Die Phobie

Soziophobie

Wie hier im Blog zu lesen ist, gehöre ich zum erlauchten Kreis der Soziophobiker. Eine genaue Beschreibung dessen, was man darunter versteht, möchte ich dem zum Wikipedia-Eintrag führenden Link überlassen. Vielleicht wäre es dem interessierten Leser gut geraten, zunächst das dort Niedergeschriebene zu lesen, bevor es hier weitergeht.


Warum es publik machen?

So, nachdem du jetzt evenutell in der Wikipedia gelesen hast und hoffentlich etwas besser über das Wesentliche informiert bist, kann ich ja weiterplaudern. Zum Beispiel könnte es doch interessant sein zu erfahren, warum ich die Phobie publik mache. Nun, da fallen mir einige Gründe ein. Zunächst mal sehe ich die Sache ganz von der egoistischen Seite. Ich habe bemerkt, daß mir die bisherige Schreiberei ganz gut bekommt. Ich muß mich zwar immer wieder zurückhalten mit dem, was ich da so von mir gebe, weil meine Anonymität eben doch nur relativ ist, aber das ist nicht das Entscheidende.

Dann empfinde ich es nicht als verkehrt, ein gewisses Maß an Informationen zur Soziophobie, so wie ich sie erlebe und empfinde, zu verbreiten. Vielleicht weckt es bei nur indirekt Betroffenen, also quasi der Gegenseite, nämlich denjenigen, die mit einem zuweilen recht irrational agierenden Menschen zu tun bekommen, etwas Verständnis. Denn so manches, was ich in meinem Leben so mache und vor allen Dingen sein lasse, führt zu einem falschen Eindruck. Der Augenschein des „Normalmenschen“ nimmt zum Beispiel oftmals nur Desinteresse oder Abweisung an seiner Person wahr, was aber nicht stimmen muß.


Die Auswirkungen

Natürlich gibt es in meinem Umfeld auch Menschen, die mich nicht die Bohne interessieren. Das dürfte bei jedem Menschen nichts Ungewöhnliches sein. Aber ich kenne eben auch Menschen, die ich interessant finde oder die mir in irgendeiner Form am Herzen liegen, was ich aber nicht ohne weiteres zum Ausdruck bringen kann. Natürlich gibt es da die alte Binsenweisheit, nach der man Interesse auch durch Nachfragen bekunden kann. Ich frage aber nicht nach.

So, da haben wir nun also diesen Typen, der sich Paterfelis nennt und der von sich behauptet, Angst vor Menschen zu haben. Das ist doch der Typ, der hier mal geschrieben hat, ohne ein Problem zu haben, quasi als die Ruhe selbst, vor einigen hundert Menschen mit einem Mikrofon auf einer Bühne zu stehen und eine abendfüllende Tanzshow zu moderieren. Und das auch noch auf möglichst unterhaltsame Weise. Der gleiche Typ, der sich nicht dazu in der Lage sieht, die Frau hinter einer Verkaufstheke nach einem Laib Brot zu fragen, den diese zufällig verkaufen möchte und die auch dazu da ist, sich deswegen ansprechen zu lassen.

Ja.

Die Soziophobie führt immer wieder zu auch für mich nicht ganz nachvollziehbaren Situationen. Ich verstehe nicht immer, warum ich bestimmte Dinge problemlos ausführe, bei denen andere die Hosen gestrichen voll haben, aber vor den einfachsten Dingen des Lebens im zwischenmenschlichen Kontakt zurückscheue. Ich kann nur sagen, daß mein hier im Blog geschildertes Empfinden zum Beispiel im Zusammenhang mit der Show die reine Wahrheit ist. Auch meine Geschichte mit dem Bürgermeister von Finkenheim ist weitestgehend so geschehen wie geschrieben, auch wenn sich hier die Angst schon bemerkbar gemacht hat. Ich kann nur vermuten, daß ich auf einer Bühne deswegen gut auftreten kann, weil ich tatsächlich ja überhaupt keinen Kontakt mit dem Publikum habe. Zumindest keinen unmittelbaren. Die Texte waren von mir geschrieben. Ich wusste, was ich rüberbringen will. Ich war vorbereitet.

Im persönlichen Kontakt mit Menschen ist das jedoch anders. Da weiß ich natürlich nicht, was passieren wird. Auf der Bühne bin ich nicht ich. Da stecke ich in einer Rolle, stelle einen anderen Menschen dar. Im Gegensatz dazu würde ich in einer kleinen Rollenspielrunde kläglich versagen. Und so sehr liebe ich die Schauspielerei nun nicht, daß ich sie auch nur ansatzweise zu meinem Hobby machen könnte. Das sind nur Gefälligkeiten, denen ich da nachgehe. Mehr nicht.

Mein Leben im Büro kann ich im Regelfall gut bewältigen. Seit ich mir über die Erkrankung im Klaren geworden bin, wussten die verschiedenen Dr. Strebsingers und Frl. Hasenclevers, mit denen ich zu tun hatte, darüber Bescheid. Es wurde nie zu einem Problem. Im Kontakt mit meinen Kollegen fühle ich meine Fachkompetenz hinter mir, die ich nach deutlich über 30 Jahren im Beruf erworben habe. Diese gibt mir Sicherheit. Zumindest so lange, wie ich mit den Kollegen zu tun habe, die ich kenne und als mein gewohntes Umfeld betrachte. Doch was passiert, wenn ich nicht als Kollege mit Fachkompetenz auftreten kann? Wenn es darum geht, an einem Umtrunk, einem gemeinsamen Frühstück oder einem Betriebsausflug teilzunehmen? Tja, dann ist es mit der Herrlichkeit vorbei. Ich meide solche Veranstaltungen, wann immer es geht. Es setzt mir gewaltig zu, einer solchen Runde beizuwohnen, obwohl es sich um die gleichen Menschen handelt, mit denen ich eine halbe Stunde zuvor noch problemlos zu tun hatte und mit denen ich sogar herumalbern konnte. Vermeidungsstrategie eben, für mich notwendig, weil sich der Hintergrund des Geschehens geändert hat.


Die Vergangenheit

Es gab eine Zeit, zu der ich mit verhaltenem Optimismus davon ausgegangen bin, daß ich mich nur an bestimmte Situationen gewöhnen müsse, um besser damit klarzukommen. Diese Unbedarftheit führte mich direkt in mein schrecklichstes Berufsjahr. Ich hatte mich einst auf eine Stelle in unserem Fachbereich Unmittelbare Kundenbetreuung beworben. Sie war besser bezahlt als das, was ich bislang so gemacht habe.

An sich wollte ich nicht, aber ich habe mich einfach bequatschen lassen. Ich bekam diese Stelle und stand saß von nun an täglich unserer Kundschaft Auge in Auge gegenüber. Die Überwindung, Kunden aus dem Wartezimmer in mein Büro zu holen, wurde täglich größer. Und das, obwohl ich auch hier mit der Fachkompetenz spielen konnte. Aber es gab für mich keine Möglichkeit, mich konkret auf das Kommende vorzubereiten. Die imaginäre Mauer wuchs und wuchs. Ich suchte mir im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben, denen ich nachgehen konnte, ohne den direkten Kundenkontakt wahrnehmen zu müssen. Meine Position als der Führungsebene angehörend ließ dies durchaus zu. So hielt ich Vorträge, gab Unterricht oder führte Verwaltungsaufgaben aus. Doch so ganz konnte ich mich nicht aus dem Tagesgeschehen zurückziehen. Nach einem Jahr war ich ein nervliches Wrack und gab nach einigen Überredungsversuchen einigem Vorbringen von überzeugenden Argumenten wohlmeinender Mitmenschen auf. Zum Glück ließ es sich regeln, daß ich meine alte Tätigkeit wieder aufnehmen konnte. Hier hatte ich nur noch mit dem Telefon zu kämpfen, ansonsten fand Kommunikation mit der Kundschaft nur über den von mir so geliebten Schriftverkehr statt.


Die Gegenwart

Ja, ich gehöre zu den Schreibtischtätern, die man nur extrem schlecht telefonisch erreichen kann. Um im Büro ans Telefon zu gehen, insbesondere bei einem externen, mir unbekannten Anrufer, muß ich schon ziemlich gut drauf sein. Zu Hause gehe ich auch nur ans Telefon, wenn ich den Anrufer kenne. Es ist immer ein Anrufbeantworter zwischengeschaltet. Und die Tür öffne ich auch nur, wenn auf der anderen Seite eine Person steht, die ich kenne und erwarte. Wie bereits erwähnt, ist hier auch vieles von meiner Tagesform abhängig. Manche Dinge klappen nie, andere schaffe ich, wenn ich mich darauf konzentriere. Es ist nicht so, daß ich niemals an einem Verkaufstresen was einkaufen kann. Manchmal aber funktioniert es nicht. Und manchmal bin ich auch nicht in der Lage, mit einem mir bekannten und durchaus positiv angesehenen Menschen am Telefon zu sprechen.

Mir ist schnell bewusst geworden, daß die Ausbrüche – oder sollte man Einbrüche sagen – zeitiger und heftiger kommen, wenn ich durch irgendetwas mental belastet bin. Dieser indirekte Auslöser muß noch nicht mal besonders dramatischer oder folgenschwerer Natur sein. Es können so lapidare Gründe vorliegen wie eine unaufgeräumte Wohnung, einem unerfreulichen Schriftverkehr oder der ungeschickten Bemerkung einer Person, der ich begegnet bin. Die Folgen sind Angstzustände und Rückzugstendenzen, die durchaus in einem Rundumschlag münden können, wie zum Beispiel einer Löschung nahezu der kompletten „Freundes“-Liste auf dem Fetzbuch (die allerdings ohnehin nicht so umfangreich ist) sowie mit einer Totalsperre der unschuldigen Opfer, dem ungesicherten Löschen von Beiträgen auch anderen Ortes und dem vollständigen Abbruch vorhandener Kontakte. Das kann sich natürlich richtig heftig auswirken, denn naturgemäß habe ich keinen ausgeprägt großen Bekanntenkreis und bin kaum in der Lage, diesen zu erweitern. Außerdem neige ich nicht dazu, Bekanntschaften zu pflegen. Die Gründe dürften nunmehr auf der Hand liegen. An den schlimmsten Tagen bin ich tatsächlich noch nicht mal in der Lage, den Müll vor die Tür zu bringen aus Angst, jemandem zu begegnen.


Die Zukunft

Ich rechne nicht damit, daß sich in Sachen Phobie künftig was ändern wird. Den Versuch einer Therapie habe ich nach zwei Jahren ohne Erfolg abgebrochen. Es gibt sicherlich Phobiker, die weitaus größere Probleme haben als ich. Allerdings habe ich bislang auch noch nicht alle Aspekte der Phobie erkannt. In mir schlummern noch andere Macken, die unter Umständen damit in Zusammenhang zu bringen sind. Ich weiß es nicht besser. Vielleicht komme ich dahinter, wenn ich darüber schreibe und mich weiter damit auseinandersetze. Doch keine Sorge, dieser Blog wird nicht zu einer ihr-müsst-Mitleid-mit-mir-haben-Arieverkommen. Dazu war es nie gedacht. Außerdem möchte ich nicht bemitleidet werden. Mit meinem Leben wie es jetzt ist, komme ich zurecht. Ich will weiterhin lustige aber auch ernste Erlebnisse sowie hin und wieder einige Gedanken mit euch da draußen teilen. Und diese werden von jetzt an gelegentlich eine spezielle Sichtweise der Dinge offenbaren.

Nämlich meine.

Paterfelis im Dezember 2014

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