Montag, 30. Mai 2016

Aber jetzt mit Turbo

„Aaargh!“

Mich dünkte eine leichte Verstimmung aus Mandys Lautäußerung  wahrnehmen zu können. Auch die sich in ein kräftiges Rot verwandelnde Gesichtsfarbe schien meine Wahrnehmung zu bestätigen. Vielleicht bin ich ja doch empathisch veranlagt. So ein klein wenig jedenfalls.

Mandy hielt eine geschlossene Akte in die Luft.

„Du erkennst doch auch sofort, daß das hier ein Turboantrag ist, oder?!“

Aus der Distanz betrachtete ich den immer noch Höhenluft schnuppernden Aktendeck…

STOPP!

Es besteht Erklärungsbedarf. Ich sehe es euch ganz deutlich an.

Wie dem kundigen Blogleser in den letzten Monaten und Jahren des intensiven Begleitens meiner Gedanken nicht entgangen sein sollte, ist die Eilbedürftigkeit einzelner Vorgänge im LASA anhand von Statistiken definiert. Die wichtigste aller Statistiken ist die Laufzeitstatistik bestimmter Anträge. Das bedeutet, daß sehr genau und mit einem nahezu lächerlichen korrigierenden Begleitaufwand gemessen wird, wie lange es gedauert hat, nach Eingang eines von dieser Statistik erfassten Antrages einen Bescheid in der Sache zu erteilen. Andere Formen von Anträgen und weitere Arbeiten werden als nicht so wichtig eingestuft. Der Grad der zugeordneten Wichtigkeiten hat dabei nichts mehr mit Realitäten des Lebens zu tun, aber darum geht es ja auch nicht. Wir arbeiten in einer Behörde. Da hat Leben nichts zu suchen.

Um die Zahlen der besagten Statistik möglichst weiter zu drücken, wurde vereinbart angeordnet, daß von dieser Statistik erfasste Anträge bei Eingang in unserem Haus zentral vorgeprüft werden. Ergibt diese Vorprüfung, daß ein solcher Antrag augenscheinlich keiner weiteren Ermittlungen bedarf, wird er zum Turboantrag erklärt und ist innerhalb einer sich nach wenigen Tagen bemessenden Frist zu erledigen. Gelingt dem Sachbearbeiter dies nicht, muß er sich dafür rechtfertigen.

Die vorprüfende Stelle versieht den noch als Loseblattsammlung bestehenden Papierberg mit einem entsprechenden Hinweisblatt, welches ihn als Turboantrag ausweist, und gibt ihn in die Sachbearbeitung. Die LASA-Assistenten legen schließlich die Akte an, platzieren den Hinweis auf den Turboantrag sichtbar von außen an prominenter Stelle und bereiten alles soweit zur Unterschrift vor, bevor sie den Vorgang an den Sachbearbeiter zur abschließenden Prüfung und Entscheidung weitergeben. Wenn dieser nun morgens seine Post aus dem Fach holt, wird er die Akte mit dem Turboantrag anhand des auf dem Aktendeckel prangenden Zettels direkt finden und sich seiner sofort annehmen, bevor er andere, wirklich eilige Dinge erledigt. Dabei ist es vollkommen egal, ob sich aus dem Turboantrag ein Zahlungsanspruch für den Kunden ergibt, der erst in ein paar Monaten fällig ist, und auf dem Tisch andere Akten schmoren, in denen wir aufgrund der langen Liegezeiten bereits Zinsen zahlen müssen. Im Idealfall wird es den Kunden freuen, denn wir verzinsen natürlich deutlich besser als jede Bank. In anderen Fällen finden Kunden dies nicht ganz so gut. Insbesondere dann, wenn sie auf das Geld angewiesen sind.

Wir spulen nun das eingangs erwähnte Geschehen etwas zurück.

Mandy hielt eine geschlossene Akte in die Luft.

„Du erkennst doch auch sofort, daß das hier ein Turboantrag ist, oder?!“

Aus der Distanz betrachtete ich den immer noch Höhenluft schnuppernden Aktendeckel. Es fiel mir nichts auf, was in irgendeiner Form ungewöhnlich gewesen wäre. Ein typischer LASA-Aktendeckel eben. Aber kein turboantragidentifikatonsfähiger Aktendeckel.

Mandy öffnete den Aktendeckel.  Ein grellfarbener Zettel leuchtete mir von der Innenseite entgegen.

„Der blöde Herr Bäcker hat den Turbozettel nicht außen auf den Aktendeckel getackert, sondern von innen, damit es einem ja nicht sofort ins Auge fällt. Jetzt liegt das Teil hier schon ein paar Tage herum. Toll.“

Und es bleibt schwierig.



Kommentare:

  1. Du arbeitest nun aber nicht gerade bei der Arge und auf den Aktendeckel stand was von "unsoziale" oder so, oder? ;D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nein, ich arbeite bekanntlich im LASA.

      Löschen
  2. Ich muss weinen. Was ist eigentlich passiert, dass unsere doch eigentlich recht nützliche Ausbildung in verstärktem Maß Idioten produziert? Liegt es daran, dass bei den Einstellenden nur noch wichtig ist, dass sie unfallfrei smarte Anzüge tragen können, und stellen sie absichtlich Vollpfosten ein, damit keiner merkt, dass sie außer schlauen Sprüchen absolut nix drauf haben? Denn wenn die Herrn Bäcker dieser Welt mit dem, was sie anrichten, fertig sind, muss jeder andere wie ein Hauptgewinn aussehen...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was soll ich dazu noch sagen? :-)

      Löschen
    2. Was tröstendes. Oder die Lottozahle n, kannst du dir aussuchen. Aber bitte die korrekten sechs.

      Löschen
    3. Aus tagesaktuellem Anlass sehe ich mich außerstande, hier noch Trost zu spenden. Ist aber zu spezifisch, das kann ich hier nicht verbreiten. Und zu den Lottozahlen siehe freundlicherweise mein Profil. ;-)

      Löschen