Montag, 3. November 2014

Multiple Gefahrenabwehr

Das Wetter zeigte sich am letzten Arbeitstag im Oktober vermutlich spätsommerlich. So genau konnte ich dies nicht bestimmen, denn ich hatte die Jalousien im Büro wie schon seit Wochen geschlossen und bekam von der Außenwelt kaum etwas mit. Dort, jenseits der Außenwelt, saß ich immer noch alleine und arbeitete friedlich vor mich hin, als Dr. Strebsinger mit einer von ihm mitgeführten Akte das seinem und dem der Akte entsprechenden Volumen an Luft aus dem Raum verdrängte.

In dem mitgebrachten Fall ging es um die Gefahr einer drohenden Dienstaufsichtsbeschwerde, worauf Dr. Strebsinger einzugehen gedachte. Da die Materie der Abgabenerhebung, um die es letztendlich ging, keineswegs zu seinen fachlichen Schwerpunkten zählt und sich auch unsere Fachbereichsleiter damit aus nachvollziehbaren Gründen schwer tun, bat er mich als Seniorsachbearbeiter mit einer Leidenschaft für dieses Rechtsgebiet, nochmal einen Blick in die Akte zu werfen, ihm kurz ein paar rechtliche Hinweise zu geben und seinen späteren Entwurf für das von ihm noch zu verfassende Schreiben sicherheitshalber gegenzulesen.

Gerade als ich begonnen hatte, mich in den Fall einzuarbeiten, erschien Kollege Waldbauer mit unserem Einkaufswägelchen. Eigentlich handelt es sich dabei nicht direkt um ein Einkaufswägelchen, sondern mehr um einen kleinen Aktentransportwagen, der aber doch irgendwie an einen zu klein geratenen Einkaufswagen ohne Seitengitter erinnert.  Erfreulicherweise war eben dieser Wagen gerade nicht mit beschriebenem Papier beladen, sondern vielmehr mit nicht zu wenigen mit Eis gefüllten Kartons. Speiseeis. Alle möglichen Sorten aus dem nicht unbedingt nahe gelegenen nächsten Lebensmittelgeschäft.

„Los, Paterfelis, nimm dir eins. Heute ist für mich der letzte Tag des Sommers. Ich gebe einen für die ganze Etage aus.“

Ähm, ja. Da diskutiert man nicht, sondern greift zu, denn das Zeug muß ja schließlich der Gefahr der alsbaldigen Verflüssigung entzogen werden und damit weg. Zumal es im ganzen Haus zwar den einen oder anderen Kühlschrank gibt, von denen aber - inklusive Dr. Strebsingers von seinem Vorgänger übernommenen und in seinem Büro aufgestellten Privatgerät – keiner über ein Eisfach verfügt.  Also schnappte ich mir ein Hörnchen mit Nusssplittern und Schokoladenüberzug. Ja, die Konsistenz zeigte schon erste Ermüdungserscheinungen, war aber noch in einem nicht übertrieben instabilen Bereich.

Nachdem ich mit der Akte soweit fertig war und im Rahmen eines sich anbahnenden Notfalls auf nachdrücklichem Verlangen Herrn Waldbauers ein weiteres Eis mit schon beginnenden stärkeren Verflüssigungstendenzen verdrückt hatte, begab ich mich in Dr. Strebsingers Büro, um mit ihm die aus meiner Sicht angebrachten Korrekturen und Ergänzungen zu besprechen.

Dr. Strebsinger war gerade von draußen gekommen und hatte sich etwas Grünfutter für die Mittagspause besorgt. Auch Herr Waldbauer war mit seinem Eiswagen zugegen und versorgte Dr. Strebsinger mit dem nun dringlich vorzuziehenden Nachtisch. Wir erledigten die dienstlichen Belange kurz stehenderweise. Herr Waldbauer verschwand schließlich, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß er auf seinem Wägelchen immer noch ein paar Eisreste habe, um deren sachgerechte Vernichtung auch ich mich später, aber nicht zu spät, bitte noch zu kümmern habe. Nun ja, ich würde mich auf dem Rückweg wohl aufopfern und ein drittes Eis essen trinken verdrücken. Es waren noch Sorten im Becher vorhanden, das war klecksvermeidungstechnisch durchaus zu verantworten.

Dr. Strebsinger bedankte sich für meine Arbeit, schaute mich dann an und raunte mir ein „Herr Paterfelis, sie haben da noch Eisreste.“ zu, während er an der entsprechenden Stelle rechts über seiner Oberlippe deutete.

Ich wollte es kurz entfernen, als er den Kopf schüttelte. Nein, das andere Rechts war gemeint. Da sei noch was.

Mooooment, derartige Situationen bringen furchtbarste Erinnerungen hoch. Erinnerungen, die schon im frühesten Kindesalter unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt werden. Gefahr drohte! Ich ließ sämtliche Zurückhaltung fallen.

„Dr. Strebsinger, wenn Sie jetzt ihr olles, eingespeicheltes Taschentuch rausholen, um mir meinen Nachtisch aus dem Gesicht zu entfernen, ist was los.“

Er grinste zurück.

„Erinnerungen an traumatische Kindheitserlebnisse mit Ihrer Mutter?“

„Oma!“

„Da mussten wir wohl alle mal durch.“

Zweifelsohne.

Nun, werte mitlesenden Muttis und Omas, nun sagt schon: Macht ihr das immer noch? Ist das genetisch veranlagt?

Bääääh!






15 Kommentare:

  1. Taschentuch?
    pf
    Mudderdaumen, Mudderspucke
    ;o)

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    1. Boah, du bist eine von den ganz Harten.

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    2. falsch, meine Mudder war eine..........;o)
      ich habs bei meinen besser gemacht.
      ( Sie machte das sogar noch, als ich mit der Brut schwanger war....btw...)
      jaja.
      Hart.

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  2. Oh mein Gott! Diese Erinnerungen am frühen Morgen *ürks* Und das schlimmste war, wenn sie dann auf das Tuch spuckten und einem damit im Gesicht rumfuhrwerkten. Solche Dinge wird man ein Leben lang nimmer los *schüttel*

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  3. Ich hab von meiner Mutter gelernt, dass man zu diesem Zweck einen feuchten Waschlappen in einem Beutelchen mit sich führt. Dann kann dieser Taschentuchekel unterbleiben. Also wirklich- draufspeicheln, igitt.

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  4. Eis?
    Wo gibt's Eis?
    Ich auch, hier hier …

    Ich brauche kein Taschentuch, nehme direkt den angelullerten Finger :-)

    Nä, Späßle gemacht, keine Kinder, keine Dreckschnute, kein Reflex in fremden Gesichtern etwas abwischen zu müssen - einfache Lösung.

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    1. Eis war Freitag. Heute ist Kürbiseintopf. Bin gerade mit dem Kochen fertig geworden.

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    2. Gerne auch Kürbis. Wohin soll ich mein Dippchen stellen? :-)

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    3. Ich kann dir eine Lage rübermailen. :-D

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  5. Das ist ein wahrhaft traumatisches Erlebnis und da werden Erinnerungen wach. Aber ich für meinen Teil kann guten Gewissens sagen, dass Mütter, die mit dem eingespeichelten Taschentuch Bekanntschaft machen mussten, das nie, nie und niemals nie bei ihren eigenen Kindern machen. ;)

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    1. Du meinst also, es besteht Hoffnung für diese Welt?!

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    2. Die Frage kann ich derzeit nicht beantworten - ich greife auf den Telefonjoker zurück. Den Dalai Lama. ;))

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  6. Also ich halt mich da raus ..nämlich nie erlebt und deswegen auch nicht weitergegeben ..
    dennoch kenne ich das natürlich .. Klasse erzählt ..
    Gruß vonner Grete

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