Dienstag, 8. Mai 2018

Einfach mal wegfahren

In dem erlauchten Kreis früherer Kollegen, zu denen ich heute keinerlei Kontakt mehr habe, gab es zwei Damen mit Prinzipien. Eines dieser Prinzipien lautete:

„Wenn ich im Urlaub nicht wegfahre, dann ist es kein Urlaub.“

Und so leistete man es sich, zwei Mal im Jahr wegzufahren. Mindestens eine Reise davon musste immer eine Fernreise sein. Dafür lebten und arbeiteten sie und verzichteten auf vieles andere. Die getroffene Aussage entspricht ja insoweit auch dem typischen Klischee des reisefreudigen Deutschen.

Was mich betrifft, hasse ich es, wegzufahren.

Als ich noch Kind war, sind wir regelmäßig in Urlaub gefahren. Zumeist landeten wir in Ostfriesland, aber auch die Ostsee, Österreich, Bulgarien und die Kanarischen Inseln waren Ziele. 1982 war dann, abgesehen von einer Fahrt nach Franken ein paar Jahre später, erst mal alles vorbei. Meine Eltern hatten ein Haus gekauft, somit war an Urlaubsreisen nicht mehr zu denken. Und hier war soweit auch noch alles weitgehend für mich in Ordnung. Dem Fernweh bin ich nie unterlegen, aber ich fand auch nichts dabei, von zu Hause weg zu sein.

Dies änderte sich. Den ersten eindeutigen Schlag gab es, als es darum ging, eine Woche bei meiner seinerzeitigen Brieffreundin Ada in Dirksland, einem Ort mit etwas mehr als 8.000 Einwohnern in Südholland zu verbringen. Ich habe familiär bedingt schon immer einen positiven Bezug zu den Niederlanden gehabt. Ich mag die Kultur, die Lebensweise und das Land. Und vor allen Dingen mag ich die Nordsee. Doch gab es ein Problem: Alleine Adas große Schwester sprach ein leidlich gutes Deutsch, der Rest der Familie eher nicht. Meine Eltern brachten mich zu ihnen, doch als es darum ging, wirklich dort zu bleiben, machte ich zu. Es ging nicht. Ich konnte nicht vor Ort bleiben. Wir einigten uns schließlich spontan darauf, daß wir im Gegenzug Ada für die vorgesehene Zeit mit zu uns nehmen würden.

Beruflich bedingt habe ich während meiner Aus- und später auch der Fortbildung summa summarum einige Monate in Internaten zugebracht, viel mehr als unsere Lernenden heute. Später dann gab es immer wieder einige Zeit in diversen Schulungseinrichtungen und Tagungshotels. Hier fiel mir immer mehr auf, daß es für mich schwieriger wurde, von zu Hause weg zu sein. Zu drei rein privaten weiteren Reisen mit Kollegen, bei der letzten auch in Begleitung der zweitbesten Ehefrau von allen, konnte man mich schon nur noch mit Müh‘ und Not überreden.

Die ersten Tage sind stets die schlimmsten. Ich brauche meine Zeit, bis ich die Örtlichkeiten und Abläufe verinnerlicht habe. Und wenn es nur darum geht, den Speiseraum des Hotels zu finden und erfahren – nicht nur irgendwo gelesen – zu haben, daß es vollkommen in Ordnung ist, da auch schon um sieben Uhr zum Frühstück aufzuschlagen, wenn alle anderen Gäste sich in ihren Betten noch ein zweites Mal herumdrehen. Aber selbst hier in dem Speisesaal muß ich die Spielregeln schließlich erst lernen. Wie ist es mit den Getränken? Werde ich nach meinen Wünschen gefragt? Muß ich irgendwo hingehen und bestellen? Oder befinden sich die Kannen alle auf einem Buffet-Tisch?

Dann geht es weiter. Kann ich mich hier verständlich machen? Wir sind wieder beim Problem der Sprache. Ich meine damit nicht zwangsläufig Fremdsprachen, sondern auch Dialekte. Ich bekomme ja schon eine mittelschwere Krise, wenn ich hier im Neustädter Ländchen mal in die örtliche Pommesbude gehe. Bin ich alleine, spricht man dort so etwas Ähnliches wie Hochdeutsch mit mir. Sind aber weitere Kunden anwesend, verfällt man allgemein sofort in den hiesigen Dialekt. Und dann heißt es für mich ganz gewaltig aufzupassen, was man überhaupt von mir will.

Und da sind wir beim Kern nicht nur des Problems des Verreisens. Ein zentraler Punkt der Phobie ist für mich die Sorge, mich nicht verständlich machen zu können. Ihr erinnert vielleicht an diesen Eintrag:  < Klick mich >  Er ist von der Leserschaft hier augenscheinlich weitgehend mit Humor aufgefasst worden, aber die von mir getroffene Aussage war durchaus so gemeint, wie ich sie formuliert habe. Meine Sprachfärbung ist, soweit ich das beurteilen kann, vom Ruhrdeutsch zwar nicht geprägt, aber durchaus beeinflusst. Nicht so überspitzt, wie die Älteren hier es vielleicht noch von Adolf Tegtmeier her kennen, aber wohl doch erkennbar. Damit sollte man überall in diesem Lande zu verstehen sein.

Umgekehrt gibt es natürlich Gegenden, in denen sehr viel härtere Dialekte gesprochen werden, von Menschen, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben mal ganz abgesehen. Hier sehe ich es an mir, irgendwie eine Verständigung herbeizuführen, gleich ob ich derjenige bin, der etwas ausdrücken will, oder ob ich der andere bin, der etwas auffassen muß. Sowohl im Urlaub als auch zum Beispiel im persönlichen Kontakt mit meinen Kunden. Oder eben auch am Telefon, was dann natürlich noch einen draufsetzt. Verständigungsschwierigkeiten bringen mich sehr schnell an den Rand meiner mentalen Kapazitäten. Sowohl die sprachlich bedingten als auch die, welche lediglich inhaltlicher Art sind. Also die Fälle, in denen ich etwas erklären muss und mein Gegenüber selbst eine von mir gewählte bewusst einfache Wortwahl nicht versteht, wie es in meinem Beruf angebracht ist. Ich baue mir den Druck gegen mich selbst auf; ich habe die Angst, als der Vollhonk dazustehen. Und im Falle einer Reise natürlich durch unbewusstes Fehlverhalten aufzufallen und nicht in der Masse untergehen zu können.

Hier findet sich auch der zentrale Grund, warum ich vor allen Dingen im Büro nur sehr ungern ans Telefon gehe, wenn ich weiß, daß der Anruf von extern kommt. Mit internen Anrufen habe ich da durchaus weniger Probleme.

Ich habe bereits Unterricht gegeben. Ich habe in Rajivs Trainerschule Vorträge gehalten. Ich war ein Jahr lang in unserer unmittelbaren Kundenbetreuung beschäftigt, Auge in Auge mit der Kundschaft. Ich weiß, daß ich es kann. Natürlich gibt es immer mal wieder Situationen, in denen es mal schwieriger geworden ist. Das ist unangenehm, aber wohl durchaus normal. Doch das waren wenige Ausnahmen. In 99 % aller Fälle, egal ob als Referent, Berater, Sachbearbeiter am Telefon, als Mensch am Empfang, Moderator einer Bühnenshow, Kunde oder Urlaubsgast hat es funktioniert.

Doch die Angst bleibt. Die Angst, als der Doofmann dazustehen, der sich noch nicht mal ausdrücken kann. Der zu blöd ist, zu verstehen. Der die Antwort auf die gestellte Frage nicht kennt. Der nicht mehr weiter weiß. Die Angst ist nicht rational, sieht nicht das nüchterne, mathematisch eindeutige Ergebnis.

Und deswegen fahre ich auch nicht einfach mal weg.




Kommentare:

  1. Hmmm... Danke für die plastische Ausführung. Als "normaler" Mensch hat man ja auch seine Hemmungen - welche aber überwinden gehen. Ich kann mir (nach der letzten Panikattacke) die (be-)herrschenden Gefühle in etwas vorstellen.

    Ist kein Trost, aber auch im Alltag aller anderen Menschen kommen solche Situationen vor. "Ist nur eine Kopfsache..." hört man oft von denen, die keine Empathie haben. "Schon, aber der Kopf bestimmt..." ist meine Antwort. Und der Kreis, in dem man sich befindet, den man eigentlich durchbrechen KÖNNTE, der zieht sich weiter zu. Kein wirklicher Vergleich: ich koche recht passabel, wenn ich die Vorgaben gebe. Ich gerate in Panik, nach einem Rezept zu kochen, wenn ich bei fremden Leuten bin. Panik, zu versagen, obwohl die Fähigkeiten gegeben sind. Ein einfacher Blattsalat war so fast unmöglich herzustellen.

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    1. Das hört sich auch nicht besonders gut an, gerade wenn man berücksichtigt, daß du - so mein Eindruck - gut und gerne kochst. Ja, was im menschlichen Kopf so vorgeht ist mitunter seltsam.

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