Samstag, 2. März 2013

Das Regal

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich unterscheiden uns in gewissen Dingen. Manche davon sind für jederman offensichtlich, und es wäre mitunter auch verstörend, wenn diese offensichtlichen Unterschiede nicht vorhanden wären. Dann gibt es noch die kleinen Unterschiede, die zunächst unsichtbaren, welche man eher erleben kann. So ist die zweitbeste Ehefrau von allen bekanntlich die bessere Handwerkerin, während ich mich für den besseren Organisator halte. Ich bin tendentiell ordnungsliebend und bevorzuge größere, freie Flächen in der Wohnung, während meine Angetraute eher dem Chaos zugewandt ist und jegliche freie Fläche, sobald sich diese offenbart, mit irgendwelchen Dingen zustellt. Das ist wohl eine typisch weibliche Eigenschaft, denn warum sonst findet man in der IKEA-Schnickschnackabteilung überwiegend glückliche strahlende Frauen und unglückliche leidende Männer?

Natürlich ist es für mich mit wesentlich mehr Aufwand verbunden, meinen Hang zur Ordnung auch nur ansatzweise zu behaupten als es der zweitbesten Ehefrau von allen möglich ist, Chaos zu hinterlassen. Wer einmal ein volles Regal umgeworfen hat weiß, wovon ich rede: Durch das umgeworfene Regal verbreitet sich Chaos innerhalb weniger Augenblicke, aber die Wiederherstellung der Ordnung gestaltet sich langwierig und aufwendig. So ist das nun mal.

Halloooo! Das war ein Sinnbild! Das bedeutet nicht, daß wir hier Regale umwerfen und wieder aufbauen. Auch nicht, daß das in der Vergangenheit schon geschehen wäre. Zumindest das mit dem Umwerfen nicht. Aber das mit dem Aufbauen. Zu solchen Gelegenheiten gemeinsamen Werkelns bedient sich die zweitbeste Ehefrau von allen gerne des linksdrehenden titanverstärkten Kreuzvorwarndrehers in Nenngröße 4b. Ich berichtete bereits darüber.

So, Kurve gekriegt, wir sind beim Thema angekommen. Nein, es geht nicht um den linksdrehenden titanverstärkten Kreuzvorwarndreher in Nenngröße 4b, sondern um unser Regal. Wir haben natürlich mehrere Regale, aber unser ganzer Stolz ist das Bücherregal. Dieses fällt nicht unter die Aspekte, die uns unterscheiden, sondern ist Ausdruck eines Aspekts, den wir gemeinsam haben. Wir lesen nämlich hin und wieder auch mal ein Buch. Nicht zur gleichen Zeit gemeinsam dasselbe Buch, sondern andere. Immer wieder. Und das in gewisser Regelmäßigkeit. Ich bin sogar so verwegen und lese das eine oder andere Buch mehrfach, was uns im Folgenden etwas zurückwirft.

Im Laufe der Zeit hat sich zwangsläufig eine gewisse Zahl Bücher hier angehäuft. Unser Bücherregal hat, die einzelnen Etagen mal zusammengerechnet, eine nutzbare Länge von 31,50 Metern. Und die stehen voll. Der Wert der zur Verfügung stehenden nutzbaren Länge verdoppelt sich nochmal, da wir unsere Bücher fast durchweg in zwei Reihen hintereinander positionieren mussten. Und die Meter, in denen das aufgrund der Tiefe der in der ersten und in diesem speziellen Ausnahmefall einzigen Reihe stehenden Bücher nicht möglich war, gleichen sich dadurch aus, daß auf die stehenden Bücher noch ein paar draufgelegt wurden. Damit wären wir bei 63 Metern Bücher, wenn wir die alle nebeneinander stellen würden. Alleine in diesem einen Regal. Hier in der Wohnung sind an anderen Orten auch noch ein paar Bücher zusätzlich verteilt, weil das Regal jetzt echt voll ist. Hinzu kämen auch noch E-Books, aber die fallen ja nicht so ins Auge.

Eines Tages hatten wir Besuch. Die Tochter der Familie hatte unsere Wohnung bislang noch nicht gesehen, so daß wir sie wunschgemäß kurz herumführten. Sie sah sich auch in unserem Metzelsaal Gartenzimmer um und entdeckte das Bücherregal, was in Anbetracht dessen Größe keine besondere Herausforderung darstellte. Es folgte die bei so einer Gelegenheit übliche Frage, die da lautete „Habt ihr die alle gelesen?“.

Realistisch betrachtet lässt sich diese Frage im Wortsinn nur verneinend beantworten, denn es wird sich unter einer solchen Anzahl Bücher immer eines finden, welches man ungelesen zur Seite gestellt hat. Aber dem tatsächlichen Sinngehalt der Frage nach wäre es schon zulässig, diese zu bejahen, denn die Bücher haben wir nicht zur Dekoration gekauft. Den Platz könnte man schon preiswerter auffüllen.

Weiter ging es mit den Worten aus dem Mund der jungen anstehenden Abiturientin: „Boah, so viele Bücher habe ich noch nie auf einen Haufen gesehen.“ gefolgt von einem mit leicht stolzem Unterton versehenen „Ich habe seit Jahren kein Buch mehr gelesen, außer ich musste es für die Schule tun.“

Traurig.


2 Kommentare:

  1. könnt ihr anbauen?? es gibt noch so viele bücher die gelesen werden müssen...

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  2. Wir könnten vom Vorratsraum aus einen Tunnel unter die Straße buddeln. Prickelnder Gedanke.

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