Irgendwann hatte ich es geschafft, den mir mal wieder aufgedrängten
Urlaub zu überstehen. Der Zeitpunkt ihn zu nehmen war nicht günstig. Aber,
soviel muß ich einräumen, es gibt einfach keine günstigen Zeitpunkte für
Urlaub. Nicht bei mir und der mir zugedachten Arbeit. Es ist allerdings eine Art Naturgesetz, eine
mathematische Konstante in meinem Leben, daß nach dem Ende eines Urlaubes wieder
ein erster Arbeitstag folgt.
Also betrat ich früh am Morgen als erster das kleine
gemütliche Büro in Neustadt. Das Licht auf dem Flur brannte. Es brennt
eigentlich immer, wenn ich morgens komme, obwohl ansonsten noch keiner der
Kollegen die Etage betreten hat. Der Hausmeister erscheint zeitgleich mit mir,
erscheint aber unserer Etage nur auf persönliche Anforderung. Die Putzfrauen
verrichten ihre Tätigkeit abends, auch wenn ich mitunter meine Zweifel ob deren
tatsächlicher Existenz habe. Eventuell lässt der Wachdienst bei seiner Runde
die Lampen leuchten – wer weiß das schon... Ich werde es nie erfahren, denn
wenn der Wachdienst seine letzte Runde dreht, ist mir das Betreten des Gebäudes
noch verwehrt. Die Zutrittsberechtigung für das normal sterbliche Personal
beginnt erst 45 Minuten vor dem frühesten Zeitpunkt, der als Arbeitszeit
gewertet wird. Mit diesem weiteren Rätsel der Menschheitsgeschichte vermag ich
aller Wahrscheinlichkeit nach gut leben zu können.
Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich betrat also den
Flur, auf dem Rücken meinen Rucksack tragend. Hin und wieder genügen die
Taschen einer Männerjacke eben nicht dem Transport der notwendigen Dinge, so
daß ich das lästige Teil mitnehmen muß. In einer Hand hielt ich, jeweils um 90
Grad verdreht, zwei Stapel mit eingegangener Post von mir und für Frl.
Hasenclever, welche ich aus dem Postbüro mitgenommen hatte. Aus der zweiten
Lagerstelle für eingegangene Arbeit, eben jene auf unserer Etage, nahm ich
einen ordentlichen Stapel Akten und loses Papier (Voll retro, ich weiß. Aber
das ist gut so!), den man mir bereitgelegt hatte. Mein erster Tag begann damit,
dass ich direkt Vertretung für Frl. Hasenclever machen durfte, welche man
ebenfalls in den Urlaub gedrängt hatte, so daß das mir anheimfallende
Arbeitsvolumen einen leichten Aufwärtstrend erfuhr.
So bepackt betrat ich die Höhle im Schicksalsberg, welche
ihrerseits im Dunklen lag, nahm meinen Schreibtisch wahr, warf allen Ballast
erst mal darauf ab, entledigte mich meiner Jacke und schaltete danach das Licht
an. Schließlich konnte ich unter der Decke über Raissas Schreibtisch eine
Geburtstagsgirlande entdecken. Ich hasse es, mit Leuten in einem Büro zu
sitzen, wenn diese Geburtstag haben. Es herrscht eine permanente Unruhe, weil
ständig irgendjemand meint, dem Geburtstagskind ein sinn- und inhaltsloses Gespräch
aufdrängen zu wollen. Damit kann ich nichts anfangen, weswegen ich mich auch in
einem ständigen Kampf damit befinde, mein genaues Geburtsdatum nicht in der
Allgemeinheit zugänglich zu machen und jenen die es wissen zu verdeutlichen,
dass es sich dabei durchaus um ein schützenswertes Staatsgeheimnis Nr. 1b handelt,
dessen Verwendung und Weiterverbreitung ich in Verbindung Androhung schlimmster Qualen bei Nichtbeachtung meines Ansinnens untersage.
Eine schnelle Musterung Raissas Schreibtisch meinerseits ergab,
daß dieser die übliche geschäftsmäßige Strukturierung zeigte. Keine
Luftschlangen, kein aus einer Vielzahl
von Lochern herausgeholtes und anschließend verteiltes Konfetti, nichts. Ein
klares Indiz dafür, daß das Ereignis wohl schon in der letzten Woche
stattgefunden hatte. Immerhin.
Als Raissa an ihrem Arbeitsplatz erschien, drückte ich mir
notgedrungen den gesellschaftlich erwarteten nachträglichen Glückwunsch raus,
womit sich meine Beteiligung an der Angelegenheit nunmehr für meine Begriffe auch
erledigt hatte. Jetzt muss ich nur noch die entsprechenden Tage von Trudi und
der Bacheloretten überstehen, dann ist wieder Ruhe für diese Runde. Geburtstage,
welche außerhalb meines Büros begangen werden, ignoriere ich im Regelfall.
Raissa und ich haben eine nahezu unheimlich übereinstimmende
Linie, was den Begriff der Ordnung angeht. Dies betrifft sowohl die
Aktenführung, was ich bei einem Menschen in ihrem noch nahezu jugendlichen Alter
noch nicht erlebt habe, ja noch nicht mal bei altgedienten Kollegen, als auch
bei den Dingen rund um den Schreibtisch. Mit anderen Worten: Raissa begann
unmittelbar damit, die Girlande unter der Decke entfernen zu wollen.
„Lass es Sven machen, der hat die doch auch garantiert da
hingehängt.“ begann ich meine Kommentierung ihrer Bemühungen. Daß diese nicht
von Erfolg gekrönt sein würden, dürfte sich auch jedem anderen Betrachter
sofort erschlossen haben, denn Raissa hat eine eher durchschnittliche weibliche
Körpergröße und kann die Bürodecke mit ihren Händen ganz zweifelsfrei nicht erreichen.
„Die stört mich aber, die muß weg.“
„Oh nein, du steigst jetzt nicht auf deinen Stuhl mit seinen
Rollen! Warte auf Sven.“ Da musste ich doch glatt mal energisch werden.
„Nein, ICH mache das.“
Sturkopf. Raissa stammt aus einer kinderreichen Familie, da
lernt man vermutlich eine gewisse Beharrlichkeit zur Durchsetzung seiner
Interessen. Also stand ich auf, begab mich unter die Girlande und löste sie mit
ausgestrecktem Arm von der Decke. Die andere Seite hing noch hinunter – auch
für mich unerreichbar, da ich hier schräg über Trudis Schreibtisch hätte
greifen müssen. Was dazu führte, daß sich der Weg zur Befestigung um einen gewissen
mathematischen, unter Anwendung einer schlauen geometrischen Formel
errechenbaren Faktor vergrößerte, welcher mit der Länge meines Armes auch unter
Verwendung meiner Zehenspitzen nicht mehr kompatibel war. Und auf dem
Schreibtisch herumtanzen werde ich bestimmt nicht. Musste ich auch nicht, denn
ehe ich mich versah, hatte Raissa selbigen erklommen und die Girlande gelöst.
Minuten später kam Sven ins Zimmer.
„Oh, Raissa, du hast ja schon ganze Arbeit geleistet. Ich
wollte die Girlande gerade abhängen.“
„Paterfelis hat mir geholfen.“
Sven grinste mich an.
„Ja, manchmal ist er ein guter Mensch.“
Mag sein, aber ich hoffe, er erzählt es nicht weiter. Wie der erfahrene Blogleser weiß, habe ich iim Büro schließlich einen Ruf zu verlieren.
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