Sonntag, 10. August 2014

Mein alter Freund

Wir haben Sonntag, es ist 4 Uhr und ein paar Kleine. Ich liege wieder wach im Bett. Die Fetzen des letzten Traums der Nacht huschen an mir vorüber. Da gäbe es nichts weiter Erzählenswertes. Eigentlich. In diesem Traum war ich wieder im Sporttempel. Natürlich sah der ganz anders aus als in der Realität. Meine Trainerin war eine ehemalige Ausbilderin aus dem LASA, zu der ich seinerzeit ein gutes Verhältnis hatte. Vor fast 20 Jahren hatte ich sie zuletzt gesehen, zwischenzeitlich befindet sie sich im Ruhestand. Alles nicht weiter bemerkenswert. Wenn nicht…

…ja, wenn ich nicht heute ohnehin vorgehabt hätte, nach fast zwei Monaten wieder in den Sporttempel zu gehen. Meine Gedanken kreisen nur um dieses Thema. Es ist nicht dasselbe wie vor zwei Monaten, bevor ich ins Krankenhaus kam. Ich fühle mich schlapp. Die Menschen, welche ich dort vorzufinden erwarte, scheinen mir schon jetzt fremd geworden zu sein. Nicht, daß ich sie jemals besser kannte als vom bloßen Grüßen.

Doch es ist anders. Zumindest in meinem Kopf. Ich spüre die beginnende Panikattacke. Die darf ich nicht zulassen; dann wäre es vorbei mit dem guten Vorsatz. Die Gedanken müssen in eine andere Richtung gehen, noch habe ich mehr als vier Stunden Zeit, bis der Sporttempel seine Pforten öffnet. Nein, ich will mich nicht drücken. Ich will dorthin wollen.

Also bemühe ich mich, meinen Gedanken einen neuen Weg zu weisen, ihnen ein anderes Thema zu geben. Plötzlich zuckt ein seit Jahrzehnten vertrauter Schmerz durch meine Lendenwirbel. Nur ganz kurz, aber eindeutig. In dieser Form jedoch war er länger nicht mehr zugegen. Mein alter Freund, der Morbus Scheuermann in seiner atypischen Form, also Typ II ohne Buckel, dafür aber schmerzhafter, bringt sich kurz in Erinnerung. Er verlangt nach Beachtung. Freundschaften wollen gepflegt werden. Ich muß was für ihn tun, sonst kommt er häufiger und bleibt länger. Man muß nicht jeden Freund ständig in seiner Nähe wissen. Er zwingt mich förmlich, in den Sporttempel zu gehen.

Doch die Angst ist präsent. Die Angst, dort aufzufallen. Weil meine Kondition im Eimer ist. Weil ich befürchte, schon beim Aufwärmen auf dem Rad nach ein paar Minuten gnadenlos abzukacken. Den Zirkel nicht zu schaffen. Die Gewichte drastisch reduzieren zu müssen. Als Anfänger angesehen zu werden. Gezwungen zu sein, vorzeitig aufzugeben. Und wieder aufzufallen.

Nicht mehr dazuzugehören.

Als wenn dies jemals der Fall gewesen wäre.

Ich will nicht wieder von vorne anfangen müssen.

Es ist albern.

Die Gedanken kreisen.

Es ist sieben Uhr.

Noch zwei Stunden.



4 Kommentare:

  1. Vielleicht tröstet der Gedanke, dass die anderen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um groß auf dich zu achten? Das ist mein Mantra, wenn ich Dinge tun muss, die mich dazu zwingen, mein Mausloch zu verlassen. Es hilft nicht immer, aber manchmal...

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    1. Der Verstand sagt mir das auch, aber es hilft nicht weiter.

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  2. Ja, es ist albern.
    Kann sein, dann man registriert wird, aber.... Paterfelis, die Menschen ticken unterschiedlich. Die wenigsten beobachten, sondieren und analysieren ständig ihre Mitmenschen. Den meisten sind die Mitmenschen egal. Jeder kämpft für sich alleine. Kurzer Blick - registriert - weiterkämpfen
    Glaub mir, da kannst du ganz entspannt sein. (ich kann nur 70 Watt und ich erwähne das hier, in einem völlig falschen Kommentar, weil.... es ist mir sehr peinlich ;-)

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