Dienstag, 28. August 2018

Vorstellungen, Staffel 2, Teil 6 - Im Labyrinth

Der Aufbruch zum Krankenhaus wird sich etwas verzögern. Die zweitbeste Ehefrau von allen hat wegen ihres Fußleidens einen Termin, bei dem sie in die Röhre gucken darf. Natürlich braucht das alles seine Zeit. Auf dem Rückweg zum Auto gerät sie in einen Wolkenbruch. Sie lässt mir ein Selbstportät Selfie zukommen. Ja, da ist jemand nach kaum 20 Metern Fußmarsch ordentlich durchnässt. In diesen Tagen gibt es nur zwei Alternativen: Entweder ist man nassgeschwitzt oder nassgeregnet. Die Frage, ob der warme Schauer das angenehmere Übel sei, möge ein jeder für sich selbst beantworten.

Ich packe meine Tasche und stelle mich rein vorsorglich darauf ein, bis Montag im Krankenhaus zu bleiben. Sicher ist sicher, ich bin gerne vorbereitet. Wir erreichen das Krankenhaus zur Mittagszeit und bewegen uns zielstrebig in die Not-Notaufnahme. Weiterhin sind wir übereinstimmend der Meinung, daß dies nicht so ganz richtig sein kann, aber wir tun erst mal so, wie mir ärztlicherseits geheißen.

Die Not-Notaufnahme ist nicht gerade überlaufen. Vor mir in der Reihe steht eine Dame, abgestützt auf zwei Krücken Gehhilfen. Sie gibt ihrem Mann weitere Anweisungen, welche Tasche er von wo auch immer zu besorgen habe. Es geht ihr nicht gut, sie schwankt etwas und lehnt sich gegen die offene Tür zur Patientenannahme.

Eine Krankenschwester erscheint mit einem Patienten im Elektro-Rollstuhl. Sie möchte in die Not-Notaufnahme; der Weg dorthin führt zwangsläufig an der Patientenaufnahme vorbei. Da der Zugang für den Elektro-Rollstuhl äußerst knapp bemessen ist und sie diese nur passieren kann wenn der Rollstuhl exakt gerade ausgerichtet ist, bittet sie die Dame vor mir, Platz zu machen. Diese verneint das Ansinnen mit dem Hinweis, daß ihr schwindelig sei. Kaum ausgesprochen, sackt sie auch schon zur Seite weg. Die Krankenschwester greift zu und ruft in Richtung der Patientenaufnahme um Hilfe. Eine Frau in schwarzem Oberteil aus dem Wartebereich springt auf, stellt sich in die Nähe des Geschehens und beginnt - zu glotzen. Die unmittelbar dabei sitzende zweitbeste Ehefrau von allen springt ebenfalls hoch, schubst die Glotzerin zur Seite und unterstützt die Krankenschwester bei der Stabilisation der zusammengebrochenen Dame. Ich selbst habe hinter allen Beteiligten stehend nichts unternommen, denn ich habe von meiner Position aus gesehen, daß ein Arzt zufällig an dem Tresen der Patientenaufnahme stand und zur Stelle sein würde, noch bevor ich mich selbst in eine zweckdienliche Position bringen könne. Ich hätte erst einen Sprint an der Gerätetasche vorbei um alle Beteiligten herum anstellen müssen, also scheint es so eindeutig sinnvoller zu sein. Alles geschieht in wenigen Augenblicken. Es ist in der Nachschau interessant, welche Abwägungen in derart kurzer Zeit möglich sind. Die Glotzerin glotzt hirnlos weiter, bewegt sich nicht vom Fleck und scheint über etwas nachzudenken. Vermutlich überlegt sie (Achtung, böswilliges Vorurteil!), warum sie nicht schnell genug ihr Smartphone zücken konnte. Es wäre so eine schöne Aufnahme geworden. Warum ging das auch alles so schnell? Und dann wurde sie ja auch noch von der fremden Frau gestoßen. Ja quasi tätlich angegriffen. Sehr ärgerlich.

Nachdem die Dame versorgt ist werde ich aufgefordert einzutreten. Aha, die Ablauforganisation hat sich seit meinem letzten Besuch wohl etwas verbessert. Ich zeige meine Einweisung und schildere mein Anliegen. Wenig überraschend teilt man mir mit, daß dies wohl eher keine Sache für die Notaufnahme wäre. Bevor ich etwas sagen kann, fängt die Dame an der Patientenaufnahme an, vor sich hin brummelnd, man sei ja nicht auch noch dafür zuständig denjenigen rauszusuchen, den man mit meinem Problem behelligen könne, eine Telefonnummer ausgegraben, bei der sie auch direkt anruft. Nein, der eigentlich zu Erreichende sei gerade bei Tisch und ich möge einen Termin auf Station 3 vereinbaren. So verließ ich die Not-Notaufnahme.

Einen Termin zu holen ist jetzt nun eine wenig weiterführende Lösung. Meine Krankschreibung dauert nur noch bis Dienstag, heute haben wir Freitag. Ich muß die Zeit nutzen, mich an den Ablauf mit dem Beatmungsgerät zu gewöhnen, bis ich wieder arbeiten gehe. Das wird eng.

Station 3 ist die Station mit Patienten, welche deutlich ernsthaftere Beatmungsprobleme haben. Das kann nicht so ganz richtig sein. Also beschließen wir, die Station 1 aufzusuchen, auf welcher ich in der Woche zuvor gelegen hatte. Ich melde mich am Etagenstützpunkt, trage mein Anliegen vor und gebe auch den Zettel mit der Telefonnummer weiter, welche man mir in der Not-Notaufnahme mitgegeben hatte.  Nein, einen dazugehörigen Namen habe ich nicht. Man vergleicht die Nummer mit einer Übersicht und stellte fest, daß diese zum Atemtherapeuten auf der eigenen Station gehöre. Prima, damit bin ich schon mal nicht ganz verkehrt. Dieser sei allerdings gerade nicht am Platz, man werde ihn benachrichtigen, ich möchte so lange im Wartezimmer auf der Etage Platz nehmen. Aber gerne doch. Warten kann ich. Es gibt Phasen in meinem Dasein, zu denen ich durchaus der Überzeugung bin, daß mein Leben überwiegend darin besteht darauf zu warten, daß andere Menschen irgendwann mal den ihnen zugewiesenen Part eines Handlungserfordernisses erledigen, damit ich endlich mit meinem Teil des Anstehenden zielführend beginnen kann.

Das Wartezimmer erweist sich als ehemaliges Einbettzimmer. Markante Farbfelder an den Wänden, dazu einige nicht mehr genutzte Anschlüsse sprechen eine deutliche Sprache. Das Mobiliar stammt vermutlich aus den 80ern oder frühen 90ern. Auf einem Sideboard liegen Bücher herum. So wie die aussehen würde ich die nicht mal mehr mit der Kneifzange anpacken. Ich frage mich, wer so verwegen wäre, diese noch lesen zu wollen. Vielleicht genügt  aber auch der Einsatz von ein paar Gummihandschuhen, wie sie hier auf jedem Zimmer in unterschiedlichen Größen in ausreichender Anzahl vorzufinden sind.

Das Mittagessen wird verteilt. Während ich zu Hause schon vorsorglich ein paar vom Vorabend übrig gebliebene Falafel zu mir genommen hatte, ist die zweitbeste Ehefrau von allen noch – um in Klinikjargon zu bleiben – nüchtern. Der Geruch des Essens spricht sie gerade nicht sonderlich an, aber die direkte Sicht auf einen Becher Schokoladenpudding mit Sahne setzt ihr schon zu. Wir warten weiter. Und warten. Ich bin da ja – wie bereits erwähnt - ein durchaus geduldiger Typ, zumal man ja unangemeldet in einen eher vorgeplanten Ablauf hineinschneit, doch die zweitbeste Ehefrau von allen weist mich dezent darauf hin, daß in einer halben Stunde Schichtwechsel sei. Diesen wähne ich eine Stunde später, erkenne aber meinen Irrtum und bin daher auch gewillt, ihren Hinweis zu akzeptieren und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu ziehen. Denn bis zum Schichtwechsel  sollte die Sache hier schon erledigt sein, denn sonst könnte es schwierig werden. Ich hätte aber auch nicht gedacht, daß es schon so spät ist.

So mache ich mich wieder auf dem Weg zum Stützpunkt. Hier treffe ich auf Schwester Betty, und auch der Hase läuft kurz durch mein Blickfeld. Schwester Betty schaut mich an.

„Hmmm, wir kennen uns aber auch.“

„Ja, wir haben hier letzte Woche zwei Nächte miteinander verbracht. Und schauen Sie mal: Ich habe extra für Sie nichts Gelbes mitgebracht.“

Mit diesen Worten präsentiere ich mein sehr geschmackvolles rotes T-Shirt mit dem Karibik-Bild auf der Front. Ein erkennendes Grinsen auf ihrem Gesicht zeigend wendet sich Schwester Betty der neben ihr sitzenden Kollegin zu:

„Weiß du, ich hasse Gelb. Herr Paterfelis ist da wirklich sehr rücksichtsvoll.“

Wiederum erörtere ich mein Anliegen. Zufällig kommt in diesem Moment der Atemtherapeut vorbei, welcher direkt durch Schwester Betty abgefangen wird. Nach einem kurzen Wortwechsel kommt sie wieder zu mir zurück.  Ja, bitte gehen Sie nochmal ins Wartezimmer, er wird gleich bei Ihnen sein.

Nach wenigen weiteren Warteminuten betritt dann auch der Atemtherapeut das Wartezimmer. Er stockt kurz.

„Wir haben uns aber auch schon mal gesehen.“

„Richtig, letzte Woche hatten wir schon mal das Vergnügen.“

Ja, mich vergisst man nicht so schnell.

Zum was weiß ich wie vielten Mal erzähle ich von meinem Problem. Als ich zu der Stelle gelange, an dem ich den Hinweis auf das von der Verordnung abweichende Gerät einbringe, zieht er eine Augenbraue hoch, sagt aber nichts weiter. Ich betone nochmals, daß ich nicht darauf herumreite, daß es zwingend am Gerät liegen muß, mir die Information aber durchaus erwähnenswert erscheint. Der Atemtherapeut nimmt das Beatmungsgerät mit nach nebenan und liest die Daten aus. Er kommt zurück und bestätigt, daß die Einstellungen stimmen. Mit dem Entlassungsbericht in der Hand geht er wieder nach nebenan und fängt an zu telefonieren. Zum größten Bedauern der zweitbesten Ehefrau von allen ist es gerade etwas laut auf dem Flur, die Reste vom Mittagessen werden abgeräumt. Sie versteht nur wenige Worte des Telefonates.

Nach einiger Zeit kommt er wieder. Er habe mit der Firma Katzenfels gesprochen. Das Gerät sei ausgetauscht worden, weil entsprechende Verträge mit meiner Krankenkasse bestehen würden. Also wie vermutet eine reine Sparmaßnahme, denn das mir überlassene Gerät sei deutlich billiger. Nunmehr würde er eine neue Verordnung ausschreiben und auf das Erfordernis hinweisen, das tatsächlich verordnete Gerät auszuliefern. Es kann schon mal vorkommen, daß trotz gleicher Einstellungen auf verschiedenen Gerätetypen abweichende Leistungswerte erbracht werden, insbesondere auch was die Stärke und Ausgestaltung der Luftströmung angeht. Und genau das sei ja wohl auch mein Problem. Übernachten müsse ich deswegen nicht im Krankenhaus, eine Testphase sei nicht erforderlich. Er gibt mir die Einweisung zurück und weist mich darauf hin, daß ich bei weiteren Problemen gerne direkt zu ihm kommen könne.

Ja, das ist meine Vorstellung von einem ordentlichen Ablauf.

Doch noch sind wir hier nicht fertig. Da war ja noch etwas.




6 Kommentare:

  1. Lieber >Paterfelis; ich liebe ja solche Geschichten!!!!!
    sie sind brandaktuell und voll von humoristischen Einlagen wenn man damit die eingeworfenen gespräche zwischen diesem und jenen mitverfolgt, da lach ich mich echt kringelig und noch während ich eigentlich! damit schwer beschäftigt war meinen eigenen morgendlichen Beitrag in die Tasten zu hämmern und in den Blog zu schreiben - kicherte ich laut & vernehmlich bei deiner Erlebnisbeschreibung vor mich hin!
    Jaha, ich kann bestätigen dass es im KH so zugeht und ist.
    Grüßele von einem noch nicht klapprigen Kaliber...
    angelface

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  2. Krankenkassen sind auch nicht mehr wirklich zu gebrauchen.

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  3. Mein Mann hat ebenfalls ein Atemgerät (auch von der Firma Katzenfels ;-)) und hatte ebenfalls das Problem, dass er das Gefühl hatte, unter der Atemmaske zu ersticken.
    Das Gerät war so eingestellt, dass es sich immer nur für einen Moment einschaltete, wenn er Luft holte.
    Im Krankenhaus wurde es dann auf Dauerluftstrom umgestellt (Kommentar der Ärztin: "Das soll man eigentlich nicht machen..." ???), seitdem ist alles gut.

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