So ergab es sich, daß man auf der Suche nach tänzerischer und gleichzeitig rückenstärkender Betätigung den orientalischen Tanz für sich entdeckte, dem man auch solo nachgehen kann. Schlichte Gemüter bezeichnen dies als Bauchtanz, jedoch steckt da schon etwas mehr hinter als die billigen Animiernummern, an die man als Laie zuerst denken mag, wenn man den Begriff vernimmt. Einen Glitzerbikini anziehen und dann mit den Möpsen wackeln reicht nicht und wird der Sache auch nicht mal im Ansatz gerecht. So viel habe ich auch als – zugegebenermaßen wenig interessierter Laie – schnell gelernt.
Die zweitbeste Ehefrau von allen erklärte mir auch, daß das über die Volkshochschule ganz günstig sei und man auch nicht viel Ausrüstung benötige. Im wesentlichen sei dies ein Münztuch, also ein um die Hüfte zu bindendes Tuch, an dem eine Unzahl von Münzen und anderer Glitzerkram befestigt sei.
Ich war damals noch so naiv, das wirklich zu glauben.
Zwischenzeitlich ist die zweitbeste Ehefrau von allen dabei, sich in die Semiprofiliga empor zu tanzen und mit einem Ensemble öffentlich und privat aufzutreten. Das bedingt natürlich auch, daß wir kurz davorstehen, entweder eine kleine Lagerhalle anzumieten, welche Platz für das ganze erforderliche Zubehör bietet, als da wären diverse Kostüme, Schmuck, Schleier und vieles mehr, oder aber unseren im Souterrain liegenden Kellerraum klammheimlich durch einen unterirdischen Gang und einen daran anschließenden ebenfalls unterirdischen Lagerraum zu erweitern.
Die Mädels hatten jedenfalls wieder einen öffentlichen Auftritt, und wie meistens zu solchen Gelegenheiten war ich als Kameramann gefordert, wenn ich schon sonst nichts Sinnvolles dazu beitragen konnte. Es gibt zwar auch männliche Baucht… ähm orientalische Tänzer, aber so richtig kann ich mich trotz ausreichend in Bauchhöhe befindlicher Schwungmasse weiterhin nicht dafür erwärmen, in dieser Richtung aktiv zu werden.
Wir haben einen guten Parkplatz bekommen, also ging es zügig per Pedes weiter in Richtung Bühne. Auf dem Weg konnte ich meiner zweiten Berufung im Zusammenhang mit dem Hobby der zweitbesten Ehefrau von allen nachgehen: dem Schleppen von allen möglichen prall gefüllten Taschen und Koffern. Kaum trafen wir auf den Rest der Meute, war ich der zweiten Berufung entbunden - und wurde aufgefordert, der dritten Berufung nachzukommen: Der Herr Kameramann und Kofferträger wurde direkt als oberster Harems- ähm Handtaschenwächter eingesetzt. Und zwar bis nach dem Auftritt.
So ergab ich mich halt in mein Schicksal. Habt ihr schon mal versucht, einer Horde vor Lampenfieber aufgekratzter Frauen auch nur irgendetwas abzuschlagen? Na seht ihr. Ich suchte mir also vollbeladen eine schöne Position zum Filmen, während meine Damen sich in die nicht sicherbare Zeltgarderobe begaben, um sich umzuziehen.
Die Bühne war breit, und wie ich die Mädels kenne, würden die wieder den ganzen Platz in Anspruch nehmen. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, daß sie mit der Größe einer Bühne zufrieden waren. Darum reizten Sie auch immer alles an Fläche restlos aus. Das bedeutete aber für mich, daß ich mindestens zehn Meter Abstand zum Geschehen benötigte. Gleichzeitig war die Bühne aber auch nicht übertrieben hoch. Man könnte auch sagen: etwas mehr als ebenerdig. Das ist natürlich blöd, da man ab der dritten Menschenreihe nur noch schlecht sehen kann. Dann soll ich mich immer so hinstellen, daß ich relativ frontal aufnehme, damit auch alle sichtbar sind und niemand verdeckt wird. Das schränkt die Auswahl an möglichen Plätzen drastisch ein. Hat aber soweit geklappt, nur die Menschenmenge vor der Bühne störte etwas. Da ließ sich wirklich nichts mehr machen. Das Stativ sorgte für eine hohe Kameraposition, das glich noch etwas aus und musste für heute reichen.
So stand ich da und wartete, gleichzeitig die Kamera, meinen Rucksack, drei Handtaschen, das Stativ, einige Handys, Portemonnaies und einen zusätzlichen Schlüsselbund bewachend. Scheiße, was war das wieder kalt geworden. Dann kam auch noch der schöne Hinweis, daß die Mädels entgegen der Planung nicht die Eröffnung machen, sondern der Auftritt weiter nach hinten verschoben wurde. Nun denn…
Die Filmerei verlief relativ gut. Keine Kinder mit Ballon oder sonstige Zwei-Meter-Hünen störten das Bild. Klar, ein paar Väter mussten ihre Blagen natürlich auf die Schulter nehmen und sich zentral positionieren, aber die haben auch nicht lange durchgehalten. Es war schon mal schlimmer, und da dieses Mal ohnehin keine Meisteraufnahme zustande kommen würde – wir erinnern uns an die geringe Bühnenhöhe – hat es mich nicht sehr gestört.
Irgendwann war das Werk vollbracht. Die zweitbeste Ehefrau von allen musste noch Assistenz bei einem weiteren Auftritt im Nachbarort geben. Da war meine Anwesenheit nicht erforderlich, also ging es mit dem ÖPNV in Richtung Heimat. Ja, so wie heute müsste es unter der Woche sein. Der Zug fuhr zeitnah und pünktlich, dazu war er weitgehend menschenleer. Am Bahnhof Neustädter Ländchen klappte der Anschluss mit maximal vier Minuten zum Umsteigen problemlos in den weitgehend leeren Bus. Die komplette Tour zurück hat inklusive Fußwege etwas über 30 Minuten gedauert. Gestern habe ich alleine am Bahnhof 45 Minuten gewartet, bis ich einen Bus nehmen konnte…
Zu Hause musste ich mich erst mal wieder auf Temperatur bringen. Ein leckeres mexikanisches Bohnensüppchen aus der Dose sorgte für die wohlige Wärme, dazu gab es einen zuvor aufgenommenen Kulturfilm im Fernsehen – Saw IV. Ja, da kam heimelige Stimmung auf. Auch wenn der Inhalt des Topfes, den ich vom Herd geholt habe, schon Ähnlichkeiten mit dem Zeug hatte, das in Saw stellenweise herumkleckerte…
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