Montag, 1. September 2014

Nur die Ruhe

Später Vormittag im Neustädter Ländchen. Es war mittelprächtig warm, vielleicht auch etwas drückend. Draußen herrschte Ruhe und Frieden. Fast so wie in unserem Büro, wenn die FührungsKräfte abwesend sind und man endlich mal wieder arbeiten kann.

Plötzlich war die aufgeregte Stimme Frau Lewandowskis zu hören. Und zwar laut. Furchtbar laut. Man hat sie bestimmt bis zum anderen Ende der Straße im dortigen Wendehammer gehört. Selbst der unaufmerksame Zuhörer wurde ganz zweifelsfrei darüber in Kenntnis gesetzt, daß jemand sofortvorbeizukommen habe, da ihr die Tür zugeschlagen sei und der Schlüssel passenderweise innen stecke. Auch gut, da konnte sie ihn wenigstens in aller Aufregung nicht auch noch verlieren.

Damit nicht genug, begann Frau Lewandowski nach Ende des Telefonates, in heller Aufregung auf ihren noch im Kleinstkindalter befindlichen Nachwuchs einzureden. „Alles ist gut.“ war die ständig wiederholte Kernaussage ihres Redeschwalls.

Ich wähnte das arme Kind alleine in der Wohnung, doch war dem nicht so. Frau Lewandowski befand sich mit Kind auf der heimischen Terrasse, welche über den Garten auch von der nunmehr verschlossenen Haustür aus erreichbar war.

Nun kenne ich mich mit Kindern ja bekanntlich nicht übertrieben aus und bin mir im Wesentlichen darüber mit mir einig, daß sie mir auf (nicht mit) Abstand immer noch am besten gefallen. Einem möglichst großen Abstand. Ich weiß das, weil man mir einst – nur um sich über mich lustig machen zu können – ein solches Kind in den Arm gelegt hat. Das waren mit die schrecklichsten Stunden meines Lebens. Echt ehrlich jetzt. Herr Kollege, solltest du hier mitlesen: Das habe ich dir immer noch nicht verziehen. Denk mal darüber nach, wenn ich dir mal wieder eine Akte nicht unterschreibe. Ich sage immer, daß ich Dienstliches und Privates trennen kann. Ich habe nie behauptet, das auch zu wollen. Nur mal so am Rande.

Aber selbst ohne ein echter Auskenner zu sein bin ich mir sehr sicher, daß es der inneren Ruhe eines Kindes im Säuglingsalter nicht dienlich sein kann, in heller Aufregung immer wieder zu betonen, daß alles gut ist. Niemals. Da könnte man auch einem bereits der Sprache mächtigen Kind ja gleich erklären, daß die Welt in ein paar Minuten untergehe. Oder daß es abends anstatt der versprochenen Pizza nun doch Leber mit Rosenkohl gebe.

Erwartungsgemäß fing das bislang ruhige Kind an, lautstark Alarm zu schlagen, was Frau Lewandowski keineswegs veranlasst hat, selbst ruhiger zu werden. Ein spiralförmiger Prozess hat sich in Bewegung gesetzt.

Gut, daß schon nach wenigen Minuten der ersehnte Schlüssel gebracht wurde. Und es ward Frieden.

Nein, sie hat scheinbar weder Essen auf dem Herd gehabt noch eine Verletzung an ihrem Kind entdeckt, denn man unterhielt sich noch eine ganze Weile draußen mit dem Schlüsselüberbringer, bevor es wieder in die Wohnung ging.

So, und jetzt versuche ich, mich von meiner eigenen im Anmarsch befindlichen, total sinnbefreiten sowie grundlosen Panikattacke abzulenken und kümmere mich um das weitere Gelingen des werdenden Rhabarberkompotts, das ich auf dem Herd habe. Einkaufen werde ich später...



5 Kommentare:

  1. Bisher haben sie noch immer irgendwann aufgehört zu schreien... Mit dem eigenen Nachwuchs hat man dann üblicher Weise doch wesentlich mehr Geduld als mit dem Fremden. Glaub mir, es gibt wenig was mich mehr entzückt hat, als das erste Lächeln meiner Babies. Nun entzücken mich meine Miezen tagtäglich, aber das ist nicht vergleichbar. Einen ruhigen Arbeittag wünsch ich Dir!

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    1. Einigen wir uns auf Hausarbeitstag anstatt eines gewöhnlichen Arbeitstages. Noch ist Urlaub. Aber trotzdem Danke. :-)

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  2. Nun ja, mir sind schreiende Kinder immer noch lieber als sakndierende Fußballfans oder gröhlende Besoffene.
    Aber ich kann es durchaus nachvollziehen, dass es für nciht Eltern manchmal anstrengend ist, wenn so ein Plag schreit.
    Bellende Hunde gehen mir persönlich aber noch mehr auf die Nerven und ich habe selbst einen Hund. Na ja, eigentlich ist es ja nicht wirklich meiner, aber so halb gehört er mir.

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    1. Es geht mir jetzt ja dem Grunde nach weniger um das Kind und sein Gebrüll, sondern mehr um das Verhalten der Mutter. Der Ersatzschlüssel war innerhalb von fünf Minuten da, was sie spätestens nach dem Telefonat gewusst haben sollte. Es gab wirklich keinen Grund für so einen Aufstand, und schon gar nicht gegenüber dem Kind.

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  3. Na, ich bin auch Kinderfrei. Ich kann mit Kindern. Aber ich bin auch wieder froh, wenn sie von den Eltern mitgenommen werde. Mit denen unter fünf oder sechs Jahren - vergiss es, da scheitere ich. Aber 5 - 10 ist ein prima Alter, um denen Mist beizubringen. Und das sind willige Lernende ;-)

    Das mit der Panikattacke - früher hatte ich ein Kopfschütteln, dachte, man könne das beherrschen, wenn man wolle. Bis mich eine - aus vollkommen irrationalen Gründen - erfasst hat. Seither weiß ich, dass das eine Hölle wie ein Kreis ohne Möglichkeit zum Ausbruch ist.
    LG und stabile Zeiten, Holger

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