Montag, 22. Oktober 2018

Hoher Besuch

Aus dem Archiv gekramt:


Der Herr Geschäftsführer kommt. Also zu Besuch. In unsere Außenstelle. Mit seinem gesamten Stabsapparat. In gewissen Abständen macht er so etwas.

Es ist ein steter Quell der Freude für die Mitarbeiter des Hauses. Insbesondere dann, wenn sie an diesem Tag bereits genehmigten Urlaub haben oder aus anderen Gründen abwesend sein können. Denn der Herr Geschäftsführer gehört nicht zwingend zu jenen Personen, die man als Sympathieträger kennen wird. Ältere unter meinen Lesern werden sich an J. R. Ewing erinnern können. Und aus eben jenem Grund nennen viele Kollegen den Herrn Geschäftsführer heimlich J.R. Oder einfach Jens-Rüdiger. Das fällt dann nicht so auf.

Für alle Kollegen, die sich nicht rechtzeitig dank ihrer Intuition aus dem Staub machen konnten, besteht ab dem Bekanntwerden des Besuchstermins Urlaubssperre. Und dabei haben wir vom Fußvolk es noch relativ gut, müssen wir doch nur bei dem Tagesordnungspunkt Massenzusammenkunft der Angehörigen aller Fachbereiche des Hauses anwesend sein und uns Dinge anhören, die allenfalls einzelne Fachbereiche betreffen und mit dem der Rest der Anwesenden so absolut gar nichts anfangen kann.

Schlimmer sind da die Führungskräfte ab Ebene der Fachbereichsleiter dran. Die dürfen sich nämlich noch in kleiner Runde mit Jens-Rüdiger auseinandersetzen. Und dieser hat die Angewohnheit, selbst in den positivsten Aussagen noch etwas zu finden, was er mit scharfer, schneidender Stimme kritisieren kann. Und wenn mal etwas so gar nicht nach seinem Geschmack läuft, dann wird keinerlei Erklärung akzeptiert, die etwas mit äußeren Einflüssen zu tun hat. Es ist immer die Schuld der Mitarbeiter. Immer! Ausnahmslos! Selbst wenn wir in Sachen nicht weiterkommen, weil wir zum Beispiel auf einen richterlichen Beschluss warten müssen. Unsere Schuld. Wir haben dann eben den zuständigen Richter nicht im Griff.

Bei den letzten zwei Durchgängen hatte mich meine Intuition nicht im Stich gelassen. Der Herr Geschäftsführer kam, während ich Urlaub hatte. Und auch dieses Mal schien mir das Glück hold zu sein. Bis uns plötzlich eine Terminverschiebung bekanntgegeben wurde. Und der neue Termin sagte mir etwas. Etwas, was durchaus dazu geeignet erschien, in mir eine gewisse Besorgnis auszulösen. Ich öffnete die Datei mit den Urlaubsplanungen.

Ein an passender Stelle gesetztes Kreuz leuchtete mich an.

Der Ersatztermin fiel in Frl. Hasenclevers angemeldeten Urlaub. Ich würde sie also auch in der kleinen Runde der Führungskräfte vertreten müssen. Na danke vielmals.

Natürlich äußerte ich mein Missfallen über das mich erwartende Ungemach jedem, der es nicht hören wollte, um entsprechende Anteilnahme zu kassieren. So ein paar Streicheleinheiten tun auch mir mal gut, selbst wenn sie nur geheuchelt sein sollten. Bis mir dann Maria, die gute Seele des Hauses und quasi Frau Schuberts persönliche Assistentin, mir den aus ihrer Sicht bestehenden Grund für die Terminverschiebung mitteilte.

„Ja weißt du, an dem ursprünglichen Termin habe ich Urlaub. Und den konnte ich nicht absagen.“

„Na und?“

„Wer soll denn dann mittags für die hohen Herren Brötchen und Teilchen holen und Kaffee kochen, wenn ich nicht da bin? Na?“

Da sieht man wieder, wer im Haus wirklich wichtig ist.



2 Kommentare:

  1. Bei Erscheinen der Obrigkeit reitet mich dann immer so ein klitzekleines Teufelchen. Sagst dem jetzt, das Du für die Zusammenkunft keine Zeit hast, weil er meckert ja über die Nichtbearbeitung, welche grade aus der Tatsache seines Besuches resultiert?

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