Mittwoch, 31. Juli 2013

Ganz schön verwegen

Auch der ungeübte Fahrgast in einem Linienbus kennt das Prozedere: Man passiert die letzte Haltestelle vor dem Zielort, drückt auf den Knopf, welcher dem Busfahrer den Haltewunsch signalisiert, welcher dies im Regelfall auch beachtet, und kann das Fahrzeug dann planmäßig verlassen.

Knöpfe des Haltewunschsignalisationbedienelementes  – tolles Wort, habe ich mir gerade selber ausgedacht, aber ich mache keine Rechte darauf geltend – finden sich überall in den Bussen und sind im Allgemeinen auch von allen Plätzen aus gut zu erreichen. Zumindest, wenn wir mal von einem durchschnittlich bis nicht übertrieben klein gewachsenen, körperlich gesunden Mitteleuropäer ausgehen.

Eine mir nicht begreifliche Ausnahme bildet der Platz in der ersten Reihe rechts. Ich habe im Laufe der Zeit, in der ich regelmäßig mit dem Linienbus unterwegs bin, fünf verschiedene Gestaltungsvarianten des Innenraums beobachtet. Und nur in einer einzigen befindet sich der Knopf des Haltewunschsignalisationbedienelementes in bequemer Reichweite der Person, die sich auf diesen Platz gesetzt hat. In allen anderen Varianten muß sich der Fahrgast entweder nach hinten verdrehen oder aufstehen, um seinen Haltewunsch unter Nutzung eines nunmehr erreichbar gewordenen Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes sachgerecht signalisieren zu können. Natürlich wäre der Busfahrer auch in Rufreichweite, aber die Signalisierung des Haltewunsches durch Zuruf und unter Außerachtlassung der Verwendung des Haltewunschsignalisationbedienelementes dürfte auch nicht der Plan sein, welcher im Sinne des Gestalters der Inneneinrichtung lag. Auf jeden Fall sind ältere oder behinderte Menschen da zuweilen auf die Hilfe anderer angewiesen. Glatte Fehlplanung.

Dieser besagte Platz in der ersten Reihe rechts zählt auch zu meinen favorisierten Sitzplätzen. Er bietet eine schöne Aussicht nach vorne und – was viel wichtiger ist – es handelt sich immer um einen Einzelplatz. Es besteht nicht das mindeste Risiko, daß sich jemand neben mir ausbreitet. Dazu gibt es auch immer noch genügend Freiraum, um Taschen oder Beutel abzulegen. Nur die Sache mit der Erreichbarkeit des  Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes stört mich, ist aber de facto kein Problem, da ich körperlich durchaus in der Lage bin, selbige mit vertretbarem Aufwand zu erreichen. Dennoch fasste ich den verwegenen Beschluss, mal etwas auszuprobieren.

Es gibt ja so Haltestellen, an denen ein Linienbus immer hält. Das sind im Regelfall die größeren Stationen, an denen sich mehrere Linien kreuzen und demzufolge immer irgend jemand draußen wartet. Da es in Deutschland im Gegensatz zu manch anderen Ländern nicht üblich ist, als potentieller Fahrgast dem sich nähernden Bus zu signalisieren, daß man genau auf ihn gewartet hat und er deshalb anhalten möge, stoppen die Busse hierzulande an jeder Haltestelle, an der jemand wartet. Es sei denn, dieser Jemand signalisiert eindeutig, nicht mitgenommen werden zu wollen, was auch immer wieder mal vorkommt. Meine Zielhaltestelle jedenfalls zählt zu den größeren. Hier treffen sich 10 Bus- und 2 Straßenbahnlinien, so daß auch in den frühen Morgenstunden immer mehrere Personen auf ihre Mitfahrgelegenheit warten.

Daraus schließt sich, daß der Bus hier auch auf jeden Fall anhält. Sei es, weil jemand wartet, oder auch nur deswegen, weil der vor ihm her fahrende Bus oder die Straßenbahn anhält und alleine schon deswegen ein Halt erforderlich wird. Ein Vorbeifahren und Überholen ist hier straßenbaulich jedenfalls nicht vorgesehen und wird auch nicht praktiziert, obwohl es im Fall des Falles möglich wäre.

An diesem Tag fuhr vor uns eine Straßenbahn. Die bereits in Sichtweite befindliche Haltestelle war von mehreren Personen bevölkert. Ich entschloss mich, einfach mal auf das Drücken des Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes zu verzichten und einfach während der Anfahrt auf die Haltestelle aufzustehen und mich an der vorderen Tür des hier weitgehend menschenleeren Busses, also in Höhe der Fahrerkanzel, hinzustellen.

Die Straßenbahn hielt an, der Bus auch. Nichts geschah. Ich nahm schon all meinen Mut zusammen, um den Fahrer zu bitten, die Tür für mich zu öffnen, da fragte er mich, ob ich hier aussteigen wolle. Ich bestätigte dies, so daß er die Tür öffnete und ich das Fahrzeug verlassen konnte. Nun frage ich mich, ob das jetzt von der Seite des Fahrers aus so schwierig gewesen wäre, die Tür einfach zu öffnen. Selbst wenn ich nicht aussteigen wollte, hätte es nicht geschadet, etwas Frischluft reinzulassen.

Mir hat der Schreck über den Ausgang dieses verwegenen Experimentes jedenfalls gereicht um zu wissen, daß ich so etwas nie wieder teste. Also künftig wieder schön Knöpfchen drücken.

Und immer daran denken: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.


Kommentare:

  1. Mir ist das in meinem Leben bisher zweimal passiert. Als Teenager, bzw. als junger Erwachsener. Warum, fragte ich mich damals? Der sieht doch, dass ich da stehe. Ich musste damals also - mit hochrotem Kopf - in Richtung Fahrer rufen. Leise. Weil laut rufen traute ich mich nicht. Mir war das furchtbar peinlich. Unangenehm.

    Ich hasse es, die Kontrolle über meine Körperreaktionen zu verlieren.
    Heute ist das anders. Ich habe an dem Problem gearbeitet. Ich schau zwar nach wie vor, wenn ich in einen Bus einsteige, wo diese "Ich will hier raus - Knöpfe" sind. Das gibt mir Sicherheit. Aber: Ich bin sehr viel selbstsicherer als früher. Und ich bin nicht mehr unsichtbar. Ich schaue die Menschen zwischenzeitlich an, ihnen in die Augen. Nicht wie früher, als ich mit hängenden Schultern am liebsten gen Boden geschaut habe.

    Das war jahrzehnte lange Arbeit, glaube mir. Jedenfalls: Seit ich beim Einsteigen den Bussfahrer wahrnehme, ihn grüße und anlächle (weil, er hat ja schon nen scheiß Job, sind wir ehrlich, er hat ein Lächeln verdient), Schultern gerade....ich bin nicht mehr unsichtbar. Passiert mir heute nicht mehr, dass ich ängstlich, in Schweiß gebadet und mit hochrotem Kopf in Richtung Fahrer wispern muss. Ich werde wahrgenommen, bemerkt.
    Jahrzehnte lange Arbeit. Mit allerhand Rückschlägen. Der Leidensdruck hat mich motiviert nicht aufzugeben.

    Weißt du, warum ich mit 15 Jahren ein Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen habe? Weil es mir so schrecklich auf den Sack ging, dass es mir nicht gelang, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten....ohne, dass mir das Angst machte. Das war der einzige Grund für meine Berufswahl, ich verarsche dich nicht.
    Hat funktioniert. Miese Bezahlung....aber, irgendwas ist halt immer, gell?
    Du meine Güte, was für ein langes Kommentar! Ich sollte einen Blog haben....echt wahr.

    Ich habe mich seinerzeit jedenfalls dazu entschieden, aus dem Schatten ins Licht zu treten. In winzigkleinen Schritten. Mir gehts besser damit.

    Liebe Grüße, hab eine schöne Restwoche ;-)

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  2. Hallo Alex,

    danke für Deinen langen Kommentar.

    Den Weg, den Du mit 15 Jahren beschritten hast, bin ich mit ungefähr 30 Jahren sinngemäß auch gegangen – und gescheitert. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit, beruflich alles wieder in eine Bahn zu lenken, mit der ich besser zurecht komme.

    Ich blogge nicht immer „in Echtzeit“, sondern veröffentliche hin und wieder auch Geschichten aus der vorproduzierten Konserve. Seit dem im Blogeintrag beschriebenen Vorfall sind schon einige Wochen ins Land gegangen. In der Zwischenzeit sind Dinge geschehen, die mir neue und vor allen Dingen erfolgversprechende Wege aufgezeichnet haben.

    Auch darüber werde ich noch berichten, wenn es an der Zeit ist.

    Übrigens teile ich dein Verhalten gegenüber den Busfahrern. Es gibt immer einen freundlichen Gruß – sofern der Bursche auch nur ansatzweise in meine Richtung guckt. Das immerhin klappt.

    Ich freue mich, daß du es geschafft hast.

    Viele Grüße
    Paterfelis

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  3. Ich freu mich auch, glaub mir, ich freu mich auch. Irgendwie sind sich die Menschen doch alle ähnlich, findest du nicht auch? Jeder trägt so seine ganz persönlichen Dämonen durchs Leben. Drecksviecher!

    Liebe Grüße.
    Alex

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