Donnerstag, 23. August 2018

Vorstellungen, Staffel 2, Teil 1 - Firma Katzenfels GmbH & Co KG

Rückblende:  Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Mit der Lungenentzündung war ich wohl über den Berg, das Problem mit der Schlafapnoe und der mangelnden Sauerstoffsättigung meines Blutes erfordert jedoch dringlich weitere therapeutische Maßnahmen.


Steigen wir wieder ein ins Geschehen.

Das Wochenende verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Vorgestellt hatte ich mir ja seinerzeit einen Film-Marathon zu  selbstgemachten Burgern und einem eisgekühlten koffeinhaltigen Erfrischungsgetränk mit zero Zucker. Danach eventuell noch ein paar Knabberartikel. Letzteres kommt ja nicht ganz so häufig hier vor. Mein Strohwitwerwochenende habe ich nun bekommen, aber es fehlt an den Einkäufen, so daß die Sache mit den Burgern schon mal nicht umgesetzt werden kann. Außerdem fühle ich mich für einen Marathon, und sei es nur im Ramen eines Extrem-Couchings auf dem Monster vor dem Fernseher, nicht fit genug. Also dümple ich das Wochenende so vor mich hin und beschäftige mich in den Phasen des Nichtdümpelns weiter in Farbe und bunt mit der Waschmaschine. Als ob das alles nicht genug wäre kümmere mich sonntags ab sechs Uhr morgens um das in beeindruckender Geschwindigkeit wuchernde Unkraut im Garten. Auch hier wähle ich ausnahmsweise den bequemen Weg und setze überall chemische Kampfstoffe ein. Dennoch würde ich schon eine Woche später wieder Hand anlegen müssen. Man hat ja seine Erfahrungswerte.

Montag klingelt das Telefon um 8.00 Uhr. Keine Rufnummernanzeige. Egal, ich habe eine Vermutung wer das sein könnte und nehme in einem Anfall puren Leichtsinns ab, ohne darauf zu warten, daß der Anrufbeantworter seine gnadenlose Vorsortierung abschließt.

„Firma Katzenfels Medizintechnik, schönen guten Morgen Herr Paterfelis. Ich rufe an wegen des verordneten Beatmungsgerätes. Wir…“

Die durch das Telefonklingeln geweckte zweitbeste Ehefrau von allen trottet aus dem Schlafzimmer und wünscht zu erfahren, mit wem ich in fernmündlichen Kontakt stünde. Ich winke wortlos ab; die Erklärung würde länger dauern, denn mit dem Namen Katzenfels kann sie zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nichts anfangen. Und den freundlichen Herrn am anderen Ende der Leitung eben mit dem Hinweis zu unterbrechen, daß meine privatpersönliche zweitbeste Ehefrau von allen einen gewissen Aufklärungsbedarf hinsichtlich seiner Person und seines Begehrs hat, erscheint mir dann doch situativ interpretiert nicht übertrieben angebracht zu sein.

„… werden Ihnen das Gerät heute Nachmittag vorbeibringen.“

„Ähm, nö, werden Sie keineswegs. Da habe ich Termine, das geht nicht.“

Tatsächlich hat eher die zweitbeste Ehefrau von allen Termine, aber ich weiß ja, daß sie bei der Einweisung meiner selbst in eine grandiose neue Technologie gerne dabei wäre. Sie hat da eher eine Affinität zu als ich inzwischen, auch wenn das mal anders war. Außerdem muß ich auch noch in höchst eigener Person bei meinem Hausarzt vorstellig werden, dessen Praxis ich zwecks Terminvereinbarung  zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht habe. Also lieber Luft schaffen.

„Dann morgen?“

Morgen ist auch unglücklich, weil ich ja nicht mal weiß, ob ich weiterhin arbeitsunfähig geschrieben werde. Also besser Mittwoch, damit ich zur Not im Büro noch etwas regeln kann, was mir die Terminwahrnehmung im Fall der Fälle ermöglichen sollte. Sofern das überhaupt gerade machbar ist. Ich teile es so der Telefonstimme mit.

„Ja, dann Mittwoch. Sie hätten dann den ersten Termin, so zwischen acht und neun Uhr.“

Gut, machen wir so. Die zweitbeste Ehefrau von allen wird zwar nur wenig amüsiert sein, aber dann ist es wenigstens überstanden. Ich mag es nicht, den halben Tag auf das Eintreten eines Ereignisses warten zu müssen. Das bereitet mir Unruhe und hält mich davon ab, andere Dinge zu tun. Einfach nur deswegen, weil ich weiß, daß ich sie wahrscheinlich nicht ordentlich zu Ende führen kann. Eine durchaus blöde Eigenart von mir, aber ich komme nicht davon weg.

Schließlich erreiche ich auch die hausärztliche Praxis, am Apparat meldet sich die Gattin des Chefs persönlich. Sie hilft also mal wieder aus und sorgt für Komplikationen im ansonsten dort sehr gut eingespielten Betriebsablauf. Mit ihr habe ich nicht so gerne zu tun. Irgendwie fühlt es sich immer so an, als sei man lästig und alleine schon der Gedanke abwegig, zwecks einer Konsultation die Praxis aufsuchen zu wollen. Und dann auch noch zeitnah und krank. Ich habe beinahe ein schlechtes Gewissen. Aber wirklich nur beinahe. Es gibt einen Termin zur Mittagszeit. Sehr gut, dann habe ich den Fixpunkt der Hölle, ihr erinnert euch an die Sache mit dem Wartezimmer, bequem übersprungen.

Die zweitbeste Ehefrau von allen zeigt sich über den Termin wenig glücklich, wollte sie doch noch zu ihrer Mutter ins Krankenhaus fahren. Meine Einwendungen, daß sie ja fahren könne, ich würde dann den Bus nehmen oder laufen, wurde ziemlich rüde abgewiesen. Ich ärgere mich zwar durchaus  über den Tonfall, halte mich aber dennoch zurück, denn schließlich weiß man(n) nach kurz vor dem Status jahrzehntelanger  Beziehung stehend – und dann auch noch immer mit derselben Frau -  wann es angeraten ist, einfach mal die Klappe zu halten. Und das ist zweifellos immer der Fall, wenn die zweitbeste Ehefrau von allen aus dem Schlaf gerissen wurde.

Das Telefon klingelt wieder. Mir wird eine ellenlange Nummer angezeigt, die nicht aus unserer Gegend stammt. Die Vorwahl alleine schon sagt mir gar nichts. Der Anrufbeantworter springt an, niemand spricht drauf. Dafür wiederholt der Anrufer seine Versuche hartnäckig. Innerhalb von fünf Minuten gibt es vier weitere Anrufversuche. Blöder Spammer. Eine weitere Nummer für die schwarze Liste der Frizzbox.  Später.

Mein Hausarzt zeigt sich zufrieden über die Ergebnisse des Krankenhausaufenthaltes. Es sei ja gut gewesen, daß wir die Blutuntersuchung gemacht haben. Ich komme nicht umhin, ihm zuzustimmen, auch wenn mich die Ergebnisse und die daraus resultierenden Folgen weniger begeistern. Schließlich gab es keine für mich spürbaren Einschränkungen. Aber es handelte sich um einen über lange Zeit schleichenden Prozess. Die zweitbeste Ehefrau von allen wird mir später nochmal erklären, daß sie schon bemerken konnte, wie ich abgebaut habe. Und ja, sie hat mich darauf auch schon hingewiesen. Aber wer reagiert schon auf so etwas? So etwas wird auf typisch männliche Weise wegignoriert.

Die Lungenentzündung soll nun weiter von alleine ausheilen, Medikamente benötige ich nicht mehr. Es ist nur eine Zeitfrage. Die weitere Überwachung des Genesungsprozesses sowie der Atemtherapie soll durch einen Lungenarzt erfolgen. Mein Hausarzt schreibt mich für anderthalb Wochen arbeitsunfähig. Danach soll ich mit einer halben Arbeitswoche wieder im Büro starten. Und es auf jeden Fall für einige Zeit ruhig angehen lassen, auch wenn ich der Meinung sei, ich könnte wieder Bäume ausreißen. Ich denke mir meinen Teil dazu, muß aber einräumen, daß ich es zwischenzeitlich, also zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Eintrags (Mitte Juni), bereits mit Unkraut ausreißen getestet habe.





Funktioniert also. Aber ich schweife sinnlos ab. Der Termin beim Lungenarzt wäre dann für Ende Juni vorgesehen, also etwa in vier Wochen ab dem Zeitpunkt meines Besuchs beim Hausarzt.

Den Lungenarzt werde ich später anrufen, wenn die zweitbeste Ehefrau von allen zu ihren Kursen aushäusig ist. Ich hasse es bekanntlich zu telefonieren. Wenn es notwendig ist, rufe ich aber auch irgendwo an. Nur möchte ich dann dabei keine Zuhörer haben. Das gilt auch für die zweitbeste Ehefrau von allen und so läppische Dinge wie die Terminvereinbarung bei einem Arzt. Auch das ist eine Auswirkung der Soziophobie. Sie versteht es nicht, muß es aber akzeptieren. Dafür erreicht mich am später werdenden Nachmittag wieder ein Anruf mit unterdrückter Nummer. Könnte die Firma Katzenfels sein. Ok, das ist wichtig. Ich nehme auf gut Glück den Hörer ab das Telefon in die Hand und drück die Taste, welche die Annahme der Verbindung in die Wege leitet.

„Hier Firma Katzenfels, ich bin jetzt unterwegs zu ihnen und werde in einer Stunde da sein.“

„Nein, werden Sie nicht.“

„???“

Wie ich Ihrem Kollegen (andere Stimme, also eindeutig andere Person - Anm. d. Red.) bereits heute Morgen sagte, habe ich gleich keine Zeit mehr…“

„Oh, dann morgen.“ werde ich unterbrochen.

„Nein, wir haben uns auf Mittwoch geeinigt.“

„Gut, dann werde ich Sie da ja auf meiner Liste finden.“

„Das möchte ich doch hoffen.“

Freundlich beenden wir das Gespräch. Ich stelle fest, daß der Spam-Anrufer es noch ein paar Mal versucht hat. Egal, bei nächster Gelegenheit kommt die Nummer auf den Index, dann ist Ruhe. Neugierig geworden versuche ich zu ermitteln, wer der Spam-Anrufer sein könnte. Och, Firma Katzenfels. Pech. Wenn es wichtig ist, sollen sie auf den Anrufbeantworter quasseln. Was für mich wichtig ist, das ist geklärt: der Termin zur Übergabe und Einweisung in das Beatmungsgerät.

Warten wir ab, was noch geschieht.





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