Samstag, 29. Dezember 2018

Saubande

Nadja tauchte mit einer Akte in der Hand in unserem kleinen, gemütlichen Büro auf und trat direkt an Raissas Schreibtisch. Man tauschte sich über ein rechtliches Problem aus und wie man es in dem besagten Vorgang handhaben wolle. Raissa hatte dazu gänzlich andere Vorstellungen als Nadja. Meine Idee dazu war eindeutig: Raissa war auf dem Weg, den ich auch eingeschlagen hätte. Das überrascht jetzt weniger, da ich sie während großer Teile ihrer Ausbildung unter meiner Fittiche hatte und auch ihre weitere Einarbeitung meiner Obhut unterlag, so dass ich sie direkt auf meine Linie trimmen konnte.

Nun muß man wissen, dass auch Nadja früher, bevor sie ihre Karriere vorangetrieben hatte, auch eine Zeit lang meine Schutzbefohlene war und dementsprechend ebenfalls eine gewisse Prägung durch mich erfuhr. Von Raissas Argumentation verunsicherte schaute mich Nadja fragend an. Mir blieb nichts anderes übrig, als Raissa zuzustimmen. Nadja ging in sich.

„Hört sich logisch an. Früher habe ich das als Sachbearbeiterin auch immer so gelöst, das weiß ich noch. Aber dann hat Frl. Hasenclever mir das mal beanstandet, und dann bin ich auf ihre Linie umgeschwenkt.“

Der geneigte Leser sollte an dieser Stelle zum Verständnis erfahren, daß Frl. Hasenclever kein Eigengewächs unserer Außenstelle ist, sondern seinerzeit von einer anderen Außenstelle zu uns wechselte, um bei uns die Stelle als Fachbereichsleiterin in einem für sie fremden Fachbereich einzunehmen. Sie war seinerzeit die jüngste Fachbereichsleiterin des gesamten LASA. Mittlerweile ist es Usus, sogar noch jüngere Kollegen auf entsprechende Führungspositionen zu heben. Der Jugendwahn hat unseren Herrn Geschäftsführer voll erwischt. Mit Berufserfahrung und Spezialistenwissen gewinnt man bei uns keinen Blumentopf mehr; auf dieses Potential verzichtet man bewusst zu Gunsten anderer Präferenzen. Dabei rollen sich mir die Fußnägel regelmäßig auf, aber mich fragt ja keiner. Ich bin eben eine aussterbende Art.

Zu Beginn Frl. Hasenclevers Zeit bei uns sind wir – nicht nur ich, sondern der gesamte Fachbereich – durchaus häufiger aus unterschiedlichen Gründen aneinandergeraten. Das war ein Zustand, den wir unter erheblichem Zeitaufwand mit viel Blut, Schweiß und Tränen ändern konnten. Natürlich gibt es auch heute immer wieder mal Differenzen, aber die sind in einem zwischen Vorgesetzten und Untergeben üblichen, durchaus erträglichen sowie handhabbaren Maß angesiedelt und an sich nicht weiter der Rede wert. Von ihrer – durchaus berechtigten – Kritik Betroffene sehen das zuweilen anders, aber auch das ist bekanntlich immer so.

Doch ich schweife ab, wenden wir uns wieder dem Thema zu.

„Nadja, ich kann mich daran erinnern, daß Frl. Hasenclever und ich seinerzeit auch mal eine Auseinandersetzung zu dem Thema hatten. Sie hat sich danach aber auf meine Darlegung eingelassen und zieht das seitdem auch so durch.“

„Hmmm, das habe ich nicht mehr mitbekommen. Toll. Seit dem habe ich das immer so gelöst wie sie es früher wollte und habe das jetzt mit den Leuten aus meinem Fachbereich auch so gehandhabt.“

„Passiert eben.“

„Ja, aber es ist ja dann meistens zum Nachteil der Kunden gewesen. Mist! Daß ich das falsch gemacht habe, nehme ich jetzt mit in den Tag.“

Ja, Nadja nimmt sich so etwas schnell zu Herzen.

„Ach Nadja, du kennst doch die alte Weisheit.“

„Welche?“

„Willst du dir den Tag versau‘n, musst du nur bei uns reinschau’n!“

Raissa hätte jetzt mit dem Grinsen ja auch ruhig abwarten können, bis Nadja wieder gegangen ist.




Samstag, 22. Dezember 2018

Das Brötchenproblem

Aus dem Archiv gekramt:



Sven kommt bereits mit Jacke bekleidet sowie einigen Akten in der Hand in unsere Höhle im Schicksalsberg und macht sich an dem Aktenschrank der in Urlaub weilenden Raissa zu schaffen.

„So, nur noch die letzte Vertretung weghängen, dann bin ich auch weg. Ich verabschiede mich schon mal für zwei Wochen.“

„So so. Und wer besorgt mir jetzt mittags die Brötchen? Hast du da überhaupt schon irgendetwas geregelt?“

Aus pekuniären und auch anderen Gründen habe ich meinen mittäglichen Bedarf von Döner, Frikadellen- oder Fleischkäsebrötchen auf trockene Brötchen frisch vom Bäcker umgestellt, welche mir Sven doch ziemlich regelmäßig bei seinem in stets in die Innenstadt führenden Pausenrundgang mitbringt. Wenn er denn da ist. Was perspektivisch in den nächsten Wochen aber nicht der Fall sein dürfte. Wer hat ihm den Urlaub überhaupt genehmigt? Wieso hat mich da keiner gefragt? Der Informationsfluss in dieser doch sehr bedeutsamen Angelegenheit scheint mir gerade äußerst lückenhaft zu sein.

„Ich jedenfalls nicht.“

Frecher Mistkerl!

„Dann muß ich wohl Ludwig dazu anspitzen.“

Sven schaut mich an.

Ich schau zurück.

Wir prusten beide los.

Die Azubinette ihrerseits schaut etwas verstört. Sie kennt noch nicht alle Gegebenheiten vor Ort. Und sie weiß dementsprechend auch nicht. daß es ein enormer Kraftakt sein kann, Ludwig dazu zu bewegen, sich ohne Auto in Bewegung zu setzen. Und ein Auto in der Neustädter Innenstadt ist eher unpraktisch.

„Vielleicht kannst du ja Frl. Hasenclever fragen.“

Frl. Hasenclever neigt dazu, Sven gelegentlich auf seinen Pausengängen zu begleiten. Ich werfe dennoch einen zweifelnden Blick in Svens Richtung.

„Sie sagt, daß sie immer einen Grund haben muß, um mittags raus zu gehen. Und den würdest du ihr damit ja geben.“

„Aha?!“

„Ich weiß. Ich frage sie jeden Tag, und sie erzählt mir auch regelmäßig, daß sie keine Zeit habe, um Pause zu machen. Und schon gar nicht, um nach draußen zu gehen.“

„Eben.“

„Ja. Sie meinte aber auch, daß sie meine Hartnäckigkeit bewundere. Sie hätte an meiner Stelle schon lange aufgegeben.“

Ich auch, denn wir reden hier über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

„Du meinst, wir können sie über Hartnäckigkeit kriegen?“

„Ja, schon mal. Aber Stur sein kann sie auch.“

(Männer sind hartnäckig, Frauen sind stur. Nur mal so zur Klarstellung. Anm. d. Red.)

Ich weiß. Stur kann eine ihrer Paradedisziplinen sein.

Seufz.




Samstag, 15. Dezember 2018

Effekt verfehlt

Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit hält der mich befördernde Bus regelmäßig einige Minuten am Neustädter Busbahnhof. Es bietet sich genügend Zeit, Leute zu beobachten. In der Mehrheit sammeln sich hier natürlich immer die gleichen Gestalten.

Die Warteposition des Busses befindet sich in einer Höhe mit einem Multifunktionsladen, in welchem es Zeitschriften, Gebäck und Kaffee käuflich zu erstehen gibt. Nicht ganz ein klassischer Kiosk, mehr ein Stehausschank. Ganz geschäftstüchtig gibt es hier eine Art Sonderschalter, an dem die sich tendentiell in Eile befindlichen Busfahrer der NÖP, einem der hiesigen Nahverkehrsunternehmen, eine bevorzugte Bedienung erhalten.

Regelmäßig sehe ich hier eine Dame im Business-Anzug. Aus dem Verhalten der Busfahrer ist augenscheinlich, daß sie irgendwie zur NÖP gehört, ohne jedoch Fahrerin zu sein. Sie unterbricht hier ihren Anfahrtsweg, tankt Kaffee und dann geht es mit dem nächsten Linienbus weiter.

Hin und wieder sehe ich es ganz gerne, wenn sich eine Frau in einem Business-Anzug zeigt. Doch grellpinke Fingernägel und eine dazu farblich passende Hello-Kitty-Tasche scheinen mir den Effekt des Anzuges ein wenig zu verfälschen.

Stil ist nicht das andere Ende des Besens.




Dienstag, 11. Dezember 2018

Keine echte Alternative

Der Herr Geschäftsführer hatte endlich die durchschlagende Idee, wie wir unsere Arbeit schneller erledigen könnten.

„Ihr Fachbereich hat doch jetzt schon seit Jahren eine Fehlerquote von nahezu null Prozent. Unterschreiben Sie doch mal etwas risikobereiter, dann sind die Sachen auch zügiger vom Tisch, sie haben weniger unerledigte Vorgänge im Bestand und insgesamt kürzere Laufzeiten.“

Verlockende Idee.

„Herr Geschäftsführer, lassen Sie uns denn dann auch in Ruhe, wenn die Fehlerquote plötzlich steigt?“

„Nein. Ein Ansteigen der Fehlerquote ist keinesfalls tolerabel.“

Und schon kommt das Wort von der Alternativlosigkeit wieder zu seiner Bedeutung.



Freitag, 7. Dezember 2018

Am Ende

Letzter Urlaubstag. Und wieder einmal habe ich das Wesentliche, welches ich mir für diesen Urlaub vorgenommen habe, nicht geschafft. Noch nicht. Bis Montag ist ja noch etwas Zeit.

Wie sagte Rebecca unlängst zu mir, als wir etwas verspätet mit unserem Fachbereich die jährliche, traditionelle Nachweihnachtsfeier bei einem indischen Buffet begangen haben? „Welchen Raum räumst du dieses Mal aus? Das machst du doch in jedem Urlaub.“ Ja, dieses Mal habe ich mir unsere Küche vorgenommen und zu diesem Zweck, quasi als Hilfstabletts, im Vorfeld Druckerpapierkartondeckel gesammelt. Damit lassen sich bestimmte Kleinteile besser gesammelt verschieben oder wegstellen. Denn um die Kleinteile geht es.

In unserer Küche findet sich vor allen Dingen ein unübersehbarer Wust aus Gewürzpackungen. Soviel Gewürze benötigt kein Mensch. Wir aber schon. Und andere Dinge mehr. Da nützt es nichts, wenn diese Dinge ordentlich im kellergebundenen Lebensmittelregal einsortiert sind. Bestimmtes Material gehört in die Küche, sonst wird es vergessen. Nicht von mir, da ich als verwaltender Pfleger des Kellerregals durchaus nur selten etwas von dem vergesse, was da lagert. Aber die zweitbeste Ehefrau von allen merkt sich das nicht. Kaum sind verschiedene Dinge aus den Einkaufstaschen verschwunden und systematisch im Kellerregal eingepflegt worden, entwickelt sich bei der zweitbesten Ehefrau von allen hierzu eine gedankliche Nulllinie.

Das ist schlecht.

Und oben in der Küche lagern die Gewürze in einem wilden Chaos. Der Gewürzschrank reicht nicht mehr aus, um alle unterschiedlichen Döschen, Gewürzmühlen und Tütchen aufzunehmen, während im offenen Küchenregal Dinge lagern, welche seit Jahren nicht mehr berührt wurden und Platz wegnehmen. Ein für mich unerträglicher Zustand.

Ich kann mich stundenlang und tatsächlich wachsender Begeisterung damit beschäftigen, sowohl die Bücher- und Spieleregale als auch die Kellerregale und den Inhalt der Wohnzimmermöbel neu zu strukturieren. Um Ordnung in ein Chaos zu bringen, sind aber drei Grundvoraussetzungen erforderlich:

  1. Ich muss mit den Dingen etwas anfangen können.
  2. Ich muss eine logische und ästhetisch anspruchsvolle Grundvorstellung haben, wie es später aussehen soll.
  3. Ich muss allein sein, wenn ich das Werk vollbringe.

Punkt 1 ist kein Problem. Ich könnte niemals den Kleiderschrank, die Sportgeräte und die Tanzausrüstung der zweitbesten Ehefrau von allen sortieren. Das ist nicht meine Welt. Außerdem kann ich Textilien nicht ordentlich falten. Irgendwann würde ich gefragt werden, wo dies und das gelandet ist und könnte nicht antworten, weil ich nicht mal ansatzweise eine Idee habe, um was es geht und wie das gesuchte Ding überhaupt aussieht. Kaum etwas kann mich mehr aufregen als die Aufgabe, in natürlich mangels rechtzeitiger Beauftragung knapp bemessener Zeit Dinge zu suchen, die ich nicht kenne. Schlechte Voraussetzung. Dies wäre in der Küche natürlich anders.

Punkt 2 ist ein größeres Problem. Wir haben einfach zu viele Gewürze in zu unterschiedlichen Aufbewahrungsmitteln. Die Möglichkeit einer Vereinheitlichung sehe ich aus verschiedenen Gründen als unrealistisch an und würde letztendlich auch nicht weiterführen, weil der Gewürzschrank einfach überfüllt ist. Und eine Auslagerung an eine andere Stelle wird zumindest nicht platzsparend, sondern auf Grund der Gegebenheiten eher platzfressend sein. Platz ist etwas, was es in unserer Küche kaum gibt. Hier muss ich experimentieren und zwingend mit Zwischenlösungen arbeiten, welche vielleicht später in ein sauberes und auch optisch ansprechendes Ergebnis umgewandelt werden können.

Punkt 3 ist auch so eine Sache. In diesem Urlaub hat sich keine mehrtägige Abwesenheit der zweitbesten Ehefrau von allen ergeben. Die paar Stunden am Abend, wenn sie ihre Kurse gibt, werden für meine Zwecke nicht ausreichen. Außerdem bin ich ein Morgenmensch. Wenn ich nicht morgens mit etwas begonnen habe, ist der Schwung vorbei. Und ich will hier keinen Radau veranstalten, während die zweitbeste Ehefrau von allen noch schläft. So etwas machen hier nur Lebensmüde und Paketboten.

Mal sehen, wie ich das noch hinbekomme.




Donnerstag, 6. Dezember 2018

Gesindel - Abschaum - Dreck

„Richtig!“

Das war die Antwort der zweitbesten Ehefrau von allen auf meine am frühen Abend geäußerte Bemerkung, daß ich wahrscheinlich nicht den Baseballschläger aus meinem Zimmer holen dürfe, um dem hirnlosen Honk, der draußen wiederholt und aus nicht weiter nachvollziehbaren Gründen das Instrument seines Kraftfahrzeuges zum Auslösen einer auf Schall basierenden Signalisation betätigte, klarzumachen, daß hier eine eben solche Betätigung selbigen Gerätes ohne der originär zugewiesenen Absicht des Ausstoßens einer Gefahrenwarnung nicht angebracht und schon mal überhaupt nicht erwünscht wäre.

Wahrscheinlich wollte er nur jemandem, den er zwecks Verbringung an einen anderen Ort abzuholen gedachte, auf seine zwischenzeitlich erfolgte Ankunft aufmerksam machen. Denn nach einigen Minuten sich immer wiederholenden Schall Erzeugens stieg eine weitere Person ein und man fuhr von dannen – nicht ohne einem freundlichen finalen Abschiedshupen in die Nachbarschaft.

Arschloch.



Sonntag, 2. Dezember 2018

Von fiebernden Eulen, einem Blinden und Lassie

Wir trafen uns wieder zu unserem vierwöchentlichen Spielenachmittag. Dieses Mal sogar in Vollbesetzung, also die zweitbeste Ehefrau von allen, Frl. Hasenclever, Sven, Ludwig und Raissa. Und natürlich meine Wenigkeit. Die Altersspanne der Teilnehmer ist schon weit gesteckt, bin ich doch älter als Luwig und Raissa zusammen.

Auf Wunsch der zweitbesten Ehefrau von allen hatte ich einige Spiele aus grauer Vorzeit ausgegraben. Wir starteten die Runde mit dem guten, alten Spiel des Lebens in einer der ersten deutschen Versionen. Es ist ein dem Grunde nach einfaches Familienspiel, welches ohne viel Finessen auskommt. Nach Jahrzehnten ist es mal wieder ganz lustig zu spielen gewesen, entspricht aber nicht mehr so ganz den heutigen Ansprüchen an Brettspielen. Da war schon einiges an Nostalgie unterwegs.
Es ging weiter mit Querdenker. Bei dem Spiel geht es darum, einen zuvor etwas eingegrenzten Begriff anhand von 20 Aussagen zu erkennen. Die Aussagen sind mitunter mehrdeutig, aber sobald man die Lösung kennt doch stets nachvollziehbar.
Dachte ich.
Mir ist durchaus bewusst, daß es Spiele gibt, deren Regeln zwar einer gewissen Zeitlosigkeit unterliegen, der Teufel aber mitunter im Detail steckt. In einem anderen Spiel aus meiner jahrzehntelang zusammengetragenen Sammlung, bei dem es darum geht, Meinungen von Mitspielern zu erraten, wird zum Beispiel die Frage gestellt, ob man der Ansicht sei, daß die Rolling Stones auch mit 60 Jahren noch Musik machen. Ich kenne mich da ja nicht ganz so aus, bin aber der festen Überzeugung, daß sich diese Fragekarte im Jahr 2018 durch Zeitablauf bereits doch ein wenig überlebt hat... 
Hier aber war es anders. Bestimmte Begriffe funktionierten in der Runde gut, aber dann kamen doch unerwartete Probleme. So konnten unsere Youngster mit dem Spruch „Eulen nach Athen tragen" und dessen anschließend von mir vorgetragenen Erläuterung des Sinns und des Zustandekommens überhaupt nichts anfangen.
Dann kam die Frage nach einem bestimmten Tier. Bekannt aus Film und Fernsehen. Lassie! Ludwig kannte Lassie nicht. Lassie, der Inbegriff des Film- und Fernsehhundes schlechthin. Ja, es gibt noch Rin Tin Tin und Boomer, den Streuner, welcher mir als Kind noch am besten gefallen hat. Aber Lassie - hallo. Dafür kannte er Flipper. Ist ja schon mal was. Nur kein Hund. Aber das war zumindest klar. Außerdem habe ich jetzt mal wieder die Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß ich Flipper doof finde.
Auch der nach Lösung der Aufgabe, bei der ein bestimmter dunkelhäutiger Musiker gesucht wurde, von mir erzählte alte Spruch "Hast Du die Frau von Stevie Wonder schon mal gesehen? Er auch nicht!" stieß ins Leere. Ist Stevie Wonder wirklich schon in Vergessenheit geraten?
Und zu guter Letzt zeigten sich Auswirkungen des technologischen Fortschritts. Wenn man noch nie mit einem Fieberthermometer zu tun hatte, welches auf Quecksilberbasis arbeitet, kommt man auch nicht mit dem Umstand zurecht, daß man es zur Senkung der Temperaturanzeige nach unten schütteln muß.
Ja, die Dinge ändern sich. Das ist mir wieder sehr bewusst geworden.




PS: Es gibt sogar Videos, welche zeigen, wie man ein Quecksilberthermometer herunterschlägt?!

Echt jetzt?

Ich bin zu alt für diese Welt.






Mittwoch, 28. November 2018

Irgendwie schon

Die Angehörigen der Katzenbande sind was die Interaktion untereinander angeht schon etwas eigen. Lilly will zumeist vor Marty ihre Ruhe haben, welcher aber doch recht oft in ihrer Nähe herumtigertkatzt. Sie zeigt ihm ihre Überzeugung, nämlich jene, daß sie auf seine Anwesenheit gerade so überhaupt keine Lust hat, mit durchaus schlagenden Argumenten. Dabei ist es nicht so, daß der Kater in der Lage ist, sich das lange zu merken. Vielmehr ignoriert er die Schläge einfach.

Smilla will mit Lilly und auch mit Marty eher weniger zu tun haben. Sie hält Abstand von beiden, insbesondere dann, wenn es etwas wilder zugeht. Sie flieht ja schon, wenn ihr einer ihrer Artgenossen ohne Hintergedanken zu nahe kommt. Wir können hier also bei der Definition von Wildheit durchaus die unterste Stufe von einer mit Bewegung verbundenen Aktion anlegen.

In seltenen Momenten versuchen alle drei – jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten – ihre Kollegen zu animieren, Nachlaufen zu spielen. Dummerweise geschieht dies meistens zu  Zeiten, in denen die jeweils beiden anderen der Ansicht sind, daß es gerade sinnvoller sei, ein Nickerchen zu machen. Nur gelegentlich lässt sich ein Erfolg in der Sache erkennen, an dem sogar Smilla in Abweichung ihrer oben erwähnten Grundsätze beteiligt sein kann. Das sind die Momente, in denen sie ihre katzentypischen tollen fünf Minuten hat. Aber das zweibeinige Personal wird mit Sicherheit nicht hinterherrennen, soviel ist sicher.

Wenn aber ein Angehöriger der Katzenbande mal versehentlich im Schlafzimmer eingeschlossen sein sollte, dann wird unabhängig von allen Uhrzeiten und sonstigen Begleiterscheinungen des Alltags Alarm geschlagen, bis das Personal erscheint, um die Tür zu öffnen und den Gefangenen in die relative Freiheit zu entlassen. Man maunzt, kratzt an der Tür und belagert diese derart auffällig, daß man gar nicht anders kann als auf die Situation aufmerksam zu werden.

Böse Zungen würden jetzt behaupten, daß da jemand einfach nur sensationsgeil sei. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich sind aber der Ansicht, daß die drei Haustiger sich irgendwie ja doch etwas mehr zu mögen scheinen. So ganz tief in ihrem Inneren wenigstens.

Kinder, ihr könnte das ruhig offen zugeben. Es wäre nicht schlimm.

Wirklich nicht.



Freitag, 23. November 2018

So Tage eben

Das Leben nimmt Wendungen. Die besonderen Jahrestage werden, so sie denn begangen werden, anders begangen als damals. Damals, das ist die Kurzform von „die gute alte Zeit“. Nicht, daß ich jemals besonders feierfreudig gewesen wäre. Da bin ich familiär nicht drauf geprägt worden. Aber so einige Details stelle ich mir an besonderen Tagen schon etwas anders vor.

Meinen fünfzigsten Geburtstag habe ich bekanntlich ganztägig im Bett verbracht. Mit der aufkeimenden Lungenentzündung. Prima. Nun ist Hochzeitstag. Was macht das miteinander verbundene Paar? Man geht gemeinsam zur Physiotherapie. Mein Rücken bringt mich schon wieder um. Ich verschwinde im linken Zimmer, die zweitbeste Ehefrau im rechten Zimmer der kleinen Praxis. Ja, ich bin schon so ein kleiner Romantiker.

Anschließend weiter. Wocheneinkauf. Zur Feier des Tages gibt es Mittagsfrühstück beim Türken im noch neuen örtlichen Einkaufszentrum. Schnellimbiss. Viel zu teuer. Ein neuer Gebäudeteil wird just an jenem Tage eingeweiht. Die B-Prominenz hat einen Auftritt. In unmittelbarer Nähe. Musik dröhnt durch die Gänge. An sich eine gute Auswahl, aber technisch schlecht umgesetzt. Die hat noch nichts mit dem angekündigten Auftritt zu tun.

Ohne Schminke sieht der B-Promi-Typ jetzt auch schon ziemlich abgehalftert aus. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich mögen ihn beide nicht. Früher habe ich mal ganz gerne gesehen, aber ich hatte mal beruflich mit ihm zu tun. Seit dem weiß ich, daß der Typ ein Arschloch ist. Zumindest aus meiner Perspektive. Das muß nicht am Promi-Status liegen. Es gibt auch freundliche, bodenständig gebliebene Promis. Rebecca und ich hatten da auch mal jemanden am Wickel, auch sehr bekannt aus Funk und Fernsehen. Der war am Telefon trotz drohenden Ungemachs von uns wirklich freundlich. Geht doch.

Aber nicht bei dem Typen, der jetzt gleich seinen Auftritt haben wird. Nix wie weg.
Im Laden selbst führt unser letzter Weg an das Getränkeregal. Das von der zweitbesten Ehefrau von allen bevorzugte Getränk ist hier in der Gegend relativ schwierig zu bekommen, da meistens zügig ausverkauft. Also bunkern wir, was da ist. Jede Flasche einzeln. Man wünscht sich im Laden ein hübsches Regal, weswegen der Ladenbetreiber das Personal angewiesen hat, die Flaschen immer aus dem Sixpack rauszuholen.

Es ist sehr nervend, mehr als 20 einzelne Flaschen einzeln handhaben zu müssen. Doch was sehe ich da: zwei Sixpacks. Das Personal wird nachlässig. Und das an diesem besonderen Tag. Wie wir uns erinnern, wird gerade ein weiterer Gebäudeteil feierlich eröffnet. Skandalös. Trotzdem Danke. Auch im Namen der Kassiererin, die es damit auch etwa einfacher hat, die Flaschen zu zählen.

Nach Räumung des Kaeffzetts von unseren Einkäufen fahre ich allein weiter zur Spasskasse. Die zweitbeste Ehefrau von allen leidet, hat ihr Physiotherapeut doch heute scheinbar den richtigen Nerv gefunden. Oder so in der Art. Der Banker Spasskassenmensch ist neu in der Filiale. Eigentlich ist hier jeder immer wieder neu, seit wir hier wohnen und von dieser Filiale betreut werden. Das Personal wechselt ziemlich zügig und wird dabei auch immer weniger. Die Räume bieten Platz für fünf gleichzeitig arbeitende Spasskassenmenschen. Mehr als vier haben wir hier noch nicht gesehen, aktuell sind es regelmäßig nur zwei. Der Spasskassenmschen erklärt mir, daß zur Erfüllung meines Ansinnens auch die zweitbeste Ehefrau von allen anwesend sein müsse. Nun denn, da hinter der Angelegenheit ein Termin steht, fahre ich zurück und schleppe meine leidende Angetraute an den Schreibtisch des Spasskassenmenschen, um die Dinge zu erledigen. Wie man das an Hochzeitstagen eben so macht.

Abends kümmere ich mich um das Essen. Drei Stunden in der Küche herumwerkeln. Das Ergebnis: mäßig. Wie sagte die zweitbeste Ehefrau von allen: „Da sind zu viele scharfe Komponenten drin.“ Habe ich auch gemerkt. Ich bin frustriert. Doofes Rezept. Die wesentlichen Bestandteile des Essens sind aber zu retten. Am nächsten Tag wird es Reste aus der gesamten Woche zu essen geben. Auch gut.

Wenigstens lässt es sich heute gut an. Grünzeug umtopfen, Kühlschrank neu sortieren, Mispeln zurückschneiden, Laub fegen. Mit ohne Laubbläser. Ganz klassisch mit dem Rechen grob über den Kies des Steingartens. Macht auch genug Lärm. Das Wetter ist angenehm spätherbstlich kühl und trocken. Lilly und Marty schauen mir aus dem Fenster des Metzelsaals interessiert beim Schuften zu. Alles wird schön windgeschützt zu einem Haufen aufgetürmt, damit sich dort eventuelles Kleingetier über den Winter einnisten kann. Ich setze auf Igel. Hier laufen einige herum. Und niemand hat mich draußen angequatscht. Auch nicht die neue Nachbarin. Die kennt nicht mal die Worte für die jeweilige Tageszeit. Keine Ahnung, warum. Egal.

Ein guter Start in einen Urlaubstag. So mag ich das.




Mittwoch, 21. November 2018

Geburtstagsnachwehen

Irgendwann hatte ich es geschafft, den mir mal wieder aufgedrängten Urlaub zu überstehen. Der Zeitpunkt ihn zu nehmen war nicht günstig. Aber, soviel muß ich einräumen, es gibt einfach keine günstigen Zeitpunkte für Urlaub. Nicht bei mir und der mir zugedachten Arbeit.  Es ist allerdings eine Art Naturgesetz, eine mathematische Konstante in meinem Leben, daß nach dem Ende eines Urlaubes wieder ein erster Arbeitstag folgt.

Also betrat ich früh am Morgen als erster das kleine gemütliche Büro in Neustadt. Das Licht auf dem Flur brannte. Es brennt eigentlich immer, wenn ich morgens komme, obwohl ansonsten noch keiner der Kollegen die Etage betreten hat. Der Hausmeister erscheint zeitgleich mit mir, erscheint aber unserer Etage nur auf persönliche Anforderung. Die Putzfrauen verrichten ihre Tätigkeit abends, auch wenn ich mitunter meine Zweifel ob deren tatsächlicher Existenz habe. Eventuell lässt der Wachdienst bei seiner Runde die Lampen leuchten – wer weiß das schon... Ich werde es nie erfahren, denn wenn der Wachdienst seine letzte Runde dreht, ist mir das Betreten des Gebäudes noch verwehrt. Die Zutrittsberechtigung für das normal sterbliche Personal beginnt erst 45 Minuten vor dem frühesten Zeitpunkt, der als Arbeitszeit gewertet wird. Mit diesem weiteren Rätsel der Menschheitsgeschichte vermag ich aller Wahrscheinlichkeit nach gut leben zu können.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich betrat also den Flur, auf dem Rücken meinen Rucksack tragend. Hin und wieder genügen die Taschen einer Männerjacke eben nicht dem Transport der notwendigen Dinge, so daß ich das lästige Teil mitnehmen muß. In einer Hand hielt ich, jeweils um 90 Grad verdreht, zwei Stapel mit eingegangener Post von mir und für Frl. Hasenclever, welche ich aus dem Postbüro mitgenommen hatte. Aus der zweiten Lagerstelle für eingegangene Arbeit, eben jene auf unserer Etage, nahm ich einen ordentlichen Stapel Akten und loses Papier (Voll retro, ich weiß. Aber das ist gut so!), den man mir bereitgelegt hatte. Mein erster Tag begann damit, dass ich direkt Vertretung für Frl. Hasenclever machen durfte, welche man ebenfalls in den Urlaub gedrängt hatte, so daß das mir anheimfallende Arbeitsvolumen einen leichten Aufwärtstrend erfuhr.

So bepackt betrat ich die Höhle im Schicksalsberg, welche ihrerseits im Dunklen lag, nahm meinen Schreibtisch wahr, warf allen Ballast erst mal darauf ab, entledigte mich meiner Jacke und schaltete danach das Licht an. Schließlich konnte ich unter der Decke über Raissas Schreibtisch eine Geburtstagsgirlande entdecken. Ich hasse es, mit Leuten in einem Büro zu sitzen, wenn diese Geburtstag haben. Es herrscht eine permanente Unruhe, weil ständig irgendjemand meint, dem Geburtstagskind ein sinn- und inhaltsloses Gespräch aufdrängen zu wollen. Damit kann ich nichts anfangen, weswegen ich mich auch in einem ständigen Kampf damit befinde, mein genaues Geburtsdatum nicht in der Allgemeinheit zugänglich zu machen und jenen die es wissen zu verdeutlichen, dass es sich dabei durchaus um ein schützenswertes Staatsgeheimnis Nr. 1b handelt, dessen Verwendung und Weiterverbreitung ich in Verbindung Androhung schlimmster Qualen bei Nichtbeachtung meines Ansinnens untersage.

Eine schnelle Musterung Raissas Schreibtisch meinerseits ergab, daß dieser die übliche geschäftsmäßige Strukturierung zeigte. Keine Luftschlangen, kein aus  einer Vielzahl von Lochern herausgeholtes und anschließend verteiltes Konfetti, nichts. Ein klares Indiz dafür, daß das Ereignis wohl schon in der letzten Woche stattgefunden hatte. Immerhin.

Als Raissa an ihrem Arbeitsplatz erschien, drückte ich mir notgedrungen den gesellschaftlich erwarteten nachträglichen Glückwunsch raus, womit sich meine Beteiligung an der Angelegenheit nunmehr für meine Begriffe auch erledigt hatte. Jetzt muss ich nur noch die entsprechenden Tage von Trudi und der Bacheloretten überstehen, dann ist wieder Ruhe für diese Runde. Geburtstage, welche außerhalb meines Büros begangen werden, ignoriere ich im Regelfall.

Raissa und ich haben eine nahezu unheimlich übereinstimmende Linie, was den Begriff der Ordnung angeht. Dies betrifft sowohl die Aktenführung, was ich bei einem Menschen in ihrem noch nahezu jugendlichen Alter noch nicht erlebt habe, ja noch nicht mal bei altgedienten Kollegen, als auch bei den Dingen rund um den Schreibtisch. Mit anderen Worten: Raissa begann unmittelbar damit, die Girlande unter der Decke entfernen zu wollen.

„Lass es Sven machen, der hat die doch auch garantiert da hingehängt.“ begann ich meine Kommentierung ihrer Bemühungen. Daß diese nicht von Erfolg gekrönt sein würden, dürfte sich auch jedem anderen Betrachter sofort erschlossen haben, denn Raissa hat eine eher durchschnittliche weibliche Körpergröße und kann die Bürodecke mit ihren Händen ganz zweifelsfrei nicht erreichen.

„Die stört mich aber, die muß weg.“

„Oh nein, du steigst jetzt nicht auf deinen Stuhl mit seinen Rollen! Warte auf Sven.“ Da musste ich doch glatt mal energisch werden.

„Nein, ICH mache das.“

Sturkopf. Raissa stammt aus einer kinderreichen Familie, da lernt man vermutlich eine gewisse Beharrlichkeit zur Durchsetzung seiner Interessen. Also stand ich auf, begab mich unter die Girlande und löste sie mit ausgestrecktem Arm von der Decke. Die andere Seite hing noch hinunter – auch für mich unerreichbar, da ich hier schräg über Trudis Schreibtisch hätte greifen müssen. Was dazu führte, daß sich der Weg zur Befestigung um einen gewissen mathematischen, unter Anwendung einer schlauen geometrischen Formel errechenbaren Faktor vergrößerte, welcher mit der Länge meines Armes auch unter Verwendung meiner Zehenspitzen nicht mehr kompatibel war. Und auf dem Schreibtisch herumtanzen werde ich bestimmt nicht. Musste ich auch nicht, denn ehe ich mich versah, hatte Raissa selbigen erklommen und die Girlande gelöst.

Minuten später kam Sven ins Zimmer.

„Oh, Raissa, du hast ja schon ganze Arbeit geleistet. Ich wollte die Girlande gerade abhängen.“

„Paterfelis hat mir geholfen.“

Sven grinste mich an.

„Ja, manchmal ist er ein guter Mensch.“

Mag sein, aber ich hoffe, er erzählt es nicht weiter. Wie der erfahrene Blogleser weiß, habe ich iim Büro schließlich einen Ruf zu verlieren.



Sonntag, 18. November 2018

Sie hatte ihre Chance

Der von mir auf der Heimreise stets gewählte Zug pendelt zwischen Neustadt und Kurbad Grönau mit dem erwünschten Zwischenhalt Neustädter Ländchen. Neustadt Hauptbahnhof stellt für die Linie also den Wendepunkt dar, an dem der jeweilige Lokführer den Führerstand des Triebzuges wechseln muß.

Wie im gummibereiften Nahverkehr auch, kennt man mit der Zeit auch im schienengebunden Nahverkehr das eingesetzte Stammpersonal. So kommt die nach allgemeinem Verständnis hier beliebteste Lokführerin, im hiesigen Sprachgebrauch nur mangels weiterführender Erkenntnisse als Blondi tituliert, auf ihrem Weg von einem Ende zum anderen Ende des Fahrzeuges an den frisch zugestiegenen Reisenden vorbei.

Nur Augenblicke nach Betreten und Aktivieren des nun vorne gelegenen Führerstandes erfreute uns Blondi wieder mit ihren berühmt-berüchtigten Durchsagen.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie in der S-Drölfundsiebzig mit dem Reiseziel Kurbad Grönau. Bis zur Abfahrt haben wir noch fünf Minuten Zeit. Die Schwarzfahrerin im ersten Wagen hat somit noch ausreichend Gelegenheit zum Erwerb einer Fahrkarte. Danke sehr.“

Vergebliche Liebesmüh, wie der ausnahmsweise anwesende Zugbegleiter später feststellen durfte.




Donnerstag, 15. November 2018

Zweihundertfünfzig - plusminus ein paar Kleine

Raissa lebt in einer Beziehung. Ihr Freund studiert Informatik und ist das einzige Kind einer türkischstämmigen Familie. An sich hat seine Herkunft für mich keine weitere Bedeutung, ist für die aktuelle Geschichte aber doch schon von einem gewissen Interesse.

Unlängst sind beide nach mehr als einjähriger Wohnungssuche zusammengezogen. Eine Küche haben sie noch nicht, aber die wichtigsten Einrichtungen sind vorhanden: ein Eisschrank und eine Fritteuse, welche nur auf dem Balkon betrieben wird. Mehr benötigt eine gute Küche auch nicht, außer vielleicht noch einen Kühlschrank. Und eine Eiswürfelmaschine.
Wie sollte es anders sein, gibt es bei unserem jungen Glück grundlegende Differenzen in den wichtigen Fragen menschlicher Ernährung. Raissas Freund bevorzugt nämlich dünne Pommes, die soweit durchgebacken sind, daß sie quasi nur noch aus Kruste bestehen, während Raissa eher die auch mir sympathischeren dicken Pommes favorisiert, die innen noch eine gewisse Kartoffelkonsistenz besitzen und auch geschmacklich an ihre Herkunft als Kartoffel erinnern. Um allen Eventualitäten hinsichtlich der Pommesfrage vorzubeugen, wurde der Eisschrank im Rahmen seiner Erstbefüllung entsprechend ausgestattet. Hier findet das Herz alles, was es begehrt: dicke Pommes, dünne Pommes, gewellte Pommes, gekringelte Pommes, scharf vorgewürzte Pommes und an sich alle weiteren denkbaren Variationen käuflich zu erstehenden Packungen mit tiefgekühlten Pommes.
Während sich Raissa aus durchaus nicht uneigennützigen Gründen in einem nicht von der Hand zu weisendem Pragmatismus unter der Woche auch aufgrund der räumlichen Nähe zu unserem kleinen gemütlichen Büro mittags von ihrer Mutter durchfüttern lässt, steht am Wochenende alternativ auch die Mutter ihres Freundes gerne zur Verfügung, selbiges zu übernehmen und das Pärchen somit vor einer Pommes-Überversorgung zu bewahren. Im Laufe der Zeit hat sich Raissa, die scharfen Speisen eher abgeneigt ist, auch an die doch etwas kräftigere Art der Würzung, wie sie ihre künftige Schwiegermutter an den Tag legt, gewöhnt. Die heimatliche Küche der Schwiegerfamilie bleibt eben unübersehbar.
Nun wollte die Frau Schwiegermama den beiden auch mal etwas anderes bereiten. Sie entschied sich dazu, zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bolognese-Sauce zu kochen.
„Und weißt du was?!“ fragte mich Raissa, nachdem sie mir im Büro davon erzählt hat.
„Was denn?“
„Sie kam da mit 250 Gramm Hackfleisch. Für uns alle.“
„Oh.“
„Ja. Das ist ja fast so, also wollte man mit 80 Gramm Käse eine Lasagne machen.“
Eine wahrlich schreckliche Vorstellung. Aber der gute Wille hat gezählt. Und ich bin sehr zuversichtlich, daß die Grundlage der Sauce beim nächsten Versuch etwas fleischlastiger sein wird.
Ganz bestimmt.

Montag, 12. November 2018

Kaffee, Wasser, Tee und Sonderleistungen

In gewissen zeitlichen Abständen treffen sich die Seniorsachbearbeiter des LASA, getrennt nach ihren jeweiligen Fachbereichen, mit einigen Herrschaften der Abteilungsleitung zu einem Austausch in der großen Stadt, also in der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Praktiker unter sich. Nicht so wie die Theoretiker, also die Außenstellen- und irgendwie auch die Fachbereichsleiter. Wir sind die Basis. Wir wissen, wovon wir reden. In der guten alten Zeit fand so ein Termin alle drei Monate statt, dann verlängerten sich die Zeiträume und es dauerte schließlich satte drei Jahre, bis man mal wieder zusammenkam. An jenem denkwürdigen Tag mussten wir den Arbeitskreis mit der riesigen Tagesordnung aus Zeitgründen vorzeitig beenden. Man würde sich, so die Aussage der Herrschaften der Abteilungsleitung, zeitnah wieder treffen, um die noch offenen Punkte zu erörtern.
Wenn unsereins auf Wunsch der Abteilungsleitung etwas zeitnah erledigen soll, dann bedeutet das soviel wie am besten gestern oder noch früher. Jetzt weiß ich auch, was zeitnah bedeutet, wenn unsere Abteilungsleitung dies auf sich bezieht: ein halbes Jahr. Ich habe so den Verdacht, daß ich mich darauf im Zweifelsfall nicht als Referenz berufen darf.
Für die in Bad Husten arbeitenden Kollegen ist der Arbeitskreis immer wieder eine nette Unterbrechung des Arbeitsalltages; für mich aber geht aufgrund der langen An- und Abreise mit der Bahn regelmäßig ein ganzer Arbeitstag verloren. Dennoch halte auch ich diesen Arbeitskreis für sinnvoll, sieht man doch neben dem tatsächlichen Erfahrungsaustausch auch die alten Mitkämpfer wieder und stellt fest, daß die grauen Haare auch bei ihnen überhandgenommen haben.
Den Weg vom Bahnhof bis zu dem Gebäude, in dem das LASA seinen Sitz hat, laufe ich meistens. Hier habe ich 14 Jahre lang gearbeitet, bis ich wunschgemäß in die erste Außenstelle versetzt wurde. Es ist interessant zu sehen, wie die Gegend sich verändert. Interessant, aber nicht schön. Auf dem Weg haben viele der alten Geschäfte mittlerweile geschlossen. Den exklusiven Pralinenladen gibt es ebenso wenig noch wie das doch einst immer gut besuchte Reisebüro und den alteingesessenen und wirklich gut sortierten Spielzeugladen, welcher noch zu meiner Zeit sein hundertjähriges Geschäftsjubiläum gefeiert hat. Der familiengeführte Elektronik- und Schallplattenladen ist weg, und die von mir einst hoch geschätzte Imbissbude musste einer türkischen Imbisskette weichen. Selbst die beiden Geschäfte mit Artikeln für die Ehehygiene gibt es nicht mehr. Der Onlinehandel fordert seinen Tribut.
Überhaupt finden sich auf der ersten Hälfte des Weges zunehmend türkische Geschäfte, zumeist Imbisse oder Kioske. Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, aber es fällt auf. Bedenklich scheint mir allerdings zu sein, daß auf dem Weg, den ich in einer guten Viertelstunde zu Fuß bewältige, mittlerweile vier Pfandleihen betrieben werden. Ich mutmaße, daß dies nicht für die wirtschaftliche Entwicklung der Gegend spricht.
Endlich angekommen betrete ich die LASA-Hauptverwaltung und begebe mich direkt auf dem Weg zu Konferenzraum. Ich habe noch Zeit. Trotz der abenteuerlichen Anreise, verbunden mit einem Zugausfall und zwei verspäteten Anschlüssen, bin ich zu früh. Normal. Ich bin nicht der erste im Raum. Ein Kollege aus einer noch weiter entfernten Außenstelle, welche eine noch unmöglichere Verkehrsanbindung hat, sitzt auf seinem Platz und liest Zeitung. Wir alle haben unsere Stammplätze. Diese haben sich in Jahrzehnten ausgebildet. Ich erinnere mich noch an die Zeit vor 16 Jahren, als ich erstmals in diesen Arbeitskreis berufen wurde. Einige Kollegen von damals sind heute noch dabei, einige haben gewechselt. Es ist mitunter erschreckend, wie jung der Nachwuchs heute noch ist, wenn er sich Seniorsachbearbeiter nennen darf. Kaum Erfahrung, quasi noch grün hinter den Ohren und entsprechend in unserer Runde auch überfordert. Sofern man sich überhaupt traut, etwas zu sagen.
Früher, als noch alles wie früher war, gab es reichlich Kaffee, Tee, Wasser, Fruchtsäfte und Kekse. Die Fruchtsäfte wurden als erstes eingespart. Zu teuer. Dann die Kekse. Der Hausdienst kommt und deckt ein. Wie immer für 24 Teilnehmer zuzüglich der Kollegen der Abteilungsleitung. Für je zwei Tische mit je zwei Sitzplätzen gibt es eine Kanne Kaffee und eine Flasche Wasser. An jedem dritten Tisch werden an Stelle des Kaffees eine Kanne heißes Wasser und ein paar Teebeutel bereitgestellt. Ein Schälchen mit Kaffeesahne und Zucker gibt es alle zwei Tische.
Ich nehme das Recht des Erstgeborenen früh Erschienenen in Anspruch und tausche die vor mir stehende Kaffeekanne gegen die Kanne mit heißem Wasser und den Teebeuteln aus. Im gesamten Angebot finden sich drei Beutel mit Sorten, die ich zu mir nehmen würde. Die bereitgestellten Tassen sind winzig. Die Teebeutel auch. Und dann geschieht das Wunder. Es gibt wieder Kekse. Einen Dessertteller voll für jeden dritten Tisch. Es ist unfassbar. Ein Herr der Abteilungsleitung meinte, er habe einfach mal wieder versucht, welche zu bestellen und es hätte funktioniert. Einfach so. Wir leben wahrlich wieder in goldenen Zeiten.



kein Symbolbild

Nach und nach trudeln die restlichen Kollegen ein. Wir reden über das, was ältere Herrschaften so bewegt. Die guten, alten Zeiten eben. Die Veranstaltung beginnt pünktlich. Wir ziehen das Programm nur mit einer Pinkelpause durch. Gegen späten Mittag werden die im LASA arbeitenden Kollegen unruhig. Die Kantine droht so langsam zu schließen. Den externen Kollegen ist es egal. Draußen in der Wildnis haben wir keine Kantinen. Und auch keine Cafeteria, in der wir uns zur Frühstückspause bei günstigen aber tatsächlich gut belegten Brötchen, Teilchen, Kaffee und Kakao treffen. Meine Favoriten früher waren die Rührei-Brötchen und die Frikadellenbrötchen. Die Frikadellen wurden stets hausgemacht und waren noch warm.
Die zu meiner Zeit schon gute und dem Vernehmen nach sogar noch besser gewordene aber nicht ganz billige Kantine und die Cafeteria der Hauptverwaltung habe ich ewig nicht mehr besucht, auch wenn ich Zeit dazu gehabt hätte. Seit man dort die Barzahlung abgeschafft hat, sehe ich es nicht mehr ein. Man muß an einem Automaten Geld auf seinen Dienstausweis einzahlen, von dem dann an der Kasse abgebucht wird. Eine Guthabenerstattung ist nur auf manuellem Weg während eines schmalen Zeitfensters im Büro des Kantinenleiters möglich. Zu Uhrzeiten, in denen der Gast von außerhalb im Regelfall keine Zeit dazu hat. Dann müssen sie eben ohne mich zurechtkommen. Ein Kunde weniger. Es wird sie nicht stören.
In den Außenstellen gibt es überhaupt keine Frühstückspausen. Auch keine inoffiziellen. Wer Hunger hat, beißt in sein mitgebrachtes Butterbrot, während er weiterarbeitet. Wir beschließen, unsere Tagung ohne Pause durchzuziehen, um schneller wieder auf dem Weg nach Hause zu sein. Niemand möchte in den Feierabendverkehr von Bad Husten geraten. Wirklich niemand.
Die Tagesordnung ist wieder umfangreich. Diese abzuarbeiten erscheint mir sportlich. Doch einige Punkte werden dem Vernehmen nach ausfallen. Der zuständige Kollege ist nicht im Dienst, sein Kind ist erkrankt. Ein weiterer, ansonsten schon übertrieben redseliger Kollege kann seine Themen ebenfalls nicht ansprechen. Dies ist wörtlich zu nehmen, denn er befindet sich zwar vor Ort, ist aber erkältet und absolut heiser. Es gibt niemanden, welcher für die beiden einspringen könnte. Die Expertendecke in der Abteilungsleitung ist zu dünn. Für jedes Thema oder zusammengefasste Themenbereich gibt es mit etwas Glück genau eine (1) Person mit ausreichendem Sachverstand. Fällt diese Person wegen Krankheit, Urlaub oder auch einjähriger Elternzeit aus, dann war es das erst mal.
Zahlreiche Tagesordnungspunkte später ist die schon erwartete Ernüchterung eingetreten. Wieder einmal wurde uns bestätigt, daß auch unsere Abteilungsleitung sich bewusst ist, daß viele Dinge im LASA weltfremd gehandhabt haben und so wie wir sie machen auch noch unpraktikabel sind. Änderungswünsche werden von den Praktikern der Abteilungsleitung an die Gremien weitergereicht, welche für eine bundesweit einheitliche Bearbeitungsweise Sorge tragen sollen. Hier sitzen keine Praktiker, sondern Juristen und ähnliche Theoretiker, die vom wirklichen Leben und unserer Arbeit vor Ort keine Ahnung haben. Die aus unserer Sicht sinnvollen Vorschläge werden dort regelmäßig zerredet und bis zur Unkenntlichkeit verändert. Oder direkt abgelehnt. Was Gescheites ist selten herausgekommen. Werte Opfer der deutschen Bürokratie: Wir vor Ort können nichts dafür. Ehrlich. Wir müssen so sein. Meistens jedenfalls. Beschwert euch in den diversen Hauptstädten, aber nicht bei uns. Wir sind auch nur Opfer.
Das letzte Thema der Tagesordnung wird angesprochen. Mit etwas Glück könnte ich den nächsten Zug noch schaffen. Doch „Vertan“ sprach der Hahn. Es gibt noch einen Nachschlag. Der genügt, um zu wissen, daß ich erst den übernächsten Zug in Richtung Neustadt nehmen werde.
Vor dem Feierabend nochmal auf die Örtlichkeit und Biomasse abwerfen. Die Fahrt wird lang, und auf das Erlebnis, in einem Zug auf die Toilette zu gehen, kann ich verzichten. Die Räumlichkeiten hier in der Hauptverwaltung, auf der Etage mit den Konferenzräumen, stehen in keinem Verhältnis zu jenen, die uns draußen in der Pampa geboten werden. Hier gibt es sogar in der Toilettenkabine einen Wandhaken, an dem sich eine Ersatzrolle mit WC-Papier befindet. So etwas haben wir in den Außenstellen nicht. Die Ersatzrollen stehen – will man sie direkt am Ort des Geschehens haben - entweder unmittelbar auf dem schmutzigen Boden oder oben auf der Trennwand. Letzteres ist dann halt Pech für Kleinwüchsige. Dafür haben wir noch warmes Wasser, um uns damit die Hände zu waschen, was in der Hauptverwaltung im Zuge fälliger Renovierungen wegfallen wird. Bei uns natürlich auch irgendwann mal, aber eben erst später. Warmes Wasser ist für die einfache Belegschaft zu teuer.
Wieder schlendre ich den Weg zu Fuß. Mir fallen weitere verschwundene Geschäfte auf. Das alte Kino ist weg, der Fantasyladen auch. In dem großen Gebäude des ehemaligen Horten-Warenhauses haben sich neue Mieter eingenistet. Es ist kein Name dabei, welcher mir etwas sagen würde. An einer Verkehrsinsel hat man Palmen aufgestellt und diese in einem erstaunlich gut wirkenden Beet mit einer Umrandung aus alten Autoreifen platziert. Ist es Kunst oder Pragmatismus? Ich weiß es nicht, aber es gefällt mir wirklich.
Am Bahnhof überlege ich, ob ich etwas Zeit in der örtlichen Bulettengrillerei verbringen soll. Früher war es für mich mal etwas Besonderes, hier zu speisen. Doch inzwischen gibt es ja überall Filialen dieses von mir favorisierten Anbieters. Kein goldenes M, sondern der Andere. Der mit der offenen Flamme. Etwa ein- bis zweimal im Jahr zieht es mich in eine solche Filiale. Das muß dann aber auch reichen. Ich verzichte heute darauf. Hunger habe ich ohnehin nicht. Drei oder vier Kekse werfen mich in Sachen Appetit und Nahrungsaufnahme immer um Stunden zurück. Macht nichts, Geld gespart. Außerdem habe ich in meinem Rucksack noch zwei Butterbrote. Doch auch diese werden den Weg nach Hause noch bis zu Ende erleben. Frühstück für den nächsten Tag. Sofern ich mal frühstücken sollte.
Die Anzeigetafel des Bahnhofs verrät mir, daß zwei ICEs ausgefallen sind und ein IC ordentlich Verspätung hat. Das stört mich nicht, die Benutzung dieser Züge wird von der Reisekostenstelle des LASA nicht genehmigt. Ich nehme den Regionalexpress, zweite Klasse. Nahverkehr. Beinahe schon Bummelzug. Er fährt einmal stündlich. Wenn er denn fährt. Heute ist er weitgehend pünktlich. Über fünf Minuten Verspätung reden wir nicht. Kaum warte ich über 50 Minuten bei einer ordentlichen Brise auf dem Bahnsteig, schon ist er da. Die Fahrt nach Neustadt und darüber hinaus weiter ins Neustädter Ländchen wird wesentlich länger dauern. Der richtige Feierabendverkehr hat noch nicht begonnen. Ich bekomme problemlos einen anständigen Sitzplatz. Der Sitz neben mir wird erst nach mehr als halber gefahrener Strecke belegt. Mit einem leichten Sprint erreiche ich in Neustadt meinen Anschluss.
Das war es mal wieder. Vermutlich wieder für ein halbes Jahr.
Oder so.

Donnerstag, 8. November 2018

Paterfelis spielt - aber etwas fehlt

Nach längerer Zeit geht es weiter in der für mich wichtigen „Paterfelis spielt“-Reihe. (Ich muß hier unbedingt mal ein eigenes Label für diese speziellen Einträge einpflegen). Wie die eingefleischten Blogleser wissen, ist das Spielen ein für mich eine sehr elementare Möglichkeit, um mit anderen Menschen gesellig Zeit zu verbringen. Nach dem Ende meiner Tabletop-Phase im Jahr 2012 hatte ich zweigleisig versucht, wieder Spielerunden zu etablieren. Da wäre zunächst das Spielen im Büro nach Feierabend. Eine Zeit lang bestand eine Blood Bowl-Runde. Zu meinem großen Bedauern entwickelte sich diese nicht weiter. Der harte Kern reduzierte sich auf Sven, Frl. Hasenclever, Mandy und mich.

Zur Erinnerung: Blood Bowl ist ein miniaturenbasiertes, leicht ironisches Brettspiel, bei dem verschiedene Völker aus dem Fantasy-Genre in einer Art Football-Match gegeneinander antreten. Ein Spiel besteht aus zwei Halbzeiten zu je acht Zügen. Es lässt sich eine Liga aufbauen, in dem die Ergebnisse eines Spieles Auswirkungen auf das nächste haben. Diese Spielform zu erreichen war Sven und mein Ziel. Leider ist es uns nicht gelungen, alle Beteiligten so weit zu bringen, daß es auch nur ansatzweise ins Auge zu fassen wäre, auf diese Weise zu spielen. Bis zum Schluß zeigte sich eher, daß wir auch nur über eine zu Ende gespielte Halbzeit nicht hinauskommen würden. Ein Liga-Spiel mit den entsprechenden Nachbereitungen der Spiele erfordert jedoch eine gewisse häusliche Vorarbeit sowie zumindest den Abschluss eines Spieles an einem Tag. Es fehlte an der Zeit und dem Durchhaltewillen. Heute spielen wir alle paar Monate einen Durchgang, das war es.

Dann wäre da noch die „normale“ Spielerunde im Büro. Nach einer Unterbrechung von einigen Monaten haben Sven und ich diese nochmals ins Leben gerufen. Wenn man den Leuten hinterherrennen muß, im Vorfeld gerne ein paar Zusagen hätte, um planen zu können und Antworten erhält wie „Ich weiß noch nicht, vielleicht habe ich ja bis dahin noch etwas besseres vor.“,oder um jede Viertelstunde kämpfen muß, welche die Kollegen unbedingt noch länger arbeiten müssen, um den Monat noch statistisch zu retten, dann verliert mal schon die Motivation. Aber zumindest jetzt haben wir eine Runde aus neun Interessierten zusammen. Vielleicht wird der neue Durchgang ja stabiler. Dabei beschränken sich die Runden auf einige Kartenspiele oder andere, eher einfachere Brettspiele.

Da wir im Büro nicht unbegrenzt Zeit haben, schließlich können wir nicht vor dem frühest möglichen Feierabend beginnen und müssen zum offiziellen spätesten Büroschluß draußen sein, gibt es noch die häusliche Runde bei mir im Metzelsaal. Meistens spielen wir in der uns zur Verfügung stehenden Zeit zwei oder drei Spiele, die auch mal etwas anspruchsvoller sein können. Die Betonung liegt auf etwas. Der Zeitfaktor hängt immer im Nacken. Die Kollegen erscheinen gegen 14 Uhr, dann werden erst mal bis 15 Uhr Mettbrötchen oder ähnliches verdrückt und gequatscht. Die Spielzeit endet meistens gegen 19.00 Uhr. Sven muß mit dem öffentlichen Nahverkehr nach Hause, Raissa ebenso, hat es aber nicht ganz so weit wie er. Ludwig fährt am Wochenende zu seinen Eltern in das Heimatdorf hinter dem Wald ins örtliche Gebirge, und Frl. Hasenclever zeigt sich auch regelmäßig erschreckt, wenn es mal länger wurde und sie ich vor 20.00 Uhr noch nicht auf der Rennstrecke nach Hause befindet.

Es gibt aber zahlreiche Spiele, die potentiell auch etwas mehr Zeit erfordern. So hatte ich unlängst mal einen Halloween-Sonderspieltag ins Auge gefasst. Vor meinem inneren Auge baute sich ein mit entsprechender – bei uns reichlich vorhandener – Halloween-Deko umgestalteter Metzelsaal auf, und natürlich hätte es auch ein passendes Buffet gegeben. Es wurde reges Interesse bekundet. Nur der Termin war so eine Sache. Der eigentliche Halloween-Abend war aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen. Frl. Hasenclever hatte Urlaub und sollte sich eher Abseits von unserem Teil der menschlichen Zivilisation befinden, was nebenbei auch stets bedeutet, daß ich als ihr Vertreter im Büro anwesend sein muß. Eine schlechte Voraussetzung für eine längere Abendgestaltung. Außerdem hatte die zweitbeste Ehefrau von allen auch an diesem Abend ihre Kurse zu geben, so daß sie ebenfalls ausgefallen wäre. Zu bezweifeln wäre ebenfalls gewesen, daß Sven so lange von zu Hause Ausgang bekommen hätte.

Also fixierte ich den vorab lose mündlich besprochenen Plan nochmals schriftlich in unserer eigens eingerichteten WhatsApp-Gruppe, erläuterte das Terminproblem und bat um alternative Vorschläge. Meinerseits gab es keine Einschränkungen, da ich an Wochenenden meistens Zeit habe und auch bei der zweitbesten Ehefrau von allen so gut wie keine Wochenendtermine mehr anstanden. Die Reaktion war gleich Null. So etwas hasse ich ja. Nach einigen Tagen maulte ich in der Gruppe aus einem ähnlichen gegebenen Anlass zu dem Thema mal etwas herum. Ich bekam als einzige Antwort, daß man auf Halloween keine Zeit habe, da man ortsabwesend sei.

Das war jetzt nicht die Antwort auf meine Fragestellung. Also erklärte ich die Veranstaltung für erledigt. Wenn man es nicht mal für nötig befindet, den Eingangseintrag richtig zu lesen, interpretiere ich es als Desinteresse und fertig. Da bin ich stur. Ich renne niemanden hinterher.

Die normalen, turnusmäßigen Runden laufen wie gehabt weiter.

Es gab auch mal einen Versuch durch Sven und mich, das Thema Tabletop nochmal wiederzubeleben. So baute ich eine ordentliche Spielplatte von 120 x 120 cm auf. Es entstand eine durch eine Katastrophe zerstörte Stadt aus einer Fantasywelt,in der zwei Banden auf Schatzjagd gingen und sich dabei bekämpften. Sven und ich ließen Frl. Hasenclever und Ludwig gegeneinander antreten, wir beide als erfahrene Spieler coachten sie dabei. Das Spiel wurde bis zu Ende gespielt, war aber auch eher unbefriedigend. Während Frl. Hasenclever sich von der Komplexität des Spielfelds überwältig und damit auch überfordert zeigte, erwies sich Ludwig eher als Kind der Online-Ego-Shooter-Generation. Er wollte nur siegorientiert spielen, aus der Distanz von hinten ungefährdet und ohne eigenes Risiko auf den Gegner schießen, Nahkämpfe vermeiden und überhaupt nur mit Komplettausrüstung ins Gefecht ziehen. Doch so funktioniert ein stimmungsvolles Tabletop-Spiel nicht. Hier ist auch eine Geschichte zu erzählen, insbesondere bei Austragen einer Kampagne. Es war aussichtslos.

Es ist schön für mich, daß ich wieder regelmäßig spiele. Die Spiele bereiten mir auch Freude, das steht außer Zweifel. Die Nervosität vor den Zusammenkünften, egal ob im Büro oder zu Hause, bleibt. Ich werde es nie als Selbstverständlichkeit betrachten und im Vorfeld entspannt an die Sache herangehen. Ich benötige einige Tage - auch innere - Vorbereitung, selbst wenn ich deswegen von anderen belächelt werde. Damit kann ich leben.

Aber es fehlt mir auch etwas. Ich vermisse bei den Spielen, die wir austragen, die Zeit der Vorberitung und Planung, das Epische und die mentale Erschöpfung am Ende, wie es aus meiner Sicht nur komplexere, zeitintensivere Spiele wie ein Tabletop bieten können.

Mit diesen Erfahrungen steht für mich erneut fest, daß meine Tabletop-Karriere definitiv beendet ist. Meine Tabletop-Materialien werde ich nie weggeben, aber sie werden sicher verstaut im Regal und im Keller-Keller ihre Zeit absitzen. Genau wie meine Modellbahnsammlung nie wieder fahren wird.

Aber man kann nicht alles haben.




Montag, 5. November 2018

Hart, härter, am härtesten

Die Welt, wie ich sie kenne, geht immer mehr den Bach runter. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Und der Donald kann noch nicht mal etwas dafür, soweit ich es nachvollziehen kann.

Habe ich vor einigen Jahren hier im Blog noch bedauert, daß in Deutschland meine Lieblings-Nasi Goreng-Sorte aus der Dose nicht mehr erhältlich ist, verschwindet nach der deutschen Marktaufgabe meiner Lieblings-Kaugummisorte nun auch meine Lieblings-Bihunsuppe. Ihr kennt bestimmt alle die gelb-grünen Dosen, die unter dem Markennamen Indonesia vertrieben werden. Oder wurden. Zeitungsberichten zu Folge ist der Hersteller insolvent und hat den Betrieb eingestellt.

Unvergesslich die Zeit, als meine Eltern diese Suppe erstmals als tiefgefrorene Variante gekauft haben. Das war bei uns zu Hause damals noch etwas ganz Exotisches. Und auch später hat diese Suppe in der Dosen-Variante, die etwas weniger scharf aber besser lagerbar war, sowohl mich als auch die zweitbeste Ehefrau von allen über so manchen Wintertag gerettet.

Und unsere Vorräte bestehen nach Angebots- und Hamsterkäufen nur noch aus 24 großen Dosen. Mit 25 % mehr Inhalt. Eine Katastrophe.

Wie soll man so denn künftig über den Winter kommen?



Samstag, 3. November 2018

Wunsch nach Veränderung

Wir dümpelten in unserem kleinen gemütlichen Büro in Neustadt vor uns hin. Die Luft war schlecht, da der Lärm vor dem Haus stattfindender Bauarbeiten uns gezwungen hatte, die Fenster zu schließen. Aus dem Radio dudelte irgendeine schreckliche Musik. So ein neudeutscher Jammergesang, von dem man schon ohne auf den Text zu achten depressiv werden kann.

„Du, Raissa, mach‘ mal den Heavy Metal-Sender an.“

„Hier gibt es keinen Heavy Metal-Sender. Wir haben keinen Internet-Anschluss an dem Radio.“

„Aber wir könnten ja eine Heavy Metal-CD anwerfen.“

CD. Voll Oldschool.

„Wenn ich eine finde.“

„Und dann brüllen wir alle WACKEN!!!“

Ihr wisst schon. Da findet jährlich das große Heavy Metal-Festival statt. Na Wacken eben.

„Das haut dann aber Frl. Hasenclever von ihrem Stuhl.“

„Es trifft immer auch Unschuldige.“

„Die hält und dann bestimmt für bekloppt.“

„Was wäre daran verkehrt? Außerdem habe ich eine Idee.“

„Ich bekomme Angst“

„Durchaus berechtigt.“

„Und die Idee?“

„Wir schmeißen zusammen und kaufen uns ein Dixi-Klo eine mobile Toikettenkabine..

„Toll…“

„Damit machen wir uns selbständig.“

„…“

„Ja, wir stellen die auf dem Festival in Wacken auf und verlangen Eintritt.“

„…“

„Und dann brauchen wir natürlich noch einen fetten Slogan.“

„…“

„KACKEN IN WACKEN!“

„Ja, Paterfelis.“

Was denn?




Donnerstag, 1. November 2018

Phasenweise

Phasenweise

Es gibt so viele Dinge, die ich aktuell gerne machen würde. Nichts, was jetzt besonders spektakulär wäre. Nein, ganz einfache Alltagsangelegenheiten. Kleinkram. Ein Regal neu sortieren. Schreiben. Lesen. Und andere Dinge mehr. Doch mir fehlt jegliche Motivation. Wobei das wohl auch nicht so das richtige Wort ist. Der Wunsch ist da, die positive Einstellung somit auch. Aber der erste Schritt funktioniert nicht. Das Aufraffen dazu stellt sich als eine zu große Hürde dar.

Es wird Zeit, daß diese Phase wieder vorbei ist.

Doof.


Mittwoch, 31. Oktober 2018

Wendungen

Die nächtliche Heimsuchung durch einen Traum, in welchem der Kollege Maus einen unerwarteten und vor allen Dingen unerklärlichen Auftritt hat, gehört zu den eher unschönen Dingen im Leben.

Doch wenn Kollege Maus sich in besagtem Traum so gibt, daß man ihn daraufhin noch im Traum dermaßen anschreit und rund macht, wie es in der Realität des Lebens des Öfteren notwendig wäre, und nur die gute Erziehung eine unverzügliche Umsetzung verbietet, dann wechselt das bislang aufgekommene Gefühl von einer Unbehaglichkeit in ein Empfinden wohliger mentaler Wärme.




Samstag, 27. Oktober 2018

Ein guter Mensch

Donnerstags ist der Tag des Wocheneinkaufs. Früher Feierabend, von der Angetrauten am Bahnhof abgeholt und ab durch die verschiedenen Ladenlokale der örtlichen Einzelhandelsunternehmen. Das passt zeitlich immer gerade so, bevor der große Ansturm losgeht.

Donnerstags ist aber auch Babs-Tag. Also der Tag des Friseurbesuches bei unserer Haus- und Hof-Friseurin. Babs eben. Wenn Babs jemals mitbekommt, daß ich sie hier im Blog Babs nenne, macht sie mich einen Kopf kürzer. Was zur Folge hätte, daß ich immer noch mindestens zwei Köpfe größer bin als sie, aber sich das Haare schneiden damit wohl erledigt hätte. So ohne Kopf tut man sich da eben auch mit den Haaren etwas schwerer.

Beim letzten Besuch habe ich wieder Kharma-Punkte gesammelt. Denn in Babs Geschäftsräumen tummelt sich auch Freddy. Bei Freddy handelt es sich um einen Mopsdackel. Oder Dackelmops. Irgendwie so. Wie auch immer. Freddy hat keine Zähne mehr, leidet dackeltypisch an Arthrose und hat Angst vor großen Männern. Es ist mir beim letzten Besuch gelungen, ihn eine gefühlte halbe Ewigkeit lang zu betutteln. Als großgewachsener Mann. Vielleicht hat er jetzt ja auch ein Augenproblem. Auf jeden Fall war er mit meiner Streichelleistung zufrieden, wie mir der abschließende Einsatz seiner Schlabberzunge bestätigte.

Aber ich schweife mal wieder völlig vom Thema ab.

Der monatliche Besuch bei Babs bringt natürlich unseren Einkaufstag etwas durcheinander. Wenn die zweitbeste Ehefrau von allen und ich Babs Laden wieder mit einer ordentlichen Frisur verlassen, ist es in den anderen Geschäften voller und die dortigen Regale - insbesondere mit den aufgrund des Erreichens des Mindesthaltbarkeitsdatums preisreduzierten Artikeln - sind leerer. Meine Motivation zum Einkauf ähnelt zu diesem Zeitpunkt auch eher den Regalen als den Läden. Also wird alles auf das Wesentliche reduziert. Am Samstag wollte ich dann nochmal einen weiteren Laden aufsuchen, am das im Angebot befindliche Katzenstreu zu erstehen. Das musste an jedem Babs-Donnerstag auch nicht mehr sein.

Ich mag es ja, am Samstag Morgen einzukaufen. Es ist zumeist noch ruhig in den Läden, ich kann in Ruhe vor mich hinschlendern und meinen Einkauf so vornehmen, wie ich es für richtig halte. Die zweitbeste Ehefrau von allen hat da etwas abweichende Vorstellungen, wie die Sache von statten zu gehen hat, was mitunter zu leichten Angespanntheiten beiderseits führen kann.

Also zog ich am Samstag nochmal los. Der ob der nur wenigen benötigten Artikel nur sehr übersichtliche Einkaufszettel erlangte keine körperliche Gestalt, sondern lag nur in Form eines Gedankenvermerks vor: Katzenstreu, der Angetrauten Lieblingsgetränk (soweit vorrätig, also eher minderwahrscheinlich - sagen die Erfahrungswerte), Backwaren zum frühnachmittäglichen Früstück, Schmalz für den geplanten Linseneintropf. Dazu wieder Beuteartikel.

So schlenderte ich durch die Hallen des örtlichen Ärrweh-Marktes und wurde fündig. Natürlich fehlte das Lieblingsgetränk wieder, dafür stieß ich auf einen Vorrat Federweißer, von denen ich noch zwei Flaschen abgriff. Ebenso wanderte der komplette Warenbestand an Katzenstreu in meinen Wagen, Schmalz und Backwaren natürlich, und auch ein paar Beutestücke in Form von Wurstwaren. Sehr schön.

Im Kassenbereich zeigte es sich ungewöhnlich voll. Vier von zehn Kassen waren geöffnet, es hatten sich auch schon kleinere Schlangen gebildet. Normal wären zu dieser Zeit zwei Kassen, welche kaum ausgelastet sind. Vor mir an der Kasse befand sich ein Paar, dessen Wagen die Kapazitätsgrenzen eindeutig überschritten hatte. Und man bildete nicht die vordere Spitze der Reihe. Es würde also noch etwas dauern. Da bemerkte ich an der durch einen Pfeiler regelmäßig verdeckten und daher weniger stark frequentierten Nachbarkasse, daß sich ein Kunde im Zahlvorgang befand und der nächste nur zwei Brötchentüten aufs Band legte. Danach war alles frei. Ich war bereit zum Spurwechsel und setzte ihn souverän um.

Schwerer Fehler.

Alleine der Kassenvorgang des Brötchenkunden zog sich hin, da man die Eingabe-Nummern der Backwaren nicht auswendig kannte und die an der Kasse befindlichen Tableaus diese - an sich gängigen - Artikel scheinbar nicht beinhalteten. Tüte No. 1 wurde Hilfe der Kassenaufsicht geklärt, welche danach wieder verschwand. In Tüte No. 2 befanden sich zwei verschiedene Artikel. Eine Nummer war bekannt, die andere nicht. Und keine Kassenaufsicht mehr in der Nähe. Es dauerte schon etwas, bis das Problem mit Hilfe der freundlichen Kassiererin von nebenan gelöst werden konnte.

Dann war die Reihe an mir. Die beiden Flaschen gab ich der Dame an der Kasse so in die Hand. Es kam, wie es kommen musste. Sie legte die Flaschen zum Einscannen hin. Mein Warnhinweis, dies keinesfalls zu tun, kam zu spät. Wer jemals eine Flasche Federweißer hingelegt hat wird wissen, was geschah. Der Rest wird nunmehr darüber informiert, daß der Flaschenverschluss aufgrund des Gärprozesses in der Flasche gewollt undicht ist.

Die Kassenaufsicht kam zur Rettung mit Papiertüchern, um die Sauerei wieder zu trocknen.

Ich blieb entspannt. Äußerlich.

Dann hielt ich der Kassendame eines meiner fünf Pakete Katzenstreu hin, damit sie scannen könne. Es hat auch soweit gut funktioniert; die Anzahl der Pakete wurden ebenfalls zutreffend erfasst.

"Gehören die Sachen auf dem Band auch noch zu Ihnen?"

Ja, eine berechtigte Frage, stand ich doch zwischenzeitlich nicht mehr alleine an der Kasse. Ich bestätigte.

"Oh, jetzt habe ich auf Summe gedrückt."

Ein lösbares Problem. Ich zahlte also hilfsbereit wie ich bin den ersten Teil meines Einkaufes und wartete auf das beginnende Scannen des Restes.

Hinter mir bekannt sich eine beachtliche Schlange zu bilden. Die ersten Kunden hinter mir hatten noch das Abkassieren des vorherigen Kunden mitbekommen. Sie bekamen irre Blicke.

Ich hatte zwei Tüten mit Backaren auf dem Band liegen.

Eine Sorte wurde treffend eingescannt, die andere nicht. Die Kassenaufsicht erschien, um den Storno zu vollziehen.

Ich registrierte die tötenden Blicke hinter mir, lächelte weiter und winkte. Auch wenn ich an der Situation eher den Part habe, dem man nicht in die Verantwortung nehmen kann, kann das für einen Soziophobiker mehr als nur unangenehm werden. Zum Glück war ich in ausreichend stabiler Gemütsverfassung, so daß keine Panikattacke drohte. Denn die kann auch durch so eine Situation ausgelöst werden, da man ja irgendwo doch mit im Bereich des Interesses steht.

Nun ging es an die preisreduzierten Artikel. Natürlich funktionierte dies hier auch nicht reibungslos. Der erste meiner fünf Artikel wurde mit dem vollen Preis eingescannt, der Rest entsprechend reduziert.

In Augenwinkel sah ich, wie das Paar von nebenan mit dem überfüllten Einkaufswagen locker-lässig an mir vorbeizog.

Die Schlange hinter mir begann, sich zu einem wütenden Mob zu wandeln.

Ich beschloss, nicht direkt an der Kasse zu reklamieren, sondern erst später bei der Kassenaufsicht, und mir dort mein Geld zurückzuholen, und blieb weiterhin freundlich-lächelnd. Glaube ich wenigstens.

Wir brachten das Drama zu Ende. Die Kassiererin bedankte sich bei mir. Vermutlich für meine bewahrte Ruhe.

Ich bin ein guter Mensch.

Es kann nur so sein.

Bitte bestätigt mir das jetzt. Ich brauche es, um meinen Frustpegel zu kanalisieren.




Donnerstag, 25. Oktober 2018

Hupen

Wenn ihr in Anbetracht der Überschrift dieses Beitrages auf den Gedanken kommt, daß es hier heute um eines der wohlbekannten, paarweise auftretenden weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale geht, dann ist das ausnahmsweise mal durchaus zutreffend.

Es begann damit, daß Frl. Hasenclever uns im Auftrag von Frau Schubert zu einer außerplanmäßigen Dienstbesprechung zusammengerufen hatte.  An einem Freitag. Dabei ist nicht der Freitag an sich das Problem, sondern eher der Umstand, daß wir bedingt durch Krankheit und Urlaub, aber vor allen Dingen durch die Abwesenheit von im (neudeutsch) Homeoffice arbeitenden  Kollegen und Teilzeitkräften an Freitagen nur dünn besetzt sind. Insbesondere scheint es ja eine Art Naturgesetz zu sein, daß der überwiegende Anteil der an den letztgenannten Gruppen Beteiligten grundsätzlich an Freitagen nicht im Büro ist.

So jedenfalls waren wir an diesem besagten Freitag mit deutlich unterhalb der Hälfte unserer Sollstärke vor Ort. Ein Umstand, den Frau Schubert immer noch nicht verinnerlicht hat. So hätte man die Besprechung locker noch etwas verschieben können, denn als so dermaßen dringlich hatte es sich später doch nicht erwiesen.

Wir versammelten uns in unserem Besprechungsraum. Frl. Hasenclever und Frau Schubert ließen noch auf sich warten. Helga nahm mir gegenüber Platz und stellte ihren Kaffeepott auf den Tisch. Rot leuchtete der Fanartikel des FC Bayern München mich an. Ergänzt wurden die üblichen Vereinsgrafiken mit den Worten „Beste Freundin“.

Eine Sympatisantin für den FC Bayern! Und das in unseren Reihen. So geht das nicht. Keineswegs. Niemals. Da muß man doch einschreiten! Und wenn etwas getan werden muß, dann mache ich das auch.

„Helga, hältst du das da nicht für etwas provokant?“

Helga strich ihr T-Shirt glatt, so daß die durchaus beachtliche Oberweite geradezu ins Blickfeld gerückt wurde. Immerhin zeigte sich kein Nippelalarm, so daß ich mich auf den auf dem Shirt prangenden Schriftzug konzentrieren konnte.

„BREAKING THE RULES“

Ja, auch der war eine Provokation. Helga und Frl. Hasenclever standen schon lange auf Kriegsfuß miteinander. Der Schriftzug war eindeutig in dem Zusammenhang zu verstehen.

„Nein, Helga, das interessiert mich nicht. Sondern die da.“

Ich deutete auf die Tasse. Von links ließ sich der Ökoklaus vernehmen:

„Also echt, Paterfelis, daß du behauptetest, daß dich Helgas Oberweite nicht interessiert, ist jetzt aber auch nicht schön.“

„He, Bursche. Jetzt hätte ich mal was anderes sagen sollen. Dann hätte ich ja auch direkt einen drüber bekommen. Wegen sexueller Belästigung.“

Ist doch so.




Montag, 22. Oktober 2018

Hoher Besuch

Aus dem Archiv gekramt:


Der Herr Geschäftsführer kommt. Also zu Besuch. In unsere Außenstelle. Mit seinem gesamten Stabsapparat. In gewissen Abständen macht er so etwas.

Es ist ein steter Quell der Freude für die Mitarbeiter des Hauses. Insbesondere dann, wenn sie an diesem Tag bereits genehmigten Urlaub haben oder aus anderen Gründen abwesend sein können. Denn der Herr Geschäftsführer gehört nicht zwingend zu jenen Personen, die man als Sympathieträger kennen wird. Ältere unter meinen Lesern werden sich an J. R. Ewing erinnern können. Und aus eben jenem Grund nennen viele Kollegen den Herrn Geschäftsführer heimlich J.R. Oder einfach Jens-Rüdiger. Das fällt dann nicht so auf.

Für alle Kollegen, die sich nicht rechtzeitig dank ihrer Intuition aus dem Staub machen konnten, besteht ab dem Bekanntwerden des Besuchstermins Urlaubssperre. Und dabei haben wir vom Fußvolk es noch relativ gut, müssen wir doch nur bei dem Tagesordnungspunkt Massenzusammenkunft der Angehörigen aller Fachbereiche des Hauses anwesend sein und uns Dinge anhören, die allenfalls einzelne Fachbereiche betreffen und mit dem der Rest der Anwesenden so absolut gar nichts anfangen kann.

Schlimmer sind da die Führungskräfte ab Ebene der Fachbereichsleiter dran. Die dürfen sich nämlich noch in kleiner Runde mit Jens-Rüdiger auseinandersetzen. Und dieser hat die Angewohnheit, selbst in den positivsten Aussagen noch etwas zu finden, was er mit scharfer, schneidender Stimme kritisieren kann. Und wenn mal etwas so gar nicht nach seinem Geschmack läuft, dann wird keinerlei Erklärung akzeptiert, die etwas mit äußeren Einflüssen zu tun hat. Es ist immer die Schuld der Mitarbeiter. Immer! Ausnahmslos! Selbst wenn wir in Sachen nicht weiterkommen, weil wir zum Beispiel auf einen richterlichen Beschluss warten müssen. Unsere Schuld. Wir haben dann eben den zuständigen Richter nicht im Griff.

Bei den letzten zwei Durchgängen hatte mich meine Intuition nicht im Stich gelassen. Der Herr Geschäftsführer kam, während ich Urlaub hatte. Und auch dieses Mal schien mir das Glück hold zu sein. Bis uns plötzlich eine Terminverschiebung bekanntgegeben wurde. Und der neue Termin sagte mir etwas. Etwas, was durchaus dazu geeignet erschien, in mir eine gewisse Besorgnis auszulösen. Ich öffnete die Datei mit den Urlaubsplanungen.

Ein an passender Stelle gesetztes Kreuz leuchtete mich an.

Der Ersatztermin fiel in Frl. Hasenclevers angemeldeten Urlaub. Ich würde sie also auch in der kleinen Runde der Führungskräfte vertreten müssen. Na danke vielmals.

Natürlich äußerte ich mein Missfallen über das mich erwartende Ungemach jedem, der es nicht hören wollte, um entsprechende Anteilnahme zu kassieren. So ein paar Streicheleinheiten tun auch mir mal gut, selbst wenn sie nur geheuchelt sein sollten. Bis mir dann Maria, die gute Seele des Hauses und quasi Frau Schuberts persönliche Assistentin, mir den aus ihrer Sicht bestehenden Grund für die Terminverschiebung mitteilte.

„Ja weißt du, an dem ursprünglichen Termin habe ich Urlaub. Und den konnte ich nicht absagen.“

„Na und?“

„Wer soll denn dann mittags für die hohen Herren Brötchen und Teilchen holen und Kaffee kochen, wenn ich nicht da bin? Na?“

Da sieht man wieder, wer im Haus wirklich wichtig ist.