Samstag, 9. Februar 2019

Paradiesische Urstände

Es trifft nicht nur mich, sondern auch andere. Einmal im Jahr, um genau zu sein. Aktuelle statistische Evaluationen bestätigen dies. Und das mit einer Fehlertoleranz von in etwa bis ziemlich genau Null. Man könnte also behaupten, dies sei ein sehr präziser Wert. Und jetzt hat es Frl. Hasenclever getroffen. Passiert eben. Da macht man nichts. Gar nichts. Einmal damit angefangen, gibt es kein Entrinnen.

Geburtstag.
Dem Anlass entsprechend ließ sie es sich nicht nehmen, in ihrer Kemenate eine große Schüssel mit Schokosüßkram aufzubauen. Sogar Markenprodukte. Nicht das billige Zeug von Feinkost Albrecht oder dem Schwarz-Markt, welches die Kollegen zu diesen und anderen Gelegenheiten zuweilen  anschleppen. Der Tag zeigte eine gewisse Tendenz, gerettet zu sein. Zumindest was die Versorgungsleistung angeht, denn Sven hielt es mal wieder nicht für nötig, in seiner Mittagspause das Haus zu verlassen, um mich mit von ihm sozusagen in der exotischen Welt außerhalb des LASA beschafften Nahrungsmitteln zu erfreuen. Da mich zuweilen auch ein gewisses Hungergefühl beschleicht, konnte ich mich mit dem Naschkram bei vorsichtiger Dosierung auch gut über Wasser halten. Die erfahrenen Leser wissen ja, daß Süßkram bei mir derart im Magen liegt, daß ich mit einer Tortendiät sogar abnehmen würde. Morgens ein großes Stück Torte, und ich esse für den Rest des Tages garantiert nichts mehr, bin aber auch von einer sich zwangsläufig aufbauenden Trägheit für alle anderen sinnvollen und sinnfreien Tätigkeiten außer Gefecht gesetzt. Also mußte ich Maß halten.
Doch es hatte sich auch ein zweites Fenster mutmaßlicher Glückseligkeit aufgetan. Rebecca verkündete per elektronischem Brief, daß sie Plätzchen gebacken hatte und uns zur allgemeinen Verkostung zu sich bäte. Frau Schlüter, welche dieser Bitte mit einem wahren Feuereifer bereits nachgekommen war, ergoss sich in unserem lauschigen Büro ob der Qualität der Backwaren in höchsten, wenn nicht gar der Stimme geschuldeten schrillsten Lobpreisungen. Ich würde also Rebeccas Ansinnen wohl auch nachkommen. Doch zunächst suchte ich Frl. Hasenclever heim.
Wir besprachen, was es zu besprechen gab. Selbstverständlich vergriff ich mich auch an der dort bereitliegenden Wegzehrung, denn die Strecke zu Rebeccas Büro war weit. Ich schätze den reinen Fußweg auf etwa sieben Meter. Vielleicht auch zehn. Da kann viel passieren.
Schon nahezu am Ende meiner Kräfte, nur aufrecht gehalten von einem winzigen Schoko-Erdnuss-Karamelriegel, schleppte ich mich bis an Rebeccas Tisch, an dem eine Plätzchendose meiner harrte. Ich öffnete den Deckel und ließ mir aus purer Höflichkeit von Rebecca den Inhalt erläutern. Letztendlich hatte mich Frau Schlüter ja schon bis ins letzte Detail informiert. Ich entnahm dem Gefäß zwei kleine Kunstwerke und schaffte es tatsächlich, den weiten Weg zur allgemein bekannten Kemenate zurückzulegen. Hier füllte ich mit meiner selbst den Türrahmen auf, hielt die beiden Plätzchen demonstrativ in die Höhe, und klärte Frl. Hasenclever über die Lage auf:
„Rebecca hat aber selbst gebackenen Süßkram mitgebracht. Nicht nur so einfach gekauftes wie Sie. Kaufen kann jeder, aber backen muß man können.“
„Ja, ich weiß. Ich habe die E-Mail auch gelesen. Aber ich werde mich auch noch an den Ofen stellen und etwas zaubern. So geht das ja schließlich nicht. Ich dachte zuerst an meinen Kirschkuchen, aber jetzt wird es wohl etwas anderes.“
Voller demonstrativer Verzückung biss ich in einen Pistatzienkeks ein Pistazienplätzchen, welcher welches mit weißer Schokolade überzogen war. So gestärkt führte mich mein Weg wieder zu Rebecca. Ich grinste sie durch den Türrahmen an.
„Ich war bei Frl. Hasenclever und habe von den Plätzchen geschwärmt.“
„Das ist schön.“
„Sie will jetzt auch backen.“
Rebeccas Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Ein bedrohliches Funkeln war zu erkennen. Ein Funkeln, wie es nur erfahrene Ehemänner wahrzunehmen wissen. Ihre nächsten Worte sprach sie mit Bedacht, ja geradezu mit gefährlich demonstrativer Ruhe.
„So so. Dann ist die Backschlacht jetzt also eröffnet.“
Yeah, Ziel erreicht. Die Mädels sind so berechenbar. Jetzt muß ich es nur noch hinbekommen, das vorgesehene Ergebnis in die richtige Bahn zu lenken. Vielleicht sollte ich Frl. Hasenclever mal darauf aufmerksam machen, daß Rebecca unlängst einen fantastischen Zwiebelkuchen…
Ich bevorzuge übrigens die Variante mit Mürbeteig.
Nur mal so am Rande.



4 Kommentare:

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