Dienstag, 27. Februar 2018

Heimvorteil

Meine Laune war unterirdisch. Das Ungemach menschlicher Dummheit lag wieder konzentriert auf meinem Schreibtisch, und ich musste sehen, wie ich das dennoch auf einen geregelten Weg bringe. Was man für Geld nicht alles macht…

Es wurde Mittag. Raissa spielte wieder ihren Heimvorteil aus. Im Gegensatz zu den anderen Kollegen wohnt sie fußläufig erreichbar in der Nähe unserer Außenstelle. Mittags geht sie immer nach Hause, um das Essen für ihre kleinen Geschwister fertig zu machen und sich auch selbst entsprechend zu versorgen. Essen betrachtet sie schon fast als ihr Hobby, aber im Gegensatz zu dem Typen, den ich schon mal im Spiegel sehe, fällt das bei ihr überhaupt nicht auf. Und das auch noch, obwohl sie konsequente Bewegungsminimiererin und Sportverweigerin ist. Der Umstand, daß ihr Zimmer in der Familienwohnung hoch unter dem Dach liegt und sie dementsprechend regelmäßig Treppen steigen muß, genügt ihr als weiterführende Begründung.

Die Zeit verging. Ich hörte die Tür unseres Aufzugs; aus dem Augenwinkel nahm ich eine sich nähernde Gestalt wahr. Raissa hatte den Rückweg gefunden. Sie kam auf mich zu, in beiden Händen einen Stoffbeutel haltend.

„Da, für dich.“

Ich nahm den Beutel vorsichtig mit beiden Händen zufassend an. Durch das dünne Material spürte ich wohlige Wärme, welche durch eine glatte, harte Fläche nach außen strömte. Vorsichtig wickelte ich das Mitbringsel aus und wurde einem verschlossenen Glasbehälter ansichtig.

Maultaschen. In einer Soße.

„Zur Stimmungsaufbesserung.“ strahlte mich Raissa an.

Ich liebe Maultaschen. Zumindest mit der richtigen Füllung. Diese Maultaschen hatte die richtige Füllung. Und die Soße...

„Schmeckt nach einer Senf-Sauce.“

„Stimmt.“

„Wie hast du die gemacht?“

„Etwas Brühe, Sahne, Senf, Speck, Zwiebeln.“

„Sehr gut.“

„Und das, obwohl ich Speck und Senf gar nicht esse.“

Hachz! Die Jugend von heute scheint mir doch noch nicht verloren zu sein.




Kommentare:

  1. Heul.
    Nicht mal ansatzweise hab ich die Zutaten für so was im Hause, und dabei weiß ich jetzt, was ich heute gern als Abendessen hätte!

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    1. Da schlägt das Leben wieder mit der vollen Härte zu.

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    2. Ja, und außerdem dann noch Leute, die Essen können, ohne das sich das figürlich niederschlägt....pffft.

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    3. Falls es tröstet: Ich zähle nicht dazu, sondern muß mir das auch immer wieder ansehen.

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