Freitag, 24. August 2018

Vorstellungen, Staffel 2, Teil 2 - Eine Lieferung

Am Dienstag beginne ich, nachdem sich die zweitbeste Ehefrau von allen wieder auf den Weg zu ihrer Mutter gemacht hat, die Wohnung in einen Zustand zu versetzen, welche aus meiner Perspektive das Empfangen von Besuchern ohne großartige Peinlichkeiten zulassen sollte. Aufgrund der anhaltenden Temperaturen und der Schwüle, gegen die auch die hier permanent laufenden Deckenventilatoren so langsam nicht mehr ankommen,  habe ich nur das Notwendigste an Textilien am Leib. Außerdem habe ich noch nicht geduscht, und frische Kleidung auf einem verschwitzten Körper halte ich für eher wenig sinnvoll. Das Duschen spare ich mir zweckmäßiger Weise für die Zeit nach Abschluss aller Hausarbeiten auf, denn nachmittags steht noch ein Friseurtermin an.

Die älteren Leser erinnern sich eventuell noch an Conny, welche zum Zwecke des Haareschneidens Hausbesuche macht. Das Thema hat sich zwischenzeitlich erledigt. Es dürfte sich finanziell für sie nicht gelohnt haben, mich mit ihrem Utensilien zu bearbeiten, denn irgendwann reagierte sie nicht mehr auf meine Wünsche nach einem Termin. Einfacher Herrenhaarschnitt eben, da ist nicht viel abzuräumen. Kann ich verstehen, aber das hätte man auch anders zum Abschuss bringen können. So bin ich inzwischen bei Connys ehemaliger Chefin Babs gelandet, welche sowohl  die Lieblingsfriseurin der zweitbestehen Ehefrau von allen als auch eine ihrer ATS-Schülerinnen ist. Im Normalfall haben die zweitbeste Ehefrau von allen und ich einen gemeinsamen Termin bei ihr, doch heute war es schon seit Wochen anders geplant; ich hatte einen Einzeltermin.

Da sich das Krankenhaus, in dem sich meine Schwiegermutter aufhält, unweit von Babsens Ladenlokal befindet, würde ich mich mit ausdrücklicher Billigung der zweitbesten Ehefrau von allen mit dem Bus auf den Weg dorthin machen und schließlich nach Vollendung des Werkes von ihr abgeholt werden. Es wäre höchst albern, den ganzen Weg mit dem Auto zurückzufahren, nur um dann wieder umzukehren und schließlich nochmals den Weg zurückzulegen, um wieder nach Hause zu kommen. Daß die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur mal eben 90 Minuten dauert ist ein Umstand, welcher hier in Kauf zu nehmen ist. Mich stört es auch nicht weiter, zumal ich weiß, daß sich der Fluss des Berufsverkehrs zu dieser Zeit in umgekehrter Richtung bewegt und es somit sichergestellt ist, daß ich die Fahrt nicht im Stehen zubringen werde.

Noch harrt jedoch die Dusche meines Besuches, als es an der Tür klingelt. Für den Postboten ist es eindeutig zu früh, und auch die anderen Paketdienste fahren hier nicht zu dieser Uhrzeit vor. Geöffnet hätte ich in meinem aktuell derangierten Zustand ohnehin nicht. Manche sind da schmerzbefreit, ich eher nicht.

Ich werfe einen Blick durch den Türspion. Ein Typ in blauer Arbeitshose wartet draußen. Ein weiterer Blick, jetzt durch das Schlafzimmerfenster, offenbart mir einen kleinen Lieferwagen, welcher den Carport unseres Nachbarn und Hilfshausmeisters, Herrn Knutsen, ziemlich dreist blockiert. Unnötigerweise, wie ich anmerken möchte, denn um diese Uhrzeit sollten sich hier genügend freie Parkplätze befinden. Auf dem Lieferwagen ist in großen Buchstaben der Schriftzug „Katzenfels GmbH & Co KG – Medizintechnik“  zu ersehen. Hallo, geht es noch? Unser Termin ist morgen. Morgen ist Mittwoch. Heute ist Dienstag. Dienstag ist nicht Mittwoch und 12 Uhr ist nicht 8 Uhr. Ganz eindeutig. Man kann sich ja mal im Tag vertun. Oder in der Uhrzeit. Aber nicht beides. Nach dem zweiten Klingeln hinterlässt der Typ in der Arbeitshose mir eine Nachricht im Briefkasten und zieht von dannen. Bei der Nachricht handelt es sich um einen Lieferschein für eine nicht näher bezeichnete Lieferung mit dem Hinweis, mich nicht angetroffen zu haben. Einen Hinweis auf eine erneute Anfahrt oder ähnliches ist nicht aufzufinden.

Meine Vorstellungen von einem geregelten Ablauf weichen von dem bisher erlebten durchaus etwas ab.

Die zweitbeste Ehefrau von allen kommt nach Bekanntgabe der Ereignisse in Fahrt und lässt es sich nicht nehmen, nach unserer Rückkehr von Babs direkt bei der Firma Katzenfels anzurufen, erreicht aber nur noch den Anrufbeantworter, schildert offensichtlichhörbar ziemlich angefressen die Situation und hinterlässt die Nachricht, daß wir gerne wüssten, ob der Termin am morgigen Mittwoch nun wahrgenommen werden wird. Denn eines ist klar: Wenn sie morgens in für sie – man bedenke ihre späten Arbeitszeiten - aller Frühe aufstehen würde, ohne daß der Grund für das frühe Aufstehen auch umgesetzt werden wird, hätte sie nicht nur in ihrer Vorstellung einen neuen Feind fürs Leben.

Erwartungsgemäß gibt es keine Reaktion auf den Anruf. Auch nicht am nächsten Tag. Niemals.





2 Kommentare:

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