Mittwoch, 30. Januar 2019

Ausfalltag

In halbwegs erträglicher Arbeitslaune betrat ich das kleine, gemütliche Büro am Rande der Stadt, versorgte mich und andere auf dem Weg entlang der Postfächer vorbei mit Arbeit und erreichte letztendlich die Höhle im Schicksalsberg. Noch war ich allein, denn meistens bin ich morgens der erste Anwesende.

So begann die übliche Morgenroutine. Ich schaltete den PC an und ließ ihn hochfahren. Bis zur Herstellung der endgültigen Arbeitsbereitschaft, vorbei an allen Zwischenschritten und Passwortkontrollen, würde das etwa sieben bis acht Minuten in Anspruch nehmen. Während dessen galt es die Höhlenfenster aufzureißen, um den Mief des vorherigen Tages in die sicherlich verdiente Freiheit zu entlassen. Als netter Mitarbeiter begab ich mich wie meistens in Frl. Hasenclevers Kemenate, um hier desgleichen zu tun, oft gefolgt von Ludwigs Büro. Hier würden die geöffneten Fenster schließlich für einen ausreichenden Luftzug sorgen.

Der nächste Gang führte mich gewohnheitsmäßig in die Teeküche. Hier harrte ein Heißwasserboiler darauf, vor mir in Betrieb gesetzt zu werden. Beim Einlaufen des Wassers konnte ich schon die kleinen Knusperchen entdecken, die zahlreichen gelösten Kalkreste, welche mir die Lust auf Tee schon wieder vermiesten. Nö, lass mal. Heute würde es Wasser aus Flaschen geben.

Wieder zurück an meinem Schreibtisch bemerkte ich Ungewöhnliches. Eine Warnmeldung prangte auf dem Monitor. Das Gerät war nicht arbeitsfähig, es fehlte an Verbindung. Nun denn, so etwas kommt schon mal vor. Also alles wieder auf Anfang. Computer neu starten? Ja bitte!


Schlechte Vorzeichen


Gleiches Ergebnis. Ich kam noch nicht mal auf meinen Desktop. Damit fehlte mir die Zugriff auf die allseits bekannten Büroanwendungen des bekannten Markenherstellers Winzigweich als auch auf das MIST*) sowie das damit verbundene VATeR*)-System. Ich war von jeglichen technischen Unterstützungen abgeschnitten.

Nun denn. Ich fange meinen Dienst bekanntlich regelmäßig vor der frühest möglichen offiziellen Arbeitszeit an. Vielleicht waren die Bereitstellungen aus Bad Husten jetzt noch nicht soweit. Und noch konnte ich mich ohne elektronische Unterstützung bis zu einem bestimmten Punkt des Tagesgeschäftes durchaus sinnvoll beschäftigen, indem ich meine Post sortierte und die entsprechenden Akten beizog. Es lebe das noch nicht papierlose Büro. Voll Oldschool, aber allzeit bereit.

Das Telefon klingelte. Der Name des Kollegen Maus aus Indien, also von der anderen Seite des Ganges, prangte auf dem kleinen Display. Ich nahm den Anruf direkt mit den Worten „Ich kann auch nicht arbeiten.“ entgegen. Alles klar, ich bin nicht der einzige Betroffene. Den User-Helpdesk kann ich noch nicht informieren, da dieser zur eben jetzigen Uhrzeit und voraussichtlich für eine weitere Stunde noch unbesetzt ist.

Nach und nach trudelten die Kollegen ein. Während die Ebene der Sachbearbeiter und höher noch teilweise ohne PC arbeiten kann und zum Beispiel die Arbeit der Assistenten vom Vortag prüft, läuft auf eben dieser Ebene so gut wie nichts mehr ohne den Rechner. Willkommen in der schönen neuen Welt. Irgendwann erreichte uns die Nachricht aus Indien, daß unsere gesamte Außenstelle von der Störung betroffen sei. Und zwar nur unsere Außenstelle. Beim Rest des LASA lief alles wie es laufen sollte. Der User-Helpdesk habe von sich aus bereits versucht, einen gewissen Herrn Dr. Strebsinger zu erreichen und diesen zu informieren. Der jüngere Kollege, welcher den Anruf entgegengenommen hatte, wusste mit diesem Namen nichts mehr anzufangen. Kein Wunder, hatte Dr. Strebsinger doch schon Anno 2015 das Handtuch geworfen und sich anderen Ortes verbeamten lassen, ebenso wie aktuell Frau Schubert als seine Nachfolgerin selbiges nach nur drei Jahren auch getan hatte. Bei unserer Fluktuation erschien es offensichtlich nicht besonders wichtig zu sein, Namensverzeichnisse auf dem Laufenden zu halten.

Irgendwann kamen auch die sachbearbeitenden Kollegen an den Punkt, an dem sie ihrer papiergebundenen Arbeit nicht weiter nachgehen konnten und nun zwingend die EDV benötigten. So sammelte man sich in meinem strategisch günstig gelegenen Büro. Natürlich konnte ich die Gemüter durch einen beherzten Griff in meinen Notfallschrank davon überzeugen, daß wir uns im Fall des schlimmsten Falles den ganzen restlichen Tag über sinnvoll nicht im Sinne unseren Arbeitgebers beschäftigen können würden. Doch Langeweile könnten wir eindeutig vermeiden. Im Notfallschrank befand sich nämlich auch der Karton mit der klassischen Spielesammlung, welche extra für solche Situationen von mir bereitgehalten wurde. Natürlich nur als teambildende Maßnahme. Das versteht sich ja wohl von selbst.


Ein vielversprechender Karton, gefüllt mit Nostalgie


Während wir die jahrelang nicht mehr in Anspruch genommene Sammlung auf Vollständigkeit inspizierten, insbesondere auch um die wichtige Frage zu klären, ob das enthaltene Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel denn auch in der Variante für sechs Personen vorliegen würde, erschien Frau von Weißenfels in der Höhle im Schicksalsberg. Frau Henriette von Weißenfels ist ihres Zeichens unsere neue Außenstellenleiterin und hatte just an jenem Tag auch direkt den ersten Tag, an dem sie allein und ohne Frau Schuberts Hilfe zurechtkommen musste. Aufgrund von Frl. Hasenclevers Abwesenheit war ich der erste Ansprechpartner für sie in unserem Fachbereich. Man stelle sich das Bild vor: Die neue Außenstellenleitung kommt erstmals in mein Büro und findet die Kollegen und mich in einer Spielesammlung vertieft vor. Wo ist die versteckte Kamera?



Die Klassiker


Wir erörterten kurz die Umstände des Systemausfalls. Oder auch nicht, denn diese waren noch nicht bekannt. Mir wurde die Befugnis erteilt, die Kollegen auf deren Wunsch hin bis zu einer gewissen Mindestzahl Anwesenheitspflichtiger auf eigenes Zeitguthaben nach Hause entlassen zu dürfen, sofern dies gewünscht sei. Der Rest würde dann wohl bleiben müssen um aufzupassen, daß niemand die Telefone klaut. Letztendlich flohen nur unsere anwesenden Telearbeiter in Richtung Homeoffice, denn wie man mittlerweile erfahren hatte, zeigte sich die EDV auch dort in betriebsbereitem Zustand. Außerdem gab ich, als Frau von Weißenfels mich nach der Stimmung im Bereich befragte, mit einem gewissen Grinsen im Gesicht bekannt, daß es mir durchaus eine gewisse Sorge bereite, daß kaum daß sie das Kommando hier übernommen habe alles direkt zusammenzubrechen schien.

Anschließend klärten die verbliebenen Kollegen die wichtige Frage, um welches Spiel es sich denn bei einem von mir hervorgezaubertem Spielbrett handeln würde, welches in den klassischen Spielesammlungen üblicher Weise nicht aufzufinden sei und auch nicht zu dieser gehörig war, denn ich hatte es aus Platzgründen einst selbst hinzugefügt. Während unsere jungen Leute unterhalb von vierzig Lenzen sowie jene Kollegen, welche ihre Herkunft au dem Osten der Republik herleiten konnten, nicht mal eine Ahnung hatten, um was es ging, zeigten sich die Ü-40-West-Kollegen durchaus informiert.



Ein Spiel mit Witz - Malefiz. Wer spielt es noch?


Es handelte sich um das gute, alte Malefiz. Wieder kam ich mir steinalt vor.

Bevor wir uns diesem letzten Mittel an Beschäftigungstherapie zuwenden würden, gab es noch einige Verzweiflungsaktionen. Ich warf einen Blick auf meine Tastatur und stellte fest, daß sie im Laufe der letzten Jahre, also an sich seit sie als Neulieferung bei mir in Verwendung ist, gewisse Zeichen höchstpersönlicher Hinterlassenschaften meiner selbst aufgenommen hatte. Mit anderen Worten: Sie war pottdreckig.



Frisch auf zu neuen Taten - mit uralten Brillenputztüchern


Also einmal wenden, Krümel rausschütteln, ein Brillenputztuch (oder auch mehrere) bereitlegen, eines davon zur Hand nehmen und anfangen, das Ding mal wieder aufzupolieren. Da dies niemand anderes bei uns macht, gehört dies also auch zu meinen unausgesprochenen dienstlichen Obliegenheiten. Das Ergebnis zeigte sich nicht in Perfektion, stellte aber dennoch eine deutliche Verbesserung des Ist-Zustandes in Annäherung an den Soll-Zustand dar.



***würg***


Inzwischen war der halbe Arbeitstag vorbei. Es verbreitete sich die Information, dass bei Bauarbeiten anscheinend ein Kabel gekappt worden sein soll. Man arbeite an einer Reparatur.

Frau von Weißenfels wanderte durch die Gänge und hielt ein ansehnliches Körbchen in der Hand. Süßigkeiten Nervennahrung für alle. Prima, so kann man arbeiten den Tag verbringen. 



Keine Werbung, es gab auch Duplo, Hanuta, Mars, Schokobons u. v. a. m.



So kam schließlich der große Moment: Eine Stunde vor dem frühest möglichen Ende der zwingend erforderlichen Anwesenheitszeit war das Kabel geflickt. Also galt es eben noch, die vorgeprüften Akten an der EDV freizugeben bzw. sie im Falle einer fehlerhaft aufgestellten Entscheidungsvorlage an den Aufsteller in VATeR als zurück an Absender einzutragen.

Feierabend. Hat gereicht.

Und wir hatten doch nicht gespielt. Verdammt.



2 Kommentare:

  1. au weia- IUFFF!!!... lieber Paterfelis, das ist natürlich ein Horrorzustand wenn die gesamte EDV ausfällt und NICHTS mehr " geht!...
    Nur einer der Albträume die man kriegen kann wenn man darauf angewiesen ist -"nur noch so" zu arbeiten!
    Ein hämisches Grinsen liegt auf meinen Zügen, denn ich wünsche allen, die den ganzen Tag, sei`s privat oder geschäftlich an diesem ARBEITS-MEDIUM hängen wie das Ei an der Henne oder die Henne am Ei - dass genau so etwas passiert.
    Ist doch ein schöner gedanke auch mal selbst
    schreiben, denken und überlegen
    zu MÜSSEN statt nur locker flockig auf Tabletstastauren...zu drücken.
    ....schönnn...dass sich die Gelegenheit ERGAB Deiner mal näher zu Leibe zu rücken, Hat was!!!lacht angelface..

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    1. Ich hasse das voll digitale Arbeiten schon jetzt.

      Aber in einem muß ich dir widersprechen: Einfach nur Gehirn ausschalten und auf Knöpfe drücken ist das nicht, was wir machen. Das stellt man sich zwar gerne so vor, entspricht aber in keiner Weise der Realität. Die Aufarbeitung der Daten, die einzugeben sind, erfolgt immer noch analog und ist mit entsprechendem Gehirnschmalz verbunden.

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