Donnerstag, 5. Juli 2018

Wohl eine klare Sache

Frl. Hasenclever befand sich noch in ihrem wohlverdienten Urlaub. Ich prüfte die für sie vorgesehenen Akten und fand einen Fehler. Einen verzeihlichen Fehler, was die Entstehungsgeschichte angeht, doch ein Fehler mit Auswirkungen. Tatsächlich hatte ich die diesbezügliche Änderung unserer Dienstanweisung zufällig in der Woche zuvor bemerkt, als ich auf der Suche nach einer ganz anderen Information war. Es ist wirklich ärgerlich, wenn sich Änderungen einschleichen, ohne daß man darauf hingewiesen wird. Unsere rechtliche Dienstanweisung umfasst  in gedruckter Form eine durchaus respektable vierstellige Seitenzahl. Das kann man nicht ohne explizite Hinweise auf Neuerungen im Blick haben.

Diese Änderungen werden im Regelfall auch als solche gekennzeichnet. Hin und wieder wird dies aber vergessen. Und Streichungen einzelner Sätze, Absätze oder ganzer Passagen werden grundsätzlich nicht bekannt gegeben, vermutlich da sich diese so schlecht markieren lassen. Da muß die aufmerksame Arbeitskraft dann schon von selbst drauf kommen. Es gäbe da zwar aus meiner Sicht durchaus geeignete Lösungsmöglichkeiten, aber so richtig praktikabel ist man bei uns im LASA ja bekanntlich nicht. Zumindest nicht in unserer Hauptverwaltung. Und wenn dann noch die Dachorganisation die Finger im Spiel hat… ach, vergessen wir es. Ich könnte und würde auch gerne Dinge erzählen, aber das würde dazu führen, daß sich mein tatsächlicher Arbeitgeber doch zu sehr eingrenzen lässt.  

Wie dem auch sei, machte ich mich mit der Akte auf den Weg zu Rebecca, um mit ihr Rücksprache zu halten. Diese war gerade am Telefonieren, so daß ich einen Blick ins Nachbarzimmer warf. Es kam die übliche Reaktion, die mich an sich immer erwartet, wenn ich mal den Gang hinunter wandere:

„Ach, Paterfelis, wenn du schon mal da bist…“

So begutachtete ich den einen oder anderen Vorgang, gab meine Empfehlung ab oder nahm eine Akte zur Unterschrift gleich an mich. Dann meldete sich Herr Harnischfeger zu Wort:

„Ich habe schon lange nicht mehr den Chinesen von innen gesehen.“

Ich hoffe, er meint das nicht wörtlich. Oder besser doch, sonst würde ich mir tatsächlich Sorgen machen.  Aber der geneigte Leser dürfte wissen, was gemeint ist: Eine Heimsuchung des Mittagsbuffets im Restaurant Zum kleinen Chinamann. Also haben wir es mit einer klaren Aufforderungsaussage zu tun.

„Dann suchen sie mal im Internet, da finden sie bestimmt auch ein entsprechendes Foto.“

Ziemlich eindeutige Ansage zurück.

Während Helga ihren Kaffee fast auf den Bildschirm spuckte grinste Sven nur vor sich hin und fasste zusammen:

„Da hast du wohl gerade eine Abfuhr bekommen.“

Jau, hat er. Als Soziophobiker fällt es mir tatsächlich sehr schwer, bewusst unfreundlich zu einem meiner Mitmenschen zu sein. Das hier war für meine Verhältnisse schon deftig. 

Der Typ macht mich einfach nur noch irre, egal ob er was dafür kann oder nicht.



PS: Aus aktuellen Anlass kann ich verkünden, daß der Mann noch steigerungsfähig ist. Die Angelegenheit eskaliert gerade gnadenlos, Grenzen wurden überschritten. Ich bin allerdings zuversichtlich, daß seine Manipulationsversuche zwischenzeitlich niemanden mehr erreichen. Mehr ist dazu an dieser Stelle aufgrund einiger vermutlich hier mitlesender Kollegen nicht zu sagen.




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