Am Dienstag beginne ich, nachdem sich die zweitbeste Ehefrau
von allen wieder auf den Weg zu ihrer Mutter gemacht hat, die Wohnung in einen
Zustand zu versetzen, welche aus meiner Perspektive das Empfangen von Besuchern
ohne großartige Peinlichkeiten zulassen sollte. Aufgrund der anhaltenden
Temperaturen und der Schwüle, gegen die auch die hier permanent laufenden
Deckenventilatoren so langsam nicht mehr ankommen,
habe ich nur das Notwendigste an Textilien am
Leib. Außerdem habe ich noch nicht geduscht, und frische Kleidung auf einem
verschwitzten Körper halte ich für eher wenig sinnvoll. Das Duschen spare ich
mir zweckmäßiger Weise für die Zeit nach Abschluss aller Hausarbeiten auf, denn
nachmittags steht noch ein Friseurtermin an.
Die älteren Leser erinnern sich eventuell noch an
Conny, welche zum Zwecke des Haareschneidens
Hausbesuche macht. Das Thema hat sich zwischenzeitlich erledigt. Es dürfte sich
finanziell für sie nicht gelohnt haben, mich mit ihrem Utensilien zu
bearbeiten, denn irgendwann reagierte sie nicht mehr auf meine Wünsche nach
einem Termin. Einfacher Herrenhaarschnitt eben, da ist nicht viel abzuräumen. Kann
ich verstehen, aber das hätte man auch anders zum Abschuss bringen können. So bin
ich inzwischen bei Connys ehemaliger Chefin Babs gelandet, welche sowohl
die Lieblingsfriseurin der zweitbestehen
Ehefrau von allen als auch eine ihrer
ATS-Schülerinnen ist. Im Normalfall haben die zweitbeste Ehefrau von allen und
ich einen gemeinsamen Termin bei ihr, doch heute war es schon seit Wochen
anders geplant; ich hatte einen Einzeltermin.
Da sich das Krankenhaus, in dem sich meine Schwiegermutter
aufhält, unweit von Babsens Ladenlokal befindet, würde ich mich mit
ausdrücklicher Billigung der zweitbesten Ehefrau von allen mit dem Bus auf den
Weg dorthin machen und schließlich nach Vollendung des Werkes von ihr abgeholt
werden. Es wäre höchst albern, den ganzen Weg mit dem Auto zurückzufahren, nur
um dann wieder umzukehren und schließlich nochmals den Weg zurückzulegen, um
wieder nach Hause zu kommen. Daß die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur
mal eben 90 Minuten dauert ist ein Umstand, welcher hier in Kauf zu nehmen ist.
Mich stört es auch nicht weiter, zumal ich weiß, daß sich der Fluss des
Berufsverkehrs zu dieser Zeit in umgekehrter Richtung bewegt und es somit
sichergestellt ist, daß ich die Fahrt nicht im Stehen zubringen werde.
Noch harrt jedoch die Dusche meines Besuches, als es an der
Tür klingelt. Für den Postboten ist es eindeutig zu früh, und auch die anderen
Paketdienste fahren hier nicht zu dieser Uhrzeit vor. Geöffnet hätte ich in
meinem aktuell derangierten Zustand ohnehin nicht. Manche sind da
schmerzbefreit, ich eher nicht.
Ich werfe einen Blick durch den Türspion. Ein Typ in blauer
Arbeitshose wartet draußen. Ein weiterer Blick, jetzt durch das Schlafzimmerfenster, offenbart
mir einen kleinen Lieferwagen, welcher den Carport unseres Nachbarn und
Hilfshausmeisters, Herrn Knutsen, ziemlich dreist blockiert. Unnötigerweise,
wie ich anmerken möchte, denn um diese Uhrzeit sollten sich hier genügend freie
Parkplätze befinden. Auf dem Lieferwagen ist in großen Buchstaben der Schriftzug
„Katzenfels GmbH & Co KG – Medizintechnik“
zu ersehen. Hallo, geht es noch? Unser Termin ist morgen. Morgen ist
Mittwoch. Heute ist Dienstag. Dienstag ist nicht Mittwoch und 12 Uhr ist nicht
8 Uhr. Ganz eindeutig. Man kann sich ja mal im Tag vertun. Oder in der Uhrzeit.
Aber nicht beides. Nach dem zweiten Klingeln hinterlässt der Typ in der
Arbeitshose mir eine Nachricht im Briefkasten und zieht von dannen. Bei der
Nachricht handelt es sich um einen Lieferschein für eine nicht näher
bezeichnete Lieferung mit dem Hinweis, mich nicht angetroffen zu haben. Einen
Hinweis auf eine erneute Anfahrt oder ähnliches ist nicht aufzufinden.
Meine Vorstellungen von einem geregelten Ablauf weichen von
dem bisher erlebten durchaus etwas ab.
Die zweitbeste Ehefrau von allen kommt nach Bekanntgabe der
Ereignisse in Fahrt und lässt es sich nicht nehmen, nach unserer Rückkehr von
Babs direkt bei der Firma Katzenfels anzurufen, erreicht aber nur noch den
Anrufbeantworter, schildert offensichtlichhörbar ziemlich angefressen die
Situation und hinterlässt die Nachricht, daß wir gerne wüssten, ob der Termin
am morgigen Mittwoch nun wahrgenommen werden wird. Denn eines ist klar: Wenn
sie morgens in für sie – man bedenke ihre späten Arbeitszeiten - aller Frühe
aufstehen würde, ohne daß der Grund für das frühe Aufstehen auch umgesetzt werden
wird, hätte sie nicht nur in ihrer Vorstellung einen neuen Feind fürs Leben.
Erwartungsgemäß gibt es keine Reaktion auf den Anruf. Auch
nicht am nächsten Tag. Niemals.
Oh je.
AntwortenLöschenGeheimnisse sind dazu da, gelöst zu werden.
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