Mittwoch, 25. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 8 - Offenbarungen

Erholsames Schlafen ist in einem Krankenhaus eines jener Dinge, welches nur ganz besondere Charaktere beherrschen. Meine Angetraute zum Beispiel. Ich nicht. Von Einzelfällen abgesehen bin ich bis ein Uhr in der Nacht wach. Der Infusionstermin sorgt dafür, daß ich in der Zeit vorher allenfalls etwas vor mich hin döse aber nur selten richtig einschlafe. Nach vier Stunden Schlaf ist die restliche Nacht für mich auch schon wieder vorbei. Den Vormittag döse ich wieder, an Schlaf ist nicht zu denken. Zu viele Unterbrechungen, zu viel Lärm. Die Geräuschkulisse hier im Krankenhaus ist vielfältig und nahezu ständig präsent. Es piept, es summt, Wagen und Betten werden durch die Gegend gefahren. Dazu viele Stimmen auf dem Flur. In der Etage über mir befindet sich die Intensivstation. Ständig rumpelt man dort herum. Wenn mir jemand sagen würde, daß die Etage gerade umgebaut wird, hätte ich keine Zweifel an der Aussage. Es handelt sich aber wohl um übliche Arbeitsgeräusche, welche entstehen, wenn Betten und Gerätschaften verschoben, auf-, ab- oder umgebaut werden.

Zum Mittagessen gibt es vier Rollen Cannelloni mit Ricotta-Spinatfüllung in einer Tomatensauce. Etwas matschig das Ganze, aber schmackhaft. Der angekündigte Pudding als Nachtisch wird als Fruchtjoghurt getarnt und entsprechend geschmacklich umgearbeitet. Man könnte es tatsächlich für Fruchtjoghurt halten, was da so im Plastikbecher serviert wird. Um 15 Uhr verspüre ich wirklich wieder Hunger, nicht nur einen Appetit.


Cannelloni "Verdi" mit Ricotta-Spinatfüllung in Tomatensauce

Die amtierende Stationsärztin ist zufrieden mit der Entwicklung meines kleinen Afrikas. Da die Sache aber nur langsam voranschreitet, bekomme ich die nächste Verlängerung meines Aufenthaltes in Aussicht gestellt, vermutlich bis Donnerstag oder Freitag. Danach werde ich wohl noch mindestens eine weitere Woche stillgelegt sein. Natürlich inklusive der Bettruhe.

Ich beschließe, mich bei Frl. Hasenclever zu melden und den aktuellen Stand durchzugeben. Sie ist gerade nicht da, das Telefon wurde auf einen anderen Fachbereichsleiter des Hauses umgestellt. Er meldet sich auch prompt, nimmt meine Meldung entgegen. Wie üblich ein wenig zur Geschwätzigkeit neigend erklärt er mir in großen Worten, wie dramatisch sich die Lage im Büro zeigt. Geht mich das jetzt gerade etwas an? Sollte mich das aktuell wirklich interessieren? Ich werde keinen einzigen Tag früher zurückkommen, als mir dies möglich ist. Die Zeiten, zu denen ich krank und gegen ärztlichen Rat zur Arbeit gegangen bin, sind vorbei. Das ist nur etwas für Führungskräfte, nicht aber für das popelige Volk. Meine Kollegen tun mir leid. Die ohnehin manipulierte Statistik aber geht mir am Arsch vorbei. Und um mehr geht es nicht mehr. Benchmarking.

Weiter erklärt er mir, daß es natürlich nicht so schön ist, daß ich nicht schon früher gesagt habe, wann ich zurückkomme. Als ob ich ihm das jetzt gerade gesagt hätte. Ich weiß es doch nicht. Die Krankmeldung durch meine Angetraute lautete, daß sie mich in der Nacht zuvor ins Krankenhaus gebracht habe, Dauer des Aufenthaltes ist ungewiss. Punkt. Daran hat sich streng genommen bis heute nichts geändert. Mehr Informationen hat niemand zu bekommen. Dennoch bin ich ziemlich angepisst. Auch noch wegen einiger anderer Informationen, die sich aus dem Gespräch ergeben. Zum Beispiel darüber, daß man sich im Rahmen der gestrigen Besprechung der Führungskräfte über meine Diagnose ausgetauscht hat. Eine Diagnose, welche ich nicht weitergegeben habe.

Mein Bett ist meine Burg

Es wird Abend. Ich habe mich wieder etwas beruhigt, nicht zuletzt dank des ganz falschen Hasens, den mir meine Angetraute in einer Variation eines Rezeptes des Silbernen Löffels mitgebracht hat. Jeder ist bestechlich.

Von draußen dringt ein scharrendes Geräusch hinein. Zwei junge Frauen, vermutlich Bewohnerinnen des nahe gelegenen Schwesternwohnheims, rollen einen dieser modernen, niedrigen Fernsehschränke den Weg entlang. Es wäre wohl etwas einfacher, wenn die eine dabei nicht auf dem Schrank sitzen würde, sondern mal mit anfasst. Der Weg führt etwas abwärts, das Krankenhaus befindet sich abseits vom Weltgeschehen aber dennoch sehr gut erreichbar in einer Höhenlage. Eigentlich geht es hier in jeder Richtung bergabwärts, wenn man es mal genauer betrachtet. Nach einiger Zeit lässt sich beobachten, wie der Schrank in ein Auto verladen wird. Dieses Auto fährt nun den gesamten Weg wieder zurück, den die Beiden den Schrank gerade noch lautstark entlanggerollt haben, und verlässt das Krankenhausgelände. Gute Planung sieht ja irgendwie anders aus, oder?





6 Kommentare:

  1. ...und mit jedem Tag den ich hier meist still Deine Posts verfolge, verfestigt sich meine Krankenhausphobie.

    Ja Kollegen und Vorgesetzte sind allesamt was Tolles.......... <-------------- ganz viel Platz für eigene Gedanken :)

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    1. Ich würde das jetzt nicht so generalisieren wollen.

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  2. Da ich selbst schon einmal in einer ähnlichen Lage in einem Krankenhaus ab- und stillgelegt wurde, kannst Du Dir meines Mitgefühls gewiss sein. Bettpfannen und geschwätzige Zimmergenossen können das Leiden letztendlich noch in ungeahnter Art steigern. Jede Minute Schlaf ist ein Gottesgeschenk. Am schlimmsten war für mich der Kaffeeentzug. Es gab nachmittags nur eine Tasse des Gebräuchs aus Kostengründen...Das war vor 20 Jahren. Ich möchte ja nicht wissen, was heutzutage so alles eingespart wird! LG ST.

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    1. Ich weiß es: Gespart wird an frischem Obst. Man wandelt es immer zu Fruchtjoghurt um und packt es danach in winzig kleine Plastikbehälter mit Folie drauf. Tee und Kaffee gab es morgens und abends serviert, man konnte sich aber auch selber welchen holen, so man nicht bettlägerig war. Nur nachts nicht. Eigentlich schade. Ist doch herrlich, nachts bei geöffnetem Fenster im Bett liegen, ein Buch lesen und dabei eine Tasse schwarzen, englischen Tees schlürfen. Eventuell noch einen Keks dazu...

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    2. Ja, genau, den Keks gab dazu gab´s auch nicht...:-(

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    3. Hier auch nicht. Der wäre dann dem Überlebenspaket meiner Angetrauten zu entnehmen gewesen.

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