Am Empfang des Krankenhauses erkundige ich mich, wie in
dieser höchst bedeutsamen Angelegenheit idealerweise vorzugehen sei. Man verweist
mich – durchaus naheliegender Weise – auf die Röntgenstation, den Gang runter,
zweimal links und schon wäre ich da. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich
folgen der Wegbeschreibung und werden auch ohne Navigationssystem oder WegeStraßenKarte
(voll retro) problemlos fündig. Vor den Röntgenkabinen sind mehrere Sitzreihen
mit einfacher Bestuhlung sowie ein etwas bequemer aussehendes Sofa aufgebaut.
Ein Paar hat es sich auf den Stühlen bequem gemacht, ansonsten ist alles leer. Die
zweitbeste Ehefrau von allen nimmt zielsicher das Sofa in Beschlag, während ich
mich zur Anmeldung begebe.
Ich betätige den zu eben diesem Zweck aus ästhetischer
Betrachtungsweise zwar unschön aber vermutlich doch technisch fachgerecht
montierten Klingelauslöseknopf des verlassenen Anmeldebüros. Sofort erscheint
eine Mitarbeiterin. Ich schildere mein Begehr. Ja, das sei kein Problem. Ob ich
denn die CD vorbestellt habe. Nein, habe ich nicht, aber es eile nicht so
übertrieben, ich könne auch bei anderer Gelegenheit vorbeischauen und selbige
abholen, falls es gerade nicht passe. Ich habe ja noch fast zwei Monate Zeit. Nein,
ich könne eben warten, sie brenne die CD.
Ich stelle mich in der Nähe der Anmeldung auf und will hier
warten, aber die zweitbeste Ehefrau von allen signalisiert mir, daß sie meine
Anwesenheit auf dem Sofa bevorzuge. Als gut erzogener Ehemann leiste ich ihrer
Weisung natürlich Folge.
Wir warten und beobachten vorbeikommende Patienten und
Krankenhausmitarbeiter. Dabei stellen wir fest, daß die hohe Kunst, beim Laufen
die Füße hochzunehmen, mutmaßlich dem Aussterben anheimzufallen droht. Gerade
das Schlurfen sorgt sehr schnell und insbesondere im fortgeschrittenen Alter
dafür, über irgendwelche Dinge wie Kabel oder sonstige herumliegende, auch eher
flache Gegenstände zu stolpern. Und ein Bein- oder gar ein Beckenbruch ist erst
recht im fortgeschrittenen Alter keine schöne Sache. Aber mit diesen
Erkenntnissen redet man trotzdem regelmäßig vor Wände, wie man am Beispiel
meines Schwiegervaters unschwer zu erkennen vermag.
Weitere Patienten melden sich zum Röntgen an. Eine Mutter
mit ihrem im Teenageralter befindlichen Sohn spricht vor. Der Junge erweist
sich förmlich als Energiebündel. Gespeicherte Energie zur späteren Verwendung
wohlgemerkt. Pubertierende halt. Wieder bin ich froh, nicht den Mühsalen einer
Vaterschaft anheimgefallen zu sein und schon vor Jahren nachhaltig dafür
gesorgt zu haben, daß dies auch niemals geschehen werde. Die Sitzreihen füllen
und leeren sich. Das Pärchen, welches bereits bei unserer Ankunft wartete, war
ebenfalls nur zum Abholen einer CD erschienen und hatte diese zwischenzeitlich
im Empfang nehmen können.
Wir warten weiter. Nach einiger Zeit wird die zweitbeste
Ehefrau von allen zunehmend unleidlich. Sie hat immer noch nichts gegessen. Ich
biete ihr an, daß sie gerne fahren könne, entweder zu ihrer Mutter ins
Krankenhaus oder nach Hause, ich käme dann mit dem Bus nach. Mein Angebot wurde
höflich aber bestimmt abgelehnt. Schließlich bringe ich mich bei der
Anmeldung der Röntgenstation in Erinnerung. Ja, hier wären mittlerweile
unzählige abholbereite CDs, meine CD sei auch schon längst gebrannt, man habe
mich nur nicht mehr gesehen.
Hmmm, na ja, man hätte meinen Name ja auch mal in die Runde rufen
können. Aber daß ich nach meiner unsagbar schweren, körperlich belastenden und
zehrenden Erkrankung so ein unscheinbarer Hänfling geworden bin, der sich auf
einem Sofa sitzend hinter seiner Frau bis zur Unsichtbarkeit verstecken kann,
wäre mir jetzt nicht ganz so bewusst. Und dies umso mehr, als daß ich weiß, daß
die besagte Mitarbeiterin in der Zwischenzeit mehrfach an uns vorbeigegangen
ist. Klugscheißerisch komme ich dennoch nicht daran vorbei hier zu erwähnen,
daß ich weiß, warum ich lieber in der unmittelbaren Nähe der Aufnahme der
Röntgenstation gewartet hätte als auf dem doch etwas abseits stehenden Sofa.
Mit dem Gewünschten versorgt begeben wir uns nach draußen,
stellen fest, daß es immer noch zu warm ist, und fahren nach Hause. Vor Montag wird
mit meinem Beatmungsgerät nicht mehr passieren, davon ist auszugehen.
Die Zeit wird knapp.
Zu Hause wird Balduin ordentlich im Carport verstaut. Ich
schnappe mir meine für den wider Erwarten ausgebliebenen Krankenhausaufenthalt gepackte
Tasche und bewege mich per pedes gemeinsam mit der zweitbesten Ehefrau von
allen in Richtung Wohnhöhle, als wir unserem Postboten begegnen.
„Na, da ist der Faulenzer ja wieder.“ lacht er uns an. „Und
weiter gute Besserung.“
Direkt nach Frau Kleinhüppgenreuther scheint mir unser
Postbote hier in der Gegend die am besten informierte Person zu sein. Im
Gegensatz zu Frau Kleinhüppgenreuther ist dieser jedoch wirklich ein
ausgesprochener Sympathieträger, nicht im Geringsten geschwätzig und immer für
einen Scherz gut.
Mögen wir ihn noch lange behalten.
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