Es sind Kleinigkeiten, die dafür Sorge tragen, daß der Überdruck zu viel wird. Es ist der Tropfen, welcher das Fass zum Überlaufen bringt. Die Basis dazu wurde mit anderen Dingen gelegt, das ist klar.
Im Büro sieht es weiterhin übel aus. In diesen Tagen bekommen wir eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Auszubildenden, Bachelors, Praktikanten und Nachwuchskräften ins Haus gespült. An sich eine positive Sache. Aber es ist tatsächlich fast niemand mehr da, der sich um die Leute kümmern kann. Es ist ja nicht so, daß die einfach bei dir sitzen und sich beschäftigen. Du mußt dich vielmehr ganz nebenbei mit ihnen beschäftigen, Fördergespräche führen, Unterweisungen geben und nach einiger Zeit qualifizierte Beurteilungen schreiben. Schließlich bereitest du auch noch einen Teil ihrer mündlichen Prüfung vor und bist dabei später Beisitzer. Zu diesem Zweck musst du alles im Auge haben, was sie machen. Das kostet Zeit. Viel Zeit. Zeit, die so nicht in der Arbeitsbemessung vorgesehen ist.
Doch alles willst mußt du neben den Dauervertretungen, überraschenden Zusatzaufgaben und elend langen Besprechungen erledigen, ohne daß die für das Benchmarking – und nur dafür – so wichtigen Statistiken darunter leiden.
Dein Urlaub steht an. Der volle Jahresurlaub aus dem Vorjahr ist noch zu nehmen. Du willst ihn jetzt eigentlich nicht haben, weil der Zeitpunkt gerade ungünstig ist. Aber er ist immer ungünstig. Und noch bist du nicht soweit, Urlaubstage zu verschenken. Überstunden schon, auch wenn du dich jetzt damit zurückhälst. Aus Gründen. Aber keine Urlaubstage. Also musst du den Urlaub nehmen.
Einige Entwicklungen für die Zukunft beginnen sich abzuzeichnen. Neustrukturierungen. Es wird nicht besser werden. Deine bisherige Berufserfahrung, große Teile deines Fachwissens, kannst du dir künftig in den Arsch schieben, dafür aber wieder mit anderen Dingen fast bei Null anfangen. Wenn du keine 20 mehr bist, wird das eine echte Herausforderung.
Du bist schon lange keine 20 mehr. Und auch keine zwei mal 20.
Jeden Morgen, nachdem dein Büro-Rechner seine Dienstbereitschaft signalisiert hat, fällt der erste Blick in die aktuellen Statistiken. In über 30 Arbeitsjahren bist du da drauf programmiert worden. Und auch wenn du weißt, daß diese Zahlen mit der Realität so rein gar nichts mehr zu tun haben, weil sie hochoffiziell durch und durch manipuliert und gefälscht wurden und keine echten Aussagen mehr zulassen, kommst du nicht von ihnen los. Du denkst an den Irrsinn, den du veranstalten musst, um diese gewünschten Manipulationen zu bewerkstelligen. Einem Außenstehenden kannst du das nicht mehr erklären.
Deine Kundschaft gehört zu den Außenstehenden.
Es gibt Vorgaben, welche du zu erreichen hast. Egal wie. Aber alles innerhalb deiner acht Stunden täglichen Arbeitszeit. Mehr ist indiskutabel. Alles wurde genau berechnet, damals, vor 15 Jahren, bei der letzten großen Neuorganisation. Daß die Arbeitsinhalte und –abläufe heute nicht mehr dem entsprechen, was vor 15 Jahren Grundlage der Berechnungen waren, interessiert niemanden.
Der Herr Geschäftsführer findet es nach eigener Aussage spannend zu sehen, wie die einzelnen Bereiche und Außenstellen des Hauses um die Platzierungen kämpfen, nachdem neue Kennzahlen auf den Weg gebracht wurden.
Auf das Aut nonwartetest du vergeblich.
Soviel dazu.
Ein neues Wochenende droht. An sich bist du mal guter Dinge. Die zweitbeste Ehefrau von allen erzählt dir, daß Rajiv sich gerade wieder konkret damit beschäftigt, ein eigenes Studio aufzubauen. In einer unserer Nachbarstädte.
Dies ist der für dich der vollkommen belanglose Punkt. Der Kesseldruck erreicht seinen Grenzwert.
Dieses Studio wird für dich ohne Auto nicht erreichbar sein. Der ÖPNV ist keine realistische Alternative. Du beginnst dich zu fragen, was du eigentlich von der Plackerei und deinem Leben hast. Deine Stimmung wird schlecht.
Du gehst nach unten, kümmerst dich um die Wäsche. Im Kellerregal siehst du die stummen Zeugen dessen, was früher einmal Freizeit war. Die Spielesammlung. Die Tabletop-Miniaturen. Die Regelwerke. Du wühlst etwas in dem Fundus herum, schaust dir an, was da so herumsteht, denkst an das ganze Herzblut, welches darinnen steckt, erinnerst dich an den Stolz, endlich eine neue vollständig und vor allen Dingen selbst bemalte und dabei sogar den eigenen Ansprüchen gerecht werdende Truppe auf die Platte stellen zu können.
Du gehst zurück nach oben und verbreitest schlechte Laune.
Mach doch einfach mal etwas, woran du Spaß hast!
Dieser Satz lässt dich fast zusammenbrechen.
Wann? Wie? Wo? Und vor allen Dingen: mit wem?
Püppies bemalen und endlich mal wieder spielen würde dir Spaß machen, doch fehlen dir gerade seit ein paar Jahren die organisatorischen Rahmenbedingungen, dieses auch anzugehen. Und du kannst diese Bedingungen auch nicht schaffen.
Such dir einfach Leute, mit denen du spielen kannst!
Nichts wäre einfacher, als via Internet Kontakte zur Neustädter Szene aufzubauen. Theoretisch. Die Praxis ist eine ganz andere Sache. Du kannst deine Blockaden nicht überwinden. Und selbst wenn, dann würde das die entscheidenden Teile an den besagten Rahmenbedingungen immer noch nicht ändern.
Zur Zeit beginnen zwei zarte Pflänzchen an anderen Stellen zu wachsen, aber selbst wenn das funktionieren sollte, wird sich die praktische Ausgestaltung eher schwierig gestalten. Von den Details wird hier später mal berichtet werden, Andeutungen sind ja
schon mal gemacht worden. Dein Optimismus jedenfalls hält sich in engen Grenzen. Trotzdem verfolgst du die Sache weiter. Immerhin.
Du gehst zum Sport, setzt Gewichte und Zeiten rauf, bis du nicht mehr kannst. Du hast dich für den Moment abreagiert.
Und der Blog?
Hier schließt sich der Kreis. Immer, wenn du online gehst, und du meinst wirklich immer, egal zum wievielten Mal am Tag, fällt dein erster Blick auf die interne Blogstatistik. Zahlen halten, verbessern, möglichst an jedem Tag ein Beitrag, bevor die Zahl der durchschnittlichen Seitenaufrufe sinkt. So, wie dies immer in den Ferien und an einer Kette von Feiertagen der Fall ist. Was dich wahnsinnig macht, obwohl du diese Wellen kennst. Die Monatsauswertung muß gerettet werden. Wie im Büro. Es ist an dieser Stelle so dermaßen unsinnig und vor allen Dingen unentspannend. Du weißt es selbst. Du kommst aber nicht dagegen an.
Ließe sich die Statistik-Funktion abschalten, würdest du es tun. Sie ist aber nicht abzuschalten.
Du bist unzufrieden mit der inhaltlichen Entwicklung des Blogs und mit der Qualität der eigenen Texte. Alle anderen machen es besser. Ok, du revidierst diese Meinung. Nicht alle anderen. Aber fast alle. Es steht so viel Material zur Verfügung, du hast neue Ideen, aber du setzt sie nicht so um, wie du es gerne möchtest. Aus welchen Gründen auch immer. Du mußt einfach von deinem Anspruchsdenken weg. In der jüngeren Vergangenheit hast du dich förmlich dazu genötigt, mal nicht jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen. Und es hat dir nicht wehgetan. Aber dennoch fühlt es sich für dich einfach nicht richtigan.
So viele Texte sind schon wieder gedanklich durchformuliert und müssten nur noch getippt werden. Doch es will einfach nicht. Du musst in der passenden Stimmung sein, um entsprechende Einträge zu formulieren, ja selbst um sie zu veröffentlichen, falls sie schon bereitstehen. Außerdem ist der Blog auch in deinem Umfeld ohne dein aktives Zutun bekannter als es dir lieb sein kann, denn es schränkt dich in dem ein, was und wie du schreibst.
Aber alles wieder auf Anfang setzen? Komplett neu beginnen? Das Erreichte wegwerfen?
Nein, dazu kannst und willst du dich nicht durchringen.
Und dann wiederum liegst du morgens um drei Uhr irgendwas wach im Bett. Wie immer. Es ist Wochenende. Du grübelst ausnahmsweise nur beiläufig darüber nach, wie die Dinge im Büro in den Griff zu bekommen sind, was alles ansteht, was zwingend erledigt werden muß und was liegen bleiben kann. Der Schwerpunkt deiner Gedanken fällt auf das Wochenende. Du hast vor, einen Kuchen zu backen, Socken zu sortieren, die Hütte mal wieder zu saugen, ein einzelnes Foto zu machen und auch etwas Unkraut zu jäten.
Alles Dinge, die nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Dinge, die ganz ohne Zweifel nebenbei erledigt werden können. Auch das weißt du.
Und du gehst kaputt daran, weil du keine Ahnung hast, wie du das bewältigen sollst. Weil die Energie einfach fehlt. Du bist ausgelaugt vom ewigen Kampf gegen die Windmühlen.
Du stehst auf, räumst die Spülmaschine ein und zwingst dich selbst, diesen Eintrag zu schreiben.
Irgendwie geht es dann weiter.
Weil es immer irgendwie weiter ging.