Freitag, 27. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 10 - Würmer

Was ist schlimmer, als in einen Apfel zu beißen und danach einen Wurm in ihm zu sehen? In einen Apfel zu beißen und danach einen halben Wurm in ihm zu finden.

 ***

Noch liege ich im Bett herum und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Ich schnappe mir den Rechner und schreibe ein paar Zeilen, die ich gleich, wenn ich wieder zuhause bin, im Blog veröffentlichen kann.

Der Anschlusstermin bei meinem Hausarzt ist schon für Freitag vereinbart. Bis Montag wäre Zeit gewesen, bis dahin soll ich alles an Medikamenten mitbekommen, was ich benötigen werde. Jetzt kann ich nur noch warten, daß die Uhr schnellstens ihr Werk verrichtet.

Zu Hause dann endlich wieder duschen. Die Erlaubnis habe ich mir schon von Dr. Altwasser eingeholt. Ich werde den Heißwasservorrat erst mal komplett verbrauchen. Und dann das Sofa besetzen. Bettruhe kann auch Sofaruhe heißen.  

Schwester Enja versorgt mich mit meinem Tropf. Er läuft, doch nach wenigen Minuten streikt die Vene; die Penicillinlösung läuft über meinen Arm statt in meinen Körper. Das Zeug stinkt immer noch. Gut, daß es noch kühl hier ist, so daß der Geruch nicht so penetrant in der Luft hängt. Aber es reicht. Dieses Mal hat der Zugang lange gehalten, aber nun ist auch er verbraucht. Auf meinen Ruf hin kommt Schwester Enja nochmal rein, entfernt den Tropf. Wohl wissend über meine für heute angedachte Entlassung versucht sie, einen Arzt zu erreichen, damit dieser entscheidet, ob mir heute nochmal ein Zugang gelegt werden soll oder ob die Umstellung auf Tabletten jetzt schon erfolgen kann. Schichtende, sie wünscht mir weiterhin gute Besserung. Ja, ich gelobe, mich zu bessern.


Endlich wieder ohne Anbauteile

Nach nur etwa zwei Stunden wurde ein Arzt gefunden. Die Tablettenabgabe ist ab sofort machbar; ich muß nicht erneut angestochen werden. So bekomme ich die Tabletten, lege mir eine auf die Zunge. Boah, Leute, geschmacksneutral ist anders. Gegen eine Zuckerschicht hätte ich gerade nichts gehabt. Schnell runter damit.

Das Frühstück wird heute von Schwester Danuta serviert. Nach ihrer Aussage der Höhepunkt des Tages. Ehe sie richtig im Zimmer ankommt, ist sie schon wieder verschwunden. Stress auf der Station. Ein fieser Geruch zieht mir in die Nase; in meiner Tasse befindet sich ein dunkelbraunes Gebräu. Kaffee statt des Schwarzen Tees, den ich sonst bekomme. Bäh! Aber niemand zwingt mich schließlich, ihn zu trinken. Ab in den Ausguss damit. Heute scheint der Wurm drinnen zu sein. Feiertagseier gibt es nicht zum Feiertagsfrühstück. Sonntagseier übrigens auch nicht. Wir haben schließlich nicht Sonntag.

Visite; eine Ärztin, die ich noch nie gesehen habe, begutachtet die Reste Afrikas. Ja, sieht gut aus, auch wenn sie nicht wisse, wie es ursprünglich gewesen sei. Entlassung dann am Freitag. Das wäre morgen?! Nix da, nicht noch mehr Würmer. Obwohl: Morgen gibt es laut Speiseplan (ha ha ha haaaa) Backfisch mit Remouladensauce und Kartoffelsalat. Mit mehr Kalorien als jeweils alle drei der an den anderen Tagen zur Auswahl stehenden Mittagessen zusammen. Da hätte ich mich schon drüber gefreut. Aber nein. Für heute ist die Entlassung angedacht gewesen. Heute! Die Ärztin hat nichts dagegen, doch entscheiden müsse das der Stationsarzt. Der wird im Laufe des Vormittags zur Privatvisite auf der Station erscheinen und dann für mich abgefangen werden, damit er sein endgültiges Einverständnis gibt. Wehe, er macht Blödsinn. Wenn ich jetzt noch länger hierbleiben muß, wird sich die zweitbeste Ehefrau von allen meine immer noch nicht vorhandene Kettensäge schnappen und hier selbst das Massaker veranstalten. Habe ich zumindest so im Gefühl. Sie wird ein solches Vorhaben später aber leugnen.

Eine Studentin will mir Blut abnehmen. Vor der Entscheidung über meine Entlassung will man nochmal die Entzündungswerte messen. Die Nadel wird gesetzt, das Blut fließt. Nach 2 Millilitern ist Schluß, die Vene rückt nichts mehr raus. Zu wenig. Eine neue Stelle wird gesucht. Über den Handrücken klappt es dann, doch das Blut fließt heute nur langsam. Schrieb ich gerade nicht was über Würmer?


Gelöchert

Seit ewigen Zeiten habe ich nun nicht mehr als vier Stunden am Stück geschlafen, und das auch nur einmal täglich. Selbst für einen Wenigschläfer wie ich einer bin wird das langsam anstrengend. Ich bin müde, will einfach nur ins Bett. Ach, da bin ich ja schon. Die Blutuntersuchung wird mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen. Mit dem Arztbesuch ist also erst mal nicht zu rechnen, alles andere ist durch. Ich verschanze mich in meinem Bett mit dem Ziel, mehr als nur etwas zu dösen. Wumm, die Tür öffnet sich mit einem Schlag. Ohne Brille erkenne ich eine schemenhafte Person mit blauen Handschuhen. Kein Arzt, sondern die Feiertagsputzfrau. Sie kommt nur, um den Mülleimer zu leeren. Mehr findet an Reinigungsarbeiten an Sonn- und Feiertagen nicht statt. Wie lautet die alte Weisheit? Wer Würmer hat, ist nie alleine! Dabei hätte ich gegen etwas Alleinsein gerade nichts einzuwenden. Es sei denn, der Stationsarzt käme, um mich rauszuschmeißen.

Ich beginne wieder wegzudösen, als mich Kirchenglockenlärm in die Senkrechte reißt. Die Krankenhauskapelle vor meinem Fenster lässt die Glocken läuten, als ob Armageddon bevorsteht. Oder Ragnarök, jeder so wie er will, ist mir egal. Das hört überhaupt nicht mehr auf. Doch irgendwann ist wieder Ruhe. Kaum verflachen meine Gedanken, höre ich einen Singsang. Fromme Kirchenlieder werden voller Inbrunst geschmettert. Ich taste nach meiner Brille und werfe einen Blick aus dem Fenster. Eine Prozession frommer Christenmenschen marschiert über das komplette Krankenhausgelände. Das können nicht alles Insassen sein. Ich erkenne zwar ein paar der indischen Ordensschwestern wieder, die hier allenthalben auch über die Flure huschen, ansonsten scheint es sich überwiegend um Anwohner zu handeln. Irgendwie muß man die Hütte ja voll bekommen.

Der Singsang hält eine Weile an, bis dann doch wieder Stille einkehrt. Dachte ich. Nun dröhnt die Orgel aus dem Kapelleninneren. 10.22 Uhr. Ich gebe auf. Würmer halt. Sie sind heute einfach drinnen.

Hat schon mal jemand von euch einen Wurm aus der Erde gezogen? Und dabei deren prägnanteste Eigenschaft festgestellt? Die können sich richtig laaaaaang machen, wenn man an ihnen zieht, um sie zu entfernen. Ich habe keinen Bock mehr auf lange Würmer.



Käse-Hackauflauf vom Rind in Kräutersauce mit Romanesco-Gemüse

Nach dem geschmacklich erstmals sehr eigenwilligen Mittagessen, natürlich war das angekündigte frische Obst als Dessert wieder nur Fruchtjoghurt, kommt die erlösende Nachricht: Verschwinden Sie von hier.

Die letzten verbliebenen Sachen sind schnell gepackt, dazu die Tabletten und ein Karton mit Thrombose-Spritzen, welche ich mir jetzt selber verabreichen darf, bis die Sache erledigt ist. Gerne gebe ich Schwester Danuta noch einen Umschlag mit etwas Geld für die Kaffeekasse in die Hand. Sie vermisst zwar noch auf den Umschlag gemalte Herzchen, aber meine Angetraute weist sie folgerichtig darauf hin, daß Männer so etwas nicht zu tun pflegen. Recht hat sie.

Auf dem Weg zum Aufzug kommen wir an einen Wagen mit aufgestapelten Tabletts vorbei. Überall liegen neben den Wärmedeckeln ganze, frische Birnen. Und zwar von einer saftig-süßen Sorte. Der Begleitzettel beschreibt die Tabletts als für die Privatpatienten bestimmt.

Wir gehen zum Aufzug, von dort weiter zum Auto. So sieht die Welt da draußen also aus.

Lilly begrüßt mich zu Hause sofort. Marty wälzt sich später aus seiner Schlafkuhle, kommt nach oben, begutachtet ausgiebig die Tasche mit meinen Sachen, widmet sich den Fressnäpfen und streicht dann kurz an mir vorbei, damit ich ihm wenigstens zwei Mal über den Rücken krabbeln kann. Smilla ignoriert meine Anwesenheit etwas länger, begutachtet dann ebenfalls die Tasche, schaut kurz zu mir rüber und verschwindet nach einem kleinen Snack wieder in ihren Topf. Sie erhält dann später ein paar Streicheleinheiten von mir, die sie auch willig entgegennehmen wird.

Endlich wieder zu Hause.

Übrigens: Ich mag Birnen nur, wenn sie fest und säuerlich sind.




2 Kommentare:

  1. Nun ist es überstanden und zu Hause ist auch Obst drin, wo Obst drauf steht! Zu Hause ist doch am schönsten, nicht wahr? Weiterhin gute Besserung und ein schönes Wochenende!

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    1. Und darauf erst mal eine leckere Quarkspeise mit Früchten.

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