Donnerstag, 26. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 9 - Lichtblicke

Schwester Anke erscheint zu ihrer Morgenrunde, bewaffnet mit Puls- und Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und einer fast steinhart gefrorenen Kühlkompresse. Sie ist eine zierliche Person und beginnt, diese Kompresse mit gewisser Kraftentfaltung irgendwie in eine Form zu biegen, um sie sinnvoll an mir unterbringen zu können.

„Na, kleine Muskelübung am Morgen?“

„Och, jetzt klappt das noch. Gleich um 14.30 Uhr sieht das ganz anders aus.“

Ja, das glaube ich gerne. Die Mädels sind mehr als genügend ausgelastet. Bewundernswert, wie sie dennoch ihre gute Laune behalten. Oh, ich bekomme noch einen Lichtblick. Schwester Anke bestätigt mir, daß meine Entlassung zur Zeit für Donnerstag oder Freitag vorgesehen ist. Endlich.

Andrea, die Stationsassistentin, taucht auf. Sie bringt Frühstück, später das Mittagessen, und sorgt für frische Bettwäsche. Wo sie ist, da scheint wirklich die Sonne. Andrea hat mich in den letzten Tagen mit allerlei Kissen versorgt. Ich habe ein kleines für die Nacht, ein großes für den Tag und ein ganz großes, um das Bein darauf hochlegen zu können. Das Bettzeug bedarf des Wechselns, in der Nacht hat sich etwas der Antibiose, der Penicillinlösung, darüber verteilt, als der Tropf herumgezickt hat. Man kann wirklich nicht sagen, daß das Zeug übertrieben gut riecht.

Als Alternative habe ich danach allerdings wieder den stechenden Geruch der Desinfektionsmittel des Krankenhauses in der Nase. Auch das seit meinem Einzug hier pausenlos weit geöffnete Fenster bietet keine nachhaltige Abhilfe, das Zeug ist einfach überall: auf dem Boden, an den abwaschbaren Gerätschaften, vor allen Dingen aber in der Bettwäsche.

Gestern hat Andrea das leere Tablett vom Mittagessen vermisst, als sie auf ihrer Abräumrunde war.

„Das wurde schon abgeräumt.“ erklärte ich ihr.

„Wer hat das denn gemacht?“

„Schwester Danuta.“

„Wie ist die denn drauf, das macht die doch sonst nie?“

Tja, ich wickle sie eben alle um den Finger.

Später erscheint der Dr. Altwasser zur Visite. Ja, es sieht alles gut aus. Donnerstag werde ich gefeuert entlassen. Endlich. Hier drinnen verliert sich die Zeit. Ich weiß immer noch nicht, ob Schröder noch Kanzler ist. Anhand des Speiseplans ermittle ich, daß Donnerstag schon morgen ist. Och Mensch, dabei hätte es Kartoffelauflauf zum Mittagessen gegeben. Und am Freitag Backfisch. Nö, dafür bleibe ich nicht länger in meiner Präsidentensuite, das kann ich alles selber machen. Beziehungsweise machen lassen, denn auch zu Hause besteht ja weiterhin die Pflicht zur Bettruhe. Ich werde es wohl überstehen.

Freuen wir uns auf das heute vorgesehene Bifteki. Bei der Bestellung wurde es als mit Käse gefüllte Frikadelle angekündigt.

Die Tür öffnet sich, Andrea serviert.

„Ja, Herr Paterfelis, das ist hier fast wie Weihnachten. Ständig wird man mit Essen abgefüllt. Lassen Sie es sich gut schmecken.“

Ich kann an ihrer Mimik nicht erkennen, ob sie das Wort abgefüllt ernst gemeint hat. Aber Befehl ist Befehl; sie hat gesagt, daß ich es mir schmecken lassen soll.


Bifteki, Djuvec-Reis und Paprika-Sauce

Das Bifteki erinnert stark an gewöhnliche Frikadellen. Muß nicht verkehrt sein. Knoblauch ist nicht enthalten, was mich jetzt auch nicht unbedingt überrascht. Die Konsistenz ist – eigenartig, der Geschmack ist in Ordnung. Wenn er auch mehr an eine Paprikafrikadelle erinnert und nicht an Bifteki. War da nicht noch was mit Käse? Stimmt, eine Frischkäsefüllung sollte enthalten sein. Ich untersuche beide Frikadellen und finde jeweils – ohne jegliche Übertreibung – an einem Punkt konzentrierte winzige Spuren einer weißen Masse, welche mal Frischkäse gewesen sein könnte. Der Djuvec-Reisist totgekocht. Und die angekündigten frischen Früchte oder der alternativ angebotene Früchtequark entpuppt sich als… na ihr wisst schon was.

Weisungsgemäß habe ich es mir schmecken lassen. Es war ja nicht unlecker. Über die Auslegungsfähigkeit der Speisekarte habe ich mich ja schon geäußert und vor Ort entsprechend angepasst.

Den Bezug zur vergangenen Zeit habe ich im Einerlei der Tagesabläufe verloren. Ich weiß immer noch nicht, ob Schröder noch Kanzler ist. Gefühlt war er es jedenfalls noch, als ich hier eingewiesen wurde.

Schwester Danuta kam ins Zimmer, um mir den Tropf abzunehmen.

„So eine Scheiße, ich habe vergessen, daß morgen Feiertag ist.“

„Und?“ schaute ich sie fragend an.

„Wir haben nichts zu Essen im Haus. Ich habe meinen Mann gerade angerufen, daß er heute noch was einkaufen geht. Tiefkühl-Reibekuchen oder so etwas.“

„Oh, das ist natürlich blöd.“

„Ja, so ist das, wenn man alle Tage arbeiten muß.“

Ich bemerke, daß ich mit meinem aktuell mangelnden Bezug zum Kalender nicht alleine bin. Scheint ein generelles Problem von Menschen im Krankenhaus zu sein, gleich ob Insasse oder Mitarbeiter.

Nur noch morgen und der Rest von heute.





8 Kommentare:

  1. Bei mir ist es umgekehrt.
    Sobald ich im Ulaub bin vergesse ich Datum und Uhrzeit. Die Übersicht geht komplett flöten.
    nachrichten schauen? Nicht wichtig. Tageszeitung? Wenn nicht heute dann morgen oder übermorgen. Uhrzeit? Die innere Uhr sagt mir wann ich müde bin oder Hunger habe.

    Gebe aber zu, Menschen die in Schichten arbeiten und/oder am Sam-/Sonn-/Feiertag können durcheinander kommen.

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    1. Sobald ich wieder arbeiten gehe, muß ich jeden Morgen als erstes den Datumsstempel aktualisieren. Dann bin ich wieder im Bilde. :-D

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  2. Hab mir gerade überlegt, dass ich in den letzten Jahren das Gefühl für Woche, Wochentag, Datum komplett verlegt habe. Uhrzeit in etwa. Sollte mich aber jemand nach dem Datum fragen oder dem Wochentag - ich komme direkt auf die Neurologische. Auch nicht gut. Da gibts dann Essen aus dem Tropf. Mag ich nicht so. Ergo: Wieder üben.

    Langeweile? Na, dann solltest Du doch mal so einen Bettnachbarn wie ich ihn hatte ausprobieren. So eine Laberbacke. Und was der alles konnte. Und erlebt hat. Und wie toll er ist. Nuja...

    LG und weiterhin gute Genesung.
    P.S.: Die Schwestern halten einem am Leben, oder? ;-)

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    1. Hach ja, die Schwestern...

      Und mit so einem Bettnachbarn wie du ihn hattest, wäre ich zum Amokläufer geworden. Auch ohne Kettensäge.

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  3. Na, Gott-sei-Dank geht es jetzt dem Ende zu und Du kannst zu Hause aus dem Fenster gucken, dabei schwarzen Tee trinken und dazu einen Keks essen...und vielleicht sogar noch ein Buch lesen...;-D

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    1. Das Blöde dabei ist, daß ich das zuhause gar nicht will. :-/

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  4. Das mit dem verlorenen Kalenderbezug kann ich nur bestätigen - sobald man irgendwie in Schichten und an Wochenenden arbeiten muß, ist er weg, der Bezug. Da hilft dann nur, vorher auf den PC gucken und sich überlegen, wie weit es noch von Mitternacht weg ist. Sonst hat man nach einer Nachtschicht dennoch das falsche Datum drauf. ;)

    Und tja, die Schwestern können ganz nett sein. Manchmal gibt es aber auch recht unnette. Aber wo nicht?

    Und ihr im Süden mit euren komischen Feiertagen da ...

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    1. Die unnetten Schwestern sind zum Glück an mir vorbeigegangen. Montag wird das geregelte Leben wieder losgehen. Ich hoffe, den Tag nicht zu verpassen. Wir haben heute doch Mittwoch, oder? :-D

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