Freitag, 13. Juli 2018

Der Hein

Frl. Hasenclever zeigte sich verschnupft. Nicht im übertragenen Sinne, sondern eher tatsächlich. Dazu gab es auch noch einen Husten im Angebot. Und da Führungskräfte des Hauses nach der üblichen Doktrin nicht krank zu sein haben, es sei denn, sie stehen bereits mit anderthalb Beinen im Grab, während die verbliebene letzte Beinhälfte schon einem fortgeschritteneren Zustand der Verwesung unterliegt, erschien sie natürlich im Büro. Genauso wie Frau Schubert, welche vergleichbare Symptome offenbarte. Also jetzt nicht ein halbes verwesendes Bein. Die anderen.

Im Rahmen einiger Treffen schien Frl. Hasenclever mit mir Körperflüssigkeiten ausgetauscht, diese zumindest aber einseitig in meine Richtung auf den Weg gebracht zu haben. Scheint nicht so toll gewesen zu sein, denn dann könnte ich mich wohl etwas konkreter daran erinnern. Jedenfalls zeigte sich bei mir ein eindeutiges Ergebnis. Schwanger. Husten, gefolgt von einem leichten Laufen der Nase. Und das gegen Ende der Genesungsphase nach der Lungenentzündung. Ich bin restlos begeistert.

Ein paar Tage schleppte ich mich durch, bis ich mich doch dazu entschloss, daß zwei Tage Ruhe zu Hause vielleicht doch nicht das Allerverkehrteste sein könnten. Tja. Muß die Altersweisheit sein. Schließlich stehe ich mittlerweile auch im sechsten Lebensjahrzehnt. Das muß ja irgendwelche Vorteile haben.

Nachdem ich meine Erkenntnis nächtens entsprechend erlangt und akzeptiert hatte, stand ich um 2.36 Uhr auf, um gewisse dringliche Verrichtungen vorzunehmen. Die zweitbeste Ehefrau von allen werkelte noch im Wohnzimmer an ihrem Laptop. Um morgendlichen Irritationen vorzubeugen erklärte ich ihr, daß ich mich für die nächsten zwei Tage aus dem Bürodienst zurückziehen werde.

„Gute Idee!“

Die zugehörige Stimmlage vermag ich hier und jetzt nicht in Worte zu fassen. Ich verschwand wieder in mein Bett.

Meine ersten Versuche, die Kernaussage meiner Erkenntnis ab 6.45 Uhr fernmündlich an den Mann respektive die Frau zu bringen, scheiterten. Dies war insofern wenig überraschend, als daß Frl. Hasenclever nicht so beständig zu eher festen Uhrzeiten im Büro erscheint, sondern den morgendlichen Gleitzeitrahmen durchaus unterschiedlich auszureizen pflegte.

Nach meinem vierten vergeblichen Kontaktversuch schickte ich per Messenger Dienst eine Nachricht an Sven, welcher in der Vorhersehbarkeit seiner Ankunftszeiten eher so ein beständiger Typ ist wie ich.

„Moin. Treibt sich die Fachbereichsleitung irgendwo herum oder ist sie noch nicht da?“

Nach einiger Zeit erreichte mich die Antwort.

„Jetzt ist sie da und in ihrem Büro.“

Noch während ich die Rufnummer zwecks fernmündlicher Kontaktaufnahme über das Festnetz in das Sprechgerät eintippte, meldete das Smartphone einen weiteren Nachrichteneingang. Frl. Hasenclever!

„Ich bin jetzt da. Geht es Ihnen gut?“

Die fernmündliche Verbindung kam Augenblicke später zu Stande. Ich wartete ab, bis Frl. Hasenclever ihre Grußformel runtergebet hatte, und krächzte los.

„Natürlich geht es mir nicht gut, sonst wäre ich ja auch da.“

„Oh, das tut mir Leid. Sie hören sich übrigens an wie Heintje im Stimmbruch.“

Aas!



PS: Und für all jene, die nicht die schwere Kindheit hatten wie ich und vor gewissem Unbill verschont geblieben sind, hier eine Bildtonaufnahme des munteren Sangesburschen. 

Vor dem Stimmbruch.






PPS: Und nein, der Eintrag war jetzt nicht aus dem Archiv gekramt.


PPPS: Ja, ich habe einen Ohrwurm. Wenn auch mehr von diesem Lied, welches ich auf der Suche nach dem obigen Video ebenfalls gefunden habe.


PPPPS: Meine Kindheit war musikalisch gesehen echt schwer. Mein Vater hat sogar die Lieder von ABBA als Negermusik tituliert.






Kommentare:

  1. Immer diese Verseuchten. Schrecklich.
    Ich wusste gar nicht, dass klein Heintje so viele Lieder gesungen hat.

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