daß meine Schwiegermutter in ein Krankenhaus gebracht wurde, jedoch nicht in dieses, in dem ich mich gerade aufhalte. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Meine Eltern werden mittags wieder abreisen, die Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit sind abgesagt – sowohl für heute im engsten Kreis als auch für das Wochenende, an dem es mit Verwandten, Freunden, Bekannten und was da sonst noch alles kreucht und fleucht in die Hauptrunde gehen sollte. Es wird ein langer Tag für die zweitbeste Ehefrau von allen, denn ein solcher Krankenhausaufenthalt meiner Schwiegermutter ist organisatorisch, physisch und psychisch auch für die nur am Rande Beteiligten eine deutlich größere Herausforderung als es dies im Zusammenhang mit mir jemals war. Erläutern möchte ich dies hier und jetzt nicht weiter. Es darf sich jeder seine eigenen Vorstellungen machen und noch eine Schippe drauflegen.

Herr Reinmann wird aus dem Krankenhaus entlassen und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Das Nachbarbett wird für den Rest der Woche leer bleiben. Herr Fleische tut das, was die meisten Lungenpatienten auf der Station machen: Er verschwindet mit seinem mobilen Sauerstoffgerät nach draußen und raucht. Wie ich zu anderer Gelegenheit feststelle, bleibt das Gerät während der Zeit des Rauchens in der Rückentasche seines für längere Strecken zu nutzenden Rollstuhls. Er aktiviert es erst, nachdem alle Zigaretten verschwunden sind. Immerhin.

Vor der zum Haus gehörenden Kapelle findet der Feiertagsgottesdienst statt. Mir wird bewusst, daß ich beim letzten Mal auch zu Fronleichnam den Service dieses Krankenhauses nutzen konnte. Zwei Mal ist Zufall, beim dritten Mal werde ich anfangen, bestimmte Vorstellungen zu entwickeln und eine Verschwörungstheorie erarbeiten.

Mittags gibt es Linseneintopf mit Kichererbsen und Hühnerfleisch. Sehr gut abgeschmeckt; ich bin zufrieden.

Der Hausdrache hat Dienst. Sie macht ihrem Namen alle Ehre und faltet Herrn Fleische, der in vielen Dingen seines Lebens im allgemeinen und seines Daseins im Krankenhaus im besonderen eher uneinsichtig ist, nach Strich und Faden zusammen. Mir gegenüber ist sie höflich aber sehr bestimmt. Kein Fehler soweit. Ich würde sie gerne mal im Clinch gegen unseren Herrn Geschäftsführer erleben. Meine Wette würde auf den Hausdrachen laufen.

Ein Arzt erscheint und erklärt mir, daß ich an Schlafapnoe leide. Während 42 % der Schlafphase setzte meine Atmung aus oder war zu flach. Die Sauerstoffsättigung um Blut zeigt unterirdische Werte. Man werde mir in der kommenden Nacht eine Schlafmaske verabreichen und den Schlaf erneut überwachen. Das Gerät wird bereits auf meinen Nachtschrank gestellt und mir erläutert. Der Verbindungsschlauch hat eine beeindruckende Länge. Wir machen einen Testlauf von etwa 15 Minuten Dauer. Ich komme zurecht. Die eigentliche Atemmaske besteht aus einem Teil, welches meine Nasenöffnungen vollständig umfasst und mit einem Band an meinem Kopf befestigt wird. Über die Maske wird Luft zugeführt. Ich muß gegen den Luftstrom anatmen. Dadurch bleiben die Atemwege der Nase offen und bewirkt, daß das nächtliche Atmen ausschließlich über diesen Weg erfolgt. Der Mund öffnet sich gar nicht erst, Schnarchen ist ausgeschlossen. Das Gefühl ist seltsam, aber man kann sich daran gewöhnen. Den Versuch, mit irgendjemandem zu reden, während man die Maske trägt, sollte man tunlichst unterlassen. Es wäre zwecklos. Alleine schon das Öffnen des Mundes würde zu einem Effekt führen welcher an einen Schlag gegen die Nase erinnert. Nicht schön.

Gegen 18 Uhr erscheint die zweitbeste Ehefrau von allen sichtlich angeschlagen vom Tag. Wir verbringen die Zeit draußen. Sie besorgt sich ihr Frühstück aus dem Krankenhaus-Cafe. Der Tag war für sie die Hölle. Ich werde über die Lage ihrer Mutter informiert, soweit überhaupt schon Erkenntnisse vorliegen. Viele sind es nicht. Mir fröstelt ein wenig, so daß wir wieder ins Haus gehen. Der Hausdrache erscheint und gibt mir eine Infusion. Später werden die zweitbeste Ehefrau und ich uns wieder nach draußen setzen.

Nachtschwester Betty taucht bei Schichtübernahme auf. Sie erläutert mir, daß sie mir gleich nochmal das Kontrollgerät anlegen wird. Ich bin tatsächlich begeistert, denn endlich weiß ich etwas schon vorher. Der Informationsfluss hat mich eingeholt.

Später bemüht sie sich, mir wieder dieses Geschirr und ein vom gestrigen etwas abweichendes Gerät anzulegen, welches zwischen den Maskenschlauch angebracht werden soll. Sie ist etwas überfordert, das habe sie seit zwei Jahren nicht mehr gemacht. Nun zückt sie ihr Telefon und ruft nach dem Hasen. Der Hase soll kommen und ihr beistehen. Selbiger Hase entpuppt sich als Pfleger Michael, seines Zeichens ihr Ehemann und der technisch beauftragte Pfleger aus der Nacht zuvor. Gemeinsam schaffen sie es, mich anzuschließen.

Der Hase meint noch „Guck mal, Schatz ein gelbes T-Shirt. Du hasst doch Gelb.“

„Ja, aber ich werde darüber hinwegsehen.“

Ich mache Schwester Betty das Angebot, mein T-Shirt zu wechseln. Im Schrank befänden sich noch ein Graues und ein Rotes. Dazu müssen sie mich nur wieder von dem ganzen Zeug befreien.

Sie wiederholt ihre Ablehnung.

Das Atmen mit der Maske erzeugt eine Art Rauschgeräusch in meinem Kopf. Ein Effekt, welcher durch das Tragen der Ohrenstöpsel sicherlich verstärkt wird. Er erweist sich nicht als besonders störend. Ich kann mit der Maske ganz ordentlich schlafen und mich mit der Vorstellung anfreunden, dies auch zu Hause so zu tun, soweit es erforderlich wird. Gut.




6 Kommentare:

  1. Klingt alles irgendwie gruselig.

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    1. Einen gewissen Gruselfaktor kann ich nicht verleugnen.

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  2. Na, das klingt ja so, als hätten Sie noch spannende Tage vor sich! Das Rüsselgerät, wie es mal vor einiger Zeit ein Bekannter von mir nannte, stell ich mir persönlich nicht so bequem vor. Ich wünsch mal: Alles Gute!

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    1. Ich versenke an sich immer einen Teil meines Gesichtes im Kopfkissen und bin ansonsten auch ein Kissenzerwühler. Das ist mit dem Gerät eher unpraktisch und wird wohl dazu führen, daß ich da an meinen Gewohnheiten arbeiten muß.

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  3. Da hat der Taxifahrer wohl einen Transportschein (aka Taxischein) mit einem Taxigutschein (Bahn hats vermasselt und hat keine Ersatzmöglichkeit...) verwechselt oder so. Transportscheine sind dazu gedacht um immobile Patienten zu ihrer ärztlichen Versorgung zu bringen. Oder Patienten mit bestimmten Behandlungen (Dialyse und so). Oder auch so Sondersachen wie bei dir... aus KH entlassen, als Notfalls ins Krankenhaus eingewiesen und nicht fahrtauglich.

    Aber einen Transportschein bis nach Hamburg? Ist ja nun von den Bundesländern, in denen HappyKadaver frei ist, nun nicht gerade der Katzensprung. Wenn das nicht gerade zu einer Superspezialambulanz ist, die es nur dort gibt oder wo die Behandlung deutschlandweit nur da durchgeführt wird... das bezahlt doch keine Krankenkasse. O_o

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    1. Würde mich jedenfalls überraschen, wenn das eine bezahlt. Auf jeden Fall habe ich keine Lust, so etwas auszudiskutieren. Und schon gar nicht mit dem Taxifahrer. Da war ich schon etwas genervt.

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