Mittwoch, 29. August 2018

Vorstellungen, Staffel 2, Teil 7 - Sie brennen

Die Mitarbeiterin des Lungenarztes hatte den Wunsch geäußert, daß ich eine CD mit der Röntgenaufnahme meiner Lunge zum Termin mitbringen möchte. Diese gilt es nun noch zu besorgen.

Am Empfang des Krankenhauses erkundige ich mich, wie in dieser höchst bedeutsamen Angelegenheit idealerweise vorzugehen sei. Man verweist mich – durchaus naheliegender Weise – auf die Röntgenstation, den Gang runter, zweimal links und schon wäre ich da. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich folgen der Wegbeschreibung und werden auch ohne Navigationssystem oder WegeStraßenKarte (voll retro) problemlos fündig. Vor den Röntgenkabinen sind mehrere Sitzreihen mit einfacher Bestuhlung sowie ein etwas bequemer aussehendes Sofa aufgebaut. Ein Paar hat es sich auf den Stühlen bequem gemacht, ansonsten ist alles leer. Die zweitbeste Ehefrau von allen nimmt zielsicher das Sofa in Beschlag, während ich mich zur Anmeldung begebe.

Ich betätige den zu eben diesem Zweck aus ästhetischer Betrachtungsweise zwar unschön aber vermutlich doch technisch fachgerecht montierten Klingelauslöseknopf des verlassenen Anmeldebüros. Sofort erscheint eine Mitarbeiterin. Ich schildere mein Begehr. Ja, das sei kein Problem. Ob ich denn die CD vorbestellt habe. Nein, habe ich nicht, aber es eile nicht so übertrieben, ich könne auch bei anderer Gelegenheit vorbeischauen und selbige abholen, falls es gerade nicht passe. Ich habe ja noch fast zwei Monate Zeit. Nein, ich könne eben warten, sie brenne die CD.

Ich stelle mich in der Nähe der Anmeldung auf und will hier warten, aber die zweitbeste Ehefrau von allen signalisiert mir, daß sie meine Anwesenheit auf dem Sofa bevorzuge. Als gut erzogener Ehemann leiste ich ihrer Weisung natürlich Folge.

Wir warten und beobachten vorbeikommende Patienten und Krankenhausmitarbeiter. Dabei stellen wir fest, daß die hohe Kunst, beim Laufen die Füße hochzunehmen, mutmaßlich dem Aussterben anheimzufallen droht. Gerade das Schlurfen sorgt sehr schnell und insbesondere im fortgeschrittenen Alter dafür, über irgendwelche Dinge wie Kabel oder sonstige herumliegende, auch eher flache Gegenstände zu stolpern. Und ein Bein- oder gar ein Beckenbruch ist erst recht im fortgeschrittenen Alter keine schöne Sache. Aber mit diesen Erkenntnissen redet man trotzdem regelmäßig vor Wände, wie man am Beispiel meines Schwiegervaters unschwer zu erkennen vermag.

Weitere Patienten melden sich zum Röntgen an. Eine Mutter mit ihrem im Teenageralter befindlichen Sohn spricht vor. Der Junge erweist sich förmlich als Energiebündel. Gespeicherte Energie zur späteren Verwendung wohlgemerkt. Pubertierende halt. Wieder bin ich froh, nicht den Mühsalen einer Vaterschaft anheimgefallen zu sein und schon vor Jahren nachhaltig dafür gesorgt zu haben, daß dies auch niemals geschehen werde. Die Sitzreihen füllen und leeren sich. Das Pärchen, welches bereits bei unserer Ankunft wartete, war ebenfalls nur zum Abholen einer CD erschienen und hatte diese zwischenzeitlich im Empfang nehmen können.

Wir warten weiter. Nach einiger Zeit wird die zweitbeste Ehefrau von allen zunehmend unleidlich. Sie hat immer noch nichts gegessen. Ich biete ihr an, daß sie gerne fahren könne, entweder zu ihrer Mutter ins Krankenhaus oder nach Hause, ich käme dann mit dem Bus nach. Mein Angebot wurde höflich aber bestimmt abgelehnt. Schließlich bringe ich mich bei der Anmeldung der Röntgenstation in Erinnerung. Ja, hier wären mittlerweile unzählige abholbereite CDs, meine CD sei auch schon längst gebrannt, man habe mich nur nicht mehr gesehen.

Hmmm, na ja, man hätte meinen Name ja auch mal in die Runde rufen können. Aber daß ich nach meiner unsagbar schweren, körperlich belastenden und zehrenden Erkrankung so ein unscheinbarer Hänfling geworden bin, der sich auf einem Sofa sitzend hinter seiner Frau bis zur Unsichtbarkeit verstecken kann, wäre mir jetzt nicht ganz so bewusst. Und dies umso mehr, als daß ich weiß, daß die besagte Mitarbeiterin in der Zwischenzeit mehrfach an uns vorbeigegangen ist. Klugscheißerisch komme ich dennoch nicht daran vorbei hier zu erwähnen, daß ich weiß, warum ich lieber in der unmittelbaren Nähe der Aufnahme der Röntgenstation gewartet hätte als auf dem doch etwas abseits stehenden Sofa.

Mit dem Gewünschten versorgt begeben wir uns nach draußen, stellen fest, daß es immer noch zu warm ist, und fahren nach Hause. Vor Montag wird mit meinem Beatmungsgerät nicht mehr passieren, davon ist auszugehen.

Die Zeit wird knapp.

Zu Hause wird Balduin ordentlich im Carport verstaut. Ich schnappe mir meine für den wider Erwarten ausgebliebenen Krankenhausaufenthalt gepackte Tasche und bewege mich per pedes gemeinsam mit der zweitbesten Ehefrau von allen in Richtung Wohnhöhle, als wir unserem Postboten begegnen.

„Na, da ist der Faulenzer ja wieder.“ lacht er uns an. „Und weiter gute Besserung.“

Direkt nach Frau Kleinhüppgenreuther scheint mir unser Postbote hier in der Gegend die am besten informierte Person zu sein. Im Gegensatz zu Frau Kleinhüppgenreuther ist dieser jedoch wirklich ein ausgesprochener Sympathieträger, nicht im Geringsten geschwätzig und immer für einen Scherz gut.

Mögen wir ihn noch lange behalten.




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