Ich melde mich bei Frl. Hasenclever fernmündlich krank.
Natürlich kommt der Spruch, den ich erwartet hatte. „Wohl gestern zu viel
gefeiert, was?“ Natürlich nicht, Frl. Hasenclever. Wir kennen uns lange genug.
Sie weiß, daß ich derartige Mätzchen nicht mache. Und Sie weiß, daß sie bei mir
mit dem Spruch nicht aneckt und ihn sich dementsprechend leisten darf. Aber es
gilt dennoch die alte Weisheit, nach der ein schlechter Witz durch ständige
Wiederholung auch nicht besser wird. Ich habe immer noch die Genugtuung, daß
ich mir darüber im Klaren bin, wie sie jetzt schon mit Blick auf die
Personalsituation beginnt, innerlich zu rotieren. Im Juni soll ich sie wieder
vertreten, voraussichtlich für drei Wochen. Herr Harnischfeger befindet sich
weiter im Hamburger Modell und soll von mir betreut werden. Ludwig muß auch noch
Resturlaub loswerden. Es war nahezu undenkbar, daß wir die Mindestzahlen im
Juni erreichen werden. Wenn ich jetzt noch ausfalle, sieht es düster aus.
Der nächste Anruf gilt meinem Arzt. Meine Stimme ist
ausgesprochen belegt, das Sprechen fällt mitunter schwer und führt zu einem
Hustenreiz. Bei der in der Praxis stets gewünschten telefonischen Anmeldung
meines dringlichen Vorsprachewunsches auch für die freie Sprechstunde spiele
ich die Drüsenfieber-Karte und stelle mir vor, damit den nachfolgenden Ereignissen
zu entgehen. Ohne Erfolg. Vielleicht hätte ich doch die Masern-Karte zücken
sollen.
Die Hölle hat eine feste Position auf der
Raum-Zeit-Koordinate im Multiversum: Das Wartezimmer der hausärztlichen Praxis
im Neustädter Ländchen, montags zwischen 8.00 und 11.00 Uhr zur freien
Sprechstunde. Also mit ohne festem Termin.
Der Zwinger hat eine Größe von etwa 11 m2. und
ist mit meinem Erscheinen um 8.00 Uhr prall gefüllt. Die Außentemperatur zeigt
sich zu dieser Zeit noch in einem durchaus angenehmen Bereich, weswegen zur
Steigerung der Sauerstoffzufuhr zwei Fenster auf Klappe geöffnet sind. Eine andere Möglichkeit des Öffnens gibt es
nicht. Die Anwesenden erhöhen Kraft ihrer Körpertemperatur die Hitzewerte
dramatisch. Das Raumklima ist
mörderisch. Über die gekippten Fenster dringt zusätzlich der Lärm von der gegenüberliegenden
Straßenseite hinein, welcher durch den Neubau eines für unsere Verhältnisse
größeren Gebäudekomplexes verursacht wird.
Die meisten Anwesenden beschäftigen sich nahezu pausenlos
mit ihren Smartphones. Umso besser, dann kommt wenigstens niemand auf die Idee,
eine Unterhaltung führen zu wollen. Lass
sie reden, mir ist das normalerweise weitgehend egal. Aber manche Menschen
können einfach nicht leise, wie ich immer wieder im Bus erfahren muss. Eine Frau unbestimmbaren Alters erscheint.
Artig macht ein jüngerer Mann Platz. Schnaufend lässt sie sich in den unbequemen
Sitz fallen. Sie trägt Haare auf dem Kopf, die nicht ansatzweise einen Anspruch
auf eine Frisur geltend machen können. Die Hose ist fleckig, die Oberbekleidung
eindeutig zu eng. Unter den richtigen
Umständen kann Letzteres für einen Männerblick durchaus auch mal von Interessen
sein, aber hier liegen eben diese Umstände explizit nicht vor.
Von einem der Smartphones aus erklingt eine Stimme. Es
handelt sich um eines der beiden Smartphones, mit denen sich ein bulliger,
südosteuropäisch wirkender Typ abwechselnd beschäftigt und welcher nun ziemlich
erschreckt und in gebotener Hektik versucht, eben jene Stimme zum Schweigen zu
bringen.
„Das habe ich nicht verstanden.“ kommentiert die Frau mit
der fleckigen Hose.
Ich auch nicht, aber es verwundert mich nicht bei dem
offenkundigen Migrationshintergrund des bulligen Typen. Die Sprache würde ich
als Griechisch einstufen und gehört wohl weiterhin zu jenen Strukturen verbaler
Kommunikation, die hier trotz der Anwesenheit zahlreicher Betreiber von schlechten
Gyrosverkaufsstellen auch weiterhin nicht so weitläufig verbreitet sind.
Aber zu den Punkten auf meiner Hassliste gehören
Menschen, die meinen, alle Ereignisse in ihrem Umfeld kommentieren zu müssen.
Und auch wenn ich davon ausgehe, daß die meisten dieser Kommentare wohl nur
eher unbewusst ausgesprochene Gedanken ohne weiteren Hintergrund sind, macht es
dies für mich nicht besser. Die Frau hielt sich nachfolgend mit derartigen
Kommentaren dran. Nicht laut und sicherlich auch nicht für das ganze
Wartezimmer bestimmt, aber zumindest für mich und doch zweifellos für das ganze
restliche Wartezimmer durchaus vernehmlich.
Der bullige, schon im Sitzen nahezu hünenhafte und durchaus
schwer angegraute Typ hat sein aufmüpfiges Smartphone in den Griff bekommen und
unterhält sich kurz mit der bildhübschen jungen Frau, die ihm übers Eck als
nächste sitzt. Er spricht leidliches Deutsch, aber tatsächlich mit für meine
Ohren griechischem Akzent. Man gehört augenscheinlich zusammen. Ich überlege,
ob sie seine Tochter oder seine Lebensgefährtin ist. Beides scheint mir
möglich. Ihr Deutsch ist akzentfrei.
Der Typ neben mir blättert in Zeitschriften. Zu den Dingen,
die ich beim Arzt nicht anfassen würde, gehören Zeitschriften. Als ÖPNV-Nutzer
bin ich ja einiges gewohnt, und über viele Dinge sollte man sich besser gar
nicht erst in irgendwelche Vorstellungen vertiefen oder gar Gedanken machen.
Zum Beispiel auch nicht über die Nutzung der Griffe von Einkaufswagen. (Nein, nicht Wägen. Ich hasse das.
Jahrzehntelang war hier das Wort für die Mehrzahl von Wagen Wagen und nicht
Wägen, was immer mehr um sich greift. Nein, es sind die Wagen. Dabei bleibt es.
Basta.) Aber es ist nicht so, daß ich vor nichts fies bin. Alles hat seine
Grenzen.
Er verlässt das Wartezimmer, kommt nach einiger Zeit wieder
rein und jappst irgendetwas, was wohl im Zusammenhang mit der Luftqualität zu
stehen scheint. Verzweifelt stürzt er zum Fenster und hat wohl die Vorstellung,
dieses weiter öffnen zu können. Keine Chance. Desillusioniert setzt er sich
wieder hin.
„Herr Müller und Herr Paterfelis bitte.“
Endlich. Herr Müller huscht nach draußen. Bei mir dauert es
aufgrund der Schwindelanfälle etwas länger, bis ich mich in einer einigermaßen
sicheren Stabilität auf den Weg machen kann. Der Typ neben mir blickt von
seiner Zeitung hoch.
„Häh?“
„Wie bitte?“ denke ich korrigierend und sage nur
„Paterfelis“. Der Typ ist beruhigt und widmet sich dem Studium seiner Zeitung.
Ein Magazin für Hobbyangler mit vielen bunten Bildern. Erstaunlich, was man in
Wartezimmern so alles zu lesen bekommt.
Ich werde gemeinsam mit Herrn Müller vor dem Sprechzimmer
des Arztes auf einer Sitzreihe geparkt und harre mal wieder der Dinge, die da
so kommen. Hier erweist sich die Luft als deutlich angenehmer. Das Wartezimmer
ist überstanden.
Beim Arzt sollte man wirklich möglichst wenig anfassen.
AntwortenLöschenJau.
LöschenImmer diese Cliffhanger ... ;)
AntwortenLöschenBöser Paterfelis. :-D
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