Montag, 12. November 2018

Kaffee, Wasser, Tee und Sonderleistungen

In gewissen zeitlichen Abständen treffen sich die Seniorsachbearbeiter des LASA, getrennt nach ihren jeweiligen Fachbereichen, mit einigen Herrschaften der Abteilungsleitung zu einem Austausch in der großen Stadt, also in der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Praktiker unter sich. Nicht so wie die Theoretiker, also die Außenstellen- und irgendwie auch die Fachbereichsleiter. Wir sind die Basis. Wir wissen, wovon wir reden. In der guten alten Zeit fand so ein Termin alle drei Monate statt, dann verlängerten sich die Zeiträume und es dauerte schließlich satte drei Jahre, bis man mal wieder zusammenkam. An jenem denkwürdigen Tag mussten wir den Arbeitskreis mit der riesigen Tagesordnung aus Zeitgründen vorzeitig beenden. Man würde sich, so die Aussage der Herrschaften der Abteilungsleitung, zeitnah wieder treffen, um die noch offenen Punkte zu erörtern.
Wenn unsereins auf Wunsch der Abteilungsleitung etwas zeitnah erledigen soll, dann bedeutet das soviel wie am besten gestern oder noch früher. Jetzt weiß ich auch, was zeitnah bedeutet, wenn unsere Abteilungsleitung dies auf sich bezieht: ein halbes Jahr. Ich habe so den Verdacht, daß ich mich darauf im Zweifelsfall nicht als Referenz berufen darf.
Für die in Bad Husten arbeitenden Kollegen ist der Arbeitskreis immer wieder eine nette Unterbrechung des Arbeitsalltages; für mich aber geht aufgrund der langen An- und Abreise mit der Bahn regelmäßig ein ganzer Arbeitstag verloren. Dennoch halte auch ich diesen Arbeitskreis für sinnvoll, sieht man doch neben dem tatsächlichen Erfahrungsaustausch auch die alten Mitkämpfer wieder und stellt fest, daß die grauen Haare auch bei ihnen überhandgenommen haben.
Den Weg vom Bahnhof bis zu dem Gebäude, in dem das LASA seinen Sitz hat, laufe ich meistens. Hier habe ich 14 Jahre lang gearbeitet, bis ich wunschgemäß in die erste Außenstelle versetzt wurde. Es ist interessant zu sehen, wie die Gegend sich verändert. Interessant, aber nicht schön. Auf dem Weg haben viele der alten Geschäfte mittlerweile geschlossen. Den exklusiven Pralinenladen gibt es ebenso wenig noch wie das doch einst immer gut besuchte Reisebüro und den alteingesessenen und wirklich gut sortierten Spielzeugladen, welcher noch zu meiner Zeit sein hundertjähriges Geschäftsjubiläum gefeiert hat. Der familiengeführte Elektronik- und Schallplattenladen ist weg, und die von mir einst hoch geschätzte Imbissbude musste einer türkischen Imbisskette weichen. Selbst die beiden Geschäfte mit Artikeln für die Ehehygiene gibt es nicht mehr. Der Onlinehandel fordert seinen Tribut.
Überhaupt finden sich auf der ersten Hälfte des Weges zunehmend türkische Geschäfte, zumeist Imbisse oder Kioske. Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, aber es fällt auf. Bedenklich scheint mir allerdings zu sein, daß auf dem Weg, den ich in einer guten Viertelstunde zu Fuß bewältige, mittlerweile vier Pfandleihen betrieben werden. Ich mutmaße, daß dies nicht für die wirtschaftliche Entwicklung der Gegend spricht.
Endlich angekommen betrete ich die LASA-Hauptverwaltung und begebe mich direkt auf dem Weg zu Konferenzraum. Ich habe noch Zeit. Trotz der abenteuerlichen Anreise, verbunden mit einem Zugausfall und zwei verspäteten Anschlüssen, bin ich zu früh. Normal. Ich bin nicht der erste im Raum. Ein Kollege aus einer noch weiter entfernten Außenstelle, welche eine noch unmöglichere Verkehrsanbindung hat, sitzt auf seinem Platz und liest Zeitung. Wir alle haben unsere Stammplätze. Diese haben sich in Jahrzehnten ausgebildet. Ich erinnere mich noch an die Zeit vor 16 Jahren, als ich erstmals in diesen Arbeitskreis berufen wurde. Einige Kollegen von damals sind heute noch dabei, einige haben gewechselt. Es ist mitunter erschreckend, wie jung der Nachwuchs heute noch ist, wenn er sich Seniorsachbearbeiter nennen darf. Kaum Erfahrung, quasi noch grün hinter den Ohren und entsprechend in unserer Runde auch überfordert. Sofern man sich überhaupt traut, etwas zu sagen.
Früher, als noch alles wie früher war, gab es reichlich Kaffee, Tee, Wasser, Fruchtsäfte und Kekse. Die Fruchtsäfte wurden als erstes eingespart. Zu teuer. Dann die Kekse. Der Hausdienst kommt und deckt ein. Wie immer für 24 Teilnehmer zuzüglich der Kollegen der Abteilungsleitung. Für je zwei Tische mit je zwei Sitzplätzen gibt es eine Kanne Kaffee und eine Flasche Wasser. An jedem dritten Tisch werden an Stelle des Kaffees eine Kanne heißes Wasser und ein paar Teebeutel bereitgestellt. Ein Schälchen mit Kaffeesahne und Zucker gibt es alle zwei Tische.
Ich nehme das Recht des Erstgeborenen früh Erschienenen in Anspruch und tausche die vor mir stehende Kaffeekanne gegen die Kanne mit heißem Wasser und den Teebeuteln aus. Im gesamten Angebot finden sich drei Beutel mit Sorten, die ich zu mir nehmen würde. Die bereitgestellten Tassen sind winzig. Die Teebeutel auch. Und dann geschieht das Wunder. Es gibt wieder Kekse. Einen Dessertteller voll für jeden dritten Tisch. Es ist unfassbar. Ein Herr der Abteilungsleitung meinte, er habe einfach mal wieder versucht, welche zu bestellen und es hätte funktioniert. Einfach so. Wir leben wahrlich wieder in goldenen Zeiten.



kein Symbolbild

Nach und nach trudeln die restlichen Kollegen ein. Wir reden über das, was ältere Herrschaften so bewegt. Die guten, alten Zeiten eben. Die Veranstaltung beginnt pünktlich. Wir ziehen das Programm nur mit einer Pinkelpause durch. Gegen späten Mittag werden die im LASA arbeitenden Kollegen unruhig. Die Kantine droht so langsam zu schließen. Den externen Kollegen ist es egal. Draußen in der Wildnis haben wir keine Kantinen. Und auch keine Cafeteria, in der wir uns zur Frühstückspause bei günstigen aber tatsächlich gut belegten Brötchen, Teilchen, Kaffee und Kakao treffen. Meine Favoriten früher waren die Rührei-Brötchen und die Frikadellenbrötchen. Die Frikadellen wurden stets hausgemacht und waren noch warm.
Die zu meiner Zeit schon gute und dem Vernehmen nach sogar noch besser gewordene aber nicht ganz billige Kantine und die Cafeteria der Hauptverwaltung habe ich ewig nicht mehr besucht, auch wenn ich Zeit dazu gehabt hätte. Seit man dort die Barzahlung abgeschafft hat, sehe ich es nicht mehr ein. Man muß an einem Automaten Geld auf seinen Dienstausweis einzahlen, von dem dann an der Kasse abgebucht wird. Eine Guthabenerstattung ist nur auf manuellem Weg während eines schmalen Zeitfensters im Büro des Kantinenleiters möglich. Zu Uhrzeiten, in denen der Gast von außerhalb im Regelfall keine Zeit dazu hat. Dann müssen sie eben ohne mich zurechtkommen. Ein Kunde weniger. Es wird sie nicht stören.
In den Außenstellen gibt es überhaupt keine Frühstückspausen. Auch keine inoffiziellen. Wer Hunger hat, beißt in sein mitgebrachtes Butterbrot, während er weiterarbeitet. Wir beschließen, unsere Tagung ohne Pause durchzuziehen, um schneller wieder auf dem Weg nach Hause zu sein. Niemand möchte in den Feierabendverkehr von Bad Husten geraten. Wirklich niemand.
Die Tagesordnung ist wieder umfangreich. Diese abzuarbeiten erscheint mir sportlich. Doch einige Punkte werden dem Vernehmen nach ausfallen. Der zuständige Kollege ist nicht im Dienst, sein Kind ist erkrankt. Ein weiterer, ansonsten schon übertrieben redseliger Kollege kann seine Themen ebenfalls nicht ansprechen. Dies ist wörtlich zu nehmen, denn er befindet sich zwar vor Ort, ist aber erkältet und absolut heiser. Es gibt niemanden, welcher für die beiden einspringen könnte. Die Expertendecke in der Abteilungsleitung ist zu dünn. Für jedes Thema oder zusammengefasste Themenbereich gibt es mit etwas Glück genau eine (1) Person mit ausreichendem Sachverstand. Fällt diese Person wegen Krankheit, Urlaub oder auch einjähriger Elternzeit aus, dann war es das erst mal.
Zahlreiche Tagesordnungspunkte später ist die schon erwartete Ernüchterung eingetreten. Wieder einmal wurde uns bestätigt, daß auch unsere Abteilungsleitung sich bewusst ist, daß viele Dinge im LASA weltfremd gehandhabt haben und so wie wir sie machen auch noch unpraktikabel sind. Änderungswünsche werden von den Praktikern der Abteilungsleitung an die Gremien weitergereicht, welche für eine bundesweit einheitliche Bearbeitungsweise Sorge tragen sollen. Hier sitzen keine Praktiker, sondern Juristen und ähnliche Theoretiker, die vom wirklichen Leben und unserer Arbeit vor Ort keine Ahnung haben. Die aus unserer Sicht sinnvollen Vorschläge werden dort regelmäßig zerredet und bis zur Unkenntlichkeit verändert. Oder direkt abgelehnt. Was Gescheites ist selten herausgekommen. Werte Opfer der deutschen Bürokratie: Wir vor Ort können nichts dafür. Ehrlich. Wir müssen so sein. Meistens jedenfalls. Beschwert euch in den diversen Hauptstädten, aber nicht bei uns. Wir sind auch nur Opfer.
Das letzte Thema der Tagesordnung wird angesprochen. Mit etwas Glück könnte ich den nächsten Zug noch schaffen. Doch „Vertan“ sprach der Hahn. Es gibt noch einen Nachschlag. Der genügt, um zu wissen, daß ich erst den übernächsten Zug in Richtung Neustadt nehmen werde.
Vor dem Feierabend nochmal auf die Örtlichkeit und Biomasse abwerfen. Die Fahrt wird lang, und auf das Erlebnis, in einem Zug auf die Toilette zu gehen, kann ich verzichten. Die Räumlichkeiten hier in der Hauptverwaltung, auf der Etage mit den Konferenzräumen, stehen in keinem Verhältnis zu jenen, die uns draußen in der Pampa geboten werden. Hier gibt es sogar in der Toilettenkabine einen Wandhaken, an dem sich eine Ersatzrolle mit WC-Papier befindet. So etwas haben wir in den Außenstellen nicht. Die Ersatzrollen stehen – will man sie direkt am Ort des Geschehens haben - entweder unmittelbar auf dem schmutzigen Boden oder oben auf der Trennwand. Letzteres ist dann halt Pech für Kleinwüchsige. Dafür haben wir noch warmes Wasser, um uns damit die Hände zu waschen, was in der Hauptverwaltung im Zuge fälliger Renovierungen wegfallen wird. Bei uns natürlich auch irgendwann mal, aber eben erst später. Warmes Wasser ist für die einfache Belegschaft zu teuer.
Wieder schlendre ich den Weg zu Fuß. Mir fallen weitere verschwundene Geschäfte auf. Das alte Kino ist weg, der Fantasyladen auch. In dem großen Gebäude des ehemaligen Horten-Warenhauses haben sich neue Mieter eingenistet. Es ist kein Name dabei, welcher mir etwas sagen würde. An einer Verkehrsinsel hat man Palmen aufgestellt und diese in einem erstaunlich gut wirkenden Beet mit einer Umrandung aus alten Autoreifen platziert. Ist es Kunst oder Pragmatismus? Ich weiß es nicht, aber es gefällt mir wirklich.
Am Bahnhof überlege ich, ob ich etwas Zeit in der örtlichen Bulettengrillerei verbringen soll. Früher war es für mich mal etwas Besonderes, hier zu speisen. Doch inzwischen gibt es ja überall Filialen dieses von mir favorisierten Anbieters. Kein goldenes M, sondern der Andere. Der mit der offenen Flamme. Etwa ein- bis zweimal im Jahr zieht es mich in eine solche Filiale. Das muß dann aber auch reichen. Ich verzichte heute darauf. Hunger habe ich ohnehin nicht. Drei oder vier Kekse werfen mich in Sachen Appetit und Nahrungsaufnahme immer um Stunden zurück. Macht nichts, Geld gespart. Außerdem habe ich in meinem Rucksack noch zwei Butterbrote. Doch auch diese werden den Weg nach Hause noch bis zu Ende erleben. Frühstück für den nächsten Tag. Sofern ich mal frühstücken sollte.
Die Anzeigetafel des Bahnhofs verrät mir, daß zwei ICEs ausgefallen sind und ein IC ordentlich Verspätung hat. Das stört mich nicht, die Benutzung dieser Züge wird von der Reisekostenstelle des LASA nicht genehmigt. Ich nehme den Regionalexpress, zweite Klasse. Nahverkehr. Beinahe schon Bummelzug. Er fährt einmal stündlich. Wenn er denn fährt. Heute ist er weitgehend pünktlich. Über fünf Minuten Verspätung reden wir nicht. Kaum warte ich über 50 Minuten bei einer ordentlichen Brise auf dem Bahnsteig, schon ist er da. Die Fahrt nach Neustadt und darüber hinaus weiter ins Neustädter Ländchen wird wesentlich länger dauern. Der richtige Feierabendverkehr hat noch nicht begonnen. Ich bekomme problemlos einen anständigen Sitzplatz. Der Sitz neben mir wird erst nach mehr als halber gefahrener Strecke belegt. Mit einem leichten Sprint erreiche ich in Neustadt meinen Anschluss.
Das war es mal wieder. Vermutlich wieder für ein halbes Jahr.
Oder so.

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