Dienstag, 10. April 2018

Förmlich extatische Zustände

Frl. Hasenclever weilte im Urlaub. Wohlverdient aber ungewünscht. Zwangsurlaub, den Umständen geschuldet. Wie ich auch schob sie noch Resturlaub aus 2016 vor sich her, den sie unterbringen musste. Da war es durchaus passend, daß der Umbau ihres neuen alten Hauses dem Ende entgegensah und sie so langsam mit Umzugsvorbereitungen starten konnte.

Also saß ich an ihrer Stelle in Frau Schuberts Büro.

„Der Herr Geschäftsführer hat endlich mal auf unsere Ergebnisse reagiert. Das muß ich unbedingt Frl. Hasenclever erzählen.“

„Das weiß die schon längst. Ich habe die E-Mail in Frl. Hasenclevers Account gelesen und es ihr mitgeteilt. Der Herr Geschäftsführer ist ja förmlich in Extase gefallen.“

Lag da etwa ein Hauch von Zynismus in der Luft?

Wie der geneigte Blogleser sich zu erinnern vermag, standen wir in den letzten Monaten unter enormen Druck, bestimmte Zahlen in der Statistik zu liefern, was damit einherging, auch vorhandene Zahlen zu verbessern. Zum festgesetzten Termin, klassischer Weise der Jahreswechsel, hatten wir es unter riesigem Kraftaufwand geschafft, ohne daß eine Reaktion aus Bad Husten zu vermelden war.

„Ich war einfach nur genervt, daß man sich in Bad Husten nicht muckte. Also habe ich mal nachgefragt, ob man dort überhaupt zur Kenntnis genommen habe, was sich hier bewegt hat. Diese E-Mail ist wohl die Reaktion auf meine Anfrage.“

„Da ist unser Herr Geschäftsführer geradezu in Extase gefallen.“

Wie anders könnte man den nachfolgenden Wortlaut wohl sonst bezeichnen?

„Vereinbarungsgemäß übersende ich das monatliche Reporting über die Entwicklung im Bereich der Anträge Hassenichgesehen im Bereich der Außenstelle Süd Südwest. Dargestellt habe ich dieses Mal die Zahlen aus den Jahren 2016, 2017 und dem ersten Quartal 2018, welche die positive Entwicklung der Außenstelle aufzeigen. Aus diesem Grund wird das Reporting künftig nur noch alle drei Monate erfolgen.“ (Heraushebung durch den Herrn Geschäftsführer, Anm. d. Red.)

„Das müssen wir unbedingt den Mitarbeitern sagen. Die werden sich freuen.“

„Ich glaube eher, daß es denen hinten herum vorbeigeht.“

„Ach, seien Sie doch nicht so negativ.“

„Nix negativ. Das resultiert aus unseren langjährigen Erfahrungen mit dem Herr Geschäftsführer und allem, was aus Bad Husten kommt. Das Misstrauen sitzt zu tief. Positives wird nicht mehr ernst genommen.“

„Ach, das glaube ich nicht, Herr Paterfelis.“

„Ich glaube es für Sie mit. Sie sind noch jung und noch frisch hier. Sie wissen nicht, was hier in den letzten 20 Jahren geschehen ist. Und es interessiert Sie auch nicht. Genau wie zuvor Dr. Strebsinger. Deswegen verstehen Sie die Situation hier auch nicht. Die Gegenwrt kann man aber nur verstehen, wenn man die Vergangenheit kennt.

„Los, rufen Sie die Leute zu einer Besprechung zusammen.“

Wir versammelten uns im Besprechungsraum. Voller ehrlicher Freude erzählte Frau Schubert von der Entwicklung und las auch die E-Mail vor. Ich schaute mir die Gesichter der anwesenden Kollegen an.

Kein Mundwinkel zuckte. Keine Lachfältchen bildeten sich. Niemand sprach ein Wort. Bis Sven die Stille mit einem gelangweilten „Toll.“ unterbrach. Danach breitete sich wieder Ruhe aus. Eine Mauer aus Eis hätte deutlich mehr Wärme ausgestrahlt.

Warum hört die Frau nicht einfach mal auf mich?




Kommentare:

  1. Diese Situationen, Szenen... so bekannt, so treffend beschrieben.

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    1. Vielleicht arbeiten wir ja doch unerkannt für den gleichen Verein. ;-)

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