Dienstag, 24. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 6 - Die Kanzlerfrage

Vom Bett aus kann ich den Sonnenaufgang beobachten. Ich bin ohnehin immer schon vor der Sonne wach, das Fenster ist weit geöffnet, die Rollos hochgezogen. Dieses Lied >Klick mich< bekomme ich jetzt nicht mehr aus dem Ohr, auch wenn sich der Himmel später wieder zuzieht. Die Luft ist deutlich abgekühlt, ich wechsle wieder zurück auf das normale Oberbett und verziehe mich sogar am Tag darunter. Gemütlich.


Morgenhimmel



Minuten später: der Sonnenaufgang


Zum Frühstück gibt es Abwechslung: Ein Ei bereichert die Festtafel, ein eindeutiger Hinweis darauf, daß Sonntag sein muß. Ich schaue auf den Begleitzettel zum Frühstück, und richtig: Es handelt sich tatsächlich nicht um ein einfaches, gekochtes Hühnerei, sondern um ein Sonntagsei. Welches wahrscheinlich auch nur von einem gewöhnlichen Huhn aus dem Arsch gedrückt gelegt und später in normalem Wasser gekocht wurde. Ansonsten alles wie gehabt.


Sonntagsfrühstück mit Sonntagsei

So langsam merke ich, wie es ist, sich mal so wirklich um rein gar nichts kümmern zu müssen, keinen Haushalt an der Backe zu haben, nicht einkaufen zu müssen und selbst die Katzenscheißeschaufelei auf andere abwälzen zu können. Aber auch sonst nichts von der Außenwelt mitbekommen zu müssen, da ich den Fernseher weiterhin nicht angemeldet habe, ich keine Tageszeitung lese und auch der Internetzugang fehlt. Es hat was Entspannendes, auch wenn mir die Zeit lange vorkommt. Ist der Schröder eigentlich noch Bundeskanzler?


Der Beweis: Es war ein Sonntagsei

Meine Kollegen tun mir allerdings schon Leid; auf Ebene der Sachbearbeiter waren in dieser Woche deutlich weniger als die Hälfte derer anwesend, für die auf unserem Geschäftsverteilungsplan formal ein Arbeitsplatz eingerichtet ist. Das war wieder eine Woche reiner Mängelverwaltung.

Wie von mir bereits festgestellt wurde, ist heute Sonntag. Ich beschließe, mir einen faulen Tag zu machen und diesen ausnahmsweise mal im Bett zu verbringen. Das schaffe ich zu Hause nie.

Der freundliche Stationsarzt Dr. Altwasser, die alte Laberbacke, hält heute wieder die Visite ab. Die Entzündungswerte haben sich, nachdem sie zunächst eine weiter steigende Tendenz zeigten, auf die Hälfte des ursprünglichen Wertes reduziert. Die jetzige Ansicht Afrikas gefällt ihm auch, es wird flacher und weicher, vor allen Dingen aber kleiner und blasser. Wir machen weiter wie gehabt. Er deutet einen eventuellen Entlassungstermin Mitte nächster Woche an. Danach könne alles von zu Hause aus bei weiterer Schonung über Tabletten weiterlaufen. Der Arzt erklärt verständig, will wissen, ob ich Fragen habe. So muß es sein, und so macht es sonst auch die andere Stationsärztin, welche sich zuletzt im Gefolge Ihrer Majestät, der Oberärztin, aufhalten durfte musste. Ordentlich.

Es wird wieder wärmer, ich schiebe das Oberbett zur Seite. Jetzt habe ich Zeit zum Nachdenken, ob ich meinen Müßiggang zu Gunsten hygieneerhaltender Maßnahmen und eines Kleidungswechsels eventuell doch mal unterbrechen sollte. Schwierig, ich muß mich schließlich immer noch schonen. Hat der Arzt ausdrücklich (!) gesagt. Ich beschließe, auch heute nicht zu einer olfaktorischen Herausforderung für die Krankenschwestern und meine Angetraute werden zu wollen, das hätte keine von ihnen verdient. Und so begebe mich dann doch an das Waschbecken. Nur das Kissen hört mein Seufzen. Dieser Stress macht mich fertig.

Der Speiseplan kündigt Rinderbraten mit gebratenem Gemüse und gerösteten Kartoffeln an. Ich sehe vor mir gegartes Gemüse ohne Röstspuren, Salzkartoffeln und Rinderbraten. Na ja, stimmt wenigstens so ungefähr. Das Fleisch zergeht auf der Zunge. Kochen kann man hier, und das auch nach meinem Geschmack. Lediglich den Ankündigungen der Speisekarte sollte man nicht so hundertprozentig trauen, dann ist alles in Ordnung.


Rinderbraten, "gebratenes" Gemüse und "Röstkartoffeln"

Ins Nachbarzimmer ist heute ein Typ eingeliefert worden, der sich selbst gerne reden hört. Er dürfte so um die sechzig sein. Seit er da ist, schwadroniert er herum. Also ganz genau ein Typ von der Sorte, wie ich sie gefressen habe. Manche Menschen sind ja einfach schon von ihrem Grundwesen her nur laut, egal was sie machen. Ich mag das nicht. Wenn er seinen Zimmernachbarn keine Vorträge hält, telefoniert er und scheucht andere Menschen durch die Gegend. Seine Frau und der erwachsene Sohn waren bei seinem Einzug anwesend. Ein Riesentamtam auf dem Flur, die Krankenschwester wurde von Pontius nach Pilatus gehetzt, bis es ihm endlich recht war. Man war durch die Bank weg sehr bestimmend. Damit hat er sich gleich richtig hier eingeführt. Und er war es Schuld, daß das Mittagessen zu spät gekommen ist. Eine Todsünde im Krankenhaus.


Wenn der Lesestoff zuneige gegangen ist...








5 Kommentare:

  1. So ist es: Hat man reichlich Zeit zum Nachdenken, besinnt man sich auf das Wesentliche und Schöne im Leben...Sonnenaufgänge, regelmäßig gutes Essen ohne einen Finger dafür krumm machen zu müssen, Ruhe und Frieden...bis der nächste Querulant auftaucht...

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    1. Ich lag auf der Chirurgie. Da ist ein höherer Durchlauf. Er war noch vor mir wieder weg.

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  2. Roots, DAS kenn ich auch noch. Lang lang ist's her.

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    1. Ja, mit LeVar Burton (Geordi La Forge) in seiner ersten Rolle. Als Kunta Kinte.

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    2. Ich hab auch Roots gesehen. Hab mir den dicken Wälzer geholt, weil ich´s auch noch mal lesen wollte ..... liegt seit Jahren im Schrank bereit. ...... Sollte mir vielleicht auch mal lieber die DVD holen. :D

      Und Schröder ...... ähhm...... der könnte von mir aus gerne wieder Bundeskanzler sein .... Jede/r Andere ist besser als die Tante, die da jetzt rumhampelt. *pffft...*

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