Dienstag, 4. September 2018

Die fünfte Kerbe

PLOPP!

„Sie haben Post.“

Gibt es die einst so bekannte Stimme noch, welche früher bei AOL den Eingang einer E-Mail angesagt hat?  Wie dem auch sei, ich wurde in meinem Arbeitsfluss durch das Aufploppen eine Textfensters auf meinem Rechner wirksam davon abgehalten, weitere  Eingaben vorzunehmen. Besagtes Textfenster setzte mich über den Eingang eines elektronischen Briefes in Kenntnis.

Dann wollen wir doch mal nachsehen, wer es wagt… Frl. Hasenclever.

„Ich bitte alle Kollegen, die sich am morgigen Freitag nach der ‚Bis-dahin-musst-du-unbedingt-bleiben-und-schuften-wie-verrückt‘-Grenze noch anwesend sind, zu einer kurzen Besprechung in unseren Besprechungsraum.“

Sehr ungewöhnlich. Aber gut, warten wir mal ab.

Unsere Raucher wussten von den zwanglosen außerdienstlichen Treffen in dem als Bushaltestelle titulierten Raucherpavillion in unserer ebenerdigen Tiefgarage zu berichten, daß die anderen Fachbereiche ebenfalls entsprechende, wenn auch zeitversetzte Einladungen von ihren Fachbereichsleitern erhalten hatten.

Trudi hatte direkt eine Vermutung:

„Die Schubert ist bestimmt schwanger. Allerdings sieht sie nicht schwanger aus. Ihr fehlt so diese Entspanntheit, die Schwangere an den Tag legen. Und die Oberweite ist auch noch nicht mehr geworden.“

Was nicht ist, kann ja noch werden. Aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit konnte man der Vermutung schon angedeihen lassen. Die üblichen Indikatoren – noch relativ jung verheiratet, passendes Alter, gesicherte Existenz – könnten schon passen. Außerdem hat Trudi sich bei den letzten Schwangerschaften in unserer Außenstelle auch nicht vertan und konnte schon vor der offiziellen Bekanntgabe ziemlich sicher einen solchen anderen Umstand prognostizieren.

So versammelte sich unser Fachbereich zur gebotenen Stunde am dazu vorgesehenen Ort. Frau Schubert erschien pünktlich und eröffnete die Besprechung direkt.

„Ich möchte Sie darüber in Kenntnis setzen, daß sich etwas geändert hat. Also, daß sich bei mir etwas geändert hat.“

Aha!

„Ich werde das LASA verlassen.“

Das wäre im Falle einer Wette mein Plan B gewesen.

„Ich habe hier das Maximale erreicht, was geht.“

Ansichtssache. Karrieretechnisch wäre noch was drin gewesen.

„Außenstellenleiter ist schon eine große Sache. Und ich bin auch immer gerne hier gewesen. Aber ich komme mit dem Gedanken nicht zurecht, daß das schon alles gewesen sein soll. Darum habe ich mich bei *andere Behörde* beworben und bin angenommen worden.“

Ja klar. Erzähl doch nichts. Bei *anderer Behörde* gibt es keine Außenstellen. Aber man wird in Frau Schuberts Position verbeamtet, während Beamte bei uns als Auslaufmodell zählen.

Frau Schubert bleibt bis Ende Oktober. Bis ein Nachfolger da ist, wird es wohl dauern. Unsere Mühlen mahlen langsam und unerbittlich. Sie erzählte noch ein wenig Belangloses, bis schließlich:

„Nun sagen Sie doch auch mal was.“

Ich unterbrach die sich ausbreitende peinliche Stille.

„Frau Schubert, wir sind es hier gewohnt.“

„Ja, es ist heute wohl nicht mehr so, daß man zwanzig Jahre oder so beim gleichen Arbeitgeber bleibt.“

Ich fühlte mich mit meinen nunmehr über 34 Jahren beim selben Arbeitgeber plötzlich uralt, gleich einem kurz vor dem Aussterben stehenden Dinosaurier, zückte im Geiste meine benzinbetriebene Kettensäge mit extra langem Blatt, warf den Motor an und sägte die fünfte Kerbe in meine Schreibtischplatte. Eine für jeden ehemaligen Außenstellenleiter hier in Neustadt in den letzten 17 Jahren. Seit die Außenstelle besteht. Seit ich hier vor Ort arbeite.

Kaum hat man sich einen halbwegs erzogen, muß man schon wieder von vorne anfangen.

Verdammt.


2 Kommentare:

  1. tja lieber Paterfelis damit trifft dich ein Schicksal dass wohl an niemandem vorbeigeht! Auslaufmodell zu sein bedeutet, - zumindest wenn ein neuer Job winkt: noch haben Sie eine Chance..vielleicht ists die Letzte greifen se zu"_))
    AOL: sie haben Post!
    Wenn ich dies lese, dann fühle ich mich allerdings auch als Dinosaurier, denn diese Zeilen+ Zeiten sind mir nicht fremd.
    ich pflichte dir bei:
    " Kaum hat man sich einen halbwegs erzogen, muß man schon wieder von vorne anfangen.

    Verdammt". es ist schon "ein KREUZ"!
    Stimmt...genausoooo ist es
    ....mein mitfühlen hast du..
    lacht angelface

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    1. Ich bin nur der Dinosaurier, aber nicht das Auslaufmodell. Mein Karriereweg war schon früher nicht für das Beamtentum vorgesehen, was ich jetzt auch nicht als übertrieben erstrebenswert ansesehe. Und in meinem Alter und meiner Position fängt man nicht mehr woanders bei Null an.

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