Sonntag, 4. März 2018

Konfusion allen Ortes

Ich hatte einen freien Tag. An sich waren es mehrere freie Tage hintereinander, denn weiterhin musste ich Resturlaub abbauen, und das hierzu noch mögliche Zeitfenster war mittlerweile ziemlich eng. Es ist schon übel, wenn man seine Abwesenheitszeiten mit den Besonderheiten meiner Funktion im Dienstgeschäft, mit den Anwesenheiten zweier Fachbereichsleiterinnen und der Anwesenheit der Kollegen in Einklang bringen muß. Gerade der letzte Punkt führt schon mal zu Schwierigkeiten, denn es dürfen niemals mehr als zwei Personen einer Vertretungsebene gleichzeitig geplant abwesend sein. Und natürlich darf ich nicht fehlen, wenn Frl. Hasenclever fehlt. Oder umständehalber mal beide Fachbereichsleiterinnen. Und gerade Frl. Hasenclever hat im Moment die gleichen Probleme wie ich, den Resturlaub aus dem vorvergangenen Jahr rechtzeitig vor Verfall loszuwerden.

Wie dem auch sei, ich hatte Urlaub. Bis Freitag, um genau zu sein. Der zweite zweiwöchige Urlaub in diesem Jahr, was mir in einem Zeitraum von zwei Monaten schon nahezu peinlich anmutet. Diese zwei Wochen kamen mir vor wie zwei Monate. Echt. Der große Vorteil, den ich in Urlaubszeiten sehe, liegt bekanntlich insbesondere darin, daß ich notwendige Besorgungen und auch das Fitnesstraining früh morgens und das auch noch mehrmals in der Woche erledigen kann, was mir sonst nicht so ohne weiteres möglich ist.

So war ich wieder einmal mit durchaus ansprechender Laune unterwegs. Ich gehe tatsächlich gerne unter diesen Bedingungen zum Einkauf. Es ist um diese Uhrzeit schließlich kaum was los. Der erste Weg führte allerdings zum Hausarzt, um die routinemäßigen Rezepte abzuholen, die ich online vorbestellt hatte. Eine gute Neuerung in seiner Praxis, erspare ich mir damit das vorherige, für mich ziemlich stressbehaftete Anrufen. In der Praxis stellte ich zunächst fest, daß neues Personal eingestellt wurde. Alle Mitarbeiterinnen, die in dieser Gemeinschaftspraxis herumliefen und die ich sehen konnte, kannte ich noch nicht. Unschön für mich, der von bestimmten Kleinigkeiten abgesehen - siehe oben - nicht besonders gut auf Veränderungen reagiert. Aber das Gewünschte lag immerhin schon bereit. Zu meinem größten Missfallen jedoch machte mich das Mädchen die vermutliche Auszubildende die Dame am Empfang darauf aufmerksam, daß der Herr Doktor mich auch mal wieder persönlich in Augenschein zu nehmen wünscht. Sie müsse noch abklären, was er konkret wolle, ich möge doch bitte demnächst mal wegen einiger Termine nachfragen.

Ich hasse das.

Der persönliche Termin bei ihm lässt sich ja auf einen späten Nachmittag legen, was mir vermutlich auch nicht passen wird, aber die Begleitumstände sind eher anstrengend. Die Hockerei im überhitzten Wartezimmer, umringt von fremden, zum Teil ansteckenden Menschen inklusive plärrender Kinder, macht mich wahnsinnig. Und die übliche Blutabnahme kostet mich Zeit ohne Ende, weil die erst gegen acht Uhr erfolgen dürfte. Da kann ich von Glück reden, wenn ich um neun Uhr im Büro aufschlage. Mitten im Schüler- und Berufsverkehr mit dem Bus fahren ist eine Hölle für sich. Ich könnte eventuell das Auto haben, müsste dann aber zu einer bestimmten Zeit wieder zu Hause sein, weil die zweitbeste Ehefrau von allen da auch noch einen gewissen Bedarf hat.

9 Uhr im Büro? Frühestens? He, Leute, zu dieser Zeit arbeite ich sonst schon drei Stunden. Und wer weiß, was dem Herrn Doktor sonst noch alles einfällt, um mich zu ärgern. Hat schon mal jemand ein 24 Stunden-Blutdruckmessen mitgemacht? Das ist extrem nervtötend, mir in der Öffentlichkeit mehr als nur unangenehm und kostet mich ebenfalls einen Arbeitstag, weil ich das mit Sicherheit nicht im Büro durchziehe. Da explodiert das Gerät, wenn es ein schlechter Tag ist.

Ich habe keine Zeit für diesen Unfug. Die nächsten beiden Monate werden mal wieder eine kleine Hölle. Zunächst habe ich eine Woche Zeit, die während des erzwungenen Urlaubs angefallenen Reste aufzuarbeiten. Man muß ja Zahlen liefern. Es gibt keine akzeptierte Begründung, dies nicht zu tun. Dann darf ich Frl. Hasenclever zwei Wochen lang vertreten. Ebenfalls ist es wahrscheinlich, daß Herr Harnischfeger, welcher seit August letzten Jahres dienstunfähig ist, irgendwann im März zur Wiedereingliederung in den Dienstbetrieb zurückkehrt.Man weiß es nicht genau, er hat sich längere Zeit nicht gemeldet, aber so war zumindest der Stand bei seiner letzten Meldung vor ein paar Wochen. Oder ist es schon wieder länger als einen Monat her? Die letzte Meldung vor Ort der ebenfalls seit August dauererkrankten Frau Kuchenbäcker ist nach meinem letzten Kenntnisstand noch wesentlich länger her. Frau Schubert jedenfalls ist deswegen am Toben.

Herr Harnischfeger hat Anspruch auf eine neuerliche Einarbeitung, was in bestimmten Themengebieten auch dringlich und umfangreich angeraten ist, wie wir in den letzten Monaten bei der Aufarbeitung seiner Hinterlassenschaften mit einem gewissen - nein, ich übertreibe nicht - Entsetzen feststellen mussten. Mein Job! Ludwig, der zwischenzeitlich seine Fortbildungsprüfung als Sachbearbeiter bestanden hat, muß jetzt auch zeitnah an bestimmte Sachverhalte herangeführt werden, mit denen er bislang nichts zu tun hatte. Mein Job! Die Akten der Azubinetten müssen kontrolliert werden; sie hat inzwischen schon eine eigene Zuständigkeit mit einem eigenen Aktenbestand.  Dazu benötigt sie noch Unterweisungen in Themengebiete, die von unserem Ausbildungsbereich sowohl in Theorie als auch in der Praxis sträflich ignoriert werden. Mein Job! Außerdem steht ab April die mehrwöchige oder -monatige enge Begleitung einer Kollegin der Assistentenebene an. Das bedeutet, daß alles, was sie täglich produziert, zeitnah gesichtet, kontrolliert und besprochen werden muß. Aus Gründen. Mein Job! Dazu fällt Vertretung für weitere abwesende Kollegen an. Und das alles parallel zu meiner originären Arbeit, welche 100 % der Arbeit eines normalen Sachbearbeiters ist.

Ja, ich mag es, wenn mehr zu tun ist. Ach, wenn es - nun, nennen wir es mal so - komplexer wird. Das ist meine Welt; ich blühe dann förmlich auf. Aber irgendwo muß man einfach realistisch bleiben. Das kann so nicht funktionieren. Nicht kurzfristig, und schon gar nicht über Wochen und Monate. Eine der temporär auszuübenden Zusatzaufgaben neben der normalen Arbeit ist für mich durchaus zu bewältigen, wenn auch nicht in den üblichen acht Stunden täglich. Außerdem benötige ich nach Ablauf einer solchen Phase schon noch etwas Zeit, um bei mir auf dem Tisch wieder aufzuräumen. Irgend etwas bleibt immer liegen, das bleibt nicht aus. Aber alles gleichzeitig erledigen, ohne Zwischenphasen zum Aufräumen und Lauft holen? Und dabei noch die geforderten Zahlen hinsichtlich Qualität, Quantität und Geschwindigkeit liefern? Keine Chance. Darüber muß noch gesprochen werden.

Dennoch war es die Ankündigung der verschiedenen, inhaltlich objektiv betrachtet eher harmlosen Arzttermine, die mich aus der Spur gebracht hat. Wenn dies geschieht, wandere ich für einige Zeit dicht an einer Panikattacke lang. Ich habe es beim Einkauf gemerkt, denn der verlief wieder ausnehmend konfus. Nicht klar strukturiert und zielgerichtet, sondern trotz Einkaufszettel, der auf die Warenplatzierung in den diversen Geschäften exakt abgestimmt ist, eher planlos. Durcheinander. Verworren. Was meiner mentalen Stabilität nicht gut tut, selbst in einem vertrauten Umfeld. Den Besuch eines mir unbekannten Ladenlokals hätte ich unter den Umständen gar nicht erst bewältigen können.

Ich habe es weitgehend geschafft. Nicht alles auf meiner Liste war abgearbeitet. Was verschiebbar war, wurde verschoben und wird später besorgt.

Ja, mitunter nervt es.

Außerdem ist meine Teemaschine nach deutlich mehr als zehn Jahren des Dauergebrauches kaputt gegangen.





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